Skip to main content

Full text of "Vogeler, Carl Heinz.‎ 1941. ‎ Spanisches Volkstum Nach Älteren Deutschen Reisebeschreibungen"

See other formats


Hamburger Studien 


zu Volkstum und Kultur der Romanen 


Herausgegeben vom Seminar für romanische Sprachen und Kultur 
GE 


Spaniiches Volkstum 
nach älteren 
deutichen Reifebeichreibungen 


(1760 bis 1860) 


von 


Carl-Heinz Vogeler 


Mit 6 Abbildungen im Text 


1941 


"SISCHER GILDENVERLAG, HAMBURG 11 


[4 


Öeftiftet von 
freunden und forderern 
der Auiverfität Donn 


Hamburger Studien 
zu 
Volkstum und Kultur der Romanen 


Herausgegeben vom 
Seminar für romanische Sprachen und Kultur 
an der Hansischen Universität Hamburg 


Band 34 


LE HH ZT user Rafes 


VA SECIAO 


Spanifches Volkstum 
nach älteren 
deutfchen Reifebefchreibungen 


(1760 bis 1860) 


Carl-Heinz Vogeler 


Mit 6 Abbildungen im Text 


1941 


HANSISCHER GILDENVERLAG . HAMBURG 


Druck : Hansische Gildendruckerei, Br rg 11, Cotharinenstraße 21 


VORWORT. 


Als Carl-Heinz Vogeler am 3. Februar 1940 in Hamburg die 
Augen für immer schloß, hinterließ er im Manuskript die vor- 
liegende Arbeit, die er trotz schweren Leidens, von seiner Aufgabe 
begeistert und von tiefer Liebe zum Lande Spanien erfüllt, unermüd- 
lich und gewissenhaft kurz vor seinem Hinscheiden zu einem glück- 
lichen Ende geführt hatte. 

Carl-Heinz Vogeler wurde am 12. Juli 1907 in Eutin (Oldenburg) 
geboren. Nach Besuch der Oberrealschule in Altona widmete er sich 
von 1925 bis 1930 dem Studium der englischen und französischen 
Philologie und der Geographie an den Universitäten Hamburg, 
Heidelberg, München und Göttingen. 1931 bestand er die Prüfung 
für das Lehramt an höheren Schulen. Anschließend erfolgte dann 
seine Ausbildung auf dem Studienseminar in Altona-Ottensen und 
dann im Realgymnasium in Blankenese. 

Da ihm der Schuldienst wegen seines Gesundheitszustandes 
versagt blieb, schloß er sich dem Arbeitskreis des Romanischen 
Seminars in Hamburg an, um in der wissenschaftlichen Tätigkeit 
Ablenkung von seinem Leiden und Erholung zu finden. Er war mir 
viele Jahre hindurch, still, aber geistig aufgeschlossen und treu, ein 
lieber Kamerad. 

Ich hielt es für meine Pflicht, die von Carl-Heinz Vogeler hinter- 
lassene Schrift den Freunden Spaniens vorzulegen. Zu der Druck- 
legung steuerte Fräulein Annemarie Vogeler die Ersparnisse ihres 
Bruders und eigene Mittel bei. 


Hamburg, Februar 191. 
F. Krüger. 


Inhaltsverzeichnis. 


Vorwort 


Verzeichnis der als Quelienwerke benutzten Reisebeschreibungen 


Abkürzungen .. .. 
Einleitung .. .. 
I. Ländliche Arbeit und landwirtschaftliche Geräte 
II. Das spanische Haus .. .. .. .. 
III. Religiöse Bräuche und kirchliche Feste 
iV. Spanische Volkstrachten .. .. .. 


Verzeichnis 
der als Quellenwerke benutten Reisebeschreibungen. 


Arnim, C.O.L.von, Reise nach Paris, Granada, Sevilla und Madrid zu 
Anfang des Jahres 1841. Berlin 1841. (CB) 

Augustin, Ferdinand Frhr. von, Reise nach Malta und in das südliche 
Spanien im Jahre 1830. Wien 1839. (St B Berlin) 

Bastiano, Graf (Pseudonym), Im Süden. Reiseskizzen. Berlin 1865. 
(St B Berlin) (1863—64) 

Baumgärtner, Friedrich Gotthelf, Reise durch einen Theil Spaniens. 
Leipzig 1793. (StB) 

Bergh, Alfred von, Letzte Reisebriefe von A. v. B, über Portugal und 
Spanien. (0. Ortu. J.) (St B Berlin) (um 1843) 

Brandes, H. K., Ausflug nach Spanien im Sommer 1864. Lemgo und 
Detmold 1865. (Stadtbibl. Detmold) 

Felder, Robert M., Der Deutsche in Spanien, oder Schicksale eines 
Württembergers wührend seines Aufenthalts in Italien, Spanien und 
Frankreich. 4 Bände. Stuttgart 1832—35. (St B Stuttgart) 

Fischer, Christian August, Reise von Amsterdam über Madrid und Cadiz 
nach Genua in den Jahren 1797 und 1798. Berlin 1799. (Rom Sen) 

— Gemälde von Madrid. Berlin-Dresden 1802. (StB) 

— Gemälde von Valencia. 2 Bände. Leipzig 1803. (StB) 

Gail, Wilhelm, Erinnerungen aus Spanien. Nach der Natur und auf Stein 
gezeichnete Skizzen aus dem Leben in den Provinzen Catalonien, 
Valencia, Andalusien, Granada und Castilien. München 1837. (StB 
München) (193233) 

Glümer, Claire von, Aus den Pyrenden. 2 Bände. Dessau 1854. (StB 
Berlin) 

Goeben, August Karl von, Reise- und Lagerbriefe aus Spanien und vom 
spanischen Heer in Marokko. 2 Bände. Hannover 1863. (StB Hannover) 

Hackländer, Friedrich Wilhelm, Ein Winter in Spanien. 2 Bände. ° 
Stuttgart 1855. (Rom Sem) (183854) 

Hager, Joseph, Reise von Wien nach Madrid im Jahre 1790. Berlin 1792. 
(StB) 

H(elmrich), L. v., Reise-Fragmente aus Nord und Süd gesammelt: in 
Spanien, Portugal und Schweden. Breslau 1839. (U B Breslau) 

Humboldt, Wilhelm von, Tagebuch der Reise nach Spanien 17991800. 
Gesammelte Schriften Band 15, pp. 47—348. Berlin 1918. (StB) 

— Tagebuch der baskischen Reise 1801. Gesammelte Schriften Band 15, pp. 
356-450. Berlin 1918. (StB) 


: x 


(Jariges,K. Fr. von), Bruchstücke einer Reise durch das südliche Frank- 
reich, Spanien und Portugal im Jahre 1802. Leipzig 1810. (StB) 

Kaufhold, Leopold Anton, Spanien wie es gegenwärtig ist. Bemerkungen 
eines Deutschen, während seines Aufenthaltes in Madrid in den Jahren 
1790, 1791 und 1792. 2 Theile. Gotha 1797. (StB) 

Körner, Gustav, Aus Spanien. Frankfurt 1867. (Rom Sem) 

(Krause, Wilhelm), Andalusien. Spiegelbilder aus dem südspanischen 
Leben. Aus den Briefen eines jungen Deutschen. Hg. von W. Häring. 


Berlin 1842. (Rom Sem) (1840) 
Lauser, Wilhelm, Aus Spaniens Gegenwart. Culturskizzen. Leipzig 1872. 
(U B Göttingen) (1869—71) 


Link, H. Fr, Bemerkungen auf einer Reise durch Frankreich, Spanien 
und vorzüglich Portugal. 3 Bände. Kiel 1801. (StB) 

Loning, Adolf, Das spanische Volk in seinen Ständen, Sitten und Ge- 
bräuchen. Hannover 184. (U B Göttingen) (1835-—44) 

Lorinser, Franz, Reiseskizzen aus Spanien. Schilderungen und Eindrücke 
von Land und Leuten. 2Bände. Regensburg 1855. (U B Breslau, Bonn, 
Göttingen, Königsberg) 

— Neue Reiseskizzen aus Spanien. 2 Teile. Regensburg 1858. (Kreisbibl. 
Regensburg) (1857) 

Löwenstein, Wilhelm Prinz zu, Ausflug von Lissabon nach Andalusien 
und in den Norden von Marokko im Frühjahr 1845. Dresden-Leipzig 
1846. (StB Dresden) 

Minutoli, Julius Frh. von, Altes und Neues aus Spanlen. 2 Bände. 
Berlin 1854. (Rom Sem) 

Carl Christoph Plüers Reisen durch Spanien, aus dessen Handschriften 
hg. von C.D. Ebeling. Leipzig 1777. (StB) 

Quandt, J. G. v. Beobachtungen und Phantasien über Menschen, Natur 
und Kunst auf einer Reise durch Spanien. Leipzig 1850. (StB) 

Rehfues, Philipp Joseph von, Spanien nach eigener Ansicht. 4 Bände. 
Frankfurt a. M. 1813. (UB Breslau, Halle, Marburg, Bonn, Münster, 
Göttingen) (1808) 

R(hetz), W. v., Reise eines Norddeutschen durch die Hochpyrenden in 
den Jahren 1841 und 1842. Leipzig-Paris 1843. 2 Theile. (Rom Sem) 

Rigel, Fr. Xav. v., Erinnerungen aus Spanien (1807”—14). Mannheim 1839. 
(Rom Sem) 

Rochau, August Ludwig von, Reiseleben in Sildfrankreich und Spanien. 
2Bände, Stuttgart und Tübingen 1847. (St B Berlin) 

Rosen, G. von, Bilder aus Spanien und der Fremdenlegion. 2Bände. Kiel 
184344. (U BKiel) . (1835—39) 

Roßmäßler, E. A. Reiseerinnerungen aus Spanien. 2Bände, Leipzig 
1854. (Rom Sem) 

Schuemberg, Heinrich Adolph, Erinnerungen an Spanien, belehrenden 
und unterhaltenden Inhalts. Dresden 1823. (StB Berlin, U B Göttingen) 


= 41— 


(Studer, Friedrich), Rückerinnerungen aus Spanien. Aarau 1810. (StB) 
(zit. Rückerinnerungen) x & 

Thienen-Adlerflycht, Karl Frh. von, In das Land voll Sonnen- 
schein. Bilder aus Spanien. Berlin 1861. (StB) 

Wachenhusen, Hans, Reisebilder aus Spanien. 2 Bände. Berlin 1856. 
(Rom Sem) 

Waltl, Joseph, Reise durch Tyrol, Oberitalien und Piemont nach dem 
südlichen Spanien (1829). Passau 1835. (St B München) 

Wattenbach, Wilhelm, Eine Ferienreise nach Spanien und Portugal. 
Berlin 1869. (Rom Sem) 

Wiilkomm, Moritz, Zwei Jahre in Spanien und Portugal. Reise- 
erinnerungen. 3 Bände. Dresden 1847. (zit. I, II, III) (Rom Sem) (1844-46) 

— Wanderungen durch die nordöstlichen und centralen Provinzen Spaniens. 
Reiseerinnerungen aus dem Jahre 1850. 2 Bände. Leipzig 1852. (zit. Wan- 
derungen) (C B) 

— Spanien und die Balearen. Reiseerlebnisse und Naturschilderungen. 
Berlin 1876. (zit. Balearen) CB) (1873) 

Wolzogen, Alfred Frh. von, Reise nach Spanien. Leipzig 1857. (StB 
Berlin) (1852) 

Ziegler, Alexander, Reise in Spanien. Mit Berücksichtigung der national- 
ökonomischen Interessen. Leipzig 1853. 2Bände. (CB) (1850-51 


Abkürzungen: StB = Staatsbibliothek, UB = Universitätsbibliothek, 
CB = Commerzbibliothek (ohne Zusatz = Hamburg), RomSem = 
Seminar für romanische Sprachen und Kultur Hamburg. 


Abkürzungen. 


AEuFo = Anuario de „Eusko-Folklore*. Vitoria. 

BDC. = Butllett de dialectologia catalanc. Barcelona. 

FoCoEsp = Folklore y costumbres de Espaüa. 3Bde. Barcelona 1931, 
1931, 1933. 

Krüger, GK = F. Krüger, Die Gegenstandskultur Sanabrias und seiner 
Nachbargebiete. Hamburg 1925. 


Krüger, HPyr = F. Krüger, Die Hochpyrenäen. A I Hamburg 1936; A II 
Hamburg 1938; C I Barcelona 1936; C II Hamburg 1939. 


VKR = Volkstum und Kultur der Romanen. Hamburg. 
ws = Wörter und Sachen. Heidelberg. 
= Zeitschrift für romanische Philologie. Halle. 


Einleitung. 
Zur Methodik der Arbeit — Die Reisewerke — Die Verfasser, 


Aufgabenstellung. 


Bei der Lektüre von Reisebeschreibungen älterer Zeit über 
Spanien stößt der volkskundlich interessierte Leser immer wieder 
auf Beobachtungen über Gegenstände und Einrichtungen, die in 
mehrfacher Hinsicht von Wert sind. Sie reizen nicht nur zu Ver- 
gleichen mit den gegenwärtigen Zuständen, sondern vermitteln 
uns auch nicht selten die Kenntnis von Dingen, die jetzt nicht mehr 
in Gebrauch oder nicht mehr vorhanden sind, oder erschließen uns 
Zusammenhänge, die vorher ungeklärt waren. Das umfangreiche 
volkskundliche Material dieser Reisebeschreibungen zu sammeln 
und unter Berücksichtigung der Ergebnisse der modernen volks- 
kundlichen Forschung auszuwerten, war die Aufgabe der vorliegen- 
den Arbeit. Dabei habe ich mich wegen der Fülle des Stoffes auf 
die von Deutschen verfaßten Reiseschilderungen beschränken 
müssen. Eine Durchsicht der englischen und französischen Reise- 
werke über Spanien, die außer den deutschen am zahlreichsten 
sind, dürfte die von mir gemachten Feststellungen in mancher 
Beziehung ergänzen. 


Bibliographie der Reisen. 


Für die bibliographische Erfassung der in Betracht kommenden 
Reisebeschreibungen standen mir insbesondere die beiden Werke 
zur Verfügung, die man in ihrer gegenseitigen Ergänzung wohl 
schlechthin als erschöpfend auf diesem Gebiete bezeichnen darf, 
die grundlegende Arbeit von Foulch&-Delbosc! und das 
darauf weiterbauende umfangreichere Werk von Farinelli?®. 


ı Bibliographie des voyages en Espagne et en Portugal. Revue 
hispanique, Band III, 1896. 

2 Arturo Farinelli, Viajes por Espafia y Portugal desde la Edad 
Media hasta el siglo XX. Divagaciones bibliogräficas. 2 Bände. Madrid 1921 
und 1930. 


ee 


Aus der Fülle des dort aufgeführten Materials galt es, das 
Geeignete auszuwählen. So schieden von vornherein alle Werke 
aus, die, häufig ebenfalls in die Form der Reisebeschreibung ge- 
kleidet, in breiter Darstellung die Kunst, insbesondere die Malerei, 
die Architektur, die Archäologie, die geographischen, politischen 
oder wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes behandeln. Volks- 
kundliche Beobachtungen fehlen in ihnen vollkommen, da der Blick 
der Verfasser auf andere Dinge gerichtet ist. Ebensowenig ent- 
halten aber auch jene zahlreichen Werke über Spanien volkskund- 
liches Material, deren Verfasser deutsche Offiziere und Soldaten 
sind, die während des Unabhängigkeitskrieges als Mitglieder der 
deutschen Legion unter französischen Fahnen oder während des 
Carlistenkrieges auf der einen oder der anderen Seite auf spanischem 
Boden kämpften. Alle diese Verfasser lernten das Land nur in 
Kriegszeiten, also unter gestörten Verhältnissen, kennen. Zudem 
bestehen ihre Erinnerungen an den Aufenthalt in Spanien gewöhn- 
lich in Feldzugsberichten. Das schließt aber nicht aus, daß einzelne 
(Loning, Rosen), durch den langjährigen Aufenthalt im Lande mit 
den Bewohnern und deren Sitten vertraut, manche interessante 
volkskundliche Beobachtung mitzuteilen wissen. 

Als ergiebige Quelle für spanisches Volkstum erwiesen sich 
dagegen fast ausnahmslos die Reisebeschreibungen im engeren 
Sinne, und zwar ganz gleich, wen sie zum Verfasser haben?, Ich 
meine damit diejenigen Reisewerke, in denen der Verfasser an Hand 
des von ihm verfolgten Reiseweges fortlaufend eine Schilderung 
des Landes und seiner Bewohner gibt und von Ort zu Ort berichtet, 
was ihm begegnet und aufgefallen ist. Wenn dabei die volkskund- 
lichen Beobachtungen teilweise auch den Charakter des Zufälligen 
haben mögen, so hat dies.doch auch Vorteile; Der Eindruck ist als 
erstmalig und einmalig zumeist stärker und die Wiedergabe der 
beobachteten Einzelheiten genauer. Außerdem ist es fast immer 
möglich, das Geschilderte in bezug auf Ort und Zeit, wo und wann 
es wahrgenommen wurde, genau zu bestimmen, was sich für die 
Verbindung mit modernen volkskundlichen Forschungsergebnissen 
oft als sehr wertvoll erweist. 

Die für die Untersuchung herangezogenen Reiseschilderungen 


8 Über die Verfasser s. u, 


win 


verteilen sich über einen größeren Zeitraum und entfallen vor- 
wiegend auf das 19. Jahrhundert. Dabei ergab sich die zeitliche 
Abgrenzung zwangsläufig. Die ersten deutschen Reiseberichte über 
die Pyrenäenhalbinsel, die von dem neuen, mit der Romantik :auf- 
gekommenen Geist des Reisens erfüllt sind, gehören dem Ende. des 
18. Jahrhunderts an‘. Damit ist die obere Grenze gegeben. Die 
untere habe ich um das Jahr 1860 angesetzt, und zwar aus folgenden 
"Erwägungen: Mit dem fortschreitenden Ausbau des spanischen 
Eisenbahnnetzes vollzieht sich der Übergang von der oft be- 
schriebenen Postkutsche (diligencia) auf das neue Verkehrsmittel. 
Dadurch verliert aber auch der Reisende, der zumeist in kurzer 
Zeit viel sehen will, die enge Verbindung mit dem flachen Land, 
das er gezwungen war, zu Pferd oder Maultier zu durchreisen, 
wenn er sich eine Abweichung von den nicht eben zahlreichen 
Diligenceverbindungen gestatten wollte. Desgleichen fallen die 
Übernachtungen in den oft ebenso malerischen wie primitiven 
Wirtshäusern (ventas und posadas) fort, wo sich dem Reisenden 
häufig Gelegenheit bot, spanisches . Volksleben in unverfälschter 
Form kennenzulernen. Das neue Verkehrsmittel führt den Besucher 
‘fortan schnell und bequem von Stadt zu Stadt, worunter natürlich 
die Möglichkeit, volkskundliche Beobachtungen zu machen, sehr 
leidet. Diese Wendung der Dinge zeigt sich deutlich bei Reisenden 
wie Baumstark und Wattenbach. Die Städte, die sie 
besuchen, sind bereits damals im Begriff, der von Frankreich aus- 
‚gehenden Nivellierung des täglichen Lebens zu erliegen, So ist es 
erklärlich, daß die Ausbeute an volkskundlichem Material in den 
Reisewerken aus dieser Zeit immer spärlicher wird. 
Erst in der neuesten Reiseliteratur ist eine bewußte Hin- 
‘wendung zu den interessanten Erscheinungen fremden Volkstums 
festzustellen, eine Entwicklung, die auf den wachsenden Ausbau der 
modernen Volkskunde als Zweig der Wissenschaft zurückzuführen 
ist. Damit erschöpft sich aber auch das historische Interesse, das 
uns leitete bei dem Vorhaben, spanisches Volkstum aus den Reise- 
beschreibungen älterer Zeit zu erschließen. 


4 Über einzelne Werke aus früherer Zeit s.u. Unter diesen ragt als 
ethnographisches Zeugnis von größter Bedeutung das Trachtenbuch des 
Christoph Weiditz von seinen Reisen nach Spanien (1529) und den 
Niederlanden (1531/32) hervor, das Th. Hampe, Berlin-Leipzig 1927, herausgab. 


Be 


Zum Vergleich wurden deutsche Reisewerke über Portugal 
herangezogen, doch ist ihre Zahl gering. R 

Bei der Sammlung und Verarbeitung des Stoffes bin ich so ver- 
fahren, daß das gesamte volkskundliche Material, das sich bei der 


‚Durchsicht der Reisewerke ergab, nach Teilgebieten der Volkskunde 


geordnet zusammengestellt wurde. So wurden berücksichtigt: 
Ländliche Arbeit, Verkehrsmittel und Verkehrswege, das spanische 
Haus, Hausrat, Speisen, Trachten, religiöse Bräuche und Kirchen- 
feste, Musik, Tanz und Spiele, Feste und Geselligkeit, der Volks- 
charakter, die spanische Frau. 

Der Umfang des Stoffes brachte es mit sich, daß ich mich für 
die Ausarbeitung auf einige ausgewählte Abschnitte beschränken 
mußte. So umfaßt meine Arbeit die Teile: Ländliche Arbeit und 
landwirtschaftliche Geräte, das spanische Haus, spanische Volks- 
trachten, religiöse Bräuche und kirchliche Feste. Dabei war teil- 
weise (ländliche Arbeit, religiöse Bräuche) nur eine Einteilung des 
Materials nach sachlichen Gesichtspunkten möglich, während in 
anderen Fällen (Haus, Volkstrachten) landschaftliche Gesichtspunkte 
für die Behandlung des Stoffes in Frage kamen, wie die Gliederung 
der einzelnen Teile zeigt. 

“ Bei der Verarbeitung des Materials habe ich versucht, die 
einzelnen von den Reisenden beobachteten Erscheinungen nach 
Möglichkeit in Verbindung zu bringen mit Feststellungen und Er- 
gebnissen der modernen volkskundlichen Forschung, ohne freilich 
auf alle Einzelheiten eingehen zu können. Die Aufgabe war insofern 
nicht leicht, als unsere heutige Kenntnis der Volkskunde der 
Pyrenäenhalbinsel in vieler Hinsicht noch sehr lückenhaft ist. 
Darüber kann auch ein so umfangreiches Sammelwerk wie Folklore 
y costumbres de Espafia (hg. von Carreras y Candi) nicht hinweg- 
täuschen. Für einzelne Gebiete boten mir die Arbeiten von Prof. 
Fritz Krüger und seinen Schülern immer wieder wertvollste 
Hilfe. Während sich so in vielen Fällen das Bild der Vergangenheit 
und das der Gegenwart abzeichneten, hier zur Deckung kamen, 
dort wieder Abweichungen und Unterschiede aufwiesen, gelang es 
daneben, aus den Reiseschilderungen zuweilen Dinge festzuhalten, 
auf die die heutige Volkskundeforschung noch nicht gestoßen ist. 


er 


Dr u 


Die Reisewerke. 


Mit dem Beginn der Romantik trat kein arideres Land so stark 
in den Blickpunkt deutschen Interesses wie gerade Spanien. Alles, 
was man als Inbegriff des Romantischen ansah, glaubte man in dem 
spanischen Menschen und dem spanischen Wesen verkörpert zu 
sehen. ‚Spanien wurde für den licht- und farbendurstigen Nord- 
länder das ersehnte Land seiner Wünsche und Träume. Es ist 
die Zeit, in der nicht nur deutsche Dichter und Gelehrte, sondern 
deutsche Menschen aller Stände sich begeisterten für die spanische 
Vergangenheit, für die spanische Romanzendichtung, für Cervantes 
und die großen Dramatiker, die in. zahlreichen Übersetzungen 
weiteren Kreisen zugängig gemacht wurden. Auf welchen Wegen 
die Kenntnis von spanischer Dichtung und spanischem Wesen nach 
Deutschland gelangt ist und sich dort verbreitete, hat Tiemann in 
einer Studie übersichtlich dargestellt®. 

Mit dem wachsenden Interesse an spanischen Dingen entstand 
auch das Bedürfnis nach Reisebeschreibungen über das Land und 
seine Bewohner. Da die Deutschen im 18. Jahrhundert fast aus- 
schließlich als Kaufleute und Handelsreisende die Halbinsel auf- 
suchen, fehlen deutsche Reisebeschreibungen’ anfangs noch voll- 
kommen. So: mußte man sich damit begnügen, die zahlreichen 
englischen Reiseberichte über Spanien dem deutschen Leser durch 
Übersetzungen zugängig zu machen®. Erst gegen Ende des 18. Jahr- 
hunderts finden auch Deutsche den Weg nach Spanien als Ver- 
gnügungs- oder Forschungsreisende und berichten in Reise- 
schilderungen über ihre Eindrücke. Nachdem dann der Zeitraum 
von 1810 bis 1830 eine auffallende Lücke in bezug auf deutsche 
Reisewerke über Spanien darstellt, was sich durch den spanischen 
Unabhängigkeitskrieg und seine innerpolitischen Auswirkungen 
erklärt, schwillt der Strom der Reiseliteratur gegen die Mitte des 
19. Jahrhunderts stark an, ohne daß bis zur Gegenwart ein Nach- 
lassen des deutschen Interesses an Spanien festzustellen wäre. 


5H. Tiemann, Das spanische Schrifttum in Deutschland von der 
Renaissance zur Romantik (vgl. den III. Teil. Hamburg 1936. 

6 Es erschienen, um nur einige anzuführen, deutsche Ausgaben der 
Werke von Clarke (1765), Twiss (1776), Dalrymple (1778), Thickness (1778), 
Carter (1779), Dillon (1782) und Townsend (1792). 


Be z - E0 : e 7 


Die Ausstattung dieser älteren Reisewerke in bezug auf Bild- 
beigaben ist zumeist sehr bescheiden, was durchaus verständlich ist 
im Hinblick auf die damals noch wenig entwickelte Reproduktions- 
technik. Viele Reiseschilderungen enthalten gar keine Abbildungen, 
andere nur wenige Stiche, auf denen zumeist die Alhambra oder 
'Teile.davon wie der Löwenhof, oder der Palmenwald von Elche 
wiedergegeben sind, Dinge, für die sich der deutsche Leser in be- 
sonderem Maße interessierte. Wiedergabe volkskundlicher Motive, 
die Sitten und Gebräuche in dem fremden Lande verdeutlichen, 
findet sich jedoch nur selten. Eine Ausnahmeerscheinung stellt in 
dieser Hinsicht das Werk von Rigel (Erinnerungen aus Spanien) 
dar, das acht handkolorierte Stiche von Trachten nach Zeichnungen 
des Verfassers enthält, darunter die Abbildung eines Arriero mit 
seinen Maultieren und eines Basken auf seinem Ochsenkarren. 


Die Verfasser. 


Wenn ich im folgenden aus der großen Zahl der Verfasser von 
Reiseschilderungen über Spanien einige heraushebe und sie und 
ihr Werk kurz zu charakterisieren versuche, so ist hierbei der 
Gesichtspunkt maßgebend, daß gerade bei diesen das Interesse am 
fremden Volkstum stark in Erscheinung tritt. Ihre Reisebeschreibun- 
gen enthalten dementsprechend ‚auch die meisten volkskundlichen 
Beobachtungen und bilden damit die Hauptquelle für die vor- 
liegende Arbeit. i 

In erster Linie sind bemerkenswerterweise eine Anzahl Ge- 
lehrter zu nennen, : die ein wissenschaftliches Ziel nach Spanien 
führte. ' 

Wilhelm von Humboldt kommt zweimal nach Spanien. 
Das erstemal bereist er, von seiner Familie begleitet, das Land von 
Mitte Oktober 1799: bis Anfang Mai 1800, wobei fast die ganze 
Halbinsel berührt wird. Dem Studium der baskischen Sprache 
dient ein zweiter, einmonatiger Aufenthalt im Baskenland von 
April bis Mai 1801. Die Aufzeichnungen über beide Reisen sind 
keine Reisewerke, sondern Tagebücher, die zudem erst 1918 aus 
dem handschriftlichen Nachlaß Humboldts veröffentlicht wurden’. 
In beiden: Tagebüchern hat Humboldt eine Fülle von volkskund- 


7 Gesammelte Schriften, Bd. 18, Berlin 1918. 


— ) 


lichen Einzelheiten festgehalten. Denn wenn sein Interesse als 
Sprachwissenschaftler auch, besonders bei seinem zweiten Auf- 
enthalt, in erster Linie sprachlichen Dingen gilt, so nimmt doch sein 
universeller Geist alles auf, was er an Äußerungen fremden Volks- 
tums wahrnimmt‘. 

Zwei weitere Reiseschriftsteller, Willkomm und Roßmäßler, 
sind im Gegensatz zu Humboldt Naturwissenschaftler. 

Moritz Willkomm, der Verfasser von vorzüglichen, auf 
eingehende Kenntnis des Landes und seiner Bewohner gegründeten 
Reiseschilderungen über die Pyrenäenhalbinsel, ist Botaniker. Nach- 
dem er 1844 bis 1846 eine zweijährige Studienreise nach Spanien 
unternommen hat, folgt ein neunmonatiger Aufenthalt im Jahre 
1850:°, Zum drittenmal hält er sich 1873 in Südspanien auf!!. 

Besonders in den Reisewerken über die beiden ersten Reisen 
zeigt sich der junge Gelehrte als ein Mensch, der ein offenes Auge 
hat für das Neue und Fremdartige, das ihm im fernen Lande be- 
gegnet. Als Naturwissenschaftler ist er außerdem ein guter und 
genauer Beobachter, wobei ihm zustatten kommt, daß er durch 
seinen langen Aufenthalt auf der Halbinsel — im Gegensatz zu 
vielen anderen Reisenden — im Laufe der Zeit eine ausgezeichnete 
Kenntnis der spanischen Sprache erwirbt. Durch seine botanische 
Sammeltätigkeit gelangt er oftmals, nur von einem spanischen 
Diener begleitet, in unzugängliche Gebirgsgegenden und abgelegene 
Orte. Gerade dadurch aber wird er vielfach Zeuge von Vorgängen 


8 Vgl, hierzu auch A. Farinelli, Guillermo de Humboldt y el Pats 
vasco. Revista Internacional de los Estudios Vascos 1922, S. 257—272; 
©. Quelle, Wilkelm von Humboldt und seine Beziehungen zur spanischer 
Kulturwelt, Ibero-Amerikanisches Archiv VIII, 339-349; ferner die Über- 
tragungen der baskischen Tagebücher ins Spanische, Diario del vieje a 
Espafla 1799—1800, Revista Internacional de los Estudios vascos XIV, 373 fl. 
und XXIII, 46--66, Diario del viaje vasco 1801, ebenda XIII, 614 fl.; XIV, 
205 f2.; hierzu Los Vascos o Apuntaciones sobre un viaje por el pais vasco 
en primavera del aflo 1801, ebenda XIV, 3T76f.; XV, BIfl., 262 ff, 391 ff. 
Bocetos de un viaje a traves del Pais Vasco, ebenda XV, 448fl, sowie 
J. Garate, G. de Humboldt, Bilbao 1933. 

® Zwei Jahre in Spanien und Portugal. Dresden 1847. 

10 Wanderungen durch die nordöstlichen und centralen Provinzen 
Spaniens. Dresden 1852. 

11 Spanien und die Balearen. Berlin 1876. 


Pau 205 


aus dem Leben des Volkes, die den gewöhnlichen Reisenden oft ent- 
gehen. So bilden seine Reisewerke eine wertvolle Quelle für das’ 
Studium spanischen Volkstums aus der Mitte des vorigen Jahr- 
| hunderts"?. ; 
| E. A. Roßmäßler, der Verfasser der Reiseerinnerungen 
IE} aus Spanien, hat 1853 eine Reise nach dem südöstlichen Spanien 
| unternommen, um das Vorkommen der Land- und Süßwasser- 
schnecken zu erforschen. Wenn sich der Verfasser in seinem Reise- 
werk auch zuweilen über sein Fachgebiet verbreitet, so gilt doch, 
| was er im Vorwort zu seinem Buche sagt: „Spaniens Natur und 
| Volksleben geben fast allein den Inhalt meiner Erinnerungen. Für 
erstere ist mir eine tiefe Bewunderung und für letzteres eine warme 
Liebe geblieben.“ Trotz seiner anfänglich nur geringen Sprach- 
IR kenntnisse ist er ebenso wie Willkomm als Naturforscher ein guter’ 
|| Beobachter, der spanische Einrichtungen und spanisches Volksleben 
| lebendig und sorgfältig beschreibt. Hierbei kommen ihm längere” 
| Aufenthalte bei spanischen Freunden in Murcia und Burriana zu- 
statten. 
11 Neben diesen Gelehrten stehen andere Verfasser, die die Reise 
II nach Spanien zu keinem anderen ersichtlichen Zweck unternommen 
| haben, als Land und Leute kennenzulernen. Sie lassen sich daher 
| den heutigen Vergnügungsreisenden vergleichen, wofern man in 
II) damaliger Zeit schon vom Reisen — insbesondere auf der Pyrenäen- 
halbinsel — als einem Vergnügen sprechen darf. Bei einigen von 
| ihnen steht von vornherein die Absicht fest, das Gesehene und. 
II Erlebte in einem Reisebericht zu veröffentlichen. 
| Der älteste unter den deutschen Reiseschriftstellern aus Pro- 
| fession, der Spanien bereist hat, ist Christian August Fischer, 
II) der Verfasser eine Reise von Amsterdam über Madrid und Cadiz 
IN nach Genua (Berlin 1801) sowie von Werken über Madrid und 
Valencia. Aus späterer Zeit sind Friedrich Wilhelm Hackländer'!? 
und Hans Wachenhusen zu nennen, die sich beide als 
Schriftsteller und Kriegsberichterstatter einen Namen gemacht 


| 12 vgl. auch die Studie von M. willkomm-Schneider, Professor 
| Moritz Willkomm und sein Verhältnis zu Spanien. „Spanien“ III, 1921, 
S. 229237. 

Il) 18 Ein Winter in Spanien. Stuttgart 1853. 

14 Reisebilder aus Spanien. Berlin 1856, 


re 


"haben. Wenn sich auch ihre geringe Kenntnis des Spanischen nach- 


‘teilig auswirkt, so ist doch durch die weiten Reisen, die sie bereits 
vorher unternommen haben, ihr Blick für das Fremdartige geschult 
und ihre Beobachtungsgabe gut. 

Im Gegensatz zu diesen Schriftstellern, bei denen der Plan 
einer Reiseschilderung schon vor Beginn der Reise feststand, haben 
andere ursprünglich nicht daran gedacht, ihre Reiseaufzeichnungen 
zu veröffentlichen". 

Carl Christoph Plüer hält sich von 1758 bis 1765 in Spanien 
auf. In diese Zeit fallen seine zahlreichen Reisen durch das Land, 
die er als Prediger der dänischen Gesandtschaft in Madrid zumeist 
in Begleitung von Diplomaten unternimmt. Bald nach seiner Rück- 
kehr in die schleswig-holsteinische Heimat starb Plüer, Aus seinen 
umfangreichen handschriftlichen Aufzeichnungen wurden seine 
Reisen durch Spanien 1777 von C.D. Ebeling herausgegeben. Wenn 
sich die Reiseschilderungen vielfach auf kurze topographische An- 
gaben beschränken, so geht dies wohl auf die Form der Aufzeich- 
nungen zurück; denn andererseits zeigt der Verfasser durch seine 
zahlreichen treffenden Beobachtungen über die verschiedensten 
Dinge, daß er ein Mann von reichem Wissen und vielseitigem Inter- 
esse ist. Volkskundlich besonders wertvoll sind seine Ausführungen 
über Landwirtschaft und Hausbau. 

Auch Friedrich Gotthelf Baumgärtner, der zu Anfang 
des Jahres 1787 einen sächsischen Kammerherrn auf einer drei- 
monatigen Reise durch Spanien begleitet, hat unsprünglich nicht 
beabsichtigt, seine Erlebnisse zu veröffentlichen. Erst auf Bitten 
seines Leipziger Freundes gibt er die an diesen gerichteten 27 Reise- 


 briefe in Druck. „Die Briefe“, schreibt er im Vorwort seiner Reise 


durch einen Theil Spaniens, „waren ... bloße freundschaftliche 
Unterhaltungen, worin ich, um seine Bitte zu erfüllen, ihm über 
eins und das andere Nachricht gab, was mir von den Sitten und 
Gebräuchen des gemeinen Lebens der Spanier merkwürdig zu sein 
schien.“ So finden sich in dem Buche viele gute volkskundliche 
Beobachtungen. 


15 Humboldts Tagebücher waren zweifellos als Grundlage für eine 
spätere Veröffentlichung gedacht, wenn der Plan auch nicht zur Aus- 
führung kam, 


= 10 


Ein Reisebericht in Briefen sind auch die Letzten Reisebriefe 
von Alfred von Bergh über Portugal und Spanien. Es sind 
Briefe, die der Verfasser von einer in den Jahren 1841 und 1842 mit 
Freunden unternommenen viermonatigen Reise durch die Pyrenäen- 
halbinsei an Mutter und Schwester schrieb. Sie waren nie für die 
Öffentlichkeit bestimmt und wurden erst viele Jahre später von der 
Mutter in Druck gegeben. Bergh beobachtet aufmerksam und 
beschreibt eine Reihe volkskundlich interessanter Dinge, die er 
gelegentlich sogar durch kleine Skizzen zu veranschaulichen sucht. 

Anonym erschienen im Jahre 1810 die Bruchstücke einer Reise 
durch das südliche Frankreich, Spanien und Portugal im Jahr 1802. 
Der Verfasser ist Karl Friedrich von Jariges. Sein Aufenthalt 
auf der Pyrenäenhalbinsel erstreckt sich über ein halbes Jahr. Die 
Darstellung ist sehr knapp und offensichtlich nach Tagebuch- 
aufzeichnungen entstanden. Dabei enthält sie bemerkenswert zahl- 
reiche gute und genaue’Beobachtungen über Leben und Treiben der 
Bewohner des Landes. 

Wenn auch noch eine Reihe von Reisenden und Verfassern von 
Spanienwerken wie Prinz Löwenstein, Rochau, Ziegler, 
Minutoli, Thienen-Adlerfiycht u.a. zu nennen wären, 
deren Schilderungen interessante volkskundliche Einzelheiten ent- 
halten, so erübrigt sich doch ein näheres Eingehen auf sie, denn im 
ganzen gesehen treten die Beobachtungen über spanisches Volkstum 
in ihren Berichten zurück hinter anderen Elementen der Dar- 
stellung. Dies zeigt sich auch darin, daß ich in den ausführenden 
Teilen meiner Arbeit immer nur vereinzelt Gelegenheit habe, auf 
Stellen ihrer Werke als Quelle Bezug zu nehmen. 


Reisewege der Verfasser. 


Bei der Reise durch die Halbinsel wählen die deutschen 
Spanienreisenden vorwiegend zwei Wege. Der eine führt durch 
Katalonien an der Ostküste herunter und verläuft über Figueras, 
Barcelona, Tarragona und Tortosa nach Valencia, von wo es zumeist 
über Murcia nach Andalusien weitergeht. Manche Reisenden be- 
nutzen auch den Seeweg von Marseille nach Barcelona und von dort 
weiter nach Valencia. Wer nicht von Valencia aus Andalusien 
besucht — gewöhnlich zu Schiff über Alicante und Mälaga —, 


en 


folgt der Postkutschenroute von Valencia über Aleira, Albacete, 
Villarrobledo, Aranjuez durch die Mancha‘ nach der Landes- 
hauptstadt. Selten versäumt ein Reisender, den der Weg nach 
Barcelona führt, den in der Nähe gelegenen Montserrat aufzusuchen. 
Ebenso wird derjenige, der den Landweg von Valencia nach Murcia 
wählt, bestimmt in Elche haltmachen, um den berühmten Palmen- 
wald in Augenschein zu nehmen. 

Andalusien aber ist das ersehnte Ziel aller, die überhaupt den 
Plan einer Spanienreise verwirklichen konnten. Mancher, enttäuscht 
von den eintönigen, unfruchtbaren Hochflächen Kastiliens und der 
Mancha, verzweifelt fast an seinem Wunschbild von Spanien, und 
erst hier im Süden, angesichts der fast tropischen Vegetationsfülle 
Andalusiens, glaubt er das wahre Spanien, wie es in seiner Vor- 
stellung lebt, gefunden zu haben. So widmen fast alle Reisenden 
viele Seiten ihrer Werke der Beschreibung Granadas, der Alhambra 
mit ihren Bauten, Sevillas und endlich Cädiz. 

Ein zweiter Hauptreiseweg verläuft durch die baskischen Pro- 
vinzen und Altkastilien nach Madrid. Dabei werden Bayonne, 
Fuenterrabia, Irün, Tolosa, Vitoria, Burgos, Valladolid und Segovia 
berührt. Dieser Weg wird von allen denen bevorzugt, die beabsich- 
tigen, schnell und bequem die Landeshauptstadt zu erreichen. Doch 
lockt das reizvolle Baskenland viele Reisende zu längerem Ver- 
weilen. Von Madrid nach Andalusien führt die Reise dann zumeist 
über Toledo, Manzanares, Val de Pefias, Baylen und Andüjar. 

Aus diesen Andeutungen über die Reisewege der Spanien- 
reisenden ist bereits ersichtlich, daß manche Gebiete der Halbinsel 
kaum besucht worden sind. So werden Asturien, Galizien, Leön, ; 
Extremadura und endlich Aragonien, bei denen es sich um verkehrs- 
arme, abgelegene Gegenden handelt, nur vereinzelt bereist und 
beschrieben. Es darf daher als glücklicher Umstand gewertet 
werden, daß ein so ausgezeichneter Reisender wie Willkomm in 
seinen Reisewerken auch diese Provinzen eingehender behandelt, 
da er bei seiner wissenschaftlichen Sammeltätigkeit gerade abseits 
der üblichen Reisewege, meist zu Pferd oder Maultier gereist ist. 


1. 


— 13 — 


I. Ländliche Arbeit 


und landwirtschaftliche Geräte. - 


Inhaltsverzeichnis. 


bier one a aa a nd ron Bee 


Geräte zur Landbestellung .. .. 22 22 22 0a 02 er 


a) Plug 2 22 0er 
Biaraya — Grabschelt .. .. 0.2... u en 


c) Egge und andere Ackergeräte .. .. 22 un 02 00008 


Ernte. und Erntegerät fi. „20... 0... se elle yEr 


a) Das Schneiden des Getreides ,. .. .. 22 22 ee nee 

b) Das Dreschen ., .. .. . x 65.50 ‘da 08 oo 
Tenne — Dreschtafel _ Dreschflegel 

ec) Worfeln und Sieben des Getreides 

d) Die Aufbewahrung des Getreides (garaize, Bol 


3. Bewässerungsanlagen .. .. 2. 00 00 ne en ne en en ne 
BENorias, gruası.., u elle lee an leleidie el ein ehe 
SEEN a a a 2 

BOENavazos .. ni nee Bela ee len 

4. Landwirtschaftlicher Transport .. 

a) Der carro chillön . 38 5 oo. ua (oo An 60 

b) Das en een — Lenken des Gespanns 
Hufbeschlag) a VE ee ee as 

c) Die Schleife .. .. .. Bo" sa bh. en as 

d) Pferde, Esel und Maultiere Ah Trag- si Reittiere re 

s Vernai  anr r ee rsbel ee 


2 888 55 


Bibliographie. 
Aranzadi, T. de, Zur Ethnographie des Ochsenjochs und zur Basken- 
kunde. Globus 89. Braunschweig 1906. 
— Aperos de Labranza. FoCoEsp I. Barcelona 1931, S. 289-376. 
Bierhenke, W. Das Dreschen in der Sierra de Gata. VKR II, 1929, 
S. 20—82. 
— Ländliche Gewerbe der Sierra de Gata. Hamburg 1932. 
Ebeling, W. Die landwirtschaftlichen Geräte im Osten der Provinz 
Lugo (Spanien). VER V, 1932, 50—151. 
Frankowski, E. Hörreos y palafitos de la peninsula ib&rica. Madrid 
1919. 
Krüger, F. Alte Dreschverfahren in der Romania. Travaux du ler 
g ‚Congr&s International de Folklore, Paris 1837. Tours 1938, S. 72—84. 
— Die Gegenstandskultur Sarabrias und seiner Nachbargebiete. Hamburg 
1925. i 
*- Die Hochpyrenden. C. Ländliche Arbeit. Bd.I: Transport und Trans- 
portgeräte. Barcelona 1936. Bd.II: Getreide, Heuernte, Bienenwohnung, 
Wein- und Ölbereitung, Hamburg 1939. 
— Die nordwestiberische Volkskultur. WS X, 1927, 45—137. 
— Worfeln und Verwandtes in den Pyrenäen. Palma de Mallorca 1932. 
(Separat aus-„Miscelänea filolögica dedicada a D. Antonia M.a Alcover.“ 
Palma de Mallorca 1932, S. 509-524. 
'Luquet, G.-H. et Rivet, P. Sur.le tribulum. Extrait des „Me&langes 
Iorga“. Paris 1933, S. 613—838. 
Messerschmidt, H., Haus und Wirtschaft in der Serra da Esträla. 
VKR IV, 1931, S. 72-163 und 246-305. 
Meyer-Lübke, W. Zur Geschichte der Dreschgeräte. WS I, 1908, 211 
bis 244. 


Rokseth, P., Terminologie de la culture des c&rdales & Majorque. Bar- 
celona 1923. 


Karutz, R., Die Völker Europas. (Atlas der Völkerkunde Bd. tl). 
Stuttgart 1926. 


Thede, M. Die Albufera von Valencia. VER VI, 1933, 210-273 und 317 
bis 383. 


Bar» 


la 


Solange die deutschen Spanienbesucher die Postkutsche und 
daneben Reittiere auf ihren Reisen durch die Halbinsel benutzen 
mußten, hatten sie Gelegenheit, das offene Land näher kennen- 
zulernen und somit auch den Bauern bei seiner vielseitigen Arbeit 
zu beobachten. Dabei richtete sich ihr Augenmerk natürlich be- 
sonders auf die Dinge, die typisch für die südliche Landschaft sind 
und in der Heimat fehlen. Wo Arbeitsgeräte und Arbeitsvorgänge 
aber denen im Norden ähneln, bestand auch kein Anreiz, sich 
näher mit ihnen zu beschäftigen, was in vielen Fällen wohl doch 
noch zur Feststellung interessanter Spielarten geführt hätte. So 
hat unter den Geräten zur Landbestellung insbesondere die laya 
die Aufmerksamkeit der Besucher des Baskenlandes erregt, während 
auf Pflüge, Eggen und andere Ackergeräte nur vereinzelt Bezug 
genommen wird. Auch Schilderungen der Ernte und der spanischen 
Erntegeräte nehmen einen breiten Raum ein, wobei sich die Reisen- 
den besonders ausführlich über den Dreschvorgang äußern, denn 
Dreschmethoden und Dreschgeräte stehen in auffallendem Gegensatz 
zu den heimatlichen Einrichtungen. Unter den landwirtschaftlichen 
Transportmitteln endlich erweckt im nordwestlichen Teil der Halb- 
insel der urtümliche Ochsenkarren das gesteigerte Interesse der 
Deutschen und wird von ihnen mit Recht als eine der typischsten 
Erscheinungen des Landes empfunden. 


1. Geräte zur Landbestellung. 
a) Pflug. 


Die Mitteilungen der deutschen Reisenden über die auf der 
iberischen Halbinsel gebrauchten Pflüge sind weder genau noch 
zahlreich, Nur wenige Besucher haben Veranlassung genommen, 
den spanischen Landmann beim Ackern zu beobachten. Vielleicht 
war auch bei den meisten von ihnen das landwirtschaftliche Ver- 
ständnis zu gering, um Unterschiede bei den Ackergeräten wahr- 


en 


nehmen zu können. Es müssen schon auffallende und ungewöhn- 
liche Formen gewesen sein, die sie zu Schilderungen veranlaßt 
haben. 

So hat Humboldt (Baskische Reise 393) in Marquina im 
Baskenland neben der sonst üblichen Laya auch eine Art Pflug 
kennengelernt, die nabasaia, von der er eine Zeichnung entwirft und 
über die er folgendes berichtet: 


„Bei der Bestellung scheint wegen des harten Erdreichs 
alles auf die Mürbemachung desselben anzukommen. Daher 
haben sie einige andre Werkzeuge als bei uns... 
die Nabasaia, eine Art Pflug aber mit vier krummen Haken 
Zähnen, welche die Erde aufwühlen, in dieser Gestalt. 


bei a fäßt der Pflügende mit beiden Händen an, an b sind die 
Ochsen angespannt, c sind die erdaufwühlenden Haken, d ist 
ein Stein, der nicht immer, sondern nur dann, wann der Boden 
sehr hart ist, dem Pflüger das Aufdrücken zu erleichtern, an- 
gehängt wird.“ 

Er fügt hinzu (394): 

. . oft geschieht das Durchpflügen mit der Nabasaia dreimal.“ 


Daneben ist demselben Verfasser noch eine andere Pflugform be- 
IMNIIM gegnet. Aus Durango schreibt er (Baskische Reise 409): 


ul „An einigen Orten pflügt man mit einem einzahnigen Pflug, 
INN Goldia, oder auch Nabara genannt, aber nur um gerade Furchen 
III zu ziehn, denen die Arbeiter mit der Laya folgen können. Denn 
I der Pflug wird hier zum Durchackern nicht eigentlich ge- 
| braught, sondern die Laya.“ 


ıl 


nn 


Beide Geräte werden auch von Aranzadit unter den noch 
heute üblichen baskischen Pflugformen aufgeführt. Die nabarra 
oder golde, der „einzahnige Pflug ohne Streichbretter“, den Aranzadi 
abbildet, ist ein plump gearbeiteter hölzerner Pflug mit eiserner 
Päugschar, der in seinen Teilen dem leonesischen Pflug bei Krüger? 
gleicht, mit der Abweichung, daß die Ohren streichbrettartig fort- 
entwickelt sind®. Der vierzahnige Pflug, von Humboldt als nabasaia 
bezeichnet, trägt nach Aranzadi neben anderen mundartlichen Be- 
nennungen den Namen nabasai. Da Aranzadi ihn nicht näher 
beschreibt, ist Humboldts Zeichnung für die Kenntnis seiner Form 
von großem Interesse. Einen gewissen Vergleich ermöglicht die 
Abbildung eines dreizahnigen (yruortza) aus Guernica#, der sich im 
ganzen primitiver ausnimmt als die von Humboldt dargestellte 
nabasaia°. 

Ungefähr zu derselben Zeit wie Humboldt beobachtet Jariges 
(230) das Pflügen in der Umgebung von Orihuela (Murcia) und sagt: 

„Der Pflug, dessen man sich hier bedient, ist fast noch ganz 
in seiner ursprünglichen Einfachheit, und hat weder ein Sech 
noch ein Streichbrett; der leichte Boden, der im Jahre so oft 
umgewendet und so reichlich bewässert wird, bedarf unter 
diesem günstigen Himmel keiner mühsamen Bearbeitung.“ 


Unter „Sech“ ist der die Pfiugdeichsel durchstoßende eiserne Vor- 
schneider zu verstehen, der auch als Kolter bezeichnet wird. Wir 
haben hier nach Jariges’ Schilderung wohl den „arado romano“ in 
sehr ursprünglicher Form vor uns, denn Streichbretter finden sich 
auch heute nur vereinzelt auf der Halbinsel®. 

Aus späterer Zeit berichtet Ziegler (I, 175), daß der Land- 
mann in der Umgebung von Valencia, wo der Ackerboden meist nur 
aus einer dünnen Erdschicht besteht, das Land „..... mit Pflügen, 
die man horcates nennt, bearbeitet, womit er die erste oberste 


1 FoCoEsp I, 306/307. 

2 GK 186 (Abb. 13). 

8 Vgl. auch die Abb. von Pflügen aus dem französischen Baskenland 
bei Lhande, Dictionnaire basque-frangais 374 (Tafel: Golde I. 

4 FoCoEsp I, 31i. 

5 Vgl. im übrigen die Hinweise bei Krüger, HPyr C II, 88 ff. 

6 Krüger, WS X, 67; HPyr C II, 8Bfl.; Aitken, El arado castellano. 
Anales del Museo dei Pueblo Espafiol I, 109 ff, 


un 18 


Schicht umwendet.“ Und an einer anderen Stelle (Ziegler I, 151) 
fügt er über diesen Pflug der Huerta von- Valencia hinzu: 


„Derselbe war eine Art leichter Hakenpflug und wurde 
von einem Pferde, welches mit einem eigenthümlichen Geschirr 
in eine Art Deichsel gespannt war, gezogen." 
Es ist der noch heute in diesem Gebiet gebräuchliche, forcat ge- 
nannte, ganz leichte hölzerne Pflug, der von nur einem Pferde an 
einer gabelförmigen Deichsel gezogen wird, wobei die Bezeichnung 
jorcat von der Gabeldeichsel auf den Pflug selbst übergegangen ist’. 
Er reißt, wie auch Ziegler bemerkt, nur das oberste Erdreich auf‘. 

Daneben äußert sich Ziegler (I, 229/230) ausführlich über das 
Pflügen bei Torremolinos in der Vega von Mälaga: 

„Ein Bauer, der mit zwei Ochsen und einem erbärmlichen 
Hakenpfluge ackerte, ließ mich freundlich gewähren, als ich 
den Pflug mit eigner Hand ergriff. Der Boden war schwer zu 
bearbeiten .. . er wurde zu Mais vorbereitet. Die Vega war 
von Arbeitern belebt; wir sahen viele Pfüge in Bewegung und 
viele Menschen in Thätigkeit, welche letztere mit einer Art 
Hacke die Erdknollen zerschlugen. Die Bauart des Pfluges 
läßt, hinsichtlich der großen Friction an der Pflugscharsohle, 
viel zu wünschen übrig und der statt der Rister angebrachte, 
einfache, senkrechte Stock, der mit einer Hand regiert wird, 
dient gerade nicht zur sicheren Führung, sondern erschwert 
nur das Ackerwerk.“ 

Auch mit diesem „Hakenpfluge“ ist sicher nicht der heute noch in 
ganz spärlichen Resten auf der Pyrenäenhalbinsel belegte ursprüng- 
liche Hakenpflug gemeint’, sondern der weiterentwickelte „arado 
romano“, allerdings auch hier wieder ohne Streichbretter (= Rister, 
Riester, Rüster), die, wie bereits angeführt, nur in wenigen Land- 
schaften vorkommen. Er ist seiner Form nach sicherlich zu dem 
leonesischen Pflugtypus Krügers!® zu stellen, bei dem der Sterz, mit 
dem der Bauer den Pflug lenkt, ebenfalls aus einem einfachen, 
senkrecht auf der Pflugsohle aufsitzenden Stock besteht. 


7 Vgl. auch die Abb. in Diec. Alcover I, 773/774. 

8 Über den Bau des forcat vgl. Thede, VER VI, 3271. und Abb. 2 F (273). 
® Vgl. Krüger, HPyr C II, 114—116. 

10 GK, Abb. 13; Krüger, HPyr C Il, 888, 


-1- 


Endlich wird von Link aus Nordportugal ein „Hakenpflug“ 
| angeführt, worunter wieder der „arado romano" zu verstehen ist. 
So berichtet er aus der Provinz Douro e Minho (Link II, 24): 


„.. man hat... hier einen sehr schlechten Haken, mit 
einem kurzen fast konischen Kolter und zwey Streichbrettern, 
welche das beste thun müssen. Er ist sehr schwer .. .* 

Diesen kurzen Pflugsech (d.i. Kolter) trifft er auch in Chaves und 
Umgebung (Träs-os-Montes), also nahe der Grenze von Orense, an 
(Link III, 6): 

„Man bedient sich eines Hakenpfluges mit einem sehr 
kurzen und gleichsam konischen Hakeisen, von welchem das 
Land nicht leicht durchschnitten wird." 


Interessant ist hierbei die Erwähnung der Streichbretter für eine 
Landschaft, in der sie sich auch heute noch finden, 


b) Laya= Grabscheit. 


Trotz der oben angeführten Beispiele für Pflüge ist für das 
Baskenland die Laya das charakteristische Gerät für die Be- 
arbeitung der Felder!!. Von den deutschen Reisenden wird sie für 
Guipüzcoa und Biscaya bezeugt und zumeist dabei betont, daß die 
Besonderheiten des Geländes und des Bodens ihre Verwendung 
bedingen. So schreibt Willkomm (Wanderungen I, 224/226): 


„Eigenthümlich ist die Bearbeitung des Boden in Guipuzcoa 
und Viscaya. Die Bauern bedienen sich nämlich nicht des 
Pfluges, um das Erdreich aufzulockern und umzuwenden, 
sondern graben und stechen vielmehr dasselbe um vermittelst 
eines nur in den beiden Landschaften gebräuchlichen Instru- 
mentes, welches sie Laya nennen. Die Laya ist eine Art zwei- 
zinkiger Gabel, drei Fuß lang und, mit Ausnahme des hölzernen, 
an den Stiel befestigten Griffes, aus Eisen geschmiedet. Dieses 
seltsame Werkzeug wird folgendermaßen gehandhabt. Die 
Arbeiter stellen sich neben einander in eine Reihe (daher 
kommt das spanische Sprüchwort: „Son de la misma laya“, d. h. 
sie haben gleiche Meinung, sind Meinungsgenossen.), in jeder 


11 Vgl. Krüger, HPyr C II, 89. 


en 


Hand eine Laya haltend. Gleichzeitig erheben nun alle die 
Layas senkrecht, die Zinken nach unten ‚gekehrt, empor, und 
stoßen dieselben mit aller Kraft in den Boden, so weit die 
Gabel reicht. Dringen die beiden Zinken, deren jede etwa einen 
Zoll dick ist, nicht tief genug in den Boden, so treten die 
Arbeiter mit dem Fuße auf das dieselben verbindende Quer- 
eisen und stoßen die Gabel auf diese Weise vollends hinein. 
Hierauf drücken sie mit den Händen die Laya zu Boden, 
einen seitlichen Druck gegen den hölzernen Griff von außen 
her gegen sich selbst zu ausübend, und heben dadurch große 
Schollen des Erdreichs empor. Nicht selten ist dasselbe von 
so fester Consistenz, daß die Kraft eines Mannes nicht aus- 
reicht, um eine Laya, geschweige denn, um beide nieder- 
zudrücken. So ermüdend die Handhabung der Laya ist, so 
graben doch ein paar Arbeiter in einem Tage ziemlich viel 
Land um. Die Fremden wundern sich gewöhnlich, daß sich 
die Basken nicht des Pfluges oder wenigstens der bequemeren 
und weniger Kraftaufwand erfordernden Hacke bedienen, und 
nehmen dabei häufig Anlaß, über das lächerliche Festhalten 
der Basken an ihren von den Vätern ererbten Sitten und 
Gebräuchen zu spotten. Ich überlasse es kompetenteren Per- 
sonen, darüber zu urtheilen, ob die Laya durch den Pflug oder 
ein anderes Instrument vortheilhaft zu ersetzen ist, und be- 
merke blos, daß die Eingebornen von Vizcaya und Guipuzcoa’ 
behaupten, der Pflug lasse sich bei ihren Bodenarten nicht mit 
Nutzen anwenden. Allerdings liegen die Aecker in Guipuzcoa 
und Ober-Vizcaya häufig an so steilen Lehnen, und ist der 
Boden zugleich so stark mit Steinen vermengt, daß der Pflug, 
wenigstens der bei uns gebräuchliche, kaum anwendbar sein 
dürfte. Mit einer Hacke den Boden zu bearbeiten, würde eben 
so SRAREge En da eine solche viel zu wenig in den 
Boden eindringt . 
Wir haben hier eine so eingehende Beschreibung sowohl der laya 
wie ihrer Handhabung, daß nur weniges hinzugefügt zu werden 
braucht. Sogar die Maße des Ackergerätes sind zutreffend an- 
gegeben, denn die bei Aranzadi!? abgebildete laya hat eine Länge 


ı2 FoCoEsp I, 293. 


1 


von rund 90 Zentimeter, wovon 65 Zentimeter auf die Zinken und 
34 Zentimeter auf den Holzgriff entfallen. Doch scheinen örtlich 
starke Unterschiede zu bestehen. Während nämlich die in der 
Zeichnung wiedergegebene Laya enggestellte Zinken aufweist!®, 
haben die layas der Landleute auf Abb. S. 295 eine ganz ab- 
weichende, breitere Form!*. 

Humboldt (Reiseskizzen 231) führt ebenfalls das dem 
Arbeiten mit der laya entlehnte Sprichwort an und gibt auch eine 
sprachliche Erläuterung: 


„Man nennt dies Werkzeug .. . laya (laya, layatu, layaria, 
womit man das Werkzeug, die Handlung und den Arbeiter 
bezeichnet, scheinen mit laguna, Gesellschaft verwandt... .).“ 


Den Arbeitsvorgang schildert er folgendermaßen (Humboldt, 
Baskische Reise 374): 


„Die Laya ist niedrig, mit dem Stiel wohl nur 2% Fuß 
hoch, die Leute arbeiten gebückt, sie treten aber nicht immer 
ganz hinauf, sondern drücken nur mit Einem Fuß beide zugleich 
tiefer in den Boden ein. Oft sah ich sie aber auch mit beiden 
Füßen auftreten.“ 


Während nach Baumgärtner (15/16) in Biscaya drei Per- 
sonen mit layas nebeneinander stehen und das Erdreich taktmäßig 
umgraben, verfährt man nach Wachenhusen (I, 50) in Guipüzcoa 
anders: 

„ » . vier oder fünf Arbeiter stellen sich in Reih und Glied, 
ein anderer, mit einer Hacke in der Hand, stellt sich vor sie. 
Die Vier beginnen nun a tempo ihre Gabeln in die Erde zu 
stoßen, den Rasen in großen Stücken aufzubrechen, und diese 
Stücke umzuwerfen; der vor ihnen stehende zerschlägt das 
Rasenstück mit der Hacke und so geht die Gabelei den ganzen 
Tag hindurch, bis endlich der Acker aufgebrochen ist.“ 


Daß drei Landleute, in einer Reihe aufgestellt, die Layas hand- 
haben, ist auch nach Aranzadi!‘ das Übliche. Dabei hat die körper- 


18 Ebenso eine laya im Museum für Völkerkunde zu Lübeck, Vgl. die 
Zeichnung (Abb. 17) bei Karutz, Die Völker Europas: 125. 

14 Dieselben Formenunterschiede zeigen die layas der FoCoEsp I, 308 
und 309 abgebildeten San-Isidro-Statuen. 

18 FoCoEsp I, 295, 


— 1 


lich schwächste Person — die Frau beispielsweise — ihren Platz ın 
der Mitte. Meist wird aber die Anzahl der tayadores davon ab- 
hängen, wieviel Familienmitglieder als Hilfskräfte für die Arbeit 
des layas zur Verfügung stehen!*. 


c) Egge und andere Ackergeräte. 


Neben den Pflügen und der laya beobachtet Humboldt im 
Baskenland auch verschiedene Formen der Egge. So verzeichnet er 
für Marquina (Baskische Reise 393/394): 


„Arrea die Egge, Sie besteht aus 4 miteinander verbunde- 
nen Balken, von denen jeder 6 starke eiserne Nägel hat. Die 
Balken sind enger, als bei unsrer Egge, und nach vorn enger 
als hinten, so ; 


Hinten ist ein runder Spriegel a darauf angebracht, der einzeln 
bei b gezeichnet ist, bei dem der Eggende theils aufdrückt, 
theils die Egge aufhebt und wendet. Manchmal werden auch 
zum ferneren Eindringen noch Steine auf die Egge gelegt, weil 
sie zugleich zum Zermalmen dient.“ 


Über eine eiserne Egge berichtet er aus Durango (Humboldt, 
Baskische Reise 409): 


„Hier hat man eine andre Art, Burdinaria, Eisen Egge. Die 
Zähne sind gerade heruntergehend, mehr eggenartig, und die 
des hintersten Queerholzes gehn zwischen die des vordersten.“!®a 


Beide Geräte werden als burdifiara und arre von Aranzadi!? unter 
den baskischen Pflügen aufgeführt. Danach ist die burdifara ein 


18 So arbeiten auf der FoCoEsp EX, 295 wiedergegebenen Photographie 
vier Landleute, zwei Männer und zwei Frauen zusammen. 

162 Hierzu die Abb. S.28. 

17 FoCoEsp I, 307. 


„arado de cinco, siete o nueve puas“ und die arre ein „arado de 
16, 20 o 24 puas“, wobei unter „arado“ wohl in weiterem Sinne ein 
Gerät zum Bearbeiten des Ackers verstanden sein soll. Aranzadi 
fügt mit Bezug gerade auf burdiüara und arre selbst hinzu: „los 
ültimos, mäs bien que arados, son rastrillos.“ Die Verwandtschaft 
mit dem Pfluge, insbesondere mit der baskischen nabasai, ist bei 
der burdiüara noch deutlich aus Humboldts Zeichnung zu erkennen, 
während die arre typische Eggenmerkmale aufweist. Diese kommt 
in der Form der sanabrisch-leonesischen Egge'® am nächsten, aller- 
dings mit dem Unterschied, daß die bezähnten Querhölzer bei der 
baskischen arre Längshölzer sind. Außerdem hat keine der nord- 
westiberischen Eggen den von Humboldt gezeichneten Spriegel zum 
Lenken und Wenden der Egge. Bemerken wir noch, daß die 
burdizara bei Humboldt sechszahnig ist, während nach Aranzadi 
fünf, sieben oder neun Zähne üblich sind. 

Außer Humboldt berichtet nur Link (II, 7) über eine Egge 
aus Chaves, nahe der galizischen Grenze. „Die Eggen“, schreibt er, 
„gleichen den unsrigen, haben aber hölzerne Zähne... .“, was 
immerhin bemerkenswert ist, da für heute aus dem nordwest- 
iberischen Gebiet vorzugsweise Eggen mit eisernen Zähnen be- 
zeugt sind!?, 

Wo im Baskenland Pflug und Egge verwendet werden, gibt es 
nach Humboldt ein besonderes Gerät, das zum Zerkleinern der noch 
übriggebliebenen Erdklumpen dient (Baskische Reise 393)?%: 


„Mazua provinciell Mazuba, eine Art Schlägel, die härteren 


noch übrigbleibenden Erdklöße entzwei zu schlagen, in dieser 
Art:* 


18 Krüger, GK 228 (Abb. 16; IV). 
18 Krüger, WS X, 80. 
20 Vgl. Krüger, HPyr C II, 119. 


Volkskundliches Seminar 
der Universität Bonn 


BONN 
Poppelsdorfer Allee 25 


Über die Handhabung sagt Humboldt (Baskische Reise 394) 
weiter: 

„Nachdem sie (d.h. die Landleute) ... den Acker mit 
der Nabasaia umgearbeitet und darauf geeggt haben, .zer- 
schlagen sie einzeln mit der mazua die Klösse, dann kommt die 
Nabasaia noch einmal .. .“ 


Endlich berichtet Roßmäßler (I, 211/212) noch über ein 
Ackergerät, das man auf den bewässerten Feldern der murcianischen 
| Küstenebene in der Nähe von Mazarrön verwendete: 


„Auf den Feldern der erwähnten Hacienda sah ich ein 

ebenso einfaches als zweckmäßiges Ackergeräth in Anwendung, 
| womit ein Mann die zu bestellenden und zu bewässernden 
If Fluren eindämmte, Es war ein etwa 2 Ellen langer, 1 Elle 
II breiter und 1 Fuß hoher Kasten, dessen eine lange nach vorn 
gerichtete Seite ohne Wand war. Der Kasten ruhete in seinem 
N f kürzeren Durchmesser auf einer Axe, deren beide Enden beider- 
It seits des Kastens auf einem Schuhe ruheten. Der Kasten lag 
1 mit seiner vorderen offenen Seite auf dem Erdboden auf und 
1} stand hinten etwa eine Hand breit höher. An diesem höchst 
I} einfachen Fuhrwerk, oder mehr noch Schlitten, war ein Maul- 
esel gespannt und ein dahinter her gehender Mann fuhr das- 
selbe auf dem vorher sorgfältig geackerten und geeggten 
Boden dessen Breite nach hinüber und herüber. Während der 
Bewegung füllte sich der Kasten durch die vordere offene Seite 
allmählig mit Erde und wenn er dann an der Grenze der 
| Breite des Feldes angekommen war, so zog der Mann mittelst 
| eines vorn am Kasten, genau in der Mitte des Bodens oder 


It der Sohle desselben, angebrachten Strickes den Kasten vorn 
| in die Höhe, daß er sich von vorn nach rückwärts überstürzte 
11] und seinen Inhalt unter sich ausschüttete. Indem dies durch 
| zwei vorher an den beiden Seiten des Feldes gezogene kleine 
IN Furchen sehr sorgsam abgegrenzt war, wurde durch diesen 
| Kasten nicht nur mit großer Bequemlichkeit und Schnelligkeit 


. 


5 


jederseits des Feldes ein schnurgerader Damm aufgeworfen, 
der nachher mit der Schaufel nur sehr geririger Nachhilfe 
bedurfte, sondern das Feld wurde zugleich sehr gleichmäßig 
geebnet; oder vielmehr es wurden die kleinen Unebenheiten 
wieder ausgeglichen, welche durch die Ackerung auf dem Felde, 
welches natürlich vorher eine wassergleiche Ebene sein mußte, 
vielleicht entstanden waren,“ 

Ein ähnliches Ackergerät wird nirgends erwähnt”. Zum Ein- 
ebnen der Felder dient zwar auch die antaulaora® in der Albufera 
von Valencia und anderen Reisbaugebieten der Halbinsel. Diese 
aber ist wie die Dreschtafel auf der Unterseite mit Messern besetzt 
und soll in erster Linie durch das Zerschneiden des Bodens das 
Abtrocknen der Felder beschleunigen?®. 


2. Ernte und Erntegerät. 


Soweit die Ernte und die dabei gebrauchten Erntegeräte von 
den deutschen Reisenden geschildert werden, handelt es sich fast 
ausschließlich um die Getreideernte. Die Arbeitsvorgänge, in 
Spanien wie im ganzen Mittelmeergebiet in vieler Hinsicht so ganz 
verschieden von denen im Norden Europas, haben den ausländischen 
Besuchern Gelegenheit zu zahlreichen interessanten Beobachtungen 
gegeben, 

a) Das Schneiden des Getreides. 


Über das Schneiden des reifen Getreides berichten die Reise- 
schriftsteller an sich nicht viel, Ganz überraschend ist eine Mit- 
teilung von Willkomm (Balearen 184), der in der Umgebung 
von Alicante beobachtet, „daß die dortigen Bauern das Getreide 
nicht abschneiden, sondern mit der Wurzel ausreißen“, eine Sitte, 
die sonst nirgends erwähnt wird. Aus der Mancha schreibt Plüer 
(268) über die Getreideernte: 

„Man schneidet alles Getraide, man bindet die Garben ins- 
gemein mit Esparto oder Reisern, und sezet sie in kleine 

Haufen .. .“ 


21 Vgl. über die Verbreitung der Ziehschaufel Krüger, HPyr C II, 127. 
22 Thede, VER VI, 329. 
28 Thede, VER VI, 3251. 


a 


Daß man sich zum Schneiden des Getreides der gezähnten Sichel 
bedient, erfahren wir durch Fischer fReise 368), der aus der 
Gegend von Badajoz berichtet: „Man haut den Weizen büschelweise 
mit Sicheln ab, die sägenartig ausgezackt sind... .“ Über die 
heutige Verbreitung der gezähnten Sichel unterrichtet Krüger, 
"HPyr C II, 141/142. 

Der an sich so gewöhnliche Vorgang des Schneidens gewinnt 
dadurch Interesse, daß es nicht überall auf der iberischen Halb- 
insel Sitte ist, das Korn mit den Halmen abzumähen oder ab- 
zuhauen: in gewissen Gegenden werden Ähren und Stroh gesondert 
geschnitten und eingesammelt. Immerhin ist die erstere Art am 
weitesten verbreitet. 

Daß das Getreide in Garben auf den Dreschplatz gebracht wird, 
führen Schuemberg (36: bei Irun) aus dem Baskenland, 
Jariges (114: Umgebung von Valladolid, Rehfues (I, 238: 
zwischen Burgos und Madrid), Plüer (56: bei Paredes) aus Alt- 
kastilien, Gail (IV) aus der Mancha und Waltl (204) aus An- 
dalusien an. Dasselbe gilt in der Gegenwart für viele Gebiete der 
Halbinsel, beispielsweise Sanabria und seine Nachbargebiete, Nord- 
west-Leön und Orense®®, die Sierra de Gata?”, usw. 

Anders verfährt man dagegen an der Nordküste. So berichtet 
Lorinser (Neue Reiseskizzen I, 139) aus der Umgebung von 
Santander: 


„ . . an einzelnen Stellen waren die Landleute noch damit 
beschäftigt, die schweren und wunderbar reichen, goldnen 
Waizenähren mit der Hand abzupflücken und in Körbe zu 
sammeln, eine Art zu erndten, die zwar sehr mühsam ist, aber 
viele Vortheile besitzen soll. Die stehen gebliebenen Halme ° 
werden dann später mit der Sichel abgeschnitten, oder, wo 
man des Strohes nicht bedarf, auf dem Felde als ein sehr gutes 
Düngungsmittel verbrannt.* 


Hiermit stimmen auch die Äußerungen überein, die Plüer (268) 
vor ihm über dieselbe Landschaft macht. Er schreibt, daß man 


26 Krüger, GE 246. 
27 Bierhenke, Das Dreschen in der Sierra de Gata, VER II, 1929, 24. 


ler 


68) 


nn 


„ . „in Asturien und auf der nordlichen Küste ... auf dem 
Felde blos die Aehren abschneidet und drjscht, und nachher 
das Stroh abmähet. Durch dies Abschneiden wird weniger 
Getraide verloren, welches, weil es sehr trocken und reif ist, 
leicht beim Mähen ausfallen würde... .“ j 

Die Sitte scheint jedoch nicht auf den Norden der Halbinsel be- 
schränkt zu sein, denn Willkomm (I, 175/176) schildert die Ge- 
treideernte in der Nähe von Catarroja in der Huerta von Valencia 
wie folgt: 

“Weberall waren die Landleute in der Weizenärndte be- 
schäftigt. Sie schneiden blos die Aehren mit Sicheln ab und 
schaffen sie auf die... „Eras“, wo sie sogleich ausgedroschen 
oder vielmehr ausgetreten werden ... Das auf den Feldern 
zurückgebliebene Stroh wird zum Theil in Hechsel zer- 
schnitten; die übrigbleibenden fußhohen Stoppeln zündet. man 
an und ihre Asche dient als einziges Düngungsmittel für die 
Aecker.“ 

Ebenso wird heutzutage in der Vega von Granada der Weizen etwa 
halbhoch mit der Sichel gemäht; die stehenbleibenden Halme 
werden abgebrannt?®. 

Auffällig ist, daß nach Lorinser in Asturien die Ähren mit 
den Händen abgepflückt werden. Hiermit ist wohl das Ausreißen 
der Ähren unter Zuhilfenahme der mesorias gemeint, jener eigen- 
tümlichen asturischen Holzstäbe, die Krüger?? dort vorgefunden hat. 

Nicht ganz eindeutig ist die Beschreibung des Erntevorgangs 
in Burriana, nördlich von Valencia, die Roßmäßler gibt. Denn 
während er (II, 228) an einer Stelle berichtet, daß man den Weizen 
vom Felde einbrachte, „und zwar auf dem Rücken der Pferde, die 
je 20 schwere Garben trugen“, sagt er bei der Schilderung des 
Dreschvorgangs mit der Dreschtafel: 

„. .. Auf einem großen runden geebneten Stück Feldes 
waren etwa fußhoch die abgeschnittenen Aehrenenden des 
Weizens aufgeschüttet.“ (Roßmäßler II, 227.) 

Es sieht also aus, als ob vor dem Dreschen die Ähren von den 
Halmen abgetrennt worden wären. 


28 Bernt, Die Bauernhäuser der Provinz Granade 6, 
. 2.WS X, 8l, 


_— 


b) Das Dreschen. 


Das Dreschen des Getreides erfolgt bis auf den heutigen Tag in 
großen Teilen der südlichen Romania und insbesondere auch auf 
der Pyrenäenhalbinsel noch nach uralten Verfahren, die sich von 
‚den im Norden Europas üblichen wesentlich unterscheiden. Die 
vielen Aufzeichnungen, die sich darüber in den Reiseberichten 
finden, zeigen, wie stark die Reisenden den Gegensatz zu den 
heimatlichen Gebräuchen empfunden haben. 

Schon der Ort, an dem sich das Dreschen abspielt, die Tenne, 
hat in besonderem Maße das Interesse der Deutschen erweckt. Ist 
doch im Norden das Dreschen im Freien allein wegen des wenig 
beständigen Wetters nicht möglich, Hackländer (I, 293) be- 
schreibt die meist erhöht vor den Ortschaften angelegten Dresch- 
plätze aus Alcira in der Provinz Valencia wie folgt: 


„Als wir die Stadt erreicht hatten, bemerkten wir auf 
einem erhöhten Plateau neben der Straße runde, gepflasterte 
Plätze, jeden von vielleicht zwanzig, dreißig und mehr Fuß im 
Durchmesser, einen neben dem andern, so daß es von Weitem 
aussah, als sei der Boden mit runden Steinplatten bedeckt. Wir 
sahen dergleichen später in der Nachbarschaft der meisten 
kleineren Städte. Es sind dieses Frucht-Tennen, auf denen 
Korn und Waizen vermittelst Pferden und kleiner Schlitten aus- 
getreten und ausgedrückt werden.“ 


Und ähnlich ist der Eindruck, den die nebeneinander liegenden 
Tennen bei Jaen auf ihn machen (Hackländer II, 243): 


„Ein Hügel am Rande der Stadt bedeckt mit runden Plätzen 
zum Dreschen des Getreides einer den andern berührend und 
ein eigenthümliches großes Mosaikpflaster nachahmend, nahm 
sich ... ganz originell aus.“ 


Dies sind die einzigen Beispiele, daß ein Reisender von der Häufung 
von Dreschplätzen an einem bestimmten Punkte spricht. Sonst 
liegen sie oft zerstreut im Umkreis der Dörfer und Städte?, Wenn 
sie hier zusammengedrängt angelegt sind, so waren wohl örtliche 
Bedürfnisse maßgebend dafür, denn flache Bergkuppen oder andere 


9 Bierhenke, VER II, 22, 


m 


dem Winde ausgesetzte Stellen werden mit Vorliebe für die Anlage 
ausgewählt®!. . > 5 

Wie Hackländer berichten auch die meisten anderen Reisenden, 
daß die Tennen gewöhnlich rund und gepflastert sind. So schreibt 
Schuemberg (36) aus Irün: 


„Die Spanier... .. lassen... ihr Getreide auf runden, mit 
scharfen und spitzigen Kieseln und Steinen gepflasterten 
Plätzen, welche unsre Scheuntennen vorstellen, von ihren 
(beschlagenen) Maulthieren und Ochsen austreten . . .“ 


Ebenso sagt Plüer (268) über die Dreschplätze in der Mancha: 
„Die Tennen sind gemeiniglich mit kleinen harten Kieseln ge- 
pflastert .....“ Von einer eigentümlichen Art der Pflasterung er- 
fahren wir durch Humboldt (Spanienreise 314), Bei den 
Dörfern im Soto de Roma in der Nähe von Granada bemerkt er 


„die gepflasterten Terrassen, auf denen man unter freiem 
Himmel das Korn durch Pferde oder Maulthiere austreten läßt. 
Hier waren sie viereckt“, fährt er fort, „sie sind bis in Cata- 
lonien hinein Sitte, dort sah ich meist runde, und die Steine 
hatten eingehauene Diagonalen, damit entweder die Körner 
besser hineinfallen, oder die Thiere auf den Steinen besser 
treten können.“ 


Daß die Tennen von einer Steinmauer eingefaßt sind oder mit 
einem Kranz aufrechtgestellter Steine umgeben sind, wie in der 
Sierra de Gata®, lesen wir nirgends in den Reiseberichten, 

Neben den gepflasterten Tennen erwähnen Reisende teilweise 
aus denselben Landschaften, nur befestigte Tennen, so daß dies aus 
der Sierra de Gata noch für heute bezeugte Nebeneinander von 
gepflasterten und ungepflasterten Dreschplätzen®® in weiten Teilen 
der Halbinsel üblich gewesen zu sein scheint. So schreibt Roß- 
mäßler (II, 227) aus Burriana in der Huerta de Valencia, daß 
man die Weizenähren zum Dreschen „auf einem großen runden ge- 
ebneten Stück Feldes“ aufgeschüttet hatte. Ebenso berichtet Walt! 
(204) aus Andalusien, daß das geschnittene reife Getreide zum Aus- 


31 Vgl. Bierhenke, VER II, 20; Krüger, HPyr € II, 184 ff. 
32 Bierhenke, VER IH, 20, 23. 
98 Bierhenke, VKR II, 20, 


‚Diese primitiven Hütten und Ställe haben wohl nicht allein dem 


30 — 


treten „auf einen geebneten und rein gemachten Platz in der Nähe 
geführt“ wird. Und endlich erfahren wir durch Laurens (147) 
aus der Umgebung von Estella, Provinz Alava (Baskenland), daß 
man das Getreide „... . unter freiem Himmel auf einem geebneten, 
festgestampften Platze durch Pferde austreten läßt“. 

Während die Anlage der Tennen auf dem Felde als das Ur- 
sprüngliche anzusehen ist, befinden sie sich heute vielfach in un- 
mittelbarer Nähe der Dörfer und Ortschaften. Die Weiträumigkeit 
der Mancha dagegen bringt es mit sich, daß sie dort oft weit von 
jeder menschlichen Behausung entfernt liegen. „Die Tennen, auf 
welche man gleich alles Getraide in Garben zusammen führet, und 
ohne Aufschub ausdrischt, sind auf dem Felde selbst unter freyem ° 
Himmel“, schreibt Plüer (268). Der fehlenden Dorfnähe sucht 
man mit den einfachsten Mitteln abzuhelfen: 


„Die einzige Bedeckung“, fährt Plüer fort, „welche wir 
bisweilen bey den Tennen bemerket haben, war für die 
arbeitenden Thiere und Menschen, um unter einigem Schatten 
bey der brennenden Sonnenhitze gehen zu können. Eine mit 
Esteros, so nennet man die von Esparto geflochtene Matten, 
gedeckte Hütte dienete zur Zuflucht der Arbeiter, und die 
Stallung der Thiere bestand aus einigen in die Erde gesezten 
Pfälen, über welches ein gleiches Dach geschlagen war.“ 


Sonnenschutz zu dienen; sie stellen vielmehr Unterkunftsräume für 
die Nacht dar, denn in der Mancha pflegen die Landleute „nach 
ihren weit. entlegenen Aeckern für die Bestell- und die Erndtezeit 
mit Menschen und Vieh ganz überzusiedeln, die unentbehrlichen 
Bedürfnisse mit sich hinaus nehmend“ (Goeben I, 44)%, 

Unter den von den Reisenden geschilderten Dreschmethoden 
steht neben dem einfachen Austreten durch Tiere der Gebrauch der 
auch heute noch weitverbreiteten Dreschtafel obenan. Gelegentlich 
wird der Dreschflegel erwähnt. 

Das Verfahren, Getreide durch die Hufe von Tieren zu 
entkörnen, gemeinhin pisoteo genannt, ist am ältesten. Ursprüng- 


% Vgl. den Bericht aus der Neuzeit bei O. Jessen, La Mancha. Hamburg 
1930, S. 160/161. 


gl 


Een in den ganzen Mittelmeerländern zu Hause, ist es gegenwärtig 
"noch in vielen Teilen der iberischen Halbinsel bekannt”. Die 


deutschen Reisenden berichten über den pisoteo aus dem Basken- 
land und aus Andalusien, wobei je nach den örtlichen Verhält- 
nissen bald die einen, bald die anderen Tiere verwendet werden. 
Wie Schuchardt®® das Austreten des Getreides durch Ochsen oder 
Pferde aus Orozco (Biscaya) anführt, so hat Laurens (147) 
dieselbe Beobachtung zwischen Estella und Muski in der Provinz 
Älava gemacht: 

„Ueberall auf diesem Wege fanden wir die Landleute mit 
der Kornernte beschäftigt ... Auffallend war mir die Art und 
Weise, die hierbei beobachtet wurde, indem man das Getreide 
‚.. unter freiem Himmel auf einem geebneten, festgestampften 
Platze durch Pferde austreten läßt.“ 


Und ebenso schreibt Schuemberg (36), die Bauern bei Irün 
(Guipüzcoa) „lassen ... ihr Getreide ... von ihren (beschlagenen) 
Maulthieren und Ochsen austreten“. Aus Andalusien berichtet 
Waltl (204), das Getreide wird auf der Tenne 


„... in einem Kreise herumgelegt, und darauf mehrere Paar 
Pferde so lange in der Runde herumgetrieben, bis das Stroh 
wie Häckerling geworden ist... Diese Methode kann nur in 
einem Lande ausgeführt werden, wo das Stroh sehr dürr wird, 
so daß das Korn durch den Hufschlag schon aus den Hülsen 
geht, ferners wo kein Regen zu fürchten ist; denn zum Aus- 
treten einer bedeutenden Quantität Getreide braucht man 
mehrere Tage, während welcher es im Freien liegen bleibt.“ 


Auch Humboldt (Spanienreise 314) erwähnt, daß man auf den 
‚gepflasterten Tennen in der Nähe Granadas „... unter freiem Him- 
mel das Korn durch Pferde oder Maulthiere austreten läßt*?. 

: Eine: wichtigere Rolle als das einfache Austreten durch Tiere 
aber spielt die Dreschtafel. Auch diese ist ein uraltes, im 


35 Über die Verbreitung vgl. Bierhenke, VKR II, 26/27, Krüger, HPyr 


‚cu, 289 ff. 


se Sachwortgeschichtliches über den Dreschflegel, ZRPh XXXIV, 292. 
# Daneben gibt es freilich auch den Dreschschlitten; vgl. O. Quelte, 
Beiträge zur Landeskunde von Ostgranada. Hamburg 1914, 5.33. 


la 


Mittelmeergebiet weit verbreitetes Erntegerät, dessen Gebrauch auf 
der Pyrenäenhalbinsel noch heute großenteils mit dem Vorkommen 
des pisoteo zusammenfällt®#®, Die deutschen Reisenden haben die 
Dreschtafel in Altkastilien (bei Cervera: Felder II, 113; zwischen 
Valladolid und Astorga: Jariges 114/115; bei Paredes: Plüer 56), 
in Neukastilien (bei Vallacas: Lauser 316; in der Mancha: Plüer 
268/69 und Gail VIII) und in Valencia (bei Burriana: Roßmäßler II, 
227; in Aleira: Hackländer I, 293) beobachtet. Die Dreschtafel dient 
neben dem Entkörnen des Getreides, bei dem die Zugtiere durch 
Austreten mithelfen, dazu, das Stroh zu Häcksel zu zerkleinern. 

Über das Dreschen mit der Dreschtafel, die allgemein trillo 
heißt, berichtet Jariges (114/115) auf der Reise zwischen 
Valladolid und Astorga: 


„Während eines Haltes zu Mittag hatte ich Gelegenheit, die 
sonderbare Art, das Korn zu dreschen, genau in Augenschein 
zu nehmen. Das Getreide ist in einem Kreise umhergelegt, 
ganz eben und nicht sehr hoch; ein starkes Bret, unten mit 
mehrern Reihen von scharfen Flintensteinen versehen, wird von 
einem oder zwei Maulthieren oder Ochsen darüber mehrmals 
hingezogen, bis das Stroh fast wie Hechsel zerstückelt ist... . 
Gewöhnlich steht der Bauer, der das kleine Fuhrwerk treibt, 
auf dem Brete, das etwa die Größe unserer Eggen hat, öfters 
aber macht er es sich bequemer, und sitzt auf einem kleinen 
Stuhle. Komisch ist der Anblick dieses Dreschens, das die Spa- 
nier trillar nennen; der Bauer in seinem braunen Mantel und 
brauner Tuchmütze, einen langen Stab in der Hand haltend, 
womit er den schleichenden Stier antreibt, und mit gra- 
vitätischer Ruhe auf dem kleinen Sessel sitzend, gleicht einem 
Zauberer, der ,„.. seine magischen Kreise um sich herzieht. 
Als ich einigen Landleuten sagte, daß man das Korn bei uns 
mit Schlägeln ausdresche, meinten sie, das müsse sehr mühsam 
seyn, und lobten ihren Trillo.“ 


Eine noch genauere Beschreibung des trillo selbst gibt Felder 
(TE, 113) aus Cervera an der altkastilisch-asturischen Grenze: 


38 Näheres hierliber bei Bierhenke, VER II, 28-30; Krüger, HPyr C II, 
s319ff. Vgl. auch die Belege für das Vorkommen auf spanischem Boden bei 
Luquet-Rivet, Sur le tribulum. M&langes Iorga, Paris 1933, 616, ! 


T, 
ei 


KR 


„Era = Ein freier wie eine Tenne festgeklopfter Platz 

i - außerhalb den Dörfern. Auf diesem werden die losgebundenen 

.. Garben im Kreise umhergelegt und dann vermittelst dreier wie 

eineThüre zusammengefügter Bohlen, an denen vorne ein eiserner 

Ring angebracht ist, und die mit vielen scharfen Steinchen oder 

Eisenstücken am untern Theil beschlagen sind, kurz zer- 

schnitten und ausgedroschen, Der Bauer sitzt, um diese Dresch- 

. maschine zu beschweren, auf einem Stühlchen in Mitte der- 

‚ selben und treibt von hier aus die am Ring ziehenden 
Thiere an.“ 


Halten wir zum Vergleich noch die Schilderung von Roßmäßler 
(u, 227) aus Burriana daneben, der schreibt: 


„Es wurde eben gedroschen, Auf einem großen runden 
geebneten Stück Feldes waren etwa fußhoch die abgeschnitte- 
nen Aehrenenden des Weizens aufgeschüttet. Im Mittelpunkte 
dieser extemporirten Tenne stand ein Mann, der an einer langen 
Leine zwei Maulthiere, denen die Augen mit kleinen aus 
Esparto geflochtenen halbkugeligen Schalen verbunden waren, 
in bald kleineren bald größeren Kreisen herumtrieb. Sie zogen 
hinter sich ein dickes etwa vier Fuß langes und zwei Fuß 
breites Bret auf den Aehren herum, welches auf der Unterseite 
mit kleinen Eisenstücken gespickt war. Oben war es durch 
einen etwa 3 Centner schweren Stein belastet.“ 


Damit sind bereits alle wesentlichen Merkmale der Dreschtafel 
aufgeführt. Daß sie aus drei Brettern zusammengesetzt ist, bemerkt 
ausdrücklich nur Felder in der obengenannten Stelle, Diese Form 
findet sich auch noch heute im katalanisch-valeneianischen Gebiet, 
in der Sierra de Gata und in Moncorvo in Portugal”, Die anderen 
Reisenden erwähnen die Dreschtafel als „ein viereckichtes Bret 
einer Quadratelle“ (Plüer 268) aus der Mancha, „ein dickes vier- 
eckigtes Bret“ (Plüer 56) aus Altkastilien, „ein dickes etwa vier 
Fuß langes und zwei Fuß breites Bret" (Roßmäßler II, 227) aus 
Burriana, also aus einem Stück, wie sie auch noch heute für 


39 Meyer-Lübke, Zur Geschichte der Dreschgeräte, WS I, 220; Bierhenke, 
VER II, 30; Krüger, HPyr C II, 319 ft. 


ne 4 — 

Kastilien‘® sowie für Braganca“! bezeugt ist. Die auf Tafel 8 bei 
Gail dargestellte Zeichnung des Dreschens in der Mancha läßt die 
vordere der beiden Dreschtafeln gut erkennen. Diese stimmt auf- 
fallend mit der von Bierhenke“ für die Sierra de Gata beschriebe- 
nen überein: der trillo mißt ungefähr 1 m in der Länge und in der 
Breite, er besteht aus zwei mehrere Zentimeter dicken Brettern, 
die nach vorn zu aufgebogen sind. Diese werden durch zwei je 
20 cm breite Querriegel zusammengehalten. An jedem Brettende 
stehen zwei dicke Nietenköpfe hervor. Diese zweiteilige Form findet 
sich — neben der dreiteiligen — ebenfalls in der Sierra de Gataf2, 
Die Belege für das Vorkommen der zweiteiligen neben der drei- 
teiligen Dreschtafel im Gebiet von Valencia, sowie der aus einem 
wie aus zwei Brettern bestehenden in der Mancha, lassen auch für 
diese Landschaften (wie für die Sierra de Gata) auf den Gebrauch 
der verschiedenen Typen nebeneinander schließen, 

Die angeführten Schilderungen zeigen weiter, daß die Dresch- 
tafel auf der Unterseite mit Vorrichtungen zum Schneiden besetzt 
ist. Felder (II, 113) berichtet aus Cervera, daß die Bretter der 
Dreschtafel „mit vielen scharfen Steinchen oder Eisenstücken am 
unteren Theil beschlagen sind“, während Jariges (114) aus der 
Umgebung von Valladolid anführt, daß der trillo „unten mit meh- 
rern Reihen von scharfen Flintensteinen versehen“ ist. Nach Plüer 
(268/69) ist in der Mancha ebenfalls die Dreschtafel „unten ein- 
gekerbet, und mit kleinen scharfen Feuersteinen reihenweise be- 
schlagen“. Dem steht die Schilderung von Roßmäßler (II, 227) 
aus Burriana gegenüber, wo die Dreschtafel „auf der Unterseite mit 
kleinen Eisenstücken gespickt war". 

Die Verwendung von Feuersteinsplittern, die man sich am leich- 
testen beschaffen konnte, ist neben der von anderen Steinen das 
Ursprüngliche. Erst in neuerer Zeit treten Eisenstücke, Teile von 
Hufeisen und Sägen oder speziell für diesen Zweck gearbeitete 
eiserne Messer an ihre Stelle, wobei es sich zumeist um den all- 
mählichen Ersatz abgenutzter oder herausgefallener Steine handelt, 


40 A. Schulten, Kastilische Bauern. Deutsche Rundschau CLVI, 1913, 449. 
41 Coelho, Portugalia I, 641. 

42 VER II, 30. 

43 Bierhenke, VER II, 30. 


— 5 


ein Vorgang, wie er noch as vielenorts auf der Halbinsel zu 
beobachten ist*, . 

Hinsichtlich der zum Ziehen der re: ver- 
wendeten Tiere bestehen ähnliche landschaftliche Unterschiede, 
wie wir sie beim Austreten des Getreides kennengelernt haben. 
Ochsen, Maultiere, Pferde, Esel werden einzeln, zu zweit oder zu 
dritt vor den trillo gespannt. Wie man nördlich der Sierra de Gata 
Rinder benutzt, südlich davon aber meistens Maultiere und Esel#, 
so berichten auch Jariges (114) und Plüer (56) aus Alt- 
kastilien, daß man zum Dreschen mit der Tafel ein oder zwei 
Ochsen oder Maultiere verwendet. Dagegen nennen Lauser (316) 
als Zugtiere aus Vallacas in Neukastilien Pferde, Maultiere und 
Esel, Plüer (268/69) aus der Mancha Maultiere und Roß- 
mäßler (II, 227) aus Burriana (Valencia) ebenfalls Maultiere. Auf 
der Zeichnung von Gail (Tafel8) aus der Mancha wird auf der 
Tenne mit zwei Dreschtafeln gedroschen, deren jede von drei 
Pferden gezogen wird. Die Pferde sind nebeneinander mit je zwei 
Strängen an eine Zugstange angeschirrt, welche durch ein ungefähr 
ein halbes Meter langes Seil an der Dreschtafel befestigt ist. Gail 
(VII) schreibt dazu: 


» . . es möchte wohl für viele unserer Rossebändiger eine 
nicht so leichte Aufgabe seyn, auf einem einfachen — nach 
forne etwas aufgekrümten Brette stehend — zwei und mehr 
muthige, schwach geschirrte Pferde ohne Deichsel im engen 
Kreise auf ausgebreiteten Garben herumzutummeln, bis alle 
Körner aus den Hülsen gefallen sind.“ 


DaB die Tiere beim Dreschen Maulkörbe tragen, wie 
Bierhenke aus der Sierra de Gata für die Gegenwart anführt“®, wird 
von keinem der Reisenden berichtet. Diese Sitte scheint in weiten 
Teilen Spaniens ebenso wie auf Mallorca” unbekannt zu sein. 
Interessant ist dagegen Roßmäßlers oben wiedergegebene Beobach- 
tung aus Burriana, daß den beiden Maultieren beim Dreschen „die 


“4 vgl. Luquet-Rivet, Sur le tribulum, 627/628; Bierhenke, VKR II, 3. 

45 Bierhenke, VER II, 37. 

4 VER II, 38. , 

41 Rokseth, Terminologie de la culture des cör&ales dä Majorque, Bar- 
celona 1923, sagt nichts darüber. 


Augen mit kleinen aus Esparto geflochtenen halbkugeligen Schalen 
verbunden waren“, ein Verfahren, das noch heute in vielen Formen 
verbreitet ist. 


- Um die Dreschtafel zu beschweren, werden verschiedene 
Methoden angewandt. Daß der Lenker des Gespanns auf einem 
stuhlähnlichen Sitz mit der Dreschtafel im Kreise herumfährt, be- 
richten sowohl Jariges (114/115) wie auch Felder (II, 113), 
beide ungefähr aus derselben Gegend, dem nördlichen Altkastilien 
und Leön. Wie aus Jariges’ Darstellung deutlich hervorgeht, ist 
diese Art, das Gespann zu lenken, an die Verwendung von Ochsen 
als Zugtiere gebunden“, deren geruhsamer Gang das Lenken er- 
leichtert und bei dem langsamen Fortschritt der Arbeit das Bedürf- 
nis nach einer Sitzgelegenheit entstehen ließ. Wo Maultiere, Pferde 
oder Esel die Stelle der Ochsen vertreten — vorwiegend im mittle- 
ren und südlichen Teil der Halbinsel —, treibt der Lenker zumeist 
auf der Dreschtafel stehend die Tiere an“. So schildert Plüer 
(56/57) aus der Gegend von Paredes (Altkastilien) die Dreschtafel 
als „ein dickes viereckigtes Bret, worauf ein Manns- oder Weibsbild 
steht“, Und derselbe Verfasser (Plüer 268/69) berichtet von dem 
trillo in der Mancha: „... auf selbiges tritt ein Kerl, und treibt 
zwey daran gespannte Maulthiere beständig im Kreise herum.“ Eine 
noch andere Beobachtung hat Roßmäßler (II, 227) in Burriana 
gemacht. In der bereits wiedergegebenen Beschreibung führt er an, 
die Dreschtafel war oben „durch einen etwa 3 Centner schweren 
Stein belastet“, ein Verfahren, das heute noch in Träs-os-Montes 
und in der Sierra de Gata üblich ist. 


Dreschflegel. 


Obwohl der pisoteo oder die Dreschtafel auf der Pyrenäen- 
halbinsel durchaus vorherrschen, gibt es doch im Norden ein 
größeres zusammenhängendes Gebiet, das Teilgebiete der Pyrenäen, 
die baskischen Provinzen, Asturien sowie Teile von Leön, Galizien 
und Portugal umfaßt, in dem der in Mittel- und Nordeuropa ge- 


48 Hierzu Bierhenke, VKR II, 38. 
4 Vgl. Bierhenke, VKR II, 38. . 
50 Bierhenke, VKR II, 39, 


sl 


bräuchliche Dreschflegel in verschiedenen Varianten anzutreffen 
ist?!, Daneben ist er für die Alpujarras bezeugt. - . 

Auch unsere Reisenden erwähnen verschiedentlich das Dreschen 
mit Hilfe des Dreschflegels. So berichtet P lüer (268), „in Asturien 
und auf der nordlichen Küste drischt man auch das Getraide auf 
unsre im Norden gewöhnliche Art“, und Jariges (121), der in 
einem Dorfe bei Villafranca in Leön eine „zeltförmige Strohhütte“ 
bemerkt, schreibt dazu: „Hier bedient man sich wie bei uns der 
Dreschflegel, daher die Strohhütten und das Strohlager, das uns auf 
der gepflasterten Hausflur zu Theil ward.“ Im Grenzgebiet zwischen 
Spanien und Portugal, in der Serra do Gerez zwischen Orense und 
Minho hat auch Link (III, 56) das Dreschen mit Dreschflegeln 
beobachtet: 

„Die Drescher stellen sich in zwey Reihen gegen einander 
über, und lassen die Dreschflegel in einem langsamen Tact auf 
einmal fallen. Diese sonderbare Art haben wir hin und wieder 
in Minho bemerkt.“ 

Auffallend ist zunächst, daß Willkomm (Il, 108) den Dresch- 
fiegel auch im Süden der Halbinsel angetroffen hat. Über den Ab- 
stieg in das Tal von Trevelez in den Alpujarras berichtet er: 

„.. ungefähr nach einer Stunde kamen wir an große 
Strecken bebauten Landes und entdeckten einen kleinen Cortijo, 
in dessen Nähe eine Menge Arbeiter beschäftigt waren, auf 
einer „Era“ Roggen auszudreschen. Es war dies das erste Mal, 
daß ich Getreide mit Flegeln ausdreschen sah wie bei uns... .“ 

Die Erklärung dieser Erscheinung hat Krüger, HPyr c I, 331 ge- 
geben. 

c) Worfeln und Sieben des Getreides. 

Von den auf das Dreschen des Getreides folgenden Ernte- 
verrichtungen werden das Zusammenhäufen des Ausdrusches und 
das Errichten des Getreidehaufens®® von den Reisenden übergangen. 
Dagegen hat das Reinigen des Getreides durch Worfeln und Sieben 
verschiedentlich ihre Aufmerksamkeit erregt. Während man in 
Teilen der Hochpyrenäen®®, in Portugal, auf den Balearen, in der 

51 Vgl. Bierhenke, VKR II, 68. Über die heutige Verbreitung vgl. Krüger, 
HPyr C II, 264 ff., 329 ff. 


52 Vgl. Bierhenke, VKR II, 42 ff. 
58 Krüger, Worfeln und Verwandtes 5; HPyr C II, 349 ff. 


En > — 38. — 


Sierra de Gata und änderen Teilen der Halbinsel zum Worfeln 
sowohl Gabel wie Schaufel benutzt, wird in den Reiseberichten als 
Gerät nur die Schaufel angeführt. Dabei stammen alle Schilde- 
rungen aus Gebieten, in denen die Dreschtafel oder der „pisoteo“ 
üblich sind. 


So schreibt Plüer (270) über das Worfeln in der Mancha: 


„Man worfelt das ausgedroschene Getraide gleich auf der 
Tenne, wobey man sich langer Schaufeln bedienet. Diese 
Arbeit geschieht des Morgens früh, und des Abends gegen den 
Wind, welcher alsdenn gemeiniglich etwas bläset, und die 
Spreu zurück treibt.“ 


Ebenso berichtet Waltl (204) aus Andalusien, nachdem er von 
dem Austreten des Getreides gesprochen hat: „Dann wird es mit 
einer Schaufel geworfen, am liebsten, wenn der Wind weht.“ Ein- 
gehender schildert Lauser (316) den Vorgang aus Vallacas (Neu- 
kastilien), wobei allerdings der Begriff „Worfel“ unklar bleibt: 


„Wir stehen in den ersten Tagen des Juli; in der Nähe der 
Dörfer sind ganze Berge frischgeschnittener Frucht auf- 
geschüttet; die Luft ist erfüllt von Spreu und Strohtheilchen, 
die launenhaft bald hierher, bald dorthin fliegen, während die 
schweren Körner, die mit ihnen von der Worfel empor- 
geschleudert werden, zu den Füßen des Bauern niederfallen.“ 


Auf das Worfeln folgt zur weiteren Reinigung des Getreides 
gewöhnlich noch das Sieben®. Jariges (114) beobachtet aller- 
dings zwischen Valladolid und Astorga nur das Aussieben des ge- 
droschenen Korns: „... . die Körner werden... .. durch ein Sieb von 
der Spreu getrennt“, ein Verfahren, das an Stelle des Worfelns 
meist nur in den Gegenden üblich ist, wo der Dreschflegel die 
Dreschtafel ersetzt#. Auch Roßmäßler (II, 232) berichtet von 
dem Reinigen des Getreides aus Burriana. Seine ausführliche Dar- 
stellung steht ganz für sich und ist in mehrfacher Hinsicht inter- 
essant: 


54 Bierhenke, VKR II, 50 und 50, Anm. 4. 
3 Bierhenke, VER II, 53, 
sa Krüger, Worfeln und Verwandtes, 8; HPyr C II, 354 ff. 


we wen 


kb) 


„Es kann nicht fehlen“, schreibt er, „daß das Getreide, 
wenn es auf der Stegreiftenne ausgerieben’ ist,'’sehr mit Erd- 
klümpchen verunreinigt sein muß. Um diese zu beseitigen, läßt 
sich der spanische Bauer folgende sehr langsam fördernde 
Arbeit nicht verdrießen. Ich sah auf dem Markte große 
Espartomatten, estera, ausgebreitet. Darauf standen mit frisch 
gedroschenem Getreide gefüllte Säcke. Aus diesen schöpfte die 
Tochter des Landmannes, der vielmehr ein Bürger Burrianas 
sein mochte, ein paar Hände voll in einen großen hölzernen 
Mörser, einen etwa 1 Fuß tief ausgehöhlten Feigenstamm und 
stampfte die kleine Masse des mit Erde verunreinigten Ge- 
treides einige Augenblicke mit einer hölzernen Keule, um 
letztere in Staub zu verwandeln. Dann löffelte sie das Getre.ds 
mit einem kleinen Teller heraus auf einen Haufen auf die 
Matte, die so dicht und schön geflochten ist, daß kein Korn 
hindurchfällt. Der Vater raffte davon ebenfalls kaum mehr als 
ein Mäßchen auf einmal in ein Sieb, um den Erdstaub ab- 
zusieben. Der Siebboden ist von Pergament, in welchem mit 
einem Locheisen sehr zierlich und regelmäßig kleine Löcher 
ausgeschlagen sind.“ 


Das Sieb mit dem Boden aus Tierhaut ist das auch für Teile Kata- 
loniens, Asturiens und vereinzelt noch für die Sierra de Gata be- 
zeugte””. Das Stampfen des Getreides in einem Mörser wird 
nirgends erwähnt. Auffallend ist ferner, daß das Sieben des Ge- 
treides nicht auf der Tenne erfolgt, was allerdings wohl auch in 
anderen Teilen der Halbinsel üblich zu sein scheint?®, 


d) Die Aufbewahrung des Getreides. 


Die Aufbewahrung des Getreides konnte nur insoweit Gegen- 
stand der Aufmerksamkeit der Reisenden werden, als hierzu be- 
sondere, auffallende Bauten in Frage kamen, Dies trifft für die 
Maisgebiete Nordwestspaniens und des nördlichen Portugal zu, in 
denen der charakteristische Pfahlspeicher — hörreo — zu finden ist”. 


57 Bierhenke, VER II, 55; Krüger, HPyr C II, 35 ff. 

58 Vgl. Bierhenke, VKR II, $4, Anm. 1. 

58 Über die Verbreitung vgl. Frankowski, Hörreos y palafitos de la 
peninsula iberlca 5, 


40) ‚ 


Diese uralten Kornspeicher haben die deutschen Reisenden im 
Baskenland, in Asturien und in Galizien gesehen ‘und beschrieben. 
Humboldt (Baskische Reise 412) berichtet in seinem Tagebuch 
aus Durango über den baskischen garatja®: 


„Eine Art Kornböden (Hechert) wie sie ehemals überall 
üblich waren, jetzt seltner sind. Wie bei uns die Taubenhäuser. 
Auf 4 runden Steinen stehen 4 steinerne abgestumpfte Pyra- 
miden, und auf jeder liegt ein runder Stein wie ein Mahlstein. 
Darauf ist das Gebäude gebaut. Die Treppe von Stein aber 
auf der letzten Stufe etwas ab von dem Hause, so daß man 
einen großen Schritt machen muß. Diess und die Mühlsteine 
wegen der Ratzen. Oben im Hause hob man das Getreide auf 
und rund herum hatte man Bienen.“ 


Danach waren sie also in den baskischen Provinzen schon vor mehr 
als hundert Jahren im Abnehmen begriffen, während nach Iturriza 
y Zabala®! um 1785 noch jedes Bauernhaus einen eigenen hörreo 
besaß. Heutzutage ist der baskische Getreidespeicher zu einer 
großen Seltenheit geworden; er findet sich nur noch vereinzelt in 
abgelegenen Gegenden“. Das Charakteristische des garaixe sind 
Dach und Giebel, die ohne weiteres die Verwandtschaft mit dem 
baskischen caserio erkennen lassen. Wenn Humboldt auch nicht 
näher darauf eingeht, so deutet er doch — in Übereinstimmung mit 
den erhaltenen Beispielen — ihr Aussehen an, wenn er schreibt, 
„wie bei uns die Taubenhäuser“. Steintreppe und Unterbau zeigen 
im übrigen die gleiche Form wie beim asturischen hörreo. 

Über den asturischen hörreo unterrichten uns Felder und 
Lorinser. Felder (III, 31) schreibt: 


„Besondere Art ihre Früchte, Fleisch, Speck etc. auf- 
zubewahren, besitzen diese Asturianer. Beinahe jedes Haus hat 


@ So Humboldt. Andere Wortformen sind garaya (Iturriza 61), garalxe 
(Frankowski 29), garay (Aranzadi 348). Über die heutigen Bauformen vgl. 
AEuFo VI, 137 ff., VII, 127 ff. 

61 Historia general de Vizcaya, hg. von P.Fidel Fita, Barcelona 1884, 
S.61 Anm, 

62 Frankowski, a.a.0.28; AEuFo VI, 137—145; VII, 127—136; IX, 63-66; 
XII, 61. 

63 Frankowski, a.a. 0.5. 


al 


in seiner Nähe oder dicht vor demselben, noch ein anderes, auf 
vier oder sechs aufrecht stehenden Balken »ruhendes, aus 
Brettern zusammengefügtes Häuschen (el orrio genannt) stehen; 
man steigt mittelst einer Leiter zu diesem luftigen Magazin, in 
dem meist alle Lebensmittel aufbewahrt sind, und wohin weder 
Maus noch Ratte gelangen kann.“ 


Leider läßt sich nicht feststellen, wo der Verfasser den asturischen 
orrio (neben hörreo kommt auch orro vor)? beobachtet hat. Ge- 
wöhnlich sind die Säulen, die den Speicher tragen, in Asturien aus 
Stein, seltener aus Holz. Außerdem führt meist eine Steintreppe 
zu der Türöffnung hinauf, während Leitern in Galizien verbreite- 
ter sind®, 

Ausführlicher und zutreffender ist Lorinsers (Neue Reise- 
skizzen I, 164) Schilderung aus Colombres in Asturien: 


„Stallung und Düngergrube und eine Art sonderbar ge- 
bauter Speicher fehlen fast niemals in der Nähe der Gehöfte. 
Diese letzteren haben eine höchst charakteristische, sehr 
malerische Form. Sie stehen auf vier kegel- oder pyramiden- 
artig gehauenen, säulenartigen Steinen, haben hölzerne Wände, 
und sind mit einem vorspringenden Dach von Hohlziegeln, das 
wie eine flache Pyramide in eine Spitze endigt, gedeckt, In 
ihnen wird nicht nur das Getreide, die Maiskolben und andere 
Feldfrüchte, sondern auch Obst, Heu usw. aufbewahrt.“ 


Auch in Südgalizien und Nordportugal besteht das Dach gewöhnlich 
aus Ziegeln®®, doch haben wir dort einen langgestreckten First. 

Die galizischen hörreos hat Lorinser (Neue Reiseskizzen |, 
357) an der Ria von Vigo kennengelernt. Er schreibt darüber: 


„Aus dem üppigen Grün tauchten überall nette Häuser auf, 
neben denen, oder auch mitten auf den Feldern, sich ganz 
eigenthümliche, kleine, steinerne Baue erhoben, die fast wie 
kleine Capellen oder wie große Sarkophage aussahen, und alle 
mit einem netten, steinernen Kreuz geschmückt waren. Gleich- 
wohl sind es nur die hier zu Lande üblichen Speicher, die zur 


% Frankowski, a.2.0.11. 
65 Frankowski, a.a. 0.21. 
66 Krüger, WS X, 90. 


— 4) _— 


Aufbewahrung der Maiskolben dienen. Diese kleinen Gebäude, 
die überall gleich Bundesladen auf den Feldern und neben den 
Häusern standen, verliehen der Landschaft einen ganz eigen- 
thümlichen Reiz. Nirgends habe ich etwas Ähnliches gesehen, 
was mit diesen capellenartigen, kleinen Speichern an der Ria 
von Vigo sich vergleichen ließe. Gleichwohl ist ein gewisser 
Anklang an die asturischen Speicher... .. nicht zu verkennen, 
obgleich diese viel größer sind und eine ganz andere Gestalt 
haben.“ 


Der Verfasser hat ganz richtig beobachtet, wenn er sagt, daß 
hörreos in Galizien im Gegensatz zu den asturischen kleiner und 
länger sind®’. Dagegen finden sich Holz- oder Steinkreuze (und 
-pyramiden) als Dachschmuck nicht nur in der Nähe von Vigo, 
sondern in ganz Galizien, und zwar am schönsten in der Umgebung 
von La Corufia®. 

Darüber hinaus sind Kreuze als Giebelschmuck, meist sehr ein- 
fach, teilweise aber auch geschmackvoll geschnitzt, auch in der 
Albufera von Valencia verbreitet, wo sowohl die barracas wie auch 
Ställe und Speicher häufig damit verziert sind®. 


3. Bewässerungsanlagen. 


Die in vielen Teilen Spaniens verbreiteten Bewässerungs- 
anlagen, die sich besonders gut in den Gebieten ehemals maurischer 
Kultur an der Ostküste und in Andalusien erhalten haben, sind 
natürlich der Aufmerksamkeit der deutschen Reisenden nicht ent- 
gangen. Doch begnügen sie sich leider bei den Wasserhebewerken 
zumeist damit, die Gegenstände kurz zu beschreiben, ohne auf 
Einzelheiten näher einzugehen. Es werden angeführt: Wasserhebe- 
werke (norias, gruas), Bewässerungskanäle (acequias) und Be- 
wässerungsgruben (navazos). 


67 Über die Vielgestaltigkeit der hörreo-Formen in Galizien unterrichtet 
J. Löpez Soler, Los hörreos gallegos. Sociedad Espafiola de ‚Antropologfa, 
Etnologia y Prehistoria X, 1931, 97—162. 

68 Frankowski, a.a.O.27. 

® Thede, VER VI, 236 und Tafel II, 5 und 6, 


rag 


a) Norias, gruas. Ense zwi 


Von den von Krüger”® für das nordwestiberische Gebiet unter- 
schiedenen zwei Formen von Wasserhebevorrichtungen erwähnen 
die Reiseschriftsteller nur die Brunnenwasserhebewerke. So be- 
richtet Hackländer (I, 254) aus der Huerta de Valencia: *"" 


w . . kleine Brunnen von malerischer Gestalt sieht man auf 
allen Seiten; ein Pferd treibt das horizontale Rad, welches das 
Paternosterwerk bewegt — eine vertikale, mit Zähnen ver- 
sehene Scheibe, über welche an Seilen irdene Krüge laufen, 
die das Wasser unten schöpfen und oben in einer Rinne aus- 
gießen. Mir waren diese Brunnen alte, liebe Bekannte. aus 
Syrien und Aegypten... .“ 


Diese wenig eingehende Beschreibung zeigt dennoch bemerkens- 
werte Unterschiede zu den im Nordwesten der Halbinsel noch 
vorhandenen Wasserhebewerken’!. Statt des horizontalen Rades 
finden wir dort eine gewaltige. senkrecht stehende Achse, deren 
Drehung durch Maulesel bewirkt wird. Ebenso auffällig ist die 
vertikale Scheibe mit den an Seilen befestigten irdenen. Krügen, 
an deren Stelle in Nordportugal das mit hölzernen Schöpfeimern 
besetzte große Holzrad tritt. Andererseits liegt der Vergleich mit 
den aus Südspanien oft abgebildeten”? und gelegentlich genauer be- 
schriebenen”® norias nahe. Auf die Verbindung mit ähnlichen 
Schöpfwerken im Orient weist, allerdings ohne nähere Einzelheiten 
anzugeben, auch Helmrich (94) hin, der sagt, daß in der Huerta 
von Valencia 


w. . die größeren Besitzungen ... eigene Norias (tiefe 
Senk Brunnen) haben, aus denen die Grundwasser mit Schöpf- 
rädern, ganz wie die Sakiehs in Aegypten und Syrien von 
Ochsen getrieben, nach Reservoirs empor gehoben, und aus 
diesen durch gemauerte Rinnen auf die Felder geleitet werden.“ 


Die Bezeichnung noria für das Schöpfrad ist am verbreitetsten. Sie 


70 WS X, 102, 

21 Vgl. Krüger, WS X, 103 ft. 

72 Der deutsche Leser sei beispielsweise auf. Fr. Christiansen, Das 
spanische Volk. Leipzig 1937, S. 324, hingewiesen. 

73 Vgl. W. Giese, Brunnenschöpfräder der Manche, ZRPh LIV, 517—522. 


BE Yvnes 


findet sich außer in weiten Teilen Spaniens auch in Träs-os-Montes, 
und als nora im übrigen Portugal”, wenn auch die Formen der 
Schöpfwerke teilweise erhebliche Unterschiede aufweisen”®. Aus 
Andalusien — leider ohne nähere Ortsangabe —— führt Waltl (206) 
das Wort an: 


„Das Wasser kömmt aus den tiefen Brunnen durch ein 
Schöpfrad (noria) das von ein oder zwei Ochsen in Bewegung 
gebracht wird; es fällt in eine Rinne und diese führt es in ein 
großes Behältniß, von dem es hingeleitet wird, wohin man will.“ 


Nur in Katalonien kommt eine andere Bezeichnung vor, So be- 
richtet Ziegler (1,103) aus Villafranca del Panades in Kata- 
lonien: 

„Man sieht in der Nähe hier und da Wassermaschinen an- 
gebracht, welche, gruc genannt, von wesentlichem Nutzen sind, 
indem sie vermittelst eines Schöpfrades mit Eimern, welche 
meist von Pferden, Maulthieren oder Ochsen in Bewegung 
gesetzt werden, aus tiefen Gruben das Wasser zur Bewässerung 
der Felder herausholen.“ 


Aus der Beschreibung geht hervor, daß mit den „Wassermaschinen“ 
Wasserhebewerke wie die norias gemeint sind”®, obwohl grua eigent- 
lich der Name für den Ziehbrunnen ist??. 


Je nach der Gegend wechseln die Tiere, mit deren Hilfe die 
norias in Bewegung gehalten werden. Im Nordwesten der Halb- 
insel werden Maulesel verwendet”®, Ziegler nennt für Katalonien 
Pferde, Maultiere oder Ochsen, Hackländer für Valencia Pferde”®, 
Helmrich dagegen Ochsen, und auch Waltl führt für Andalusien 
Ochsen an. 


14 Krüger, WS X, 103. 

75 Vgl. W.Giese, Über portugiesische Brunnen. WS XI, 1928, S. 65—73. 

7e Vgl. über die Wasserhebewerke im katalanischen Gebiet die auf- 
schlußreiche Darstellung von Fr. de B. Moll, Nomenclatura de les sinies del 
Pafs Valencid i les Illes Balears, BDC XXIV, 1936, 82-97. 

77 Vgl. Krüger, WS X, 101, Anm. 1. 

78 Krüger, WS X, 104. 

9 Ebenso werden nach Thede, VKR VI, 270 noch heute in der Albufera 
von Valencia Pferde verwandt. 


— le 


b) Aceguias. 


Neben den Wasserhebewerken spielen die Berieselungsanlagen 
mit Hilfe von Flüssen und Bächen besonders in den Küstenebenen 
eine hervorragende Rolle in der spanischen Landwirtschaft. Über 
das kunstvolle System der acequias in der Huerta von Valencia 
schreibt Hackländer (I, 267): 

„Die ganze unglaubliche Fruchtbarkeit der Ebene von 
Valencia, die ihr mit so vielem Rechte den Namen Huerta 
(Garten) erworben hat, hängt... von dem künstlichen Be- 
wässerungssystem ab, wodurch das Wasser des Guadalaviar in 
einem Netze von Kanälen (acequias) und kleinen Gräben über 
die ganze Ebene verbreitet und bis zu jedem einzelnen Beete 
der unzähligen Gärten geleitet wird, von denen jeder, betrüge 
er auch kaum anderthalb Morgen, zu dem Unterhalte einer 
Familie hinreicht. Diese arabischen Wasserleitungen, welche 
das Wasser zuführen, sind gemauerte Kanäle, laufen oft zwei- 
oder dreifach über einander und sind in ihrem Fall und ihrer 
Aufstauung so richtig berechnet, daß tausend Jahre in dem 
Gebrauch keine Aenderung erzeugten. 

Solcher Aderlässe — im Spanischen bedient man sich des 
Ausdrucks sangrar und sangria in dieser Bedeutung — muß der 
Guadalaviar auf seinem ganzen Laufe von etwa fünfund- 
zwanzig Leguas nicht weniger als dreißig erleiden, von denen 
jedoch nur die acht letzten und bedeutendsten der Huerta von 
Valencia zu Gute kommen.“ 

Und ergänzend hierzu berichtet Willkomm (I, 108/109), wie nur 
unermüdliche Tätigkeit der Bewohner und strengste Unterordnung 
unter die Vorschriften die reibungslose Abwicklung des komplizier- 
ten Bewässerungssystems ermöglichen: 


“ nur durch die größte Sparsamkeit und die gewissen- 
hafteste Vertheilung des Wassers ist es möglich, daß alle diese 
Ländereien von Zeit zu Zeit (gewöhnlich aller 8 Tage) ihren 
gehörigen Antheil an Wasser bekommen, um frisch erhalten zu 
werden. Aus diesem Grunde kann der Arbeiter in der Huerta 
von Valencia niemals ruhen, denn zu der bestimmten Stunde, 
wenn die Reihe an sein Feld kommt, muß er zugegen sein, um 
die Schleussen zu ziehen oder zu schliessen und seine Aecker 


— r m —— 


- 


a4 


zu bewässern, und wäre es auch um Mitternacht; denn eine 
einzige Stunde Zögerns würde eine ungeheure Störung in das 
ganze Bewässerungssystem bringen und großen Schaden ver- 
ursachen. Um hierüber mit Strenge zu wachen und die Streitig- 
keiten schnell zu entscheiden, .... besteht seit der Zeit der 
Mauren ein besonderer Gerichtshof, das Tribunal de Ace- 
quieros.... Dieses Tribunal wird aus 7 Sindicos zusammen- 
gesetzt, welche von den Landleuten der Distriete gewählt 
werden, die den 7 Acequias von Tormos, Rascafia, Mislata, 
Mestalla, Fabara, Rovella und Manises entsprechen, Die Be- 
wohner des achten Distriets, der großen Acequia de Moncada, 
gehören nicht unter diese Gerichtsbarkeit .... Die erwähnten 
7 Syndici sind einfache, in der Erbauung der Felder erfahrene 
Landleute, welche jährlich einen der Regidores de Justicia 
(Dorfrichter) von einer der zur Huerta gehörigen Ortschaften 
zu ihrem Präsident erwählen, und jeden Donnerstag um 12 Uhr 
Mittags sich zur Abhaltung des Gerichts unter dem am Consti- 
tutionsplatze gelegenen Portal der Cathedrale versammeln, 
welches den Namen Puerta de los Apostoles führt .. .“ 


Dieses Tribunal de Acequieros übt bekanntlich noch heute!? heute 
wie in alten Zeiten seine Tätigkeit aus. 


Eine besondere Einrichtung, die den Landleuten die Inne- 


haltung der Berieselungszeiten erleichtert, schildert Willkomm 
(II, 30/31) aus der Vega de Granada. Im höchsten Turme der 
Alhambra, der Torre la Vela, ist eine Glocke aufgehängt. 


„Diese Glocke ist dazu bestimmt, die Nacht hindurch den 
mit der Bewässerung der Vega beschäftigten Landleuten fort- 
während die Stunde zu verkündigen, damit keine Irrung in der 
Zeit, wie lange ein Grundbesitzer das Wasser auf seinem Gebiet 
behalten darf, eintreten kann. Diese von den Mauren her- 
rührende Anordnung wird folgendermaßen ausgeübt. Die Nacht 
ist in zwei Velas oder Wachen eingetheilt. Die Vela primera 
umfaßt die Zeit von 10 Uhr Abends bis Mitternacht, die Vela 
secunda die Zeit von Mitternacht bis 4 Uhr Morgens. Von 10 bis 
11 Uhr thut die Campana la Vela, wie diese Glocke genannt 


80 Vgl. die Darstellung von Fr. Christiansen, Die spanische Riviera und 


Mallorca. Berlin 1929, S. 215/216. 


Au — 


wird, in regelmäßigen Zwischenräumen von 5 Minuten zwei 
Schläge, von 11 bis 12 Uhr drei. Von 12 bis 1. Uhr. erschallt 
blos ein Glockenschlag, von 1 bis 2 Uhr zwei, von 2 bis 3 Uhr 
drei und von 3 bis 4 Uhr vier. Punct 4 Uhr wird Ave Maria 
geläutet und an die Glocke geschlagen.“ \ 


c) Navazos. 


Als eine weitere Form der Bewässerung, die wohl einzig 
dasteht, sind die navazos an der Küste des Atlantischen Ozeans in 
der Nähe von Cädiz anzusehen. Willkomm (II, 255) hat sie als 
einziger bei seinem Aufenthalt in Puerto de Santa Maria genau 
beschrieben: : 
„Da es hier... an Wasser zur Bewässerung fehlt, so 
machen die Bauern hinter der hohen Dünenkette, die sich längs 
des Strandes hinzieht, große viereckige Gruben in den Sand 
(denn das ganze Land besteht bis an den die Ufer des 
Guadalete bildenden Marschboden lediglich aus Flugsand), 
deren Niveau tiefer als der Spiegel des Meeres liegt. Das Meer- 
wasser sickert nun langsam hindurch und erhält den Boden in 
diesen Gruben, die man „Navazos“ nennt, fortwährend feucht, 
weshalb hier das herrlichste Gemüse und namentlich viele 
Feigen- und Mandelbäume ... auf das Ueppigste gedeihen. 
Diese halb unterirdischen Gärten, die alle mit der größten 
Sorgfalt angelegt und von Rohrhecken umschlossen sind, 
machen mit ihren saubern Häuschen in dieser scheinbar so 
sterilen Gegend einen sehr freundlichen Eindruck . . .“ 


Ganz an der gleichen Stelle, zwischen Rota und Sanlücar de Barra- 
meda befinden sich noch heute diese Berieselungsfelder. „Son estos 
navazos excavaciones hechas en las dunas playeras, cuyo fondo se 
ve dos veces cada dia humedecido de agua dulce que llega hasta 
alli por la presiön del mar en la creciente de sus mareas“, sagt der 
Verfasser einer modernen spanischen Abhandlung darüber®!. Eine 
Beschreibung der navazos hat schon Fernän Caballero in ihrem 
Roman Gaviota gegeben®®. 


81 Dionisio Perez, Gufa del buen comer espanol. Madrid 1929, S. 87. 
82 Vgl. noch O. Jessen, Südwestandalusien. Gotha 1924, S.'40, 


ee 


4 Landwirtschaftlicher Transport. 
a) Der carro chillön. 


Unter den landwirtschaftlichen Transportgeräten hat der 
Ochsenkarren, der carro chillön, wie er allgemein heißt, wegen 
seines auffallenden und urtümlichen Baues ganz besonders das 
Interesse der Reisenden erregt. Während er noch heute im ganzen 
nordwestspanischen Gebiet, vom Baskenland über Asturien, Leön 
und NW-Zamora bis nach Galizien, und in Portugal bis zum Tejo 
verbreitet ist, dem zentralen und südlichen Teil der Halbinsel aber 
fehlt®®, haben ihn die deutschen Besucher fast ausschließlich in den 
baskischen Provinzen beobachtet, da das übrige Nordwestspanien 
kaum von ihnen bereist worden ist. Daneben besitzen wir Dar- 
stellungen über den Ochsenwagen von Link und Bergh aus der 
Umgebung von Lissabon. 

Wenn die Beschreibungen auch nur teilweise auf Einzelheiten 
eingehen, so stellen doch fast alle Reisenden die charakteristischen 
Merkmale des carro chillön heraus: das Fehlen des Speichenrades 
und die mit den Radscheiben fest verbundene und sich drehende 
Achse. So berichtet Rochau (Il, 282) aus der Umgebung von 
San Sebastiän: 


„Die Ackerwagen sehen aus als ob sie wenigstens seit zwei» 
tausend Jahren nach demselben Modell gezimmert würden ... 
Es sind kleine und niedrige Karren, deren Räder durch volle 
Scheiben gebildet werden, die sich mit der Achse, an welcher 
sie festsitzen, ächzend und kreischend umdrehen.“ 


Und ebenso schreibt Jariges (45) aus Irün: 


„Häufig fuhren winzige Bauerwagen, mit zwei Ochsen be- 
spannt, bei uns vorbei; ihre ungeschmierten Räder, die keine 
Felgen haben, sondern eine große Scheibe bilden, welche, statt 
um die Achse zu laufen, sich mit dieser umdreht, machen ein 
unerträgliches Gekreisch, das man in den Berggegenden sehr 
weit hören kann... .* 


Wie diese beiden Reisenden führen alle übrigen — auch aus 


Portugal — an, daß die Räder des carro chillön volle Scheiben 


88 Krüger, WS X, 8. 


les 


N) 


bilden. Diese massive Form ist in ihrer Einfachheit sicher als die. 
ursprüngliche anzusprechen. Heute tritt sie auf der Pyrenäen- 
halbinsel gegenüber den vielen verschiedenartigen von Öffnungen 
durchbrochenen Radformen stark zurück. Das volle Scheibenrad 
findet sich nur noch vereinzelt im Baskenland, etwas häufiger im 
Alto Minho und in Braga®. Als einziger erwähnt Humboldt 
(Spanienreise 130) Räder mit Segmenten, die er aber weniger in den 
Baskischen Provinzen als in Altkastilien beobachtet hat. So schreibt 
er aus Guipüzcoa: 


„Merkwürdig sind einem hier die Ochsenkarren. Sie sind 
sehr klein, so daß sie nur sehr wenig laden können, und haben 
statt der Räder große, ganz massive Scheiben, mit denen sich 
die Axe zugleich umdreht. Aehnliche Räder sah ich bis Segobia 
hin, nur daß außer dem Gebirg meist Oefnungen darin sind. 
Manchmal gehen Stöcke, wie zwei Sehnen, die die eine mit dem 
horizontal- die andre mit der perpendikular-Durchmesser des 
Rades parallel laufen, von einem Rade zum andern und alles 
übrige ist offen. Manchmal sind nur einige dieser Segmente 
offen, manchmal sind sie anders angeordnet, nie aber sah ich 
Speichen.“ 


Diese Schilderung zeigt, daß in gewissen Gegenden anscheinend 
schon zu damaliger Zeit eine Fülle von verschiedenen Radformen 
ausgebildet war, ähnlich wie wir es noch heute auf einem so kleinen 
Gebiet wie Sanabria wahrnehmen können®®, 

Eine genauere Beschreibung des Scheibenrades gibt Baum- 
gärtner (12/13), der von den Ochsenkarren aus Tolosa sagt, sie 


„. . . sind sehr niedrig und haben nur zwei Räder, welche 
aus Pfosten bestehen; sie halten 30 Zoll im Durchschnitt, haben 
keine Speichen, sondern sind aus dem Ganzen. Das Sonder- 
barste an ihnen ist, daß die Achse an dem Rade festgemacht, 
und sich mit demselben in einem eisernen Ringe am Wagen 
umdreht. Auch sind die Räder an den Enden nicht breiter als 
einen Zoll, an der Achse aber stärker und mit einem, einen 
Zoll dicken und breiten, eisernen Reifen belegt.“ 


% Krüger, WS X, 74. 
8 Vgl. die Radformen bei Krüger, GK 213 (Abb. 18), 


Soniorrostro im Baskenland: f; ‚ 


„Die beiden Räder sind meistens massiv von hartem Holz, 
mit starken eisernen Reifen versehen und außerdem auf beiden 
Seiten durch starke, kreuzweis gelegte Eisenbänder vor dem 
Zerspringen gesichert. Die Dicke dieser eisenbeschienten Holz- 
scheiben beträgt höchstens anderthalb Zoll, weshalb sie mit 
Leichtigkeit durch Gestrüpp, hohes Gras, zwischen Gerölle und 
Felstrümmern durchkommen.“ 


Gut ist die Beobachtung Baumgärtners, daß sich der mittlere Rad- 
durchmesser nach der Achse zu verdickt, wie dies auch heute noch 
insbesondere für den spanischen Ochsenkarren mit massiven Rädern 
zutrifft®, Daß die Räder aus mehreren Stücken bestehen, deuten 
Baumgärtner und Link als einzige an, ohne allerdings die Anzahl 
der Radteile anzugeben. Nach Baumgärtner sind die Räder „aus 
Pfosten“, während Link (III, 174) aus der Umgebung von Lissabon 
schreibt: „Die Räder sind nicht von einem Stücke, sondern ... . aus 
j plumpen gefüllten Stücken zusammengesetzt . . .“ Aus drei Planken 
besteht auch heute noch das Rad des carro chillön — sowohl das 


f 
— 5 
Ähnlich berichtet auch Willkomm (Wanderungen I, 111) aus 


| 
massive wie das mit Öffnungen versehene — in Navarra, im 
| Baskenland®’, in Galizien® und in der Serra da Estr&la®,. Fünf- 
teilige Räder dagegen kommen in Sanabria, Zamora und Leön vor®. 
Über die Verbindung von Achse und Wagen sagt Baumgärtner, 
daß sich die Achse „in einem eisernen Ringe am Wagen umdreht“. 
Diese Art der Befestigung ist ungewöhnlich. Nach Willkomm 
(Wanderungen I, 111) ist der Karren von Somorrostro anders 
gebaut: 


„Die Räder selbst drehen sich gar nicht, indem sie fest an 
j die an ihren Enden vierseitig zugeschnittene Axe angeschlagen 
sind, sondern es dreht sich die Axe, welche durch zwei 
verticale, an ihren untern Enden mit runden Löchern versehene 
Balken hindurchgeht, die zu dem eigentlichen Gerüste des 


86 Aranzadi, FoCoEsp I, 322; vgl. auch Krüger, GE 212. 
87 Aranzadi, FoCoEsp I, 322, 

88 Ebeling, VER V, 76. 

88 Messerschmidt, VER IV, 146. 

9 Krüger, GK 212 ff. 


us 


Arsen. 


Karrens gehören. In diesen Löchern bewegt sich die hölzerne 
Axe nur mit einiger Schwierigkeit, was def Vortheil bringt, 
daß der Karren, er mag leer oder beladen sein, selbst auf sehr 
abschüssigen Wegen dem Zugvieh niemals in die Beine rollt 
und ungehemmt stehen bleibt, wo man will.“ 


Die Achse dreht sich bei den jetzt gebräuchlichen Karren mit 
den Rädern zwischen Holzkeilen, die beiderseits der Achse die 
darüber befindlichen Gabeln des Wagengestells durchstoßen. Oben 
stößt sie gegen ein an dem Unterrad der Gabeln befestigtes Holz- 
stück. Bergh (242/243) berichtet von einer ähnlichen Konstruk- 
tion der Bauernkarren aus der Umgebung von Lissabon: 


„Hier drehen sich zwei große volle runde Scheiben, welche 
die Räder ersetzen, nicht um die Achse, sondern zugleich mit 
derselben und der Wagenkasten schwebt dann, über die Achse 


6 


herübergreifend, zwischen den hölzernen, radähnlichen Klötzen, 
wodurch oft durch die Reibung ein fürchterlicher Lärm ent- 
steht... .“ 


Diese Schilderung hat er durch die beigefügte Zeichnung ver- 
deutlicht. 

Auf den Wagenaufbau geht Lorinser (Neue Reiseskizzen I, 
88) ein. Er schreibt aus der Gegend von Durango: 


„An dem die Last enthaltenden Aufsatz, der auf diesen 

_ Rädern ruht und ganz die Form unserer aus vier Brettern 

zusammengeschlagenen Mistkarren hat, ragen an den vier 

Ecken lange, mit allen Krümmungen und Knorren, wie die 

Natur sie hervorgebracht hat, versehene, abgeschälte Stäbe in 
die Luft ,. .“ 


Die abgeschälten Baumäste oder Holzspieße, die als Stützen für die 
zu befördernde Last in den Wagenboden eingelassen werden, sind 


f 


91 Krüger, GK 204f.; vgl. auch Aranzadi, FoCoEsp I, 328, und Messer- 
schmidt, VKR IV, 146. 


— 52 — 


auch heute noch allgemein üblich. Je nach der Art der Ver- 
wendung des Wagens schwankt die Zahl zwischen vier und zehn, 
Daneben sind Seitenwände, Vorder- und Rückwand entweder mit 
Flechtwerk oder mit Brettern ausgefüllt, wovon Lorinser aber 
nichts berichtet. Dieses Flechtwerk des Wagenaufsatzes erwähnen 
zwei Reisende aus dem Baskenland. So sagt Rig&l (1839; 56) 
von dem Ochsenkarren: „Ein aus Weiden geflochtener Korb ruht 
auf der Achse“, während Humboldt (Baskische Reise 409) aus 
Oyarzun bei Durango bei der Schilderung eines Gehöftes schreibt: 
„Da stand die kleine knarrende mit einem Korb wie ein Schanz- 
korb umgebene Ochsenkarre .. .“ 

Mit dem Begriff des Ochsenkarrens ist unlöslich die Vorstellung 
des Ächzens und Knarrens verbunden. Die Reibung der mit den 
Rädern sich drehenden, ungeschmierten Achse an ihrem Lager 
erzeugt fortwährend einen schrillen, weithin vernehmbaren Ton, 
ohne den der Landschaft gewissermaßen aber doch etwas von ihrer 
Eigenart fehlen würde. Darauf hat schon Cervantes hingewiesen. 
Humboldt (Reiseskizzen 234/235) schreibt darüber aus Tolosa: 


„Das Gefühl, daß wir uns in einem fremden Lande be- 
fanden, wurde uns von den ersten Schritten in Guipuzcoa an 
auch durch ein sonderbares Geräusch erneuert, welches den 
Reisenden, ehe er daran gewöhnt ist, wunderbar überrascht. 
Es ist das knarrende Pfeifen der kleinen Ochsenkarren, denen 
man hier alle Augenblicke begegnet. Die Räder dieser Wagen 
sind nämlich vollkommene Scheiben, ohne getrennte Speichen; 
und statt daß sie sich um die Achse drehen sollten, dreht sich 
die Achse selbst mit ihnen um. Dies giebt ein so langsam ge- 
zogenes und doch eindringendes Pfeifen, daß es, besonders am 
Abend und in der Ferne gehört, so daß man nicht augenblick- 
lich die Ursach davon entdeckt, einen sonderbar traurigen und 
schwermütigen Eindruck hervorbringt .... Dies Pfeifen hat zu 
einem National-Sprichwort unter den Biscayern Anlaß gegeben; 
„da der Stier sich beklagen sollte“, sagen sie, „thut es der 


e2 Z.B. acht zumeist in der Serra da Estr&la (Messerschmidt, VKR IV, 
151), zehn in der Provinz Lugo (Ebeling, VKR V, 80). 

93 Krüger, GK 221; Ebeling, VKR V, 80; Messerschmidt, VER IV, 132 
bis 153. Inzwischen sind noch einige Darstellungen lokaler Typen aus Nord. 
und Nordwestspanien gegeben worden. 


Turn. Hr 


=D mn 


-3— 


Wagen.“ (Es ist unmöglich, die Kürze der Biscayischen Sprache, 
vorzüglich in sprichwörtlichen Redensarten, nachzuahmen. Hier 
2.B. sagt sie bloß: da der Stier klagen sollte,"der’ Wagen, idiac 
erassi beharrean gurdiac.) — ein Beweis, wie auffallend diese ein- 
törmigen Klagetöne auch dem Volke gewesen sind und wie schon 
dieselben gleichsam zu der Physiognomie des Landes gehören.“ 

Diese Schilderung Humboldts deckt sich überraschend mit dem 
Eindruck, den Krüger” von dem eigenartigen Geräusch des 
Ochsenkarrens in Sanabria empfing. Und das von Humboldt 
zitierte baskische Sprichwort verrät ebenso wie die von Aranzadi?* 
angeführten Volkslieder aus Galizien und Burgos, daß der seltsame 
Reiz dieser langgezogenen Töne auch auf das Gemüt des Volkes 
seine Wirkung nicht verfehlt hat. 

Die Frage, weshalb man sich nicht bemüht, das Ächzen des 
Wagens abzustellen, wird auch von den Reisenden aufgeworfen. 
Jariges (45) berichtet aus Irün, daß das „unerträgliche Ge- 
kreisch ... . wie man sagt, dazu dienen soll, die Wölfe zu ver- 
scheuchen“. Und Link (III, 174/175) schreibt von den portugie- 
sischen Ochsenkarren in der Umgebung Lissabons: 


„Einige Portugiesen sagten mir, das Geräusch der un- 
geschmierten Räder diene die Ochsen anzutreiben, andere be- 
haupten, es verscheuche die Raubthiere, und sey in Hohlwegen 
von weitern zu hören.“ 


Daß die Zugtiere durch das Knarren des Gefährts ermuntert werden 
sollen, wird auch von Bergh (242/243) angeführt: „... sie 
meinen, daß die Ochsen dadurch zu größerem Fleiß angefeuert 
werden ... .“ Dasselbe behaupten noch heute die Bauern gewisser 
Gegenden der Halbinsel, wie Ebeling®® aus der Provinz Lugo und 
Aranzadi?’ aus dem Baskenland bezeugen. 

Im Grunde genommen aber sind es die landschaftlichen Ver- 
hältnisse im Verbreitungsgebiet des Ochsenkarrens, die die Be- 
wohner veranlaßt haben, nicht auf das schrille Geräusch zu 
verzichten. Willkomm (Wanderungen I, 111/112) stellt dies 


% GK 196. 

95 FoCoEsp I, 320, 
9% VKR V, 55. 

9% FoCoEsp 1, 319. 


deutlich heraus: % 


„Da nämlich die Gebirgswege gewöhnlich sehr schmal s 
oder es wenigstens viele Stellen gibt, wo zwei sich begegnend 
Karren einander nicht ausweichen können, so würde viel Unheil 
entstehen, wenn die Karren wenig Geräusch machten. Bei d 
geschilderten sonderbaren Einrichtung der baskischen Kar 
kann dies aber nicht so leicht vorkommen, denn das Schreien 
eines beladenen Karrens dieser Art hört man oft eine Viertel. 
stunde weit. Dadurch gewinnen die Karrenführer, die mit den 
Wegen und Oertlichkeiten vertraut zu sein pflegen, hinlänglich 
Zeit, um sich eine zum Ausweichen geeignete Stelle zu 
suchen.“ 


Die Richtigkeit dieser Ansicht wird von Aranzadi® bestätigt, der 
ebenfalls als Hauptzweck die Möglichkeit bezeichnet, sich recht- 
zeitig auf der cambera ausweichen zu können. In manchen Bezirken 
besteht übrigens heute die Vorschrift, daß der carro chillön von 
dem Lenker beim Durchfahren einer Ortschaft zu schmieren ist, 
wie Ebeling’ aus Lugo und Messerschmidt!® aus der Serra da 
Esträla berichten. k 


b) Das Ochsengespann. 
Jochformen. 


So stark auch der carro chillön allgemein von den deutschen 
Reisenden beachtet worden ist, so gering ist andrerseits ihr Inter- 
esse daran gewesen, in welcher Weise die Ochsen an den Wagen 
gespannt werden. Nicht ein einziger erwähnt eine der mehr oder 
weniger kunstvollen Jochformen, die sich noch heute so zahlreich 
und mannigfaltig im ganzen Verbreitungsgebiet des Ochsenkarrens 
finden!®!, Es ist kaum anzunehmen, daß vor einem Jahrhundert 
nicht schon ähnliche Erzeugnisse der Volkskunst im Nordwesten 
der Pyrenäenhalbinsel vorhanden waren. Selbst ein so grund- 


08 FoCoEsp I, 319, 

® VKR V, 55. 

100 VKR IV, 143, 

101 Vgl. Krüger, GK 174—178 (Abb. 10 u, 11); WS %, 47. 


—5 


liegender Unterschied wie der zwischen Stirnjoch und Nackenjoch!%? 
scheint den Reisenden unbekannt geblieben zu sein. | 

Willkomm und Gail, die auf’ das Zuggeschirr des Ochsen- 
gespanns eingehen, haben ihre Beobachtung nicht in dem eigent- 
lichen Gebiet des carro chillön gemiacht, sondern in Andalusien, wo 
schwerfällige, hochräderige Karren mit Speichenrädern üblich sind. 
Immerhin sind ihre Schilderungen von Interesse. So schreibt 
willkomm (II, 178) aus Utrera am. Guadalauivir: 


„Ueberall waren die Landleute in der Olivenärndte be- 
schäftigt und auf allen Wegen näherten sich schwerfällige 
zweirädrige Karren von Ochsen gezogen, hoch beladen mit glän- 
zend schwarzen Oliven, langsam der Stadt. Merkwürdig ist der 
Kopfputz, den diese Ochsen tragen. Es ist ihnen nämlich auf 
der Stirn ein wohl zwei Fuß hohes dreieckiges Geflecht von 
Esparto befestigt, das mit lauter kleinen bunten Tuchfleckchen 
besetzt ist, was ganz seltsam aussieht. Eigenthümlich und sehr 
primitiv ist auch die Art und Weise, wie diese Karren in Be- 
wegung gesetzt werden. Die Ochsen sind nämlich mit den 
Hörnern an ein an der Spitze der Deichsel befestigtes Queer- 
holz, das zugleich als Kummet dient, angebunden und ziehen 
den Karren folglich mit dem Kopfe.“ 


Aus der Schilderung geht einwandfrei hervor, daß die Ochsen an 
einem Stirnjoch angeschirrt sind. Die Form ist wahrscheinlich sehr 
einfach, da der Verfasser nichts weiter über das an den Hörnern 
befestigte „Querholz“ zu sagen weiß. Auffällig ist der angeführte 
Kopfputz, um so mehr, als Gail (IV/V) ohne nähere Ortsangabe 
aus Andalusien ebenfalls darüber berichtet und das Gesagte durch 
eine Zeichnung illustriert. Er spricht von den andalusischen Ge- 
treidewagen, „deren Räder nicht selten aus ganzen Scheiben, 
meistens aber, anstatt des Eisenringes, aus doppelten Holzfelgen 
bestehen, wodurch die Räder eine ungeheure Höhe erhalten, und 
schon leer eine bedeutende Zugkraft erfordern“. Der Wagen wird 
von einem einzigen Stier (Ochsen!) gezogen, „der auf dem Kopfe 
ein aufstehendes — durch farbige Bänder geziertes — Strohgeflecht 
sitzen hat“. 


102 Ich folge der von Krüger angewandten Terminologie; vgl. insbeson- 
dere Krüger, HPyr C II, 278. 


— 56 — 


Denselben Kopfschmuck der Ochsen in Andalusien hat auch 
Fischer {Reise 370) in Puebla del, Conde auf der Grenze 
zwischen Extremadura und Andalusien beobachtet. Er schreibt 
darüber: 

„Die Leiterwagen welche wir sahen, hatten Räder von der 

Höhe des ganzen Wagens, und die Ochsen waren mit kleinen 

spitzigen Kronen von bunten Papierschnitzeln verziert.“ ; 

Die Zeichnung (Gail, Tafel IX) zeigt, daß der Ochse gleichfalls 
ein Stirnjoch trägt, das die Enden der Gabeldeichsel, durch Holz- 
keile gesichert, durchstoßen. 


Ausschnitt aus der Zeichnung 
von Gail (Tafel IX) 


Nicht direkt in Spanien, aber in unmittelbarer Nähe, auf fran- 
zösischem Boden, haben endlich Willkomm und Baumgärtner 
Ochsengespanne gesehen und beschrieben, jener in den Landes 
zwischen Langon und Bazas, dieser in Bayonne, der Stadt also, die 
mehr spanisch-baskischen als französischen Charakter trägt. Da 
Willkomm außerdem anschließend an seine Schilderung darauf hin- 
weist, daß „die ganze Art und Weise der Bespannung“ auch die bei den 
Ochsenfuhrwerken in Spanien gebräuchliche ist, können wir die 
Darstellungen zur Ergänzung des Gesamtbildes heranziehen. 

So schreibt Willkomm (Wanderungen I, 5) über die Karren, 
die Holzlasten aus den Landes nach Bordeaux und Bayonne be- 
fördern: 5 


TE 


ch 

ze „Jeder ist mit zwei Ochsen bespannt, welche den Karren 

bt mit dem Kopfe ziehen müssen, indem ihre Hörner mit starken 
Riemen an einen Querbalken angeschnallt sind, der an der 

er Spitze der Deichsel befestigt ist und dem Ochsen auf dem 

en Nacken liegt. Über diesen Querbalken pflegen die Bewohner 


der Landes ein langwolliges, sehr häufig indigblau gefärbtes 
Schaaffell zu binden, welches die Köpfe der Ochsen bis an die 
Augen verhüllt.“ 


Und fast genau so berichtet Baumgärtner (7) aus der Nähe 
von Bayonne: 


„Hier wird jedes Fuhrwerk mit Ochsen bespannt, und ein 
Pferd wird hier nur sehr selten gesehen. Die Ochsen ziehen und 
halten mit dem Kopfe wider, der mit Schaffellen bedeckt ist. 
Die Art ihrer Einspannung ist folgende: sie werden mit den 
Hörnern an eine drei Ellen lange Stange neben einander fest- 
gebunden; diese Stange wird an die Deichsel gerädelt, und so 
brauchen sie weder Stränge noch Joch.“ 


Die wahrscheinlich sehr einfache „drei Ellen lange Stange“ Baum- 
gärtners, die an den Hörnern der Ochsen befestigt wird, ist natürlich 
das Joch, und zwar das Stirnjoch, ebenso wie der „Querbalken“ 
Willkomms. Bei dem Schaffell, das den Kopf der Rinder bedeckt, 
handelt es sich entweder um das Jochpolster oder um ein Schutz- 
fell, das über Kopf und Jochpolster gelegt ist, ähnlich dem noch 
heute in Sanabria gebräuchlichen!?%, 


Yi- 

= Lenken des Gespanns. 

ies 

lie Über das Lenken des Gespanns berichtet Willkomm (Wan- 

Ja derungen I, 113) ausführlich: 

n- „Der Karrenführer geht, wie es bei den Ochsenfuhrwerken 

en in Spanien gebräuchlich ist, vor den Ochsen her und treibt sie 

lie | vermittelst einer mit einem kurzen Eisenstachel versehenen 
Stange, die dem einen der beiden Ochsen immer zwischen den 

nn, Hörnern zu ruhen pflegt, von Zeit zu Zeit zum Gehen an; denn 

ve geschieht dies nicht, so bleiben die trägen Thiere, ehe man es 


103 Krüger, GK 1%. 


F 


sich versieht, stehen. Uebrigens ist es zu verwundern, wie 
gelehrig diese Ochsen sind. Sie gehorchen dem Stachel des 
Treibers ebenso, wie ein Reitpferd dem Sporn des Reiters, und 
lenken links und rechts, gehen vor- und rückwärts, je nach der 
Art und Weise des Stachelns.“ 


Übereinstimmend hiermit schreiben auch die anderen Reisenden, 
ebenfalls aus Portugal (Bergh 243; Link III, 175), daß der Führer 
dem Gespann vorausgeht. Doch schreitet er in Lugo (Galizien) auch 
dem Fuhrwerk zur Seite!%, was wohl dadurch bedingt ist, daß dort 
nicht selten zwei und mehr Jochpaare zum Ziehen verwendet 
werden. Einen interessanten Hinweis auf die Art, wie die Ochsen 
auf den Stich mit dem Ochsenstachel reagieren, bringt als einziger 
Gail (V), der aus Andalusien anführt: „... der Stier folgt 
seinem vorgehenden Führer sonderbarer Weise gerade auf die 
Seite hin, an welcher er einen LanzenstoB erhält.“ 


Hufbeschlag. 


Die besonderen Verhältnisse des gebirgigen und steinigen Nord- 
westens der Halbinsel haben es notwendig gemacht, daß die 
Ochsen als überall verwendete Zugtiere für den carro chillön 
ähnlich wie anderswo die Pferde beschlagen werden, damit sich ihre 
Hufe nicht zu stark abnutzen. Zwei Reisende berichten hierüber 
aus dem Baskenland. 


„Die Zugochsen werden, was mir sonst nirgends vor- 
gekommen ist, der rauhen schwierigen Wege halber beschlagen, 
und zwar mit zwei vollen Eisenplatten, die man unter jeden 
Fuß legt“, 


schreibt Rochau (II, 282) aus San Sebastiän, während Will- 
komm (Wanderungen I, 113/114) uns aus Somorrostro (Vizcaya) 
weit ausführlicher insbesondere auch den Vorgang des Hufbeschlags 
der Tiere schildert, der besondere Maßnahmen erfordert: 


„Damit sich ihre Hufe auf den steinigen, rauhen Wegen, die 
oft Bachbetten ähnlicher sehen, als von Menschen gebahnten 
Pfaden, nicht abnutzen und Schaden leiden, werden sie, wie die 


194 Ebeling, VER V, 58. 


Hufe der Pferde, beschlagen, freilich nicht mit Hufeisen, was 
der gespaltene Huf nicht erlaubt, sondern mit zwei, den beiden 
Abtheilungen des Hufes entsprechend großen Eisenplatten. 
Nichts ist komischer, als das Beschlagen dieser Ochsen. Da der 
Ochse nämlich nicht leicht so still hält, wie ein Pferd, und 
wegen seiner Hörner den Umstehenden gefährlich werden 
kann, so bindet man ihn an den Hörnern und Beinen fest, Zu 
diesem Zwecke findet man bei den Hufschmieden besondere 
Nothställe, weiche der Hauptsache nach aus vier starken, paar- 
weis gestellten Balken bestehen, die, ungefähr so hoch über dem 
Boden, als die Knie eines Ochsen, durch Querbalken verbunden 
sind. Soll nun ein Ochse beschlagen werden, so wird er in 
einen solchen Zwangsstall geführt, und zunächst mit den 
Hörnern an die beiden vordern Balken festgebunden, Sodann 
wird je ein Vorderfuß und je ein Hinterfuß emporgehoben, auf 
die erwähnten Querbalken gelegt und festgebunden, so daß der 
Ochse blos auf zwei Beinen steht. Und zwar bindet man die 
Beine immer über’s Kreuz fest, nämlich entweder das rechte 
Vorder- und das linke Hinterbein, oder umgekehrt. Auf diese 
Weise kann der Ochse, er mag noch so bösartig sein, sich nicht 
rühren und muß sich willig beschlagen lassen.“ 


c) Die Schleife. 


Die Schleife, die sich als primitive Vorstufe zum Wagen noch heute 
in abgelegenen und unwegsamen Gebirgsgegenden der Pyrenäen- 
halbinsel, insbesondere im Gebiet der Hochpyrenäen findet!®, ist 
von den Reisenden fast gar nicht angetroffen worden, was auch bei 
den von ihnen eingehaltenen Reisewegen durchaus verständlich ist. 
Als einziger erwähnt Bastiano (309) dieses Transportmittel, und 
zwar aus Bilbao: 


„Gegen zwei Uhr langte endlich das Gepäck an, es war auf 

“ " Holzschlitten geladen und ward von Stieren gezogen, oder rich- 

tiger gesagt, geschleift; — auf eine langsamere Weise könnte es 
nicht gut befördert werden.“ 


Da aber nichts Näheres über den Bau und das Aussehen der Schleife 


105 Vgl. Krüger, HPyr C I, 178 ft. 


— 60.— 


gesagt ist, läßt sich auch nicht feststellen, ob es sich hierbei um die 
sonst im Baskenlande verbreitete lera!® oder um eine andere Form 
handelt. Fischer (Reise 52) erwähnt die Schleife nur aus Bayonne 
ohne nähere Beschreibung: „Überall sah man... beladene Maul- 
thiere, und Schleifen mit Ochsen bespannt.“ 


d) Pferde, Esel und Maultiere als Trag- und 
Reittiere. 

Für den Raum der Hochpyrenäen hat Krüger!’ erschöpfend alle 
Formen des Saumtiertransports dargestellt. Es liegt auf der Hand, 
daß außerhalb dieses ureigensten Gebiets des Saumtiertransports, 
wo beispielsweise der Wagen fast vollkommen fehlt, die Beobachtung 
und Aufzeichnung ähnlicher Formen des ländlichen Verkehrs sehr 
viel spärlicher ausfallen mußte. ; 

Die Beförderung von Lasten auf dem Rücken von Tieren er- 
wähnen unsere Reisenden nur vereinzelt. Häufiger dagegen sprechen 
sie von auffälligen Sattelformen, besonders in Fällen, in denen sie 
selbst gezwungen waren, ihre Reise auf Maultieren oder Eseln 
zurückzulegen. So schreibt Plüer (56) aus Rebellosa bei Jadraque 
in Neukastilien: 

„An statt der Fuhren bedient man sich fast mehrentheils 
der Esel und Maulthiere, welche fast alles, auch selbst das | 
Getrayde vom Felde auf ihren Rücken fortschleppen müssen. | 
Weil das Land so sehr gebirgigt und die Wege insgemein 
schlecht sind, so kann man auch mit Fuhren nicht einmal allent- 7 
halben durchkommen.“ 

Und ebenso berichtet Roßmäßler (II,228) aus der Nähe von 
Burriana (Valencia): 

„Man brachte eben den Weizen vom Felde ein, und zwar 
auf dem Rücken der Pferde, die je 20 schwere Garben trugen. 
Für Fuhrwerke fehlte es durchaus an Wegen. Sie würden auf 
den überflutheten Wegen aus einem Loche in das andere 
fallen." 

Beide Schilderungen zeigen, daß ebenso wie in dem von Krüger 
behandelten Gebiet, schwierige Wegeverhältnisse den Transport auf 


106 Krüger, HPyr C I, 207. 
197 Krüger, HPyr G I, 171. 


o»5350 


61 — 


dem Rücken von Tieren veranlaßt haben; in Neukastilien ist es der 
gebirgige Charakter der Landschaft, in der Hüerta' von Valencia 
die Feuchtigkeit des Geländes. Von irgendwelchen Traggestellen 
oder Haltevorrichtungen für die Lasten wird leider nichts erwähnt. 

Bei den von den Reisenden beschriebenen Sätteln handelt 
es sich fast immer um solche, die ihnen wegen ihrer ungewöhnlichen 
oder primitiven Form aufgefallen sind. Ihr doppelter Verwendungs- 
zweck für den Transport von Lasten wie zum Reiten ist mitunter 
noch deutlich zu erkennen. Aus Pollenza auf Mallorca berichtet 
wWillkomm (Balearen 135): 


u... der Conductor (hatte) mir ein Maulthier und meiner 
Tochter einen Esel als Reitthiere zur Verfügung gestellt. Nach 
mallorquinischer Sitte besaßen aber beide Thiere weder wirk- 
liche Sättel noch Steigbügel, sondern trugen zwei über den 
Rücken gehängte, aus Espartogeflecht verfertigte Körbe (wie 
dergleichen auch in Spanien, wo sie „serones“ genannt werden, 
üblich sind), über welche eine zusammengelegte „Manta“ (Woll- 
decke, Pferdedecke) gebreitet und mit Stricken festgebunden 
war. Auf diese setzt man sich — Mann oder Frau — der 
Quere nach („a la contrabandista“, wie der Andalusier sagt) und 
treibt das Thier, welches oft nicht einmal einen Zügel, sondern 
blos ein Halfter mit einem Lenkseil trägt, mit einer Ruthe oder 
Gerte an.“ 


Und übereinstimmend hiermit schreibt auch Thienen-Ad ler- 
flycht (205) von seinem Aufenthalt auf Mallorca: 


„Wir saßen sehr bequem auf unseren Thieren (d.s. Maul- 
tiere), welche höchst einfach gezäumt und gesattelt waren, oder 
vielmehr sie waren gar nicht gesattelt. Wir saßen wie auf einer 
Bank breit auf einem Sitz, welcher dadurch auf dem Rücken 
des Thieres entsteht, daß ihm zwei große Körbe von Esparto- 
grasgeflecht, der eine rechts, der andere links, aufhängen. 
Diese Körbe werden bedeckt mit einer Lage Schaaffelle, auf 
welchen man sich ebenso weich als bequem befindet. Von 
diesem Sitz aus erhielten wir uns an einem einfachen Strick, 
welcher dem Thiere um die Nase gebunden war, in beständigem 
Verkehr mit letzterem.“ 


ee 


In beiden Fällen haben wir also improvisierte Reitsitze vor uns, 
denn die Espartokörbe sind ohne weiteres als Traggeräte zur Be- 
förderung von Lasten erkennbar. Hier wie im ganzen katalanischen 
Kulturgebiet und auch in anderen Teilen der Halbinsel sind die 
Körbe aus Esparto hergestellt, im Gebiet der Hochpyrenäen ver- 
wendet man Weidenrutengeflecht!"®. Sie dienen in erster Linie dem 
Transport von Wasserkrügen und von Dünger, daneben aber auch 
von anderen Gegenständen!®. Die gleiche Reitsitte findet sich noch 
heute auf den Balearen, doch verwendet man statt der Esparto- 
körbe auch aus den Wedeln der Fächerpalme geflochtene. Sie 
werden über den Packsattel gelegt!!®, 

Ihren Charakter als Packsättel verraten auch die Reitsitze, mit 
denen Hackländer in der Sierra Morena und Roßmäßler bei Murcia 
auf ihrer Reise vorlieb nehmen müssen. Hackländer (II, 216) 
führt aus Santa Elena an: 


„Unsere Esel hatten weder Zaum noch Halfterstrick, weder 
Steigbügel noch Sattel. Die Stelle des letzteren vertrat ein 
breites hölzernes Gestell mit aufgeschnalltem Strohkissen, das 
aber zu breit war, um sich rittlings darauf setzen zu können, 
wir mußten es deshalb so besteigen, daß wir beide Füße nach 
einer Seite herunterhängen ließen und nun streben, das Gleich- 
gewicht so gut wie möglich zu behalten.“ 


Immerhin bequemer sitzt Roßmäßler (II, 111/112) auf seinem 
Grautier, von dem er ausführlich schildert, wie es gesattelt ist: 


„Unmittelbar auf dem geduldigen Eselsrücken liegt ein 
starkes, aber gepolstertes dachförmiges Gestell von Holz, 
welches mit einem Espartogurt unter dem Bauche befestigt ist. 
Darüber liegt eine dicke aus Esparto geflochtene Decke, welche 
an jeder Seite in einen spitzen Sack ausläuft; über dieser liegt 
fast immer ein dickwolliges Schaffell als höchst behagliches 
Sitzpolster. Um das Maul hatte der gute Graue als Zügel einen 
schlichten Espartostrick.“ 


108 Krüger, HPyr C I, 117. 

109 Vgl. Krüger, HPyr C I, 104, 105, 116. 

110 Erzherzog Ludwig Salvator, Die Balearen, Würzburg-Leipzig 1897, I, 
351, 359; II, 366. 


RE 


Das gepolsterte dachförmige Gestell von Holz erinnert lebhaft an 
den in einem Teil der Hochpyrenäen unter dem Namen bast ver- 
breiteten Packsattel, der als Unterlage für das zur Beförderung von 
Lasten gebauchte leiter- oder gatterartige Gestell dient!!. 

Zwei Reisende erwähnen endlich noch Frauensättel. Arnim 
(437) wird in Urnieta bei Tolosa (Guipüzcoa) Zeuge eines immerhin 
ungewöhnlichen Anblicks. Er sieht 

u. . , zwei Frauen auf einem Esel reitend .. „ aber nicht etwa 

hinter einander, oder daß sie den Rücken des Esels berührt 

hätten, nein; auf jeder Seite desselben saß eine der Frauen 
ganz bequem auf einer Art Stuhl, der mit demjenigen auf der 
andern Seite des Esels über dessen Rücken weg, verbunden 
war... 

Dasselbe berichtet Rigel (1839; 29/30) aus der Umgebung von 
Bayonne: 

„In der Nähe der Pyrenäen besteht noch die eigene Ge- 
wohnheit, daß man zu zweien oder dreien auf einem Pferde 
oder Esel reitet. Dies nennt man dort das Reiten en carcolet. 
Es hängt nämlich auf jeder Seite des Thieres ein mit Rück- 
und Nebenlehnen versehener Sessel, worauf eine Person Platz 
hat. Des Gleichgewichtes wegen nimmt der Leichtere einen 
Stein auf den Schoß; doch erfordert das Absteigen einige Vor- 
sicht, wenn es für den Einen oder den Andern nicht hals- 
brechend seyn soll. Für zwei ist es am rathsamsten, wenn sie 
zugleich abspringen; reiten aber ihrer drei zusammen; so macht 
sich der auf dem Rücken des Thiers Sitzende zuerst auf den 
Boden und erleichtert das Absteigen dadurch, daß er auf einer 
Seite den Sessel festhält.“ 

Meistens aber reiten die Frauen der Landleute auf längeren 
Strecken einzeln auf Eseln und Maultieren. Hierüber berichtet auch 
Humboldt (Spanienreise 285) aus Vendrell bei Villafranca 
(Katalonien): 

„In Vendrell nahm ich für meine Frau und Kinder Esel... 
Meine Frau hatte einen Sattel, wie ihm hier die Bauerfrauen 
häufig brauchen, mit einer Stricklehne hinten und zur Seite. 
Einen solchen Sattel nennt man hier Senganillas.“ 


111 Krüger, HPyr € I, 199. 


a 


Neben der von Humboldt angedeuteten einfachen Form finden sich 
diese Frauensättel beispielsweise im Pyrenäengebiet in der ver- 
schiedensten Ausprägung, mit Holzstützen, gepolsterten Sitzen sowie 
Seiten- und Rückenwänden!!:. Auch die von dem Verfasser an- 
geführte Bezeichnung (= enganillas; verhört aus las enganillas?) 
kommt im katalanischen Pyrenäengebiet mit verschiedenen mund- 
artlichen Abweichungen vor, z.B. als enganillas, anganilles, 
arganilles, ankanilla'”?, 


5. Bienenzucht. 


Über die Bienenzucht in Spanien liegen nur wenige Mitteilun- 
gen der deutschen Reisenden vor. Immerhin haben mehrere von 
ihnen Charakteristisches beobachtet. Es ist die schon aus römischer 
Zeit stammende Sitte, Bienenstöcke aus Rindenstücken hohler 
Baumstämme herzustellen. Krüger!!* führt als Verbreitungsgebiet 
Portugal, Galizien, Teile Sanabrias, den Bierzo und die Montaüa 
an, ohne die dazu verwendeten Bäume näher zu bezeichnen. 

Unsere Reisenden haben sie auch in anderen Teilen der Halb- 
insel angetroffen!!®, So berichtet Loning (355) aus Unteraragön, 
daß der Landmann starke Bienenzucht treibe: 


„Die Bienenkörbe bestehen aus hohlen Baumstämmen und 
liegen bei dreißigen auf einander mitten im Gebirge, stunden- 
weit vom Orte entfernt. Der Besitz der Bienen aber ist so 
heilig, daß Niemand es wagen würde, seinen Nächsten zu be- 
stehlen. Ich habe mich mehrere Male hiernach erkundigt, ob 
dieser Fall je vorgekommen sei, aber immer zur Antwort er- 
halten, daß kein Bewohner des Orts sich dessen erinnern 
würde.“ 


Eine besondere Art der Aufstellung schildert Plüer (274) vor ihm: 


112 Krüger, HPyr € I, 171/172. 

113 vgl. Krüger, HPyr C I, 172. 

114 WS X, 108. 

115 Inzwischen ist die umfassende Untersuchung von W. Brinkmann, 
Bienenstock und Bienenstand in den romanischen Ländern. Hamburg 1938, 
erschienen. 5 


ten 


„Auf der Sierra Morena waren hin und wieder Behältnisse 
für Bienenstöcke: eine im Kreise gezogene Mauer schloß sie 
ein, und verwahrte sie vor wilden Thieren. Die Bienenstöcke 
sind, so viel wir wissen, in ganz Spanien von Baumrinden, und 
am meisten von den Rinden der Eichen.“ 


Es bleibt zweifelhaft, ob hiermit die immergrüne Eiche oder die 
Korkeiche gemeint ist. Daß die letztere vielfach zu Bienenstöcken 
verwandt wird, bestätigen uns zwei Reisende aus Andalusien und 
aus Algarve!!®, So schreibt Willkomm (II, 262), als er sich in 
der Nähe von Arcos aufhält: 


„In den alten hohlen Korkeichen der Umgegend nisten 
viele wilde Bienen, deren Honig von diesen Hirten in großer 
Menge gesammelt ... wird. Auch bemerkte ich eine Menge 
künstlicher Bienenstöcke, die sämmtlich aus großen Rinden- 
stücken der Korkeiche verfertigt waren.“ 

Und Link (II, 169) ergänzt dies aus Palma in Algarve, denn die 
Rinde des Korkbaumes (sovereira) dient, „außer dem überall be- 
kannten Gebrauche als Korkholz, hier noch zu Bienenstöcken“. 
Von diesen übereinstimmenden Zeugnissen über das Material 
der Bienenstöcke weicht eine Mitteilung Plüers (57) auffallend 
ab, der von der Fahrt zwischen Paredes (Altkastilien) und Jadrague 
berichtet: 

„Auf der Reise habe ich verschiedentlich vornehmlich in 
Alt-Castilien, unten an den Berg gelehnte kleine steinerne 
Häuserchen wahrgenommen, worinn Bienen verwahret wurden.“ 


116 Auch auf Sardinien sind Bienenstöcke aus Korkrinde gebräuchlich 
(M.L. Wagner, Das ländliche Leben Sardiniens im Spiegel der Sprache. 
Heidelberg 1921, S. 83.) 


a 


II. Das spanische Haus. 


Inhaltsverzeichnis. 


Be ographie eg een en. 


ı. Das spanische Bauernhaus .. .. .. 22 22 um 
a) Der baskische casero .. .. 2 en 
b) Das Hochpyrenäenhaus .. .. .. 2.2 em 
c) Das niederaragonische Bauernhaus 6 

d) Das Bauernhaus der Huerta von Valencia 

e) Das Bauernhaus der Alpujarras .. 


. Das spanische Stadthaus .. .. 22.0 er een 
a) Das andalusische Haus .. .. 2 un ee ee en 
EEE Tas de a pn aeg Ag, Do 


b) Das murcianische Haus ,. 


3.:Posada und venta .. .. .. .. 


4. Höhlenwohnungen .. 


SEESS BERSEB SS 


» 
8 8 


ee 


Bibliographie. 

Almela y Vives, F. Alquerias de la huerta valenciena. Valencia 1932, 

Arco, R. del, La casa altoaragonesa. Madrid 1919. 

Baeschlin, A. La arquitecture del caserio vasco. Barcelona 1930, 

Bernt, R., Die Bauernhäuser der Provinz Granada. Diss, Stuttgart 193%, 

Bergmann, W., Studien zur volkstümlichen Kultur im Grenzgebiet von 
Hocharagon und Navarra. Hamburg 1934. 

Garcia Mercadal, F. La casa popular en Espafla. Madrid-Barcelona 
1930. : 

Giese, W., Nordost-Cädiz. Halle 1937. 

Hielscher, K., Das unbekannte Spanien. Berlin 0.J. 

Jessen, O. Höhlenwohnungen in den Mittelmeerländern. Petermanns 
Mitteilungen 1930. 

— La Mancha. Ein Beitrag zur Landeskunde Neukastiliens. Hamburg 1930. 

— Südwestandalusien. Petermanns Mitteilungen. Ergänzungsheft 186. Gotha 
1924. $ 

Jürgens, O. Das spanisch-maurische Wohnhaus. Mitteilungen aus Spa- 
nien II, 1918, S. 136—148. 

— Spanische Städte. Ihre bauliche Entwicklung und Ausgestaltung. Ham- 
burg 1926. 

Krüger, F. Die Hochpyrenäen. A: Haus und Hof. Bd.I und II. Ham- 
burg 1936, 1938. k 

— Die Gegenstandskultur Sanabrias und seiner Nachbargebiete. Hamburg 
1925, S.48 fl. 

— Die nordwestiberische Volkskultur. WS X, 1927, 109125. 

Quelle, O., Beiträge zur Landeskunde von Ost-Granada. Hamburg 1914. 

Thede, M., Die Albufera von Valencie. VER VI, 1933. (Das Haus der 
Albufera: S. 225—263). 

Torres Balbäs, L, La vivienda popular en Espafie. FoCoEsp m. 
Barcelona 1930, S. 139-502. 

Urabayen, L, Geografia human de Navarra. 2 Bde. Madrid 1929, 1932. 

Voigt, P., Die Sierra Nevada. Hamburg 1997. 

Wilmes, R., Der Hausrat im hocharagonischen Bauernhause des Valle de 
Vi6. VKR X, 1937, 213—246. 

Yrizar, J. de, Las casas vascas. San Sebastiän 1929. 


Tee 


Das spanische Haus ist ähnlich wie andere volkskundliche Dinge 
meistens dann Gegenstand der Beachtung und Schilderung seitens 


der deutschen Spanienreisenden, wenn es sich in Aussehen, Bauart 


und Einrichtung auffällig von heimischen Formen unterschied. Wo 
das malerische Element, wie beim baskischen caserio oder beim 
andalusischen Stadthaus hinzukam, haben die Besucher mit be- 
sonderer Liebe und Sorgfalt das Bild dieser Bauten entworfen. Im 
übrigen dürfen wir, trotz der vielen Reiseschilderungen, auch bei 
der Behandlung der Hausformen keine Vollständigkeit erwarten. 
Reiseweg, Beobachtungsgabe des einzelnen und Lust zum Dar- 
stellen dieser Dinge spielen vielfach bei der Entstehung der 
Schilderungen eine entscheidende Rolle. 

So habe ich aus dem vorhandenen Material das Geeignete 
herausgegriffen und nacheinander in vier Abschnitten: das spanische 
Bauernhaus, das spanische Stadthaus, Venta und Posada sowie die 
Höhlenwohnungen behandelt. Beschreibungen des Bauernhauses 
aus den nordwestlichen und westlichen Provinzen fehlen voll- 
ständig, da diese Gebiete zu wenig bereist worden sind. Die Dar- 
stellungen über das Bauernhaus beschränken sich daher auf den 
Norden, die Huerta von Valencia und die Alpujarras. Umgekehrt 
war das Stadthaus besonders im Süden der Halbinsel Gegenstand 
der Schilderung. Venta und Posada, diese für das Reisen in 
damaliger Zeit so wichtigen Einrichtungen, werden hauptsächlich 
für das dünn besiedelte Neukastilien aufgeführt. 


1. Das spanische Bauernhaus. 
a) Derbaskische caserio. 


Von den verschiedenen Arten von Wohnbauten, die das Basken- 
land aufweist — Yrizar! teilt sie ein in torres, palacios, casas popu- 
lares urbanas und caserios —, ist der caserio als die am weitesten 


1 J. de Yrizar, Las casas vascas. San Sebastiän 1929. 


— 0 — 


verbreitetste Form insbesondere des ländlichen Hauses auch fast 
ausschließlich von den deutschen Reisenden eingehender beschrieben 
worden, Seine charakteristischen Merkmale, das stattliche Aussehen 
und die die Aufmerksamkeit fesselnde Einzellage, welche vor. 
herrscht, reizten besonders zur Schilderung. 

Nur an einer Stelle spricht ein Reisender auch von einem 
anderen Haustyp im Baskenland. So erwähnt Rochau (II, 292) 
aus Pasajes die Behausungen, in denen die Fischerbevölkerung lebt: 


„Die Vorderseite der Häuser, welche durchweg dem Wasser 
zugekehrt ist, hat große hölzerne Balkons, welche zuweilen 
weit über die Fluthen vorspringen, zuweilen aber auch in 
das Haus hineingebaut sind. Hellfarbig angestrichenes Holz- 
werk und ein paar Blumentöpfe auf den Balkons geben 
manchem der Häuser von Pasajes trotz der deutlichen Spuren 
der Altersschwäche ... einen ganz freundlich wohnlichen 
Anstrich.“ 

Nach Yrizar® sind diese Häuser neueren Ursprungs, ohne daß 
Näheres über ihre Entstehungsgeschichte bekannt ist. Sie können 
— worauf Rochau nicht eingeht — ein- oder mehrstöckig sein, 
zeichnen sich aber immer durch die auch von ihm genannten, 
über die ganze Breite der Fassade sich erstreckenden Balkons aus. 

Der Ursprung des caserio ist ungeklärt. Die Theorie von 
Frankowski, der ihn auf die palafitos zurückführen will, wird, 
offenbar mit Recht, von Yrizar? abgelehnt. Yrizars eigene An- 
nahme, daß der caserio aus dem Mensch und Vieh unter einem 
Dach vereinenden Einraumhaus entwickelt worden ist, hat viel 
für sich. 

Über die ältere Form der caserios besitzen wir eine Dar- 
stellung Humboldts (Baskische Reise 409/410) aus der Nähe 
von Oyarzun (Durango): 

„Caserio. Ziemlich hohes halb aus Steinen halb aus Holz 
gebautes Haus von zwei Stockwerken. Flach ablaufendes Dach 
ohne Schornstein. Von hölzernen Pfeilern unterstützter Vor- 
flur (Porticus). Da stand die kleine knarrende mit einem Korb 


2 Yrizar, a. 8.0.69. 
s A.a.0,74, 


- 1 


wie ein Schanzkorb umgebene Ochsenkarre, andres Geräth, 
frische Eichenzweige. Haus, Stall und Boden unter einem 
Dach. Eine Wittwe bewohnte ihn mit ihren Kindern. Der 
Sohn, ein hübscher großer kräftiger Mann, kam mit den 
beiden Ochsen zu Hause. Er ließ sie in den Stall, und sie 
steckten treuherzig ihre Köpfe durch die dazu gemachten 
Oefinungen in die Küche, um zu sehn, ob man ihnen etwas 
gäbe. Denn die Krippe ist in der Küche, und in der Wand, 
welche Küche und Stall sondert, sind Löcher für jedes Haupt 
Vieh (meist zwei) gemacht, wodurch sie die Köpfe zum 
Fressen stecken. Der Ochse, der Gefährte der Arbeit, also 
nicht ausgeschlossen vom Familiencirkel. Die Küche ohne 
Schornstein, schwarz. Daneben ein paar Kammern zum 
Schlafen, Oben Stroh und Kornboden, auch einige Kammern 
und über der Küche ein kleiner Boden, den Mais zu trocknen. 
Neben dem Hause daran angebaut ein Backofen .. .“ 


Diese knappe Schilderung enthält schon vieles, was für den 
caserio typisch ist. Das Alter des beschriebenen Hauses wird ge- 
kennzeichnet durch Humboldts Angabe, daß es „halb aus Steinen 
halb aus Holz“ gebaut ist. Dies trifft auf die ältesten caserios zu, 
deren Mauern im Erdgeschoß aus Bruchsteinmauerwerk (mampo- 
steria) bestehen, während das obere Stockwerk aus Fachwerk er- 
richtet ist, das mit Planken verschlossen ist. Eine Verbesserung 
stellt der Ersatz der, Planken und das Ausfüllen des Fachwerks 
mit Bruchsteinen oder Ziegeln dar’. 

Zu dem Äußeren paßt auch das Innere des Hauses, denn Dach 
und Küche besitzen nach Humboldt keinen Schornstein. Der 
Rauch sucht also wie in allen nach altem Stil gebauten cocinas 
Spaniens seinen Auslaß durch das Gebälk des Daches und die Tür. 
Sehr interessant ist, was Humboldt über die Unterbringung des 
Viehs zu berichten weiß. Daß die Krippen der Ochsen mit der 
Küche in Verbindung stehen, findet sich auch heute noch ver- 
einzelt in baskischen caserios®. Yrizar? gibt dafür als Beispiel den 


4 Yrizar, a.2.0.92 und Tafel LXVI. 

5 Yrizar, a.a.0.93; Fig.53 und Tafeln LIV, LVI, LXI, LXXIX. 
® Yrizar, 2.2. 0.91. 

7 A.a.O. Fig. 51. 


tg 


Grundriß eines von zwei Familien bewohnten Bauernhauses ay 


Mallavia. Euhaie 

Nach einem längeren Aufenthalt im Baskenlande äußert sie 
Willkomm (Wanderungen I, 216/217; 221/223) ausführlich üb« 
den baskischen caserio: 


„Ich habe schon zu wiederholten Malen erwähnt, daß die 
Landschaften der baskischen Provinzen besonders deshalb 
anmuthig sind, weil sich dort eine enorme Menge einzeln 
stehender Häuser und kleiner Gehöfte befinden, welche über 
Berg und Thal ohne alle Ordnung umhergestreut sind und 
deren Erbauung häufig blos die respective Lage, die Bequem- 
lichkeiten, welche das Terrain, die Nähe des Wassers u. dgl.m. 
darboten, veranlaßt zu haben scheint. Die älteren dieser 
sogenannten Caserios ... bewahren den eigentlichen Typus 
der baskischen Bauart und sind deshalb einer sorgfältigen 
Schilderung werth. Abweichend von dem Baustyle der länd- 
lichen Wohnungen anderer Gegenden Spaniens, und vielleicht 
Europa’s überhaupt, sind bei den baskischen Landhäusern die 
Giebelseiten am breitesten. Das Haus besteht gewöhnlich aus 
einem Erdgeschoß und einem obern Stockwerk. Der Haupt- 
eingang, hoch und breit genug, um ein beladenes Pferd oder 
Maulthier hindurchzulassen, befindet sich stets auf derjenigen 
Giebelseite, welche die vordere Seite des Hauses vorstellt... 


Das Dach des Hauses ist flach, mit Hohlziegeln gedeckt 
und springt rings herum zwei Ellen weit oder auch noch 
weiter über die Mauer des Hauses vor, damit das Regenwasser 
nicht an den Wänden hinablaufe; denn Rinnen pflegen nicht 
gebräuchlich zu sein. Der unter dem Dache befindliche Boden, 
welcher zur Aufbewahrung des Getreides u.s. w. dient, besitzt 
gewöhnlich gar kein Fenster, sondern erhält das Licht durch 
große Oeffnungen im Giebel, oder, wenn wie oft das Dach 
noch um einige Ellen über die Decke des obern Stockwerkes 
erhaben ist, in den Seitenwänden. Diese Oeffnungen werden 
zugleich benutzt, um das Getreide, Stroh, Heu u. dgl. m. herauf- 
zuziehen. Nicht selten fehlt ein großer Theil des Giebels oder 
der Seitenwände gänzlich, so daß das Sparrwerk des Daches 
blos auf hölzernen Säulen ruht, welche in der Mauer befestigt 


ee 


sind. Häufig besteht der ganze obere Theil des Hauses aus 
Holz, gewöhnlich jedoch sind die Häuser gänzlich aus Steinen 
aufgeführt. Bisweilen ist an einer der Seitenwände im oberen 
Stockwerk eine offene, mit hölzernem Geländer versehene 
Gallerie angebracht, die von dem vorspringenden Dache über- 
schattet wird, ganz ähnlich wie bei den Bauernhäusern in der 
Schweiz oder an den ältern Bauernhäusern in der Lausitz, wo 
man diesen Theil des Hauses die „Vorbühne“ zu nennen 
pflegt... 

Den Eingang des Wohnhauses beschatten häufig ein paar 
alte Nußbäume, Eichen oder Kastanien mit von Epheu oder 
Weinreben umschlungenen Stämmen und malerisch durch- 
rankten Kronen; auch ist der Eingang wohl von einer Reben- 
laube überdeckt, deren Ranken sich durch das rothe Balcon- 
geländer hindurchschlingen und bis zum Dache hinauf- 
greifen... In Guipuzcoa sind die Caserios fast überall von 
wahren Hainen von Äpfelbäumen umgeben; in Vizcaya werden 
in der Tierra baja die Äpfelplantagen durch Weingärten, in der 
Tierra alta durch Nußbäume und Kastanien ersetzt.“ 


Die zerstreute Einzellage ist, worauf Willkomm hinweist, eines 
der charakteristischsten Merkmale des caserio. Wenn er die auf- 
fällige Tatsache herausstellt, daß bei den baskischen Bauern- 
häusern die Giebelseiten am breitesten sind, so muß hier die Ein- 
schränkung gemacht werden, daß der Grundriß ebenso häufig 
quadratisch wie rechteckig ist®, So berichtet auch Bergh (376) 
aus der Nähe von Mondragön in Guipüzcoa: 


„Die Häuser sind quadratisch, unten und an den Seiten 
ganz aus Stein; die vordere und hintere Wand mit einigen 
Ständern, die durch ihren rothen Anstrich bei dem sonst 
weißen Bewurf der Häuser doppelt kenntlich hervortreten; 
ein zu beiden Seiten flach geneigtes, weit vorragendes Ziegel- 
dach.“ 


Was das verschiedene beim Bau des caserio verwendete Material 
anbetrifft, von dem Willkomm spricht, so wurde die Entwicklungs- 
reihe oben bereits angedeutet. Das ganz aus Stein aufgeführte 


8 Yrizar, a.a. 0.90. 


—- 1 — 


Haus, bei dem das Fachwerk vollkommen fehlt, stellt die jüngste 
Form dar’. Beispiele für das von Willkomm erwähnte Fehlen 
eines Teiles des Giebels, „so daß das Sparrwerk des Daches blos 
auf hölzernen Säulen ruht“, finden sich auch heute noch bei älteren 
Bauten, besonders in Vizcaya!°, Interessant ist die Beobachtung des 
Verfassers, daß an einer Seitenwand im oberen Stockwerk‘ zu- 
weilen eine hölzerne Galerie angebracht ist. Yrizar!! gibt hierfür 
ein Beispiel aus Amorebieta (Vizcaya). 
Genauer als Willkomm bezeichnet Humboldt den durch 
den Eingang gebildeten Raum in der bereits angeführten Schilde- 
rung (Humboldt, Baskische Reise 409) als einen „von hölzernen 
Pfeilern unterstützten Vorflur (Porticus)“. An einer anderen Stelle 
des Tagebuches (Humboldt, Baskische Reise 411) notiert er aus 
Durango: 
„Wieder Spatziergänge auf Caserios .. . 
Die Häuser ländlich entzückend. Die ofne Laube des Flurs 
stützt eine steinerne Säule. Auf jeder Seite streckt ein stäm- 
miger Weinstock seine Reben an der Wohnung aus, überrankt 
sie mit dichtem Laub und farbigen Trauben und strebt sich 
um das mittlere Fenster herum zu vereinigen. Manchmal um- 
rankt auch Ein einziger herumgezogener mehrere Seiten des 
Hauses.“ 


Dieser säulengetragene Flur, den Humboldt in einer Skizze 
festzuhalten versucht hat, und der den Namen portalön trägt, 
kommt bei fast allen baskischen caserios vor. Gewöhnlich nimmt 
er, wie auf Humboldts Zeichnung, die Mitte der Giebelwand ein, 
doch gibt es auch Häuser, bei denen er an eine Ecke verlegt ist!!. 
Der Pfeiler (bisweilen auch mehrere), der die Balken der Giebel- 
wand stützt, ist, wie auch Humboldt berichtet, entweder aus 
Stein!® oder, meist bei älteren Häusern, aus Holz!. Daneben 


® Yrizar, a.a. 0.94. 

10 Yrizar, a.a.0.Fig.57; Tafel, LXI, LXXI, LXXVI. Baeschlin, Le 
arquitectura del caserio vasco, Barcelona 1930, 164. 

11 Tafel LIV. 

12 Yrizar 95; vgl. Fig.50; Tafel LVI. Baeschlin 92, 198. 

18 Yrizar, a.a. 0.94; Tafel LIV, LIX, LXII, LXIII u.a. 

14 Yrizar, a.a.Q. Tafel LVI, LXI, LXVI. Baeschlin 92. 


te > 


kommen Säulen aus Holz und Stein kombiniert vor!®, Heute zeigen 
_ viele caserios gemauerte Portale in Bogenform, was auf städtischen 
Einfluß zurückzuführen ist!®. 

Wie Humboldt von Weinstöcken spricht, die die Eingangsfront 
überziehen, und sie auch auf seiner Skizze darstellt, so erwähnt 
willkomm in seiner Schilderung ebenfalls Weinreben und Wein- 
lauben als Schmuck des caserio. Beides findet sich noch heute 
häufig an den Bauernhäusern, besonders in Guipüzcoa und 
Vizcaya!”, 

Das Innere des baskischen Hauses schildert Willkomm 
(Wanderungen I, 217—220) gleichfalls sehr eingehend: 


„Der Haupteingang, hoch und breit genug, um ein be- 
ladenes Pferd oder Maulthier hindurchzulassen, befindet sich 
stets auf derjenigen Giebelseite, welche die vordere Seite des 
Hauses vorstellt. Durch denselben tritt man in einen Raum, 
dessen Boden mit Ziegeln oder Steinen gepflastert zu sein 
pflegt, auch wohl blos aus festgestampftem Erdreich besteht. 
Dieser Raum ist der gewöhnliche Aufenthaltsort der Familie, 
ihr Arbeits- und Speisezimmer, weshalb sich in demselben 
auch stets der Feuerheerd befindet, auf dem die Speisen be- 
reitet werden. Neben dem Heerde, über dem gewöhnlich ein 
großer pyramidaler Rauchfang angebracht ist, pflegt, wie über- 
all in Spanien, das gesammte Küchengeschirr auf hölzernen 
Regalen aufgestellt oder an in der Wand befestigten Nägeln 
reihenweis aufgehängt zu sein. Auch stehen in der Nähe des 
Heerdes in Vertiefungen der Mauer die großen irdenen 
Krüge, welche zur Aufbewahrung des Wassers dienen. Wie 
wohl überall in Südeuropa, wenigstens in Spanien, so auch 
hier ist der Heerd nur wenige Zolle über den Fußboden er- 
höht und werden die Speisen unmittelbar an und über dem 
lohenden Feuer bereitet. Zwei niedrige wegnehmbare Barrieren 
oder Geländer von Eisen begränzen die Feuerstätte auf beiden 


15 Baeschlin, a. a. O. 167, 198. 

16 Yrizar, a.2.0.94; vgl. Tafel LIII, LVI, LVII, LVII, LIX u.a. 

17 Beispiele für Weinstöcke am Haus bei Yrizar, Tafel LIII, LIV, LXIV, 
LXIX und Baeschlin 104, 106, 111, 122; Beispiele für Weinlauben (emparrado) 
bei Yrizar, Tafel LVII, LXIX, LXXIII und Baeschlin 99, 


— 


Seiten, und ein aus dem Rauchfange herabhängender eiserne: 
Haken ist bestimmt, den Kessel zu tragen, welcher zum Heiß- 
machen des Wassers dient. Beim Feuermachen legt man zu- 
nächst einen dürren schenkeldicken Ast oder Baumstamm an 
den hintern an die Mauer stoßenden Rand des Heerdes, sodann 
einige dünnere, ebenso lange Aeste parallel daneben, und lehnt 
an diese Unterlage die kleinern Holzstücke an, welche man 
mit dünnem Reissig, wohl auch mit Stroh oder Farrnkraut 
bedeckt. Vermittelst einiger glühenden Kohlen, die etwa 
immer in der Asche vorhanden zu sein pflegen, und des Blase- 
balgs, welcher in keiner spanischen Wirthschaft fehlen darf, 
setzt man zuletzt das Ganze in Brand, und legt die brennen- 
den Reisser und Holzstücke von Zeit zu Zeit mit der wie eine 
Scheere gestalteten Feuerzange in Ordnung. 

Von Geräthschaften enthält das geschilderte Gemach ge- 
wöhnlich blos einen kleinen, niedrigen, roh gezimmerten Tisch 
und einige aus Brettern zusammengenagelte Bänke und 
Stühle, oder mit Strohgeflechten bedeckte Sessel, zu denen 
sich fast immer ein großer, auf massiven gedrechselten Füßen 
ruhender, gepolsterter, mit Leder überzogener und mit hoher, 
ebenfalls gepolsterter Lehne versehener Armstuhl gesellt, der 
dem Herrn des Hauses gehört und dem eintretenden Gaste 
präsentirt zu werden pflegt. Eine der Hausthüre gegenüber 
angebrachte, eben so große und gewöhnlich unverschlossene 
Thüre setzt das Küchengemach mit den dahinter liegenden 
Abtheilungen des Erdgeschosses in Verbindung, unter denen 
der Stall für die Last- und Zugthiere immer die größte zu 
sein pflegt. Von den übrigen Parterregemächern, deren es 
gewöhnlich nicht viele giebt, verdient blos noch das Schlaf- 
gemach der Familie erwähnt zu werden... Ueber jedem 
Bette pflegt ein kleines hölzernes Kreuz oder ein bleiernes 
Crucifix und darunter ein kleines, beinahe wie ein Wand- 
leuchter gestaltetes, mit geweihtem Wasser gefülltes Weih- 
becken von Glas aufgehängt zu sein. Eine hölzerne Treppe 
führt entweder aus der Hausflur oder aus dem Stallraum, der 
gewöhnlich durch eine Hinterthür mit dem hinter dem Hause 
befindlichen Hofe in Verbindung steht, in das obere Stockwerk 
hinauf, unter dessen Abtheilungen ein über der Hausflur ge- 


A 


legenes größeres Gemach, die sogenannte Sala, den ersten 
Rang einnimmt. Dieses Gemach hat meist zwei Fenster nach 
vorn heraus, welche wie alle übrigen Fenster des Hauses fast 
viereckig zu sein pflegen und blos vermittelst nach Innen sich 
öffnender Holzläden verschlossen werden. Zwischen den 
beiden Fenstern führt eine Flügelthür auf den über der Haus- 
thür befindlichen Balcon, dessen Geländer fast immer von 
Holz, und roth angestrichen ist. Die Sala ist so zu sagen „die 
gute Stube“ des baskischen Bauernhauses. Der Fußboden be- 
steht aus schmalen eichenen Dielen; an den weiß getünchten 
Wänden pflegen bunte, grob gemalte Heiligenporträts und 
profane Bilder... zu hängen. In einer Ecke steht vielleicht 
ein vom Alter geschwärzter, mit kunstreichem Schnitzwerk 
verzierter Schrank oder Kasten von Nußbaumholz, dem man 
es ansieht, daß’er schon Jahrhunderte gedient hat. In dem- 
selben bewahrt der Baske seine Kleinodien, sein Geld und 
seine heiligen Urkunden, die Hausfrau ihre Wäsche und 
Schmucksachen . . . Einige Tische und eine Reihe von Stühlen 

,. vollenden das Ameublement des ländlichen Putzgemachs.“ 


Die Küche befindet sich in den baskischen caserios gewöhnlich im 
Erdgeschoß, und zwar entweder seitlich vom portalön, durch den 
man sie betritt!, oder, mit ihm durch eine Tür verbunden, 
dahinter!?, was Willkomm als das Übliche bezeichnet. Daneben 
gibt es endlich caserios, bei denen eine Tür von der Vorderfront 
des Hauses direkt in die Küche führt”. 

Im übrigen ist die von Willkomm angeführte Verteilung der 
Innenräume allgemein gebräuchlich. Daß die Stallräume den 
größten Teil des Erdgeschosses einnehmen, zeigen auch die Grund- 
risse der heutigen caserios!. Auch was Willkomm über das 
Staatszimmer, die sale, zu sagen weiß, trifft mit örtlichen Unter- 
schieden noch für die Gegenwart zu. So sind bei vielen älteren 
Bauernhäusern, denen der Balkon fehlt, zwei über den portalön 
gelegene Fenster die Regel®?, Wo ein Balkon mit dem rotgestriche- 


18 Vgl. die Grundrisse bei Yrizar, Fig.50, und Baeschlin 56, 83, 145. 
18 Baeschlin 45, 56, 105, 144. 

20 Yrizar, Fig. 49, 51. 

21 Yrizar 91 und Fig. 49, 50, 51, 52. 

22 Yrizar, Tafel LIV, LXI, LXIX, LXXI; Baeschlin 38. 


— 78 — 


nen Geländer die Giebelwand ziert — nach Yrizar?® eine neuer 
Einrichtung —, sind eine oder beide Fensteröffnungen zu Balkon. 
türen umgebildet?, oder es ist, wie Willkomm berichtet, eine be. 
sondere Tür vorhanden. Die sich nach innen öffnenden Holzläden 
sind jetzt zumeist durch Fensterscheiben ersetzt, bei älteren Bauten 
allerdings noch heute erhalten?. 

Die von Willkomm geschilderte Einrichtung der Küche mit 
dem „großen pyramidalen Rauchfang“ entspricht im Gegensatz zu 
der oben wiedergegebenen Darstellung Humboldts, der das Fehlen 
eines Rauchabzuges hervorhebt, einem jüngeren Entwicklungs- 
stadium®®. Bei diesem befindet sich der Herd — was Willkomm 
nicht deutlich werden läßt — fast immer an einer Seitenwand und 
nicht in der Mitte des Raumes?’. Die von Willkomm genannten 
Herdgeräte — Eisengeländer, Herdkette, Blasebalg und Feuer- 
zange — sind auch heute noch anzutreffen?®, verschwinden aber 
immer mehr?®. Auffallend ist, daß der Verfasser nichts erwähnt 
von dem txixilu, jenem herunterklappbaren Tisch, der für die 
baskische Küche typisch ist®". Die Literatur verzeichnet allerdings 
nicht, wann dieses praktische Gerät aufgekommen ist. 


b) Das Hochpyrenäenhaus. 


Aus dem Gebiet der Hochpyrenäen besitzen wir besonders 
aus Hocharagonien eine Anzahl Schilderungen deutscher Reisender 
über die Hausformen. Unter diesen befindet sich auch die Be- 
schreibung eines Lagers von Hirten, deren Hütten, da sie nur 
vorübergehend bewohnt sind, in den ganzen Pyrenäen zu den 
primitivsten Wohnbauten gehören®!. So berichtet Lichnowsky 


23 A.a2.0.98. 

24 Yrizar, Tafel LIX, LX; Baeschlin 92, 93, 96, 98. 

25 Yrizar, Tafel LIX, LXII, LXVI. 

26 Vgl. auch Yrizar, a.a.0.111. 

27 Ein Beispiel für den Herd in der Mitte der Küche bei Baeschlin, 
a.a.0.140. 

28 Vgl. die Abb. bei L. Torres Balbäs, FoCoEsp III, 309, und Baeschlin 140. 

29% Über die Zusammenhänge mit dem Herdgerät der übrigen Pyrenäen 
vgl. Krüger, HPyr A Il. 

& Baeschlin 139 ff. 

a Vgl. Krüger, HPyr A 1, B7f& 


Bere 


(II, 118) aus dem katalanischen Teil der Pyrenäen bei Prats de 
Mollö über den Anblick, der sich ihm auf einem Plateau bietet: 


„Hier lehnten an Felsspalten fünfzehn bis zwanzig kleine, 
vier bis fünf Fuß hohe Baraken (hurdas), durch die Hirten 
der transhumirenden, spanischen Schafe aus Lehm und Stein 
aufgebaut; in deren Mitte eine Größere, die Küchenbarake. 
Der einzige Bewohner dieses kleinen Dorfes war ein alter 
Hirt, der diese Baraken, mit den darin befindlichen Utensilien, 
während der Abwesenheit seiner Gefährten bewachte. Diese 
bringen mehrere Monate in Spanien zu und wechseln dann 
auf französisches Gebiet, wo ihre Heerden gegen eine kleine 
Abgabe weiden .. .* 


Daß die Hirtenhütten nicht nur einzeln, sondern auch in Gruppen 
zusammenliegen, gilt auch sonst für das Pyrenäengebiet?®. Immer- 
hin ist die hier genannte Zahl recht groß und läßt auf eine statt- 
liche Herde schließen. Auffallend ist die vom Verfasser angeführte 
Bezeichnung der Hütten als hurdas, während sie sonst köba, 
kabäna, kaseta, &öba usw. heißen®®. Über die äußere Form sagt 
Lichnowsky — abgesehen davon, daß er die Höhe bezeichnet —, 
nichts. Doch ist seine Angabe zu beachten, wonach die Hütten aus 
Lehm und Stein aufgebaut sind, während sonst im Pyrenäengebiet 
die Wände der Hirtenbehausungen überall ohne Bindemittel nur 
durch Übereinanderschichten von Felssteinen errichtet werden. 

Das hocharagonische Pyrenäenhaus ist den 
Reisenden an verschiedenen Orten durch charakteristische Einzel- 
heiten aufgefallen. So schreibt Willkomm (Wanderungen I, 
311) aus Canfranc im Hochtal des Rio Aragön: 


„Canfranc, ein freundlicher, gut gebauter und wohlhaben- 
der Flecken, überrascht durch die hohen, spitzen mit Schiefer 
oder mit Schindeln, oder vielmehr mit aufgenagelten Brettern 
gedeckten Dächer seiner Häuser. Die im Süden gebräuchlichen 
flachen Ziegeldächer, welche man noch in Castillo und Villa- 
nueva bemerkt, erweisen sich nämlich in den hohen Pyrenäen- 


a2 Krüger, HPyr A I, 67. 

3 Über das Vorkommen dieser und anderer Wortformen vgl. Krüger, 
HPyr A I, 65. 

3 Krüger, HPyr A I, 61. 


9 


thälern wegen des starken und anhaltenden Schneefalles in 
Winter als unpraktisch. Daher besitzen die Gebäude aller Ort. 
schaften der Hochpyrenäen spitze Dächer... .“ 


Das zumeist mit rohen Schieferplatten gedeckte Spitzdach, das 
Willkomm beobachtet hat, ist auch heute noch kennzeichnend für 
alle Ortschaften des westlichen Hocharagön, während im mittleren 
Hocharagön flachere Dachformen an seine Stelle treten®®. 

Weitere Einzelheiten über die Hausformen berichtet derselbe 
Reisende aus dem ebenfalls im Aragöntal gelegenen Jaca (Will- 
‘ komm, Wanderungen I, 279). Er sagt von den „weiß getünchten 
Häusern“ dieses Ortes: 


„Dieselben haben ... meist keine Balcons, sondern blos 
Fenster, die häufig von ungleicher Größe und ohne alle Ord- 
nung angebracht, und nicht selten anstatt der Glasscheiben 
blos mit Läden, oder mit eigenthümlichen, nach der Gasse zu 
ausgebauchten Holzgittern verschlossen sind.“ 


Mauern aus rohen Felssteinen mit einer Mörtelmasse verbunden 
herrschen bei den Häusern Hocharagoniens vor; doch finden sich 
daneben auch weißgetünchte Hauswände®®, die in einer Stadt wie 
Jaca leicht überwiegen können. Treffend ist Willkomms Beobach- 
tung über die Fenster. Verschieden große und unregelmäßig über 
die Hausfront verteilte Öffnungen, deren Zahl zudem aus klima- 
tischen Gründen sehr beschränkt ist, kennzeichnen noch heute alle 
älteren Pyrenäenhäuser in Hocharagonien?”, und auch die „eigen- 
thümlichen, nach der Gasse zu ausgebauchten Holzgitter“ ent- 
sprechen den türartigen Öffnungen mit eingesetzter Holzbrüstung, 
die, ursprünglich in dem über dem Wohnstock gelegenen Geschoß 
des Hauses angebracht, die neueren Balkons oder Holzgalerien 
ersetzen®®. 

Ein weiteres charakteristisches Merkmal des Hauses im ganzen 
Gebiet der aragonisch-navarresischen Hochtäler ist der große 
glockenartige Rauchabzug, der sich überall da findet, wo die alte 


% Krüger, HPyr A I, 123, 129. 

46 Vgl. Krüger, HPyr A I, Phot. 67, 68 und 70—72. 

87 Krüger, HPyr A I, Abb.4 und Phat.61, 63, 65, 69. 

38 Solche Holzbrüstungen sind abgebildet bei Krüger, HPyr A I, Phot, 
54, 65 und Abb. 4c (Hocharagonien). 


al 


Form der in der Mitte der Küche gelegenen Feuerstelle bei- 
behalten worden ist®. Cl. v. Glümer hat ihn in Salientes bei 
Panticosa in Hocharagonien beobachtet (Glümer I, 270): 


„Da die Posada statt des Kamins einen Heerd und statt 
des Schornsteins einen thurmartigen Aufsatz mit verschiede- 
nen Luftlöchern hatte, konnte sich der Rauch durch das ganze 
Gebäude verbreiten .. .“ 


Und ebenso berichtet dieselbe Reisende über eine Herberge bei 
dem weiter östlich in Sobrarbe gelegenen Paß von Benasque 
(Glümer II, 136): 


„Es ist ein kleines viereckiges Gebäude, dessen Mauer- 
steine nicht durch Mörtel verbunden sind, so daß Luft und 
Feuchtigkeit von allen Seiten einzudringen vermögen. Aber 
das Schieferdach vermag wenigstens den Regenfluthen zu 
wehren, und mit wahrhafter Freude sahen wir das große 
Feuer auf dem Heerde, der nach spanischer Sitte die Mitte 
des Gemaches einnimmt und dem Rauche eine ungehinderte 
Cirkulation durch alle Räume des Hauses gestattet, bis es ihm 
genehm ist, durch das fensterreiche Thürmchen das Weite zu 
suchen.“ 


Also auch hier wieder der charakteristische Rauchabzug. Im 
übrigen darf dieses kleine, auf einer Paßhöhe einsam gelegene 
Einraumhaus nicht als Typus des Pyrenäenhauses gelten, wenn 
auch Bau- und Bedachungsmaterial mit diesem übereinstimmen. 

Bereits zu der katalanischen Provinz Lerida gehört das Vall 
d’Arän, aus dem wir zwei Schilderungen eines deutschen 
Reisenden besitzen. Der Verfasser der Reise eines Norddeutschen 
(II, 211) berichtet über den äußeren Anblick der Ortschaft Viella 
am Oberlauf der Garonne: 


„Mehrere Thürme dominiren die zwar meist aus einem 
Erdgeschosse und ersten Stocke bestehenden, aber dennoch 
niedrigen Häuser des Hauptortes vom Thale Aran; die ent- 
weder durch ihr Alter gedunkelten oder aus einem in der 
Nähe der Stadt gebrochenen grauen Marmor aufgeführten 


% Krüger, HPyr A I, 129. 


— B— 


Wohnungen derselben und die aus einem ebenfalls unfern 
Viella befindlichen Schieferbruche hervorgegangenen Be. 
dachungen geben der dorfartigen Stadt einen ernsten, fast 
finstern Anstrich.“ 


Das zweigeschossige, dabei niedrige Haus ist auch heute noch 
häufig in dieser Gegend“, wenn es auch erst als neüerer Typ aus 
dem einfachen Hirtenwohnhaus hervorgegangen ist. Auffallend 
und wie der Verfasser angibt, aus örtlichen Verhältnissen zu er- 
klären, ist die Verwendung von Marmor zum Hausbau, während 
sonst im Vall d’Arän ebenfalls Felssteine vorherrschen. Die Be- 
dachung mit Schieferplatten ist in einem Ort wie Viella nicht 
ungewöhnlich zu nennen, während der Verfasser die heute noch 
für die Dörfer des Tales charakteristischen strohgedeckten Häuser 
mit Treppengiebel nicht erwähnt. Ergänzend zu dem Vorstehenden 
schildert: er (II, 198/199) die Inneneinrichtung der Häuser des 
weiter talabwärts nahe der Grenze gelegenen Ortes Bosost: 


„Die Einrichtung der Häuser des Thales ist fast durch- 
gängig dieselbe. Die eine Hälfte des Erdgeschosses wird durch 
die Küche eingenommen, in welcher das Feuer unter einem 
großen Rauchfange auf der ebenen Erde brennt; um den 
untern Rand des Rauchfanges läuft ein Brett herum, auf dem 
in bunter Reihe alles mögliche Küchengeschirr bunt durch- 
einander aufgestellt it, Auf der Kante eines steinernen 
Gossesteines stehen hölzerne Wassergeschirre umher und an 
der von Rauch und Zeit geschwärzten, gewöhnlich die Wände 
des Gemaches bedeckenden Verdielung hängt der sonstige 
Hausrath umher, welcher in einem großen Schranke von 
Nußbaumholz nicht mehr Platz gefunden hat. Ein langer 
Tisch, hölzerne Schemel und Bänke vervollständigen die Ein- 
richtung der Küche, die zugleich Wohn- und Gastzimmer ist. 
Die andere Hälfte des Rez-de-Chaussee wird von einem 
zweiten Gemache eingenommen, in welchem Vorräthe aller 
Art um einige Bettstellen aufgehäuft sind; gewöhnlich sind 
indessen die Räume des obern Stockes zu den Schlafzimmern 
bestimmt und der Besitzer des Hauses findet dann, wenn er 


40 Krüger, HPyr A I, 37. 


on dB 


Handwerker ist, um so eher im untern Stocke Platz für seine 
Werkstatt.“ r . 


Die Aufteilung des Erdgeschosses entspricht der auch heute 
noch im Vall d’Arän und anderen Teilen der Pyrenäen üblichen 
Trennung in kodina mit ebenerdiger Feuerstelle und Schlafraum 
säla*!. Die Umwandlung des über dem Erdgeschoß liegenden, ur- 
sprünglich als Heuboden dienenden Dachraumes in Schlafräume ist 
noch in der Gegenwart in vielen Orten zu verfolgen. Sie ist nicht 
auf das Vall d’Arän beschränkt, sondern auch in den französischen 
Nachbartälern zu beobachten‘?, wie das aranesische Haus in seiner 
Entwicklung und seinen Formen überhaupt enge Verwandtschaft 
mit dem französischen Pyrenäenhaus aufweist“. Dies erkannte 
auch bereits der Verfasser der Reise eines Norddeutschen (II, 199), 
wenn er im Anschluß an die oben wiedergegebene Schilderung 
fortfährt: 

„Die äußere Bauart der Häuser gleicht in diesem Theile 
von Spanien sehr der in den Grenzdörfern des mittäglichen 
Frankreichs .. .* 


c) Das niederaragonische Bauernhaus, 


Aragonien ist einer der Teile der Halbinsel, die der Fuß eines 
Reisenden, zumal eines Ausländers nur selten betreten hat. In 
seinem nördlichsten Teil noch zur regenreichen Zone der Pyrenäen 
gehörend, geht es nach Süden zu, nach dem Ebrotale hin und dar- 
über hinaus immer mehr in das trockene Gebiet der inner- 
spanischen Meseta über. Das Haus der nördlichen Grenzzone 
Aragoniens ist oben zusammen mit dem der angrenzenden 
Pyrenäenlandschaften behandelt worden. Über die Dörfer der 
weiter südlich gelegenen Teile Aragoniens berichtet verschiedent- 
lich Willkomm, der als einziger Reisender diese Landschaften 
bei seinem zweiten Spanienaufenthalt berührt hat, Sie wirken so 
ärmlich und unfreundlich auf ihn, daß er auf ihre Bauart kaum 
näher eingeht. 


4 Krüger, HPyr A I, 228. 
42 Krüger, HPyr A I, 285. 
4 Krüger, HPyr A IL, 297. 


—_— 8 — 


So schreibt er aus der Nähe von Jaca im Tal des Rio Aragßı 
(Wanderungen I, 275): EN j 
„Die Gegend wird bald außerordentlich einsam; hier und 

da klebt ein erdfahles Dörfchen an den kahlen Abhängen de 
Berge; dann und wann bemerkt man ein einsames Gehöft, 
eine Venta, einen Corral (von niedrigen Mauern umschlossenen 
Hof, bestimmt, um die Heerden des Nachts aufzunehmen) und 
dabei ein paar Felder: sonst ist Alles unbebaut, unbewohnt.. « 


Und an einer anderen Stelle sagt er über die aragonischen Dörfer 
(Wanderungen II, 135/136): 
„Schon mehrmals habe ich des erdfahlen Aussehens der 
aragonesischen Ortschaften gedacht, eine Eigenschaft, durch 
welche dieselben die Landschaften mehr verunzieren, als ver- 
schönern. Diesem schlechten Aussehen entspricht auch die 
Bauart der Häuser. Dieselben besitzen in den kleinen Ort- 
schaften selten mehr als ein Erdgeschoß, haben flache, mit 
grauen Hohlziegeln gedeckte Dächer und enthalten nur wenig 
Gemächer, die durch kleine, ohne alle Ordnung angebrachte, 
gar nicht oder blos vermittelst hölzerner Laden yerschließbare 
Fenster spärlich erhellt werden. Nicht selten bilden der Vieh- 
stall und der Küchenraum, wo sich die Familie aufhält, ein 
einziges Gemach.“ 


Dieses erdfahle Aussehen der Häuser, das für die Dörfer im ganzen 
mittleren Aragonien und insbesondere zu beiden Seiten des Ober- 
laufes des Ebro und seiner Nebenflüsse zutrifft, beruht darauf, daß 
zum Bau an der Luft getrocknete Lehmziegel (adobes) verwandt 
werden. Da auch der Boden, von den Flußoasen abgesehen, eine 
gelbgraue Farbe aufweist, heben sich die Dörfer auf einige Ent- 
fernung kaum von ihrer Umgebung ab und scheinen vollständig 
in der Landschaft zu verschwinden. Die wenig geneigten Dächer — 
in Sattel- oder Pultform — sind auch heute noch überall dort an- 
zutreffen und ein charakteristisches Zeichen für die nach dem 
Innern zunehmende Trockenheitt, 

Wie sehr sich dem Reisenden der Unterschied zwischen diesen 
eintönigen, melancholisch stimmenden Gebieten und der benach- 


4 Vgl. Torres Balbäs, FoCoEsp III, 425 fl, er 


—_-85— 


barten freundlichen Küstenlandschaft aufdrängt, schildert Will- 
komm (Wanderungen II, 150/151), als er am Eingang der Ebene 
von Barracas Aragonien verläßt: 


„An dem Anfange dieser Ebene... liegen an der Brücke 
über den Millares die Ventas de la Jaquesa, eine Reihe erd- 
fahler Häuser, die letzte aragonesische Ortschaft. Eine Stunde 
weiter südwärts schimmern aus der grauen ... Ebene von 
Barracas die Häuser des ersten valencianischen Fleckens, der 
sich durch die weiße Farbe seiner Gebäude schon von fern 
als solchen zu erkennen giebt... Der Contrast zwischen den 
beiden an einander gränzenden Landschaften und ihren Be- 
wohnern ist wirklich auffallend und seltsam... Denn 
während in la Jaquesa noch die Gasse sowohl, als das Innere 
der Häuser von Schmuze klebt, die Gebäude noch die beliebte 
erdfahle Farbe und das unfreundliche Aussehen der arago- 
nesischen Dörfer haben, die Menschen finster und mürrisch 
dreinschauen, kurz Alles eben ächt aragonesisch ist: findet 
man in Barracas freundliche, mit Balcons gezierte, weiß ge- 
tünchte Häuser, reinliche Straßen, sehr saubere Küchen und 
redselige, lebhafte, fröhliche und höfliche Leute... mit 
einem Worte, ist schon Alles ächt valencianisch.“ 


d) Das Bauernhaus der Huerta von Valencia. 


Wie viele andere spanische Landschaften besitzt auch Valencia 
einen eigenen, bodenständigen Haustyp in der barraca valenciana, 
der in ähnlicher Form auch nördlich im Ebrodelta und südlich bei 
Orihuela und Murcia vorkommt“. Heute ist er in- raschem 
Schwinden begriffen. Während das jetzige Verbreitungsgebiet auf 
einen ungefähr 10km breiten Küstenstreifen beschränkt ist, der 
im Norden bis Sagunto, im Süden bis Cullera reicht, war die 
barraca früher sicher in der ganzen Huerta bis an die Randgebirge 
zu finden‘®, 

Unsere Reisenden berichten aus dem vorigen Jahrhundert 
verschiedentlich über das Bauernhaus der Huerta. So gibt ins- 
besondere Ziegler eine ausführliche Schilderung, allerdings 


45 Vgl. die ausführliche Darstellung von Thede, VKR VI, 252 fl, 
46 Thede, VKR VI, 228 ff. 


ey 


ohne nähere Ortsangabe, die uns jedoch sofort verrät, daß wir uns 
im Gebiet des Korn und Gemüse bauenden Huertano befinden 
Er schreibt (I, 150): j 


„Die Hütten (chozas) der Huerta sind wahre Schmuck. 
kästchen. Das Grundstück, worauf das freundliche Häusche) 
steht, ist meist von der Straße durch einen Graben und eine 
Hecke aus riesigen Aloen geschieden. Auf einem kleinen Stege 
gelangt man über den Graben, tritt durch eine mit Epheu und 
Marienbildern geschmückte Pforte in einen schattigen, von 
Weinreben gebildeten Laubgang ein, und gelangt so zur 
offenen Thüre der mit einem leichten Strohdach versehenen 
Hütte, deren Wände von Lehm gebaut und weiß angestrichen 
sind. Die innere Einrichtung ist sehr einfach. Durch die 
Hausthür tritt man in die mit blendendem Küchengeschirr, 
Wassertrögen und Geräthschaften ausgeschmückte Küche, die 
zum Hauptaufenthalte der ganzen Familie, sowie auch meist 
zum Nachtlager der Männer dient. Der Heerd, das Küchen- 
bret, ein kleiner Tisch und ein kleiner Schemel bilden den 
ganzen Hausrath. Neben der Küche befindet sich gewöhnlich 
ein kleines Gemach, das zur Schlafstube oder zur Rumpel- 
kammer benutzt wird. Die Pferde und die Ackergeräth- 
schaften finden unter einem an die Hütte anstoßenden Wetter- 
dache Platz. Unweit der Hütte stehen Orangen-, Feigen-, 
Johannisbrod- und Granatbäume, in deren Schatten der Land- 
mann während der heißen Jahreszeit, mit Ausnahme der 
Nächte, sich mehr als in dem Hause aufhält. 

Auf meinen Streifereien in der Ebene von Valencia bin 
ich in mehrere dieser Bauernhäuser eingetreten. Die Leute 
empfingen mich jederzeit freundlich, ließen mich von ihrem 
Brod, ihren Erbsen und Melonen mitessen, erzählten treuherzig 
von ihren Haus- und Feldeinrichtungen und gestatteten mir 
recht gern, dieselben anzusehen und zu prüfen.“ 


Ganz ähnlich stellt Hackländer (I,281—283) die Bauern- 
häuser in der Umgebung von Valencia dar, wobei allerdings nicht 
der Verdacht von der Hand zu weisen ist, daß er sich in seinen 
Ausführungen auf die oben wiedergegebene Schilderung von 
Ziegler stützt. 


the 


Auffallend ist, daß Ziegler ebenso wie andere Reisende (Hack- 
länder I, 283; Helmrich 94) die Bauernhäuser der "Huerta als 
chozas bezeichnet, während heute als alleiniger, allgemein üblicher 
Ausdruck vom Ebrodelta bis nach Murcia das katalanisch-valen- 
cianische barraca verwandt wird?’. Die von Ziegler als charakte- 
ristisch angeführte Weinlaube vor der Hütte kennzeichnet auch 
jetzt noch vielfach den Zugang zur barraca#®. 

Über den Bau der Hütte erfahren wir aus den Berichten der 
Reisenden verhältnismäßig wenig, Nach Ziegler sind die 
„Wände von Lehm gebaut und weiß angestrichen“, und ähnlich 
schreibt Hackländer (I, 281): „Die Wände sind ..... von ge- 
stampftem Lehm, haben aber durch einen weißen Anwurf, der 
beständig erneuert wird, ein frisches, ‚freundliches Aussehen.“ 
Häufiges Weißen von innen und außen verstehen sich auch heute 
noch für die Behausungen der Huerta. Die Lehmwände der 
barraca sind genauer genommen aus an der Luft getrockneten 
Lehmziegeln hergestellt, was aus den Reiseberichten nicht deut- 
lich hervorgeht. Das Dach besteht nach Hackländer (I, 281) aus 
leichten Rohrstäben, und ebenso schreibt Helmrich (94), daß 
die „chozas“ mit Rohr gedeckt sind. Demgegenüber spricht 
Ziegler (I, 150) von der „mit einem leichten Strohdach ver- 
sehenen Hütte“, und auch Willkomm (I, 72) berichtet aus der 
Huerta von den Hütten der Arbeiter, „deren hohe spitze Stroh- 
dächer gewöhnlich mit einem rohen hölzernen Kreuz geziert sind“. 

Inwieweit diese Angaben unserer Reisenden zutreffend sind 
oder auf ungenauer Beobachtung beruhen, läßt sich schwer ent- 
scheiden, da ihren Schilderungen keine genaue Ortsangabe zu- 
grunde liegt. Dünne Rohrstäbe bilden heute in der Huerta immer 
die Unterlage, auf der das Deckmaterial befestigt wird. Dieses 
wechselt je nach der Gegend, besteht jedoch zumeist aus broza, 
einem Strauchgras, das hauptsächlich im Röhricht der Albufera 
wächst". Eigentliches Weizenstroh wird dagegen nach Thede 
selten verwandt. 


47 Thede, VER VI, 286, 

48 Torres Balbäs, FoCoEsp III, 226. 

4 Torres Balbäs, FoCoEsp III, 224. 

50 Vgl. hierzu Thede, VKR VI, 235 und Torres Balbäs 224 2. 


ea 


Das Holzkreuz als Giebelschmuck erwähnt Willkomm al 
ziger. Nach Thede?! tragen Vorder- und-Hintergiebel der Barra 
ganz allgemein solche Kreuze. Daß sie aber ebenso häufig fe Mt 
können, zeigen die dort wiedergegebenen Abbildungen??. 

Über die Inneneinteilung der Barraca berichtet Hack 
länder (I, 281/282) in Übereinstimmung mit der oben angeführ 
tern Schilderung Zieglers: 


„Wie überall in Spanien nimmt die Küche den größte 
Theil des Raumes für sich in Anspruch, doch ist diese 
gleicher Zeit Wohnstube für Alle und Schlafstube für 
Männer. Fenster gibt es hier nicht und das Licht dringt durd 
die offene Thüre herein; das Herdfeuer brennt auf einer Stein 
platte am Boden und ebenso einfach sind auch alle übriger 
Einrichtungen... In der anstoßenden kleinen Kamme 
finden sich Kisten und Truhen, worin das Eigenthum de 
Familie verwahrt wird, sowie ein Paar Betten für Frau 
Töchter ... .* 


Der hier beschriebene Herd zu ebener Erde ist der ursprünglich in 
ganz Spanien übliche, Im Gebiet der barraca findet sich heute 
dafür fast immer ein Kamin an dem freien Teil der Vorderwand 
neben der Tür, Die Aufteilung des Innenraums, wie sie unsere 
Reisenden anführen, ist typisch für die Barraca der Huerta, wobei 
die Zahl der Kammern (cuartos) eins, zwei oder drei betragen 
kann’%, j 

Den Hausrat in der „Wohnküche“ der barraca valenciana 
schildert Hackländer (I, 282) eingehender: h 


„Auf einem Paar Brettern, die an der Wand angebracht 
sind, befindet sich das meistens aus rothem oder gelbem Thon 
bestehende Küchengeschirr; die Formen desselben sind über. 
aus zierlich und weisen noch auf die Zeit der Araber, zuweilen 
sogar auf die der Römer zurück. In einer Ecke befindet sich 
ein für das heiße spanische Klima unentbehrliches Geräthe, 
ein Wasserkrug von meistens 4 Fuß Höhe, der außerdem noch 


51 VKR VI, 236, 

82 Vgl. Tafel III und V. 

53 Thede, VKR VI, 240. 

54 Vgl. Thede, VKR VI, Grundriß Abb.1, II sowie S. 244, 


ne 


2 Fuß tief im Boden steckt und mit einem hölzernen Gerüst 
umgeben ist, auf dem sich eine Menge Trinkgeschirr in den 
verschiedensten Größen befindet, die den alten Wasserkrug 
umgeben, wie Kinder und Enkel das Haupt der Familie. Ein 
gewöhnlicher Tisch mit ein Paar kleinen Schemeln machen 
den übrigen Hausrath aus.“ 


Interessant ist besonders die Erwähnung des riesigen Wasser- 
‚kruges. Dieses bis zu anderthalb Meter hohe, tönerne Wassergefäß, 
_ das der kastilischen „tinaja“ entspricht, findet sich auch heute noch 
überall dort in der Albufera von Valencia, wo keine Brunnen mit 
Trinkwasser in der Nähe vorhanden sind®®. 


e) Das Bauernhaus der Alpujarras. 


Über das Bauernhaus in der Alpujarra, dem Südabhang der 
Sierra Nevada, berichten uns zwei deutsche Reisende, die beim 
Dürchstreifen der Halbinsel dieses sonst von Fremden wenig be- 
tretene Gebiet kennengelernt haben. 

So kommt Willkomm auf seinen botanischen Wanderun- 
gen in das Tal des Rio Trev&lez und nach Trevelez selbst, während 
Piüer Jahrzehnte vor ihm das nicht weit davon entfernt in 
einem Seitental liegende Pörtugos besucht hat. Die einfachste Form 
des Hauses der Alpujarras hat Willkomm in Trevelez an- 
getroffen. Er schildert den Ort und die Häuser folgendermaßen 
(Willkomm I, 110/111): 


„Die Gassen von Trevelez sind... .. sehr eng und krumm, 
so daß man sie von oben gesehen fast gar nicht bemerkt. Da 
aber die Häuser sämmtlich blos aus einem Erdgeschoß be- 
stehen, ganz platte Dächer besitzen, auf deren jedem sich eine 
unförmlich runde konische Feueresse sowie häufig ein halb- 
kugelförmiger Backofen erhebt, und sich eben nicht durch 
große Weisse auszeichnen, so sieht das Dorf in Vogelperspec- 


5 Thede, VKR VI, 265; über die weitere Verbreitung vgl. zuletzt 
Krüger, HPyr A II, 215—217. 

56 Nach P. Voigt, Die Sierra Nevada, Hamburg 1937, S.4, ist begrifflich 
zu unterscheiden zwischen La Alpujarra als dem gesamten Südabhang der 
Sierra Nevada und Las Alpujarras als den auf diesem Südabhang liegen- 
den Ortschaften, 


— 80 — 


tive wie ein Conglomerat von großen Maulwurfshaufen aus 
Auch steigen die Gassen so steil an, daß sehr oft das Dach 
des einen Hauses mit der Türschwelle des nächsten in gleichem 
Niveau liegt. Deshalb spazierten die Schweine, deren es ih 
Trevelez eine große Menge giebt, ... ganz ungenirt auf den 
Dächern zwischen den zahlreichen Kindern umher, die sich 
hier in paradiesischem Naturzustande sonnten und im Verein 
mit den genannten liebenswürdigen Thieren in den hier a 
geschichteten Haufen von Maiskolben herumwühlten, um ihren 
Appetit zu stillen... Was übrigens die eben geschilderte 


Bauart der Häuser anlangt, so findet man sie fast in allen 
Dörfern der obern Alpujarrasthäler .. .* 


Das terrassenartige Ansteigen des Dorfes, das Willkomm an- 
schaulich darstellt, macht sich in Trevelez bei einem Höhenunter- 
schied von mehr als hundert Meter besonders stark bemerkbar, ist 
jedoch typisch für eine große Anzahl Dörfer der oberen Alpujarra, 
wie Pampaneira, Capileira u.a. „Von fern machen die Ortschafte n 
den Eindruck einer unregelmäßigen Freitreppe, deren Stufen die 
Dächer bilden??,* 

Das genannte einstöckige Haus, auf dessen Inneneinteilung 
Willkomm nicht eingeht, entspricht dem einfachsten Wohnbedürf- 
nis. Es ist noch heute in Trevelez und anderen Orten der Alpujarra 
Alta vorherrschend®®, Das vollkommen platte Dach (tejado-azoten), 
dessen Fläche der Grundfläche des Hauses gleichkommt, ist be- 
sonders für die obere Alpujarra ein kennzeichnendes Merkmal des 
Hauses, ebenso wie die von Willkomm angeführten „unförmlich 
runden konischen Feueressen“. Nach Voigt? findet sich die runde 
Form mit aufgelegter Schieferplatte und zwei bis vier Rauch- 
öffnungen noch heute am häufigsten von allen Schornsteinformen. 
Auffallend ist Willkomms Bemerkung, daß sich auf dem Dach 
häufig auch der halbkugelförmige Backofen erhebt. Heute begegnet 
man dem Backraum mit Backofen nur vereinzelt auf der Dach- 
terrasse bei dem in der Alpujarra Alta sehr seltenen zweifach 


57 Voigt, a.8.0.7. 

58 Voigt, a.a.0.10 (Typus N. 
5 Voigt, a.a.O.18. 

00 A,a. 0.22, 


en 


aufgestockten Haus®!, Möglicherweise gehörten die von Willkomm 
auf den Dächern beobachteten Backöfen jeweils zu” dem benach- 
 barten höher gelegenen Hause, denn auch heute wölbt sich beim 
einstöckigen Haus der Backofen aus Mangel an Raum in der 
Wohnküche häufig aus dem Mauerwerk heraus®®?, 

Plüer, von dem wir die andere Darstellung über die Häuser 
der Alpujarras besitzen, geht im Gegensatz zu Willkomm auch 
auf die Inneneinteilung ein. Er schreibt (351): 


„Die Häuser zu Pörtugos und in allen Dörfern der Alpu- 
jarra sind von Steinen und Erde aufgeführet, welche sich mit 
selbigen wie Leim verbindet und härtet: sie haben zwey Stock- 
werke und ein plattes Dach, welches mit Steinen, die sich wie 
Schiefer von einander absondern lassen, gedeckt ist, und über 
selbige ist die steinigte fette Erde geschlagen, auf welcher 
das Regenwasser abläuft. n 

Wenn man die Treppe hinauf ins andre Stockwerk steigt, 
so tritt man in die Küche, welche sich durch einen niedrigen 
Heerd und Schornstein zu erkennen giebt; denn Küchengeräth 
sieht man nicht viel. Diese Küche, wiewohl sie nach der 
Treppe zu ganz offen ist, und einer Hausdiele gleicht, dienet 
doch im Winter statt der Stube. Die Familie lagert sich um 
den Heerd herum. Nach verschiedener Größe der Häuser sind 
entweder zu beyden Seiten der Küche Zimmer, oder nur an 
einer Seite. In diesen Zimmern und der Küche hält man die 
Seidenwürmer. Die Zimmer an der Erde dienen zu Magazinen 
und Kellern, worin sie die wenigen Lebensmittel aufbehalten, 
und zugleich zu Sommerwohnungen. Sehr wenige Häuser sind 
getüncht, weil man Gyps und Kalk nicht in der Nähe hat... .“ 


Das vom Verfasser genannte Baumaterial entspricht dem auch 
heute noch verwendeten Mauerwerk, das aus rohen Schiefersteinen 
mit Lehm, Kalk oder Sand als Bindemittel besteht®®. Wenn er für 
seine Zeit anführt, daß nur die wenigsten Häuser getüncht sind, 
und auch Willkomm noch aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts 
berichtet, daß die Häuser von Trevelez „sich eben nicht durch 


91 Voigt, a.a. O.13. 
@2 Voigt, a.a.O.10. 
69 Voigt, a.a.O.14. 


4 


re 


große Weisse auszeichnen“, so ist hierin inzwischen ein Wand 
eingetreten. Während auch die ärmlichsten, unverputzten Häuse, 
meist mit weißer Kalkerde bespritzt sind, tragen alle übrigen 
über dem Putz (revoco) aus Kalk oder Gips blendend weiße 
Tünche, die zu erneuern fast immer Sache der Frauen ist, 

Das von Plüer für Pörtugos bezeugte zweigeschossige Haus 
entspricht dem „einfach aufgestockten Haus ohne Haustreppe“, das 
sich heute neben dem einstöckigen besonders häufig in de: 
Dörfern der oberen Alpujarra findet®, Bei diesem führt — eine 
Folge der steilen Gassen, an denen die Häuser liegen, — oft eine 
Freitreppe von drei bis vier Stufen (escalera de acceso) in das 
obere Stockwerk, da das Untergeschoß dann unter dem Niveau 
der Gasse liegt®®. Daß es sich in Plüers Darstellung um eine solche 
außen am Haus angebrachte Treppe handelt, geht daraus hervor, 
daß er die nach der Treppe zu offene Küche mit einer Hausdiele 
vergleicht. Auch die vom Verfasser erwähnte Verwendung des 
Erdgeschosses zu Vorrats- und Lagerräumen entspricht heutigen 
Verhältnissen, wo die Räume des unteren Stockwerkes ganz dazu 
dienen, die landwirtschaftlichen Geräte und Erzeugnisse unter- 
zubringen®”. 


2. Das spanische Stadthaus. 
a) Das andalusische Haus. 
Sevilla. 


So wenig die deutschen Reisenden ihre Enttäuschung ver- 
hehlen über die verhältnismäßig reizlose Lage Sevillas inmitten 
der weiten Flußniederung des Guadalquivir, so sehr entzücken sie 
immer wieder die Bürgerhäuser dieser Stadt, die in ihrem Stil 
nach maurischem Vorbild hinter einem unscheinbaren Äußeren 
in ihrem Innern wahren Schmuckkästchen gleichen. 


„Die Häuser von Sevilla“, schreibt Rochau (I, 230/231), 
„haben durchweg einen blendend weißen Kalkanstrich ... 


04 Voigt, a.a.0.14, 331. 

#5 Voigt, a.a.0.11 (Typus Ila). 
68 Voigt, a.a. 0.25. 

97 Voigt, a.a.O.11 (Typus Ila). 


—93— 


Am Eingange jedes Hauses findet sich eine kleine Flur, die 
durch eine Gitterthür mit dem Hofe in Verbindung steht, auf 
welchem sich die Treppen und Ausgänge des Innern des 
Hauses vereinigen. Dieser Hof nun, der Patio, ist der Theil 
der Häuser, auf dessen Bau und Pflege die meiste Kunst und 
Sorgfalt verwendet wird. Der Boden des Patio ist mit Stein- 
platten von verschiedener Farbe belegt, die oft ein sehr zier- 
liches Mosaikpflaster bilden. In seiner Mitte plätschert ein 
Springbrunnen halb versteckt in einem kleinen Walde von 
Rosen oder anderen Blumen und Zierpflanzen .. .. Gold- und 
Silberfischchen spielen in dem Becken des Brunnens. Die eine 
Seite des Hofes entlang läuft ein Bogengang mit Säulen von 
Marmor und Jaspis, der sich zuweilen auch im zweiten und 
dritten Stockwerke des Hauses wiederholt. Die Decke des 
Patio bildet entweder ein dichtes Gewebe von lebendigem 
Weinlaube, oder wo dieser grüne Baldachin fehlt, wird in den 
heißen Stunden des Tages ein Sonnendach von Leinwand über 
den Hof gespannt. Hinter Hof und Haus befindet sich oft noch 
ein kleiner Garten oder ein zweiter Patio, in welchem 
zwischen duftigen und farbenglänzenden Gewächsen des 
Südens nur schmale Gänge zum Lustwandeln übrig bleiben. 
Und alle diese häusliche Herrlichkeit wird nicht etwa neidisch 
und selbstsüchtig abgesperrt, sondern ihr Anblick gehört allen 
Vorübergehenden. Durch jede Hausthür hat man eine Aus- 
sicht auf einen kleinen Winkel dieses Paradieses; denn der 
erste und der zweite Patio sind entweder ganz offen oder nur 
durch eine Gitterthür verschlossen. Im Sommer ist der kühle, 
frische Patio der Mittelpunkt des ganzen häuslichen Lebens 
der Sevillaner. Die Bogengänge desselben werden möblirt, 
neben seinem Springbrunnen wird der Tisch gedeckt, im Patio 
wird musicirt, gearbeitet, Besuch empfangen und sogar Siesta 
gehalten. In 'Gasthöfen und Kaffeehäusern herrscht dieselbe 
Einrichtung ... .“ 


Halten wir zum Vergleich noch die Schilderung von will- 
komm daneben, die sich in vielem mit der Rochaus deckt, mit 
dem Unterschied, daß Willkomm in der Vorhalle und dem patio 
Einflüsse aus römischer Zeit erkennen will. So gewiß aber der 


A PER 


patio als maurisch-arabischen Ursprungs anzusehen ist, SO sehr 
steht die von verschiedenen Reisenden übereinstimmend beze 

Tatsache in Widerspruch zu arabischer Sitte, den Vorübergehend n 
durch das geöffnete Gittertor Einblick in das Leben und Treiber 
im patio zu gewähren und selbst Verbindung zur Gasse zu haben, 


Willkomm (II, 210—212) äußert sich wie folgt: 


„Mir scheinen die Häuser von Sevilla... Verwandtschaft 
mit den Wohnungen der alten Römer zu haben... Alle 
Häuser von Sevilla fast ohne Ausnahme, besitzen eine kleine 
viereckige Vorhalle, die durch ein von frühem Morgen bis 
spät in die Nacht weit geöffnetes Thor mit der Gasse com. 
munieirt und dem Vestibulum der altrömischen Wohnungen 
entspricht. Diese Hausflur steht durch ein großes eisernes 
Gitterthor, das bei den Häusern wohlhabender Bürger bis- 
weilen auf das Zierlichste gearbeitet, bronzirt und reich ver- 
ziert ist, mit einem geräumigem, im Centrum .des Hauses 
befindlichem Hofe von viereckiger Gestalt in Verbindung, der 
fast immer mit Marmor getäfelt ist, in der Mitte eine Fon- 
taine enthält und meist von einem auf Marmorsäulen ruhen- 
den Porticus umschlossen ist. Dieser Raum, welcher immer 
sehr reinlich und sauber gehalten und häufig mit Orangen- 
bäumen bepflanzt oder wenigstens mit Blumentöpfen ge- 
schmückt zu sein pflegt, entspricht genau dem Atrium der 
Römer und dient während der schönen Jahreszeit als Emp- 
fangs-, Gesellschafts- und Familiensaal, so daß man von der 
Gasse aus bequem sehen kann, was in jedem Hause vorgeht. 
Rings um diesen Hof liegen die Parterrewohnungen, die meist 
keine Fenster, sondern Glasthüren besitzen, welche sich nach 
dem Hofe zu öffnen. Hier bringt die Familie den Sommer zu, 
während dem es der enormen Hitze halber ganz unmöglich 
ist, im obern, den Sonnenstrahlen ausgesetzten Theile des. 
Hauses zu leben; den Winter dagegen ziehen sich die Be- 
wohner in die obern Gemächer zurück, die zahlreiche Balcons 
nach der Gasse zu haben... Des Tages spannt man eine 
hänfene oder wohl auch aus Esparto geflochtene Decke über 
den Hof, damit die Sonnenstrahlen nicht hineinfallen können, 
und erhält auf diese Weise selbst zur heißesten Jahreszeit 


immer eine angenehme Kühle im Hause. Die meisten Privat- 
gebäude sind übrigens blos zwei Stockwerke hoch und werden, 
wenigstens in der innern Stadt, gewöhnlich blos von einer 
Familie bewohnt, indem es zum guten Ton gehört, ein ganzes 
Haus zu seiner Verfügung zu haben.“ 


Über die Gewohnheit, im Sommer die Räume des unteren, im 
Winter die des oberen Stockwerks zu bewohnen, berichtet außer 
willkomm auch Waltl (167), der von den Andalusiern sagt: 


„In der heissen Jahreszeit, meist vom Ende Mai bis Mitte 
Oktober, beziehen diejenigen, welche ein eigenes Haus haben, 
den untern Stock, im Winter die obern Gemächer.“ 


Waltl schildert ebenda auch die Art, die Sonnenglut vom patio 
fernzuhalten: 


„Die Sitte, den Hofraum durch Matten oder Decken vor 
den Sonnenstrahlen zu beschützen, ist seit der Zeit der Römer 
. noch vorhanden; mittels Rollen und Stricke überzieht man 
oben den ganzen Hof mit einer breiten Decke aus grober 
Leinwand, wodurch die Hitze ziemlich abgehalten wird.“ 


Der von unseren Reisenden angeführte Schmuck der patios durch 
gemauerte Bassins, plätschernde Brunnen, Blumenkübel, Reben- 
lauben und blühende Bäume aller Art, zusammen mit den Be- 
sonderheiten der Architektur, den Säulen, Bogengängen, Galerien 
und Mosaikpflastern machen auch heute noch den Zauber der 
sevillanischen Häuser aus®®,. 

Verweisen wir zum Schluß noch darauf, daß gerade in Sevilla, 
trotz der südlichen Lage, das Flachdach — terrado — hinter dem ge- 
neigten Dach — cubierto de una o dos vertientes — ganz zurück- 
tritt®, eine Tatsache, dieschon Rochau (I, 238) aufgefallen ist: 


„Platte Dächer kommen in Sevilla ebenso wie in Valencia 
nur als Ausnahme vor, während sie in andern -und nördlich 
gelegenen spanischen Städten, zum Beispiel in Barcelona, die 
Regel bilden.“ 


68 Vgl. Abb, bei Torres Balbäs, FoCoEsp III, 463. 
® Vgl. hierzu Torres Balbäs, FoCoEsp III, 465. 


Nies 


Cädiz. 


Ebenso wie Sevilla hat auch das wie auf “einer Insel im Meer 
liegende Cädiz nicht nur durch die Schönheit seiner Lage, sondern 
auch durch die Besonderheit des Baustils seiner Häuser die Auf- 
merksamkeit der deutschen Spanienreisenden erregt. Am aus- 
führlichsten berichtet Willkomm (II, 240) darüber: 


„Die Häuser, alle massiv, zum Theil bombenfest gebaut, 
sind meist drei bis vier Stock hoch und mit ebenso viel 
Reihen Balcons geziert, deren Geländer an manchen Häusern 
aus weissem Marmor bestehen, und haben sämmtlich ganz 
platte, von Ballustraden umgebene Dächer, die größtentheils 
mit Blumentöpfen geziert und mit einem „Mirador“, einem 
kleinen Umschauthürmchen, versehen sind, bestimmt, die See 
und die herannahenden Schiffe beobachten zu können, was 
der Stadt ein ganz eigenthümliches Ansehen giebt. Die 
Treppen der meisten größeren Häuser bestehen aus weissem 
polirtem Marmor und auch die Zimmer sind häufig mit ver- 
schiedenfarbigem Marmor getäfelt. Dabei herrscht die größte 
Reinlichkeit sowohl in den Gebäuden als in den Gassen und 
alle Häuser sehen so blank und sauber und mit ihren grün 
bemalten blumengeschmückten Balcons so freundlich und 
gefällig aus, als wäreh sie von Zuckerwerk.“ 


Ergänzend hierzu schreibt Plüer (447) aus Cädiz: 


„Alle ihre Häuser sind von Werksteinen, die meisten un- 
gemein hoch, wohl eingerichtet, mit einem hohen Thurm, 
und sie haben ohne Ausnahme platte Dächer. Der innere Hof 
ist mit Marmor gepflastert; die Treppen sind auch von 
Marmor. Jedes Haus hat seinen Wasserbehälter unter dem 
Hofe, worinn das Regenwasser zusammenläuft und auf- 
gefangen ‚wird. Das gute Trinkwasser kommt von Puerto de 
Santa Maria.“ 


Die auch von anderen, z. B. Hackländer, für Cädiz bezeugten 
platten Dächer, terrados, die auf ganz bestimmte Gebiete der 
Halbinsel beschränkt sind, finden sich auch heute nur in einem 
schmalen Küstenstreifen im Süden und Südosten der Pyrenäen- 


Se 


halbinsel”, Auch das von vielen Reisenden erwähnte Aussichts- 
türmchen, el mirador, ist für die Häuser von Cädiz charakteristisch, 
findet sich in ähnlicher Form auch sonst im Gebiet der Südküste”!; 
wie Willkomm (Balearen 40) angibt, vereinzelt auch in Mahön 
auf Menorca, wo die Häuser allerdings flachgeneigte Hohlziegel- 
dächer tragen. Nach Hackländer (II, 415) sind die Aussichts- 
türmchen auf den Häusern von Cädiz mit einem Kuppeldach 
versehen, während Brandes (24) sie als „viereckige weisse 
Thürmchen mit kleiner rundlicher Spitze“ bezeichnet. Im übrigen 
heben alle Reisenden, die Cädiz besucht haben, die Reinlichkeit 
und die auf Wohlhabenheit hindeutende häufige Verwendung von 
Marmor hervor. Führen wir zum Schluß noch Wolzogen 
(184/185) an, der beim Vergleich zwischen Cädiz und Sevilla 
feststellt: j 
„Sind gleich die patios in Cadiz nicht mit duftenden 
Orangenbäumen geschmückt; dienen sie gleich, die Handels- 
stadt und den Mammon verkündigend, hier häufig als blosse 
Warenlager, wo Ballen über Ballen sich häufen, so sieht man 
dafür alle Treppen und Zimmerfußböden mit schönen, grau 
und weissen Marmorplatten belegt, während man in Sevilla 
meist nur auf schlechte, holperichte Backsteine tritt. Und nun 
die zierlichen, blumengeschmückten Fensterbalkons, die dort 
so ganz und gar fehlen... .“ 


b) Das murcianische Haus. 


Über das Haus in Murcia besitzen wir nur eine Schilderung 
von Roßmäßler. Diese ist aber so interessant und eingehend, 
daß wir sie beidem Mangel an Darstellungen über das murcianische 
Stadthaus nicht übergehen wollen. Roßmäßler (I, 135—137, 139) 
schreibt: 

„Von der Straße tritt man durch eine offen stehende Haus- 
thür in einen sehr kleinen Vorraum, den ich in allen ehemals 
maurischen Städten fast immer mit einem zuweilen recht 
hübschen Mosaikpflaster aus kleinen schwarzen und hellen 
Bach- oder Rollsteinen belegt fand, meist einen Kranz, zu- 


76 "Torres Balbäs, FoCoEsp HI, 465; Giese, NO-Cädiz 31, 
71 Siehe zur Verbreitung Giese, NO-Cädiz $1. 


Bet 


weilen auch das Wort salve dem Kommenden entgegenhaltend, 
Die nun folgende eigentliche Hausthür ist immer verschlossen 
und dem Oeffnen pflegt meist ein „quien?“ des portero voraus- 
zugehen. Hinter dieser Thür lag im Hause meines Freundes?2, 
hinter dessen weissgetünchter Aussenseite kein Deutscher 
etwas gesucht haben würde, zunächst ein größerer bedeckter 
Vorraum, an den erst der sehr kleine offene Hof sich anschloss, 
Von jenem führte rechts eine stolze Alabastertfeppe empor, 
mit theilweise vergoldetem Eisengeländer, auf dessen Anfang 
neben der ersten Stufe immer ein Gefäß mit frischen Blumen 
stand. Bekannte des Hauses gingen aber an ihr vorüber bis 
zu der Alltagstreppe, wie ich sie nennen möchte, welche, wie 
mit wenigen Ausnahmen es Regel in Spanien ist, so schmal 
war, daß gerade zwei Personen einander ausweichen konnten. 
Die Stufen dieser Treppen sind immer mit Backsteinen belegt 
und vorn mit einer eichnen Kante eingefaßt. 


Ehe wir hinaufsteigen haben wir zu ebener Erde noch 
eine für viele Südspanier, namentlich für alle Murcianer, 
äusserst wichtige Einrichtung anzusehen. Durch einen Raum, 
in welchem einige Ackergeräthe aufbewahrt wurden, treten 
wir in ein Gemach, in welchem vier ungeheure irdene Töpfe, 
jeder wenigstens eine Ohm fassend, stehen, jeder mit einem 
reinen Leintuch zugedeckt. Sie enthalten Segurawasser, 
welches man darin sich absetzen und klären läßt; denn Murcia 
hat keinen Tropfen anderen Trinkwassers. Solch’ ein Topf 
heisst tinaja ... 

Das erste Stockwerk bestand strenger geschieden als 
gewöhnlich in Deutschland aus Prunkgemächern und den 
schlichten Wohnzimmern. Letztere lagen um den kleinen 
Hof herum und hatten daher kaum nothdürftiges Licht. 
Die Prunkgemächer verdienten diesen Namen; und doch 
unterschieden sie sich sofort, was ich in Südspanien als Regel 
gefunden habe, von deutschen durch die blos blendenweissen 
Gypswände ohne alle und jede Malerei oder Stukkatur. 


2 d.i. eines Professors der Natyrgeschichte an dem Instituto de Segunda 
Instruceiön. 


— u — 


Tapeten würden in dem heissen Clima viel zu sehr ein Ver- 
steck der Wanzen abgeben... E L 

Das Clima erklärt es vollkommen, daß man in keinem 
Gemache breterne Dielen, die ich selbst in Barcelona nicht 
gesehen habe, sondern nur Steingetäfel sieht. Namentlich in 
Valencia giebt es viele und große Fabriken von gemalten 
glasierten Fliessen, ... azulejos genannt, mit denen die 
Zimmer der Reichen belegt sind... Sie geben einem Zimmer 
ein äusserst nettes und reinliches Ansehen und kühlen an- 
genehm. Im Winter, wo sie letzteres nicht sollen, werden 
grosse Espartomatten, estera, darüber gedeckt... Selten hat 
ein Zimmer mehr als ein, aber auch desto größeres Fenster mit 
dem nothwendigen Altan. An ihnen ist die Vertheidigung 
gegen die Hitze der Sonnenstrahlen förmlich in ein System 
gebracht. Dadurch kann man vollkommene Finsterniss in dem 
Zimmer herstellen, oder Licht ohne oder mit Luftzug. Statt 
der leichteren Leinengardinen außen an den Fenstern finden 
sich im Süden fast allgemein dicke schwere Espartomatten 
angebracht, welche aufgerolit oben am Fenster ein ungeheuer- 
liches walzenförmiges Packet bilden. 


.im zweiten Stock eine bedeutende Verringerung. der 
Grundfläche, indem die Scheidewände des ersten Stockes nun 
als Umfassungsmauern des folgenden hervortreten und ein 
Dach die nicht höher fortgeführten äussern Gemächer jenes 
bedeckt. In gleicher Weise verjüngte sich in zwei weiteren 
Stockwerken das Haus abermals, so daß das letzte nur eine 
kleine thurmartige Plattform, eine torreta, war. Von dieser 
unregelmässigen Übereinanderstellung ungleicher Stockwerke 
sind fast die meisten südspanischen Häuser. Man befolgt eben 
nur die Eingebungen des Bedürfnisses ... Blickt man von 
einer Torreta über die umliegenden Häuser, so weiß man sich, 
selbst wenn man sie von unten genau kennt, in dem Gewirr 
von unterbrochenen Stockwerken, flachen und geneigten 
Dächern, Thürmchen und Giebeln, schwer zurecht zu finden.“ 


Auffallend ist die von Roßmäßler angeführte Verjüngung. der 
Häuser in den oberen Stockwerken, von der er als einziger be- 
richtet. Diese Bauweise kennzeichnet auch das ganz in der Nähe 


m 0 


— 100 — 


mirador. Bemerken wir noch, daß der Verfasser für Murcia 
„flache und geneigte Dächer“ nebeneinander erwähnt, während 
beispielsweise in Cädiz ausschließlich Flachdächer zu finden sind 

Hinsichtlich des Hausrats verdient wiedergegeben zu werden, 
was Roßmäßler (I, 138) über das Bett des murcianischen Hause 


zu sagen weiß: 


„Dies Bett ist nichts weiter als ein mannslanger Sägebock, 
der, wenn er aufgestellt ist, etwa 8—10 starke Gurtbänder 
ausspannt, auf welche die erforderlichen Matratzen oder 
Federkissen gelegt werden. Es. ist der Erfindungsgabe des 
Schlafkünstlers viel Spielraum gelassen, sich ein solches Bett- 
gestell so recht nach seinem Gusto einzurichten”? ... .“ 


3. Posada und venta. 


Als ein besonderer Typ des spanischen Hausbaues, der weder 
zu dem Stadthaus noch zu den Bauernhäusern der verschiedenen 
Landschaften gestellt werden kann, darf zweifellos die posada 
vergangener Zeiten gelten, der, außerhalb der Orte einsam an 
der Landstraße gelegen, die venta entspricht. Die Eigenart ihrer 
Anlage und Einrichtung ergibt sich aus dem Zweck, dem sie zu 
dienen hatte: sie war in erster Linie Übernachtungsstätte für die 
das Land durchziehenden Maultiertreiber und ihre Tiere. Zu der 
Zeit, wo sich der Warenaustausch von Provinz zu Provinz fast 
ausschließlich auf dem Rücken von Maultieren vollzog, waren die 
posadas und ventas, besonders in dünn besiedelten Gebieten wie 
der Mancha, ähnlich den Karawansereien des Orients unentbehr- 
lich. Und gleich niedrig waren auch die Ansprüche, die die an 
ein rauhes Leben gewöhnten Gäste in bezug auf Unterkunft und 
Verpflegung stellten. Der Sattel oder ein Gepäckstück, in eine 


73 Vgl. Abb. bei Torres Balbäs, FoCoEsp III, Tafel S. 478. 
74 Vgl. über die Verbreitung dieser einfachen Bettform Krüger, 


HPyr A II. 


— 101 — 


Ecke der Halle oder in die Nähe des Herdfeuers gelegt, dienten 
als Nachtlager und die Frage der Beköstigung löste jeder selbst?>. 

Das allmähliche Entstehen eines Eisenbahnnetzes auf der 
Halbinsel bereitet auch der altüberlieferten Form der Lasten- 
beförderung ein Ende und nimmt damit auch der Venta und 
Posada ihre alte Bedeutung. Die deutschen Reisenden aber haben 
im vorigen Jahrhundert noch vielfach diese eigenartigen Herbergen 
kennengelernt. Wer von ihnen zu Pferd oder Maultier das Land 
durchreiste, war für das Nachtlager fast ausschließlich auf sie 
angewiesen; denn da dem Spanier das Reisen etwas Ungewöhn- 
liches war, zu dem er sich nur im Notfall entschloß, fehlte in 
kleinen Orten und auf dem Lande jede andere Art von Unter- 
kunft, so daß der ausländische Reisende nur zu oft mit dem vor- 
liebnehmen mußte, was er in venta und posada inmitten von 
Maultiertreibern vorfand. 

Die verbreitetste Form dieser Herbergen ist wohl die, welche 
Willkomm aus Chiva (Valencia) und Hackländer aus Yevenes und 
Valdepeäas (Neukastilien) beschreiben. So berichtet Willkomm 
(1, 124/125): 


„Mein Fuhrmann brachte mich in die erste Posada des 
Ortes, ein verräuchertes, massives Gebäude mit einem hoch- 
gewölbten Thorwege, durch den sich die spanischen Posaden 
und Ventas vor allen übrigen Gebäuden auszeichnen. An dem 
mittelsten Balcon des Hauses hing ein geweihter, zierlich 
geflochtener Palmzweig’® und ein halb verdorrter Pinienast 
über dem Thore bedeutete, daß hier auch Wein verkauft 
werde’””. Der untere Raum des Gebäudes war gewölbt und 
durch zwei Reihen Pfeiler in drei Abtheilungen geschieden. 
Die mittlere Abtheilung war gepflastert und stand durch ein 


75 Über alle diese Dinge unterrichtet uns schon Cervantes. Vgl. 
A.Schulten, Spanien im Don Quijote des Cervantes in der Zeitschrift 
„Spanien“ I, Hamburg 1919, S. 99/100. 

76 Der geweihte geflochtene Palmzweig als Schutz gegen Feuer wird 
auch von anderen Reisenden erwähnt; vgl. Abschnitt: Religiöse Bräuche und 
kirchliche Feste. 

{ 77 Während hier ein Pinienast genannt ist, führt Jariges (123) aus 
Betanzos (Galizien) an, daß dort ein Lorbeerzweig über der Tür als 
Zeichen des Weinverkaufs gilt. 


— 102 — 


Hinterthor mit dem Hofraum in Verbindung, und hier befand 
sich zugleich der sogenannte „Cargadero“ oder Ort, wo di 
Lastthiere abgeladen und bepackt werden. Der linke Seiten. 
raum diente als Stallung und enthielt deshalb eine Menge vo, 
Krippen längs der Wände, während die rechte Abtheilung, 
auch blos durch einen großen Gewölbbogen von der eigent- 
lichen Hausflur getrennt, mit Ziegeln belegt war und als 
Küche diente. Von hier aus führte eine Steintreppe in das 
obere Stock des Hauses. Auf diese Weise sind ungefähr alle 
spanischen Wirthshäuser eingerichtet.“ 


Dieselbe charakteristische Gebäudeeinteilung, drei durch zwei 
Reihen steinerner Pfeiler voneinander getrennte Räume, von denen 
der linke als Stallraum, der mittlere als Packraum und der rechte 
als Küche dient, findet sich nach Hackländer auch bei den 
Wirtshäusern Neukastiliens.. So schildert dieser Reisende eine 
venta bei Valdepefias wie folgt, wobei er noch besonders auf die 
Küche und ihre Einrichtung eingeht (Hackländer II, 210—212): 


„Ein mächtiges Thor verschliesst den Eingang, das erst 
nach tüchtigem Anklopfen geöffnet wird... Hinter diesem 
Thore beginnt ein grosser Raum, eine einzige gewaltige Halle, 
deren Decke vom Dache mit seinem Sparrenwerk gebildet und 
von zwei bis drei Reihen starker steinerner Pfeiler getragen 
wird. In diesem Raum herrscht Tag und Nacht ein beständiges 
Halbdunkel, welches ebensowenig das große Herdfeuer oder 
einige Oellampen zu vertreiben vermögen, als das Tageslicht, 
das nur durch ein paar unbedeutende Lucken oder sonstige 
kleine Oeffnungen einzudringen vermag... Vermag man 
den ganzen Raum zu übersehen, so bemerkt man wohl, daß 
hier über hundert Maulthiere mit ihren Führern, Karren und 
Ballen Platz haben. Links vom Thor stehen die beladenen 
Fuhrmannskarren, so eng als möglich zusammengeschoben, 
und dahinter an den Wänden sind die Maulthiere angebunden, 
die zuweilen stampfen, schnauben und sich schütteln, wobei 
man ihre Halfterketten rasseln hört. Rings um die Pfeiler, 
welche das Dach tragen, sieht man Ballen und Fässer, Kisten 
und Kasten, und es dienen diese wieder zum Lager einiger 
schläfrigen Arrieros, welche schon ausgestreckt dort liegen.“ 


— 103 — 


Soweit seine Darstellung der äußeren Bauform der Venta. An- 
schließend entwirft er ein Bild von der Küche ‘mit ihrem für die 
altertümlichen Küchen Spaniens typischen offenen Herdfeuer ohne 
Kamin und dem Hausrat, der sich ähnlich auch in anderen 
Gegenden des Landes wiederfindet: 


„Doch lassen wir alle die ebengenannten Gegenstände in 
ihrem Halbdunkel und wenden uns rechts vom Eingange, wo 
am andern Ende der Halle auf dem gepflasterten Boden ein 
gastliches Feuer hoch emporlodert. Um die künstliche Ab- 
leitung des Rauches bekümmern sich die spanischen Bauleute 
nicht, er sucht seinen Weg theils durch die Dachlucken, theils 
zieht er hoch oben als leichtes Gewölk durch die ganze Halle. 
Neben dem Herde befindet sich gewöhnlich eine Art von Ver- 
schlag, wo der Ventero oder die Padrona das Bischen Küchen- 
geschirr, auch Flaschen und Gläser aufgestellt haben, welche 
sie zu ihrer Wirthschaft brauchen, daran schließt sich öfters 
ein starkes hölzernes Gestell, mit mehreren oft mannshohen 
und verhältnismäßig breiten Krügen von rothem Thon, wie in 
dem Landhause bei Valencia, welche den Wasserbedarf für 
das Vieh enthalten; darüber befinden sich auf einem Brette 
kleine zierliche Gefässe für den Gebrauch der Reisenden selbst. 
In nächster Nähe des Herdes sieht man eine Art Divan, natür- 
licher Weise roh von Holz gemacht, an den Wänden hinlaufen, 
auf welchem hie und da ein kleines Polster oder ein Stück 
Teppich liegt, — vielleicht für einen Gast, den man besonders 
ehren will. Oben zwischen dem Sparrenwerk des Daches 
kleben einige Kammern, die von hier aus wie Schwalbennester 
aussehen.“ 


Über den Herd und seinen einfachen Bau fügt Hackländer (II, 172) 
noch ergänzend hinzu, als er von der posada in Yevenes in der 
Mancha spricht: 


„Der Ausdruck „Herdfeuer“ ist eigentlich eine unrichtige 
Bezeichnung, indem sich in diesen Posaden nirgends ein Herd 
befindet, vielmehr brennt das Feuer auf dem gepflasterten 
Boden, öfter aber auf einem abgenützten Mühlsteine, der in 
die Erde eingestampft ist.“ 


— 104 — 


Die großen Wassergefäße aus rotem Ton, die sich überall dai 
Spanien finden, wo kein Brunnen mit Trinkwasser in der Nähe is 
sind die auch von anderen Reisenden erwähnten tinajas, die bis 
1,50m hoch sein können”®. Die ruhebankähnliche Sitzgelegenhei 
in der Nähe des Feuers führt auch Humboldt (Spanienreise 
220) aus Santa Cruz in der Mancha an, wo in der Küche eines Wirts- 
hauses rings um das Feuer „ein Vorsprung der Mauer zum Sitz“ 
dient, „und dieser Sitz ist mit einer Estera bedeckt.“ 
Während der Reisende gewöhnlich durch den gewölbten Tor- 
weg in die Herberge gelangt, kann die venta oder posada auch vom 
Hofraum her betreten werden, da das Gebäude durch ein rück- 
wärtiges Tor mit diesem verbunden ist — wie Willkomm (I, 124) 
in der oben wiedergegebenen Darstellung aus Chiva erwähnt. So 
sind die Angaben Hackländers (II, 171) aus Yevenes in der. 
Mancha zu verstehen, dessen Beschreibung der posada sich im 
übrigen ganz mit den bereits angeführten Beispielen deckt: 


„Wir ritten in einen von Mauern umschlossenen Hof und 
kamen dann in die von andern spanischen Posaden her uns 
schon bekannte große Halle, wo die Familie des Wirths mit 
den eingekehrten Fremden und deren Thieren in angenehmner 
Gemeinschaft lebt. Man kann einen solchen Platz mit einer 
großen Scheuer vergleichen oder mit einem Schuppen, der 
durch Pfeiler, welche das Dachgebälke tragen, in verschiedene 
Abtheilungen getheilt wird. In einer derselben befindet sich 
die Küche, gegenüber stehen Maulthiere und Pferde, und der 
Mittelraum wird zu Handel und Wandel und später zu 
Schlafstellen für die Fremden benützt.“ 


Eine interessante Ergänzung zu den angeführten Berichten 
liefert der Verfasser der Rückerinnerungen (52/53), indem er bei 
der „Schilderung einer Venta in dem unbewohntern Theile Neu- 
kastiliens“ über das Leben in diesen Quartieren der Maultier- 
treiber sagt: 

„ ... da erscheint kein Wirth, kein Stallknecht und kein 

Stubenmädchen: der Führer spannt die Thiere aus und bringt 

sie unter; der Reisende nimmt seinen Bündel in den Arm und 


78 Vgl. S. 88—88. 


— 105 — 


sucht die Küche, denn diese ist der Sammelplatz der Gäste 
und der häuslichen Bewohner. In der Mitte steht ein großer 
Feuerherd und speit die Rauch- und Flammen-Wolke in 
“die achteck-pyramidenförmige Konkavität des Schornstein- 
schlundes; ringsum sitzen Weiber, Kinder, Katalaner, Arrago- 
nier und Kohlenbrenner .... Jeder kocht sich selbst in einem 
kleinen irdenen Topfe, oder bratet sich ein Rebhuhn, ein 
Kaninchen, das er mit bringt. Höchstens Wein und Brod und 
Speck und Eyer, liefert auf Begehren die Ventera, wenn man 
höflich ist, aber alles riecht nach Knoblauch. Der Fuhrmann 
schläft auf seinem Schaafpelz in der Küche, und die Herr- 
schaft eine Treppe höher in dem Saal — will sagen, ein 
Gemach mit Ziegelböden, Mauerwänden, Gnadenbildern, 
Fensterlöchern ohne Glas und Rahmen und mit einigen 
Alkoven-Betten ... Der Aufenthalt in diesen Ventas ist so 
ekelhaft als melancholisch; verdriesslich, stolz und träge thun 
die Leute was man fordert; sie sehen jeden Fremden mit 
Verachtung an... “ 


Damit sind die besonderen Verhältnisse in diesen nicht auf Reise- 
verkehr eingestellten Herbergen, auf die wir bereits einleitend 
kurz hinwiesen, genügend gekennzeichnet. Zahlreiche Äußerungen 
anderer Reisender bestätigen dies an Stellen, wo sie nicht weiter 
auf die Einrichtung der ventas und posadas eingehen. Es sind 
immer wieder die Klagen von Landesfremden, die, unter arrieros 
verschlagen, vergeblich gehofft hatten, bequemes Nachtlager und 
gute Verpflegung vorzufinden. 

Abschließend sei noch die ebenso eigenartige wie praktische 
Sitte erwähnt, wie nach Roßmäßler (I, 119) die Last- und 
Reittiere in einer posada bei Elche (Valencia) angebunden werden: 


„In der Mauer waren in regelmäßigen Abständen Widder- 
hörner eingemauert, als ganz zweckdienliche Mittel, die 
Pferde, Esel und Maulesel daran zu binden. Vor den Ställen 
befanden sich statt der Thüren ungeheure Vorhänge von 


Esparto .. .“ 


— 106 — 


4. Höhlenwohnungen. 


Höhlenwohnungen sind im ganzen Mittelmeergebiet verbreite 
Da neben der Bodenbeschaffenheit — Mergel, Ton, Gips, Lö 
tertiärer und quartärer Ablagerung sind am geeignetsten — ei 
trockenes, sommerheißes Klima für ihre Anlage von ausschlag_ 
gebender Bedeutung ist, fällt ihr Vorkommen fast überall mit de 
Auftreten von Steppenlandschaften zusammen”. Unter den süd- 
europäischen Ländern ist daher Spanien besonders reich an 
Höhlenwohnungen. Wenn diese Form des Wohnens auch uralt ist 
und in früheren Zeiten sicherlich größere Verbreitung hatte, als 
in der Gegenwart”, so sind doch die Vorteile der unterirdischen 
Wohnweise — Schutz gegen Staub und Hitze im Sommer und 
gegen Wind und Kälte im Winter — so groß, daß man in den 
Hochlandschaften des Innern wie in den Randlandschaften des 
Südostens ungern davon abläßt, so daß die in Höhlenwohnungen 
lebenden Spanier noch heute nach Tausenden zählen. 

Die deutschen Reisenden haben in den verschiedensten Gegen- 
den der Pyrenäenhalbinsel Höhlenwohnungen beobachtet, in 
Aragonien, Valencia, der Mancha und Ostgranada. So schreibt 
Körner (169) über die Sadt Calatayud in Aragonien: 


„Der untere Theil... lagert sich an eine Art von einzeln 
stehenden Bergrücken hin, der sich wie eine Cyclopenmauer 
durch das Thal zieht. Dieser Kamm nun oder Rücken ist 
theilweise oberhalb der untern Stadt ausgehöhlt, d.h. man 
sieht von außen unregelmäßige Reihen von Löchern, von 
denen viele durch den ganzen Berg gehen sollen, so daß man 
auf der andern Seite eine entsprechende Art Löcher zu sehen 
bekömmt. Und in diesen Maulwurfsgängen sind menschliche 
Wohnungen, worin ein großer Theil der Bevölkerung haust. 
Wir hatten zwar in den Vorstädten von Granada mehrere 
solche Colonien in die Berge gegraben gesehen, der Auf- 
enthalt von Zigeunern, und auch, wie unser Führer sagte, von 
Armen der Gente Castellana, aber solche großartige und regel- 


79 vgl. die Karte bei O. Jessen, Höhlenwohnungen in den Mittelmeer- 
ländern. Peterm. Mitt. 1930, 129. 

80 Noch heute lauten viele Ortsnamen Cuevas de... vgl. Garcia Mer- 
eadal, La casa popular en Espafa 16, 


— 107 — 


- mäßige Aushöhlungen, wie die an dem Bergrücken von 
Calatayud, waren uns noch nirgends vorgekommen. Dieses 
Quartier soll der älteste Theil der Stadt und schon von den 
Mauren bewohnt worden sein. Wenigstens heißt es noch jetzt 


la Moreria“. 


Daß es sich hier um eine Höhlensiedlung größten Stils handelt, 
geht auch aus den Angaben von Torres Balbäs®‘ hervor, wonach 
früher ein Fünftel der Einwohner Calatayuds in diesen unter- 
irdischen Behausungen lebte. Heute entvölkern sich die Höhlen 
immer mehr, hauptsächlich wegen der wachsenden Einsturz- 
gefahr®?. Interessant ist Körners Hinweis auf die Bezeichnung la 
Moreria. Da die Höhlenviertel als ältester Teil der Stadt gelten 
und diese von den Mauren gegründet wurde (Calatayud = Schloß 
des Ayub), besteht die Möglichkeit, daß sich die ersten Einwohner 
in Höhlen ansiedelten. 

Genauer berichtet Wattenbach (68) über die Höhlen- 
wohnungen von Burjasot bei Valencia®®: 


„Besonders merkwürdig aber sind am andern Ende des 
Dorfes die Troglodyten, eine ganze Bevölkerung, die im Felsen 
lebt. Die Oberfläche ist ganz flach, man sieht da die Rauch- 
fänge, und die größeren Luft- und Lichtlöcher der Höfe, um 
welche die Zimmer sich reihen. Die Wohnungen, deren Be- 
wohner sich darin sehr gut zu befinden schienen, sind sauber 
und ordentlich, vollkommen trocken. Sie heißen Sichas®, und 
werden wohl, wie der Name besagt, nichts anderes sein als 
alte Kornmagazine, Silos, welche zu ihrem ursprünglichen 
Zwecke nicht mehr gebraucht, und deshalb zu Wohnungen 
benutzt werden. Der Fels ist sehr leicht zu bearbeiten, und 
wenn die Familie wächst, höhlt man ein neues Zimmer aus, 
vorausgesetzt, daß der Nachbar nicht schon zu nahe wohnt.“ 


Die Höhlen sind hier also, ähnlich wie in Benimämet, in die 
sanft geneigten Wände der vorwiegend flach gelagerten Gesteins- 


81 FoCoEsp III, 215. 

s2 FoCoEsp III, 216. 

83 Über die Verbreitung von Troglodytensiediungen in der Provinz 
Valencia vgl. FoCoEsp III, 212. 

&% = sitgas, d.h. ursprünglich in den Boden eingelassene Kornmagazine, 


— 108 — 


schichten hineingegraben. Die erwähnten größeren „Luft- u 
Lichtlöcher“, um die die Wohnhöhlen wie um einen patio gruppie 
sind, finden sich ebenfalls in dem in der Nähe gelege 
Benimämet®®, dessen Höhlenwohnungen trotz der ärmlichen B, 
völkerung noch heute die gleiche Sauberkeit und Wohnlichkei! 
aufweisen, von der schon Wattenbach spricht, Die Leichtigkeit 
der Felsbearbeitung, die der Verfasser erwähnt, ist typisch für alle 
Troglodytensiedlungen der Provinz Valencia und bildet noch heute 
den Anreiz zur Anlage neuer Höhlen®”, 

Als eine Sehenswürdigkeit gelten auch die Höhlenwohnungen 
von Villa Cafas bei Tembleque, die Hackländer (I, 353) bei 
seinem Ritt durch die Mancha kennenlernt. Er schreibt darüber: 


„Als wir die Höhe des Ortes erreicht hatten und fast 
schon im Freien waren, sahen wir auf einem Felde neben uns 
statt der Lehmhütten, die rings umher standen, nur Dinge 
wie Schornsteine, die ohne ein Dach oder sonst etwas aus dem 
Erdboden emporzusteigen schienen. Ich erinnerte mich etwas 
Aehnliches in Dörfern auf dem Libanon gesehen zu haben, 
und sind das Wohnungen so gut wie die anderen, nur daß sie 
sich unter der Erde befinden und außer der Thüre und dem 
Schornsteinloch keine weiteren Oeffnungen haben.“ 


Auffallend ist, daß die Höhlen von Villa Cafias nicht wie fast alle 
anderen Anlagen dieser Art in einen mehr oder weniger stark 
geneigten Bergabhang eingegraben sind, sondern sich in dem Gips- 
mergelboden eines völlig ebenen Geländes befinden. Daher der 
sonderbare Anblick, von dem Hackländer berichtet. Das Stadt- 
viertel umfaßt nach Jessen®® 400 bis 600 unterirdische Wohnungen 
mit teilweise zahlreichen Zimmern. Auch hier werden noch heute 
neue Höhlenwohnungen angelegt®. 

Willkomm endlich erwähnt die Höhlenwohnungen von 
Cullar de Baza und Purullena in Ost-Granada, welche zu dem an 


85 Vgl. FoCoEsp III, 213 (Phot.). 

88 FoCoEsp III, 214 (Tafel). 

87 Vgl. hierzu FoCoEsp III, 212. 

88 Petermanns Mitteilungen 1930, 130, 

8 FoCoEsp III, 214. Vergleiche über die Höhlenwohnungen in der 
Mancha auch O. Jessen, La Mancha. Hamburg 1930, S. 207 ft. 


— 109 — 


Höhlen besonders reichen Becken von Guadix und Baza gehören. 
Leider beschränkt auch er sich darauf, den äußeren ‚Anblick, den 
sie bieten, zu schildern. So schreibt er über die Höhlenstadt 
Cullar de Baza (Willkomm III, 81): 


„Ein großer Theil des Ortes besteht aus Höhlen, welche 
man in die benachbarten thonigsandigen Hügel gegraben hat. 
Deshalb sind diese mit einer Menge von Feueressen besetzt, 
was höchst seltsam aussieht.“ 


Guadix selbst wo nach Brunhes® über 3000 Personen, nach Torres 
Balbäs?! sogar 10000 Menschen in unterirdischen Behausungen 
leben sollen, hat Willkomm nicht besucht. Auf der Hochebene von 
Guadix aber bietet sich ihm in Purullena ebenfalls das inter- 
essante Bild eines von Troglodyten bewohnten Ortes (Willkomm 
III, 69): 

„Die Sonne war schon zur Rüste gegangen, als wir nach 
dem Dorfe Purullena gelangten, das an der Vereinigung des 
Flusses von Graena mit dem Rio Anchuron an einer der inter- 
essantesten Stellen der Hochebene von Guadix erbaut ist. 
Rings um die wenigen Gassen des Orts erheben sich die 
schroffen Erdwände in den seltsamsten Gestalten an zwei- 
hundert Fuss hoch. Die feste Consistenz des Lettens erlaubte 
hier, eine grosse Menge Höhlen, ja vollkommene Häuser in 
den Thalwänden auszugraben. Ich glaube sogar, daß in Puru- 
llena viel mehr Menschen in Höhlen leben als in Häusern. 
Gewährt dieses Troglodytendorf schon am Tage einen selt- 
samen Anblick, wegen der zahllosen Thüren, Fenster- und 
Schornsteinöffnungen, die sich rings herum in den Wänden des 
kesselförmigen Grundes befinden, so ist derselbe bei Nacht, 
wo alle diese Höhlen erleuchtet sind, noch um Vieles fremd- 
artiger.* 

Die Vermutung, daß die Mehrzahl der Ortsinsassen unterirdisch 
lebt, trifft auch auf die Gegenwart noch zu. So wohnen nach 
Torres Balbäs®® heutzutage von den 328 „vecinos“ Purullenas nur 
50 in Häusern, während der Rest sich auf die Höhlen verteilt. 


00 Lo Geographie humalne I, 107. 
vı FoCoEsn II, 208. 
02 FoCoEsp III, 208, 


— 11 — 


III. Religiöse Bräuche und kirchliche 
Feste. 


Inhaltsverzeichnis. 


Bipliogtaphie gr er ee. er Be et 112 
Einleitung: Wie urteilt der deutsche Reisende über die religiöse Ein- 


stellung des Spaniera® .. .. .. -. nu = nu 00 na ee 0. 113 
1. Religiöse Bräuche in Spanien .. .. A ee 
a) Beachtung der Bräuche durch das Volk .. .. .. 2.2.2 .. 118 
b) Die Haltung der Geistlichkeit .. .. .. 22-2 0m en ee oer 124 
Bl Firchenfeste aan... 2.200: 0. 2: 2 a ce a 120 
a) Weihnachten Pe: ee a lan 
b) Die Karwoche — Fastnachtsbräuche El 
c)2 Fronleichnam Ze ee ee en 148 
Andere Feiertage en er E15 
3. Marienkult und Heiligenverehrung .. .. .. :: 2 se ce cn. 188 
Br 2)2Lasifioresidel’Mayor 0 0.0 158 
b) Las Mondas de Talavera Asseire ale. Bis rn Dresasın an 
c) San Antonio-Fest ee a a re no 
d) San Isidro-Fest .. .. .. ee Ar Tr 
e) Andere Beispiele von en I a a1 6A) 
4. Begräbnissitten und Totenverehrung .. .. u er ce een oer 167 
a) Aufbahrung und Beisetzung .. .. 2 seen ne en ne mens 167 
b) Die Friedhöfe .. .. En ice 5 05 WA 


N releeerg deılos aifunigs ee ee at 


— 112 — 


Bibliographie. 


Christiansen, F. Festliches Spanien. Leipzig 1935. 

Haberlandt, M. Die volkstümliche Kultur Europas in ihrer geschicl 
lichen Entwicklung. In: G. Buschan, Illustrierte Völkerkunde, Bd. I) 
2. Stuttgart 1926, S. 290. 

Kany,Ch.E, Fiestas y costumbres espafolas. London (1929). 

— Spanish Life and Manners 1750—1800. After the plays of Ramön de 
Cruz. Berkeley, Cal. 1932, 

MoyaCasals, E. Aspectos de Sevilla durante la Semana Santa. Mel il 
1925. 


kunde. Berlin-Schöneberg (1909). 
Sänchez y Cantön, F. J, Espafia. Madrid 1934. \ 
Serra y Boldü, V. Costumbres religiosas. FoCoEsp III. Barcelo 
1933, 'S. 503—662. 


— 113 — 


Einleitung: Wie urteilt der deutsche Reisende 
über diereligiöse Einstellung des Spaniers? 


Wenn ich im folgenden versuche, ein Bild zu geben von dem 
religiösen Leben Spaniens, wie es die Reisenden älterer Zeit ge- 
sehen und dargestellt haben, so ist hierzu eine Einschränkung zu 
machen. Mit Rücksicht darauf, daß sich die Wahrnehmungen und 
Beobachtungen über einen größeren Zeitraum, fast ein Jahrhundert 
erstrecken, wurden in den Vordergrund der Betrachtung die 
mannigfachen Formen gestellt, in denen sich das religiöse Leben 
des Spaniers vollzieht. Es galt, all das zu erfassen, was unseren 
Reisenden an religiösen Sitten und Bräuchen, an der Art, wie 
kirchliche Feste begangen werden, in dem Gastlande aufgefallen 
war und sie zur Darstellung gereizt hatte. Diese Dinge als 
besonders augenfällig werden auch zuerst einer Schilderung für 
wert erachtet; über sie hinaus gelangt man erst dazu, Betrachtungen 
anzustellen über den Sinn und Wert, der ihnen zugrunde liegt. Sie 
sind daneben zumeist bleibende Erscheinungen, die, natürlich mit 
Abweichungen, für den ganzen von uns betrachteten Zeitraum von 
den Reisenden immer wieder bezeugt werden und sich zum Teil bis 
in die Gegenwart erhalten haben. 

Wollte man darüber hinaus aber versuchen, aus den Reise- 
beschreibungen ein Bild zu gewinnen, wie die Deutschen über die 
religiöse Haltung und Einstellung des Spaniers, über seine Religiosi- 
tät denken und urteilen, so ergeben sich große Schwierigkeiten. 
Natürlich kommen fast alle auf diese Frage zu sprechen, die lange 
genug im Lande gewesen sind, um überhaupt ein Urteil über 
spanische Verhältnisse abgeben zu können; dafür begegnet der 
Reisende religiösen Äußerungen der Volksseele in Spanien ja auch 
auf Schritt und Tritt. Die Schwierigkeiten einer richtigen Be- 
urteilung liegen aber in dem großen Zeitraum, über den wir unsere 
Untersuchungen ausgedehnt haben. Wie sich die politischen Ver- 
hältnisse im Lande — besonders im 19. Jahrhundert nach dem 


— 114 — 


Unabhängigkeitskrieg — in ständiger Gärung befinden und ko: 
servative und liberale, gemäßigte und radikale Strömungen dauern 
ablösen, so wechselt unter ihrem Einfluß auch vielfach die Ei; 
stellung des Volkes zu Kirche und Geistlichkeit und damit di 
Haltung in religiösen Fragen, 
Der eine Reisende findet bei seinem Aufenthalt auf de 
Pyrenäenhalbinsel eine fast uneingeschränkte Herrschaft der 
Priester und Mönche vor, die es verstehen, das Volk in Unwissen. 
heit und Bigotterie zu halten; ein anderer dagegen besucht das 
Land zu einer Zeit, wo in Auswirkung radikalliberaler politischer 
Anschauungen Mönchs- und Nonnenklöster aufgehoben worden 
sind und der gemeine Spanier mit Verachtung auf den Priester. 
stand herabsieht. Wie schnell dabei das eine Extrem durch das 
andere ersetzt werden kann, sei an den Äußerungen zweier Reisen- 
der aus dem Ende des 18. Jahrhunderts verdeutlicht, zu einer Zeit 
also, wo sich derartige Entwicklungen noch in engeren Grenzen 
hielten als im folgenden Jahrhundert. Während Kaufhold 
(T, 290) nach einem Spanienbesuch in den Jahren 1790—92 schreibt: 
„Die Achtung, welche in Spanien der Laye der Geistlichkeit be- 
zeigt, übersteigt allen Glauben“, und Beispiele dafür anführt, wie 
sich insbesondere der Fremde hüten muß, durch allzu freimütige 
Äußerungen die Inquisition auf sein Haupt zu beschwören, ruft 
Chr. Aug. Fischer (Reise 332) kaum zehn Jahre später aus: 
„Reiset ruhig nach Spanien! Die Zeiten der Finsterniss sind vor- 
über, die Autosdaf& vergessen! Geht in die Messe und kauft euch 
einen Beichtzettel, Jude oder Heide — Niemand bekümmert sich 
darum.“ - 
Ähnlich schwankt auch die Beurteilung der religiösen Ein- 
stellung des Spaniers im 19. Jahrhundert. Die einen Reisenden 
berichten von einem Volk, das augenscheinlich fanatisch an seinem 
Glauben hängt, das der Geistlichkeit und den Ordensangehörigen 
mit Ehrerbietung begegnet und ihnen blindlings vertraut, die 
andern sprechen wiederum von dem Spanier als einem Menschen, 
der in religiösen Dingen völlig indifferent ist und nur aus Über- 
lieferung die äußeren Formen der gottesdienstlichen Handlungen 
beachtet. Beides sind zeitlich betrachtet richtige Beobachtungen, 
und in ihrem Wechselspiel auch uns für die Gegenwart durchaus 
geläufige Vorstellungen. Es ist eben für den Fremden sehr schwer, 


— 15 — 


sich dieses gegensätzliche Verhalten des spanischen Menschen zu 
erklären. Daher gelingt es auch nur wenigen Reisenden, tiefer in 
die Volksseele einzudringen. Die meisten Deutschen, die das Land 
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besuchen, neigen der 
"Ansicht Körners (289) zu, der nach mehrjährigem Aufenthalt 
in Spanien schreibt: 


„Meine eigene Beobachtung ist, daß die Spanier ein sehr 
kirchliches Volk sind, aber kein tief Religiöses. Es gibt wohl 
ausnahmsweise Personen, die besonders geistlich gestimmt sind. 
Selbst in Madrid gibt es einige wenige Damen der höheren 
Gesellschaft, welche auch äußerlich rigourös sind. Man nennt 
sie „beatas“ ... Die Religionsgebräuche sind dem Volk zur 
andern Natur geworden, aber daß die Religion das ganze 
Leben in seinen Familien- und gesellschaftlichen Beziehungen 
hier durchdrungen habe, kann man gewiß nicht behaupten. 
Ich habe sogar allen Grund zu glauben, daß bei den gebilde- 
teren Klassen theilweise völliger Atheismus herrscht, keine 
ungewöhnliche Erscheinung in den katholischen Ländern, theil- 
weise Skepticismus oder die höchste Indifferenz, hauptsächlich 
bei den Männern. Nichts desto weniger bequemen sich die 
Skeptiker und Indifferenten, die Aeusserlichkeiten mitzumachen. 
Auf dem Lande mag wohl noch strenger Glaube vorherrschen, 
doch auch dieses wird von Vielen bezweifelt. Der Spanier ist 
an und für sich ein ziemlich lebhafter und aufgeweckter Kopf. 
Sein abstraktes Denkvermögen ist nicht weit her; aber er 
weiss, was ihm gut und nützlich ist... .“ 


Ähnlich äußert sich auch Roßmäßler (I, 233/234): 


„Der Spanier liebt seine Kirche, sie ist ihm ein Bedürf- 
niss... Die Kirche und der Klerus sind ihm zwei völlig 
getrennte Dinge. Ob er auch letzteren liebt, darüber erlaube 
ich mir kein Urtheil ... Nur eine Wahrnehmung gehört hier- 
her, die mich in hohem Grade in Erstaunen gesetzt hat: ich 
habe nie einen der unzähligen Priester, die man in großen 
Städten auf allen Gassen sieht, vom Volke grüssen sehen. Wo 
es geschahe, war es ersichtlich der Gruss näherer Befreundung. 
Unter den höheren Ständen herrscht nach einigen eigenen 
Bemerkungen und nach Versicherungen von Spaniern der 


— 116 — 


radikalste Unglaube, unbeschadet eines häufigen „Mit 
der kirchlichen Gebräuche ... .“ Eli 


Ich glaube, mit diesen Feststellungen haben unsere Landsley 
nicht schlecht beobachtet: Der Spanier und seine Kirche gehör« 
unzertrennlich zusammen. Sie ihm nehmen zu wollen, hieße, i 
einen Teil seines eigenen Ich rauben. In demselben Sinne ist auc 
die Beachtung der religiösen Bräuche zu verstehen, die, wi 
Körner sagt, „dem Volk zur andern Natur geworden sind“. S 
zu unterlassen würde für den Spanier dasselbe bedeuten wie der 
Verzicht etwa auf die gesellschaftlichen Umgangsformen, nämlich 
Selbstentäußerung bis zu einem gewissen Grade. 
Wir begehen zumeist den Fehler, von unserer eigenen, ver- 
innerlichten Anschauung aus bei dem Südländer dasselbe zu 
suchen, was wir unter Glauben verstehen, und legen diesem dann 
als Oberflächlichkeit, Unaufrichtigkeit oder Unglauben aus, was 
doch nur einer andern seelischen Haltung entspringt. Daß die 
Gläubigkeit des Spaniers ganz anders gewertet werden muß, kommt 
in den Reisebriefen eines jungen Deutschen gut zum Ausdruck, 
wo es heißt (Häring 135): 
„Die Stelle der klaren Gedanken, die uns so nothwendig 
im Dasein sind, vertritt bei dem Spanier die Schwelgerei der 
Gefühle, gleichviel wofür, gleichviel worin. Die Religion gehört 
beim Spanier in das tägliche Lebensbedürfniss, und hat er 
diesem genügt, so tritt ein anderes ein, dem er mit gleichem 
Ernst, mit gleicher Feierlichkeit Genüge thut. So ganz ins 
Leben hineingezogen, ist die Religion hier fester und sicherer 
im Volke eingewurzelt, als irgend wo, allein die Religiosität 
ist eben darum hier loser als irgend wo, und kein Volk auf 
Gottes Erdboden dürfte von so lauer Moral, von so weitem 
Gewissen sein. Keine seiner Leidenschaften findet in der 
Religion einen Damm, keine seiner Tugenden eine Stütze, sie 
liegt seiner Versittlichung vollkommen seitwärts, und leistet 
eher seiner Begierde Vorschub, als dass sie dieselbe mäßigt.“ 


Und derselbe Verfasser gibt dann an anderer Stelle (Häring 
112/113) ein Beispiel dafür, wie grundverschieden der Spanier die 
Dinge sieht, die wir uns hüten müssen, mit den gleichen Worten 
Religiosität oder Gläubigkeit zu belegen: 


— 117 


„Einen Irrthum glaube ich Euch benehmen zu müssen, den, 
dass Spanien allüberall des Katholicismus -überdrüssig wäre. 
Ganz andere Motive sind es, die das Land nöthigen, die geist- 
lichen Güter anzutasten, als die man bei uns ihm unterlegt, 
und wenn das Volk die Klöster plündert, so glaubt ja nicht, 
dass es weniger bigot ist als sonst. Vor dem silbernen Cruci- 
fix, das er gestohlen, kniet der Räuber hin, und bittet es um 
Verzeihung, gelobt ihm, es in bessere Hände zu verkaufen, als 
es sich jetzt befindet, tröstet es, dass er es zu einer sehr from- 
men Duenna bringen würde, die werde es in vollen Ehren 
halten, und des Tages sechsmal ihr Gebet davor verrichten, 
ruft seine Schutzheiligen als Fürsprecher und Zeugen an, dass 
er sein Wort halten werde, und kauft sich, um den letzten 
Zorn zu beschwichtigen, aus einem Theil des Erlöses ein 
hölzernes Crucifix, wie es einem Manne seines Standes zu- 
kommt. 

Neulich erzählte mir ein Lastträger voller Seelenruhe, 
dass er es so gemacht habe, und als er aus dem Busen sein 
hölzernes Crucifix hervorholte, liebkoste er es mit einer 
gewissen Inbrunst, und in einer Art und Weise, als ob er's mit 
ihm längst ausgemacht, dass er ihm beim Verkauf des silbernen 
und dem Kauf dieses hölzernen einen bedeutenden Gefallen 
erzeigt habe.“ 


Nach dem Gesagten, das zeigt, wie schwer es ist, auch die 
religiöse Psyche eines fremden Volkes zu würdigen und zu ver- 
stehen, darf es uns auch nicht wundernehmen, wenn durch die im 
folgenden angeführten Schilderungen spanischer Bräuche und 
Kirchenfeste oftmals ein herabsetzender oder tadelnder Ton hin- 
durchklingt. Vergessen wir nicht, daß der deutsche Reisende trotz 
aller Spanienbegeisterung, die ihn oftmals ja direkt dazu veranlaßt 
hat, das Land aufzusuchen, gerade religiösen Dingen gegenüber nie 
den Nordländer und Protestanten (der er zumeist ist) verleugnen 
kann. Der Wert der angeführten Schilderungen liegt ja, volks- 
kundlich gesehen, nicht in der kritischen Stellungnahme, sondern 
in der Aufzeichnung der vielen bunten Seiten des fremden 
Volkslebens. 


— 118 — 


1. Religiöse Bräuche in Spanien. 
a) Beachtung der Bräuche durch das Volk, 


Wie ich bereits sagte, drängt das religiöse Empfinden di 
Spaniers wie alle Lebensäußerungen des Südländers unmittelb, y 
nach sichtbarem Ausdruck. Jedes Gefühl, jede innere Re; 
muß äußerlich Gestalt gewinnen. So stoßen auch die Reisenden in 
Spanien, mehr als in irgendeinem anderen Lande, überall auf 
religiöse Bräuche und Einrichtungen. Dabei fällt ihnen zunächst 
auf, wie strenge man die herkömmlichen äußeren Formen beachtet, 
Kaum lassen sich die Glocken einer Kirche oder Kapelle, das 
Glöckchen eines Priesters vernehmen, so wandelt sich der eben 
noch ausgelassene, zornige oder lässige Spanier, an seine religiöse 
Pflicht gemahnt, sofort zum gläubigen Christen, der, wenn auch 
nur auf Minuten, Herz und Sinn willig der Gottheit leiht. 

Als Humboldt auf seiner Spanienreise nach Pedroabad 
bei Andüjar kommt, überreicht er dem Korregidor seinen Paß, den 
dieser Wort für Wort studiert. 


„Als mitten im Reden die animas läuteten“, fährt Hum- 
boldt (224) fort, „nahm er den Hut vors Gesicht, betete, wie 
wir auch, sein Ave Maria, bekreuzigte sich dann, und man 
sagte sich darauf eine Art Glückwunschcompliment. Dies be- 
merkte ich auch zu andern Stunden, wo geläutet wird, und erst 
hier mehr, nicht in Madrid.“ 


Aber noch wenige Jahre vorher ist Baumgärtner (108/109) 
gerade in Madrid Zeuge geworden, wie auch hier alles demselben 
Brauch gehorcht: 


„Eben da ich unterwegs war in mein Quartier zu gehen, 
(es war in der Dämmerung) fieng es in einer Klosterkirche an 
zu lauten: auf einmal standen alle Personen stille, entblössten 
ihr Haupt, und beteten mit großer Andacht... Nach Verlauf 
von ohngefehr zehn Minuten war ein Jeder mit seinem Gebete 
fertig und Einer rief nun dem Andern (tenga Usted buenas 

. tardes) einen glückseligen guten Abend zu.“ 


Dieser Abendgruß wird ihm auch von den Hausgenossen zuteil, 
ohne daß er ihn zuerst als solchen erkennt: 


— 19 — 


„Als ich nach Hause kam, und mir die Köchin ein Licht 
brachte, hielt sie beim Eintritt in das Zimmer gleichsam eine 
Standrede.... Es war der gewöhnliche Abendgruss, welcher 
ihrer Zunge so geläufig war, dass er gleichsam aus dem 
Munde herausflog ... die Frau vom Hause kam hinzu, und 
machte mir die Auslegung davon. Der Spruch heisst: Sea 
loado y bendito el santo sacramento del santisimo altar! (ge- 
lobet und gesegnet sei das heilige Sakrament des heiligsten 
Altars) zu diesen wird noch hinzugesetzt: Tenga Usted buenas 
tardes.“ (Baumgärtner 109/110) 


Mit dem wachsenden Getriebe hat sich diese Sitte später in den 
Städten verloren. Das Staunen der Reisenden erregt auch immer 
wieder die Ehrfurcht, mit der dem Priester bei einem Versehgang 
begegnet wird. Alles Leben stockt, und jedermann beeilt sich, dem 
Sakrament die schuldige Ehre zu erweisen. Willkomm (III, 212) 
beobachtet eines Abends einen solchen Zug in Sevilla in der Nähe 
des Tors von Carmona: 

Voran geht „ein Knabe, welcher in der einen Hand eine 
Laterne, in der andern eine Klingel hielt. Diesem folgte ein 
Priester im Messornat, begleitet von zwei Chorknaben mit 
Rauchfässern und umringt von vier Kirchendienern, die lange 
Stäbe mit einer achteckigen Laterne an ihrer Spitze trugen.“ 


Er fährt dann fort: 

„Es war ein Geistlicher, der sich auf dem Wege befand, 
einem Kranken das Sacrament zu bringen. Sowie er das Thor 
passirte, trat die gesammte Wache unter das Gewehr und zwei 
Mann folgten dem Zuge als Sauvegarde, aber mit entblösstem 
Haupte. Der Priester musste vor der Kneipe vorübergehen, 
weshalb sich die Wirthin beeilte, ein Paar Lampen anzuzünden 
und sie auf die Schwelle zu stellen, wie dies in Spanien ge- 
bräuchlich ist, wenn das Sacrament bei Nacht vorübergetragen 
wird. Auch die Balcons der benachbarten Häuser wurden mit 
Lampen erhellt.“ 


Auch Loning (108) berichtet von dieser Sitte, der sich jeder- 
mann unterwirft: i 


1 Die Fehler sind verbessert worden. 


Ebenso berichtet Kaufhold (II, 118—120) aus Madrid: 


— 120 — 


„Wird das Viaticum zu einem Kranken gebracht, so ge 
schieht dies öffentlich und mit grossem Pompe. Führt der We 
zum Kranken über einen öffentlichen Platz, wo tausende yo 
Menschen versammelt sind, so herrscht augenblicklich, sobalg 
man die den Priester begleitende Glocke vernimmt, die gröss } 
Stille, und in der demüthigsten Stellung erwarten alle 
Segen des Allerheiligsten. Truppen erweisen ihm auf den 
Knien liegend und mit zur Erde gesenktem Gewehr die 
Honneurs. Wenn es Abend ist, so stellt ein Jeder, arm oder 
reich, ein Licht vor ein offenes Fenster seiner Wohnung, ver- 
läßt für den Augenblick seine noch so wichtige Arbeit, um 
dem Kranken, für welchen es bestimmt ist, ein stilles Gebet 
zu weihen.* 


„Heute Abend gieng ich über die Strase und hörte von 
ferne eine Schelle; ich wusste nicht, was das bedeuten sollte, 
und gieng, um die Sache genau zu sehen, dem Schalle ent- 
gegen; von allen Seiten hörte ich schreien: Dios viene (Gott 
kömmt) ich erblickte von weitem eine Menge Fackeln, die 
neben einer Kutsche hergiengen; als ich näher kam, sahe ich, 
dass ein Pfaffe in der Kutsche sass, der das Abendmal in den 
Händen hielt, und zugleich seinen Huth auf hatte, und mit 
vielem geistlichen Hochmuthe um sich blickte; sechzehn 
Fackeln leuchteten ihm, neben dem Wagen gieng noch der 
Sacristan mit der Laterne, auf der andern Seite gieng noch ein’ 
Pfaffe, und hinterdrein folgten zwei bewafnete Soldaten zur 
Bedeckung des Zugs; so weit als man die heilige Schelle hörte, 
fiel alles auf den Strasen nieder; eine Menge Menschen 
stürzte aus den Häusern, und fiel auf die Knie, jeder vergass, 
von heiliger Andacht ergriffen, auf einige Augenblicke seine 
dringenden Berufsgeschäfte, um dem Allerheiligsten die schul- 
dige Verehrung zu zollen; alle Balkons und Hausähren waren 
plötzlich wie durch magische Kraft erleuchtet; und wer nur 
irgend Zeit hatte, folgte dem Zuge nach ... . Wo nun der Zug 
vorbei geht, hört alles Geräusch auf, selbst Tänze stehen still, 
und Komedianten und Sänger erstummen auf der Bühne, wenn 
sie die geistliche Schelle hören ... Spieler und Zuschauer, 


— 121 — 


alles ohne Unterschied, fällt auf die Knie, schlägt auf die 
Brust, betet ein Ave, und pausiret so lange, bis der Zug vorbei 
ist. Sonderbar ist es, daß ich hier noch nie einen Pfarrer sahe 
zu Fuss gehen, wenn er einem Kranken das Abendmal brachte. 
Sobald der Pfarrer aus der Kirche tritt, so nimmt er gleich die 
erste Kutsche, die er antrifft, in Beschlag; wer auch immer 
darein sitzt, der ist genöthigt auszusteigen .. .* 


Am auffälligsten erscheint den Deutschen die Tatsache, daß die 
Rücksichtnahme auf diese kirchliche Handlung sogar zur Unter- 
brechung der Theateraufführungen führt. So berichtet schon 
Hager aus Madrid (183/184): 
„Eine Stimme ruft: El Seior. Der Graf Almaviva und 
Figaro (man spielte den Barbier von Sevilla), die eben auf der 
Bühne waren, knieeten beide gegen das Publikum nieder; ich 
glaubte, sie wollten es etwa irgend eines Verschuldens wegen 
um Verzeihung bitten, und war im ersten Augenblicke sehr 
betroffen. Allein gleich darauf merkte ich, dass in allen Logen 
ein gleiches geschah, und dass die ganze Luneta und das Patio 
sich auf die Kniee warf: geschwind that ich ein gleiches; und 
da man die Thore des Theaters öffnete, so sah ich, dass dieses 
alles darum geschah, weil man die heilige Speisung vorbei zu 
einem Kranken trug. Nach etlichen Minuten, da der Priester 
zurückkehrte, rief eine Stimme wieder: Dios! und man that 
zum andernmale ein gleiches.“ 


Jahrzehnte später erlebt ein junger Deutscher in Mälaga fast 
dieselbe Szene (Häring 133/134): 

„ger Chor fiel ein, als plötzlich ein Fremder ins Parterre 
trat mit dem Ruf: Su Majestad! Su Majestad! 

Plötzlich schwieg die Musik. Da ich den Ruf nicht ganz 
verstand, dachte ich an etwas Entsetzliches, das ich gar nicht 
zu nennen wusste. Aber bald klärte sich mir alles auf. Das 
singende Personal sank aufs Knie, das ganze Publikum erhob 
sich und wandte sich nach dem Ausgang. Die Damen liessen 
sich mit aller möglichen Grazie gleichfalls aufs Knie nieder, 
die Herren bekreuzten sich, und beugten die Köpfe... und an 
den Fenstern des Theaters lässt sich ein flackernder Lichtschein 
wahrnehmen, der immer deutlicher wird. Endlich hörte ich 


— 12 — 


den Schall eines Glöckchens, wie man ihn in katholische: 
Kirchen während des Gottesdienstes hört.” Er kam näher und 
näher, und ich glaubte schon, es solle eine Prozession in's 
Theater statt finden; aber es entfernt sich all dies wieder, 
langsam, wie es gekommen; auch die Kirchenmusik schweigt, 
die Sänger und Sängerinnen erheben sich, die Damen gleich. 
falls; die Herren richten sich auf, und auf der Bühne beginnt 
der Gesang und das Spiel wie vorher, als wäre keine Unter- 
brechung vorgefallen. 

Es war das heilige Oel, das zu einem Sterbenden, dem 
Theater vorüber, getragen wurde.“ 


Besonderes Interesse seitens der Reisenden findet die Haltung 
des Volkes in der Kirche und bei gottesdienstlichen Handlungen. 
Wolzogen schreibt, daß sie als Fremde in der Kathedrale von 
Sevilla den ungeniert schweifenden Blicken der weiblichen Kirchen- 
besucher ausgesetzt gewesen seien (169): 

„Trotz des strengen, an den Kircheneingängen sogar mit 
großen Lettern angeschlagenen Gebots, das in den heiligen 
Räumen jede Annäherung oder Unterhaltung zwischen Per- 
sonen verschiedenen Geschlechtes untersagt, und welchem zu- 
folge sich beim Eintritt in alle spanischen Kirchen, wie im 
Dresdener Dom, selbst der Gemahl von seiner Gattin, der 
Vater von seinen Töchtern zu trennen hat, verstehen es die 
glühenden Spanierinnen doch meisterlich, die Sprache der 
Blicke zu reden, gegen welche keine Kirchenpolizei ein- 
zuschreiten vermag.“ 


Über dieselbe Gleichgültigkeit während kirchlicher Handlungen 
berichtet Graf Bastiano aus San Sebastiän: 

„Durch die stille Kirche erklang das geisterhafte Rauschen 
der Fächer, welche auch während des Gebetes keinen Augen- 
blick ruheten, was ich ganz genau beobachten konnte... 
Die Spanierin ist so viel in der Kirche, dass sie diesen Ort 
als einen gewöhnlichen Aufenthalt betrachtet und sicherlich 
während der Messe zuweilen auch weltlichen Gedanken Raum 
giebt. Geben sich die Damen doch öfters in der Kirche 
Zeichen mit dem Fächer, und wer längere Zeit in Spanien war, 
Jernte auch diese Sprache verstehen.“ (291) 


— 123 — 


Und auch aus den Reisebriefen eines jungen Deutschen aus Mälaga 
(Häring 136) spricht die Verwunderung über das für unsere Begriffe 
pietätlose Gebaren, mit dem der Spanier häufig seine Andachts- 
übungen in der Kirche begleitet: 


„Ihr sollt nur die Scherze und: Spässe sehen, die der 
Spanier zu treiben im Stande ist, selbst wenn er vor dem 
Allerheiligsten auf den Knieen liegt, sobald er in einer spass- 
haften Stimmung ist. Während ihre Lippen Gebete murmeln, 
lächelt der Mund der Damen den Cavalieren zu, die ebenfalls 
Gebete murmelnd, ich glaube nicht einmal immer, die Cigarren 
aus dem Munde nehmen. Der muthwillige Bursche stört sich 
durchaus nicht im Gebete, und bekreuzigt sich an den be- 
treffenden Stellen in gehöriger Vorschrift, während er zwei 
alten Frauen die neben einander knieen, die Röcke aneinander 
heftet, und die alte Matrone, die es merkt, fährt fort, ihre 
Sünden zu bekennen, und mit der rechten Faust ans Herz zu 
schlagen, während ihre Linke dem Burschen ins Antlitz fährt, 
der den Saum des Rockes an die Taille heften will.“ 

Zu dieser Veräußerlichung kirchlicher Gebräuche gehört auch das 
von den Bettlern geübte Verfahren, Gaben zu erflehen unter Ein- 
kleidung der Bitte in religiöse Form, von dem viele berichten und 
das auch heute noch in Spanien gang und gäbe ist. So schreibt 
der Verfasser der Rückerinnerungen (126/127) als er von den 
Bettlern im Prado zu Madrid spricht: 

„„Una limosna a este pobrecito, por los dolores de la san- 
tisima madre de Dios“ ist ein spanisches Bettelformular, das 
aber die Betreffenden mit einem äusserst eindringenden Accent 
zu belegen wissen. Gewöhnlich fügen sie auch das Versprechen 
bei: „Dios se lo pagara a vmd.“ Gott wird es Ihnen vergelten.“ 

Ebenso berichtet Ziegler (I, 190) aus dem Hafen von Valencia, 
El Grao: 

„Aus den malerischen Gruppen der bettelnden Männer, 
Weiber und Kinder ertönte ... das klägliche Geschrei „una 
limosna por amor de Dios“, oder „por la virgen de los des- 
amparados“ (um der Jungfrau der Verlassenen willen)... .“ 


Und ein Rest religiöser Form ist es auch, wenn der Bettler die emp- 
fangene Gabe, gewissermaßen als Gottesgeschenk, küßt. Beim 


Volkskundliches Seminar 
der Universität Bonn 


BONN 
Poppelsdorfer Allee 25 


— 124 — 


Frühstücken im Hof der Alhambra in Granada ist Wachen 
husen (Il, 143) höchst belustigt über einen Betteljungen & la 
Murillo, ö 
n. ». der, als ich ihm mein Weissbrod zuwarf, dasselbe nach 
Sitte der andalusischen Bettler erst dankbar küsste und «es 
dann in die weite Tasche steckte.“ 


Ziegler (I, 191) berichtet dasselbe aus El Grao von einem 
Jungen, dem er ein paar Cuartos gibt. 


b) Die Haltung der Geistlichkeit. 


Dieser Veräußerlichung religiöser Sitten und Bräuche wird 
durch die Einstellung der Geistlichkeit oftmals noch Vorschub ge- 
leistet. Immer wieder berichten die deutschen Reisenden von 
Dingen, die nach ihrem Empfinden Geschmacklosigkeiten und 
Roheiten darstellen, die in keiner Weise danach angetan sind, die 
Andacht und den religiösen Sinn der Menge zu heben. Vieles 
findet eine gewisse Erklärung in der geringen Bildung, der Un- 
wissenheit und Unkultur des niederen Klerus, die allen, die mit 
diesem in Berührung kommen, auffallen. Mangelnde Urteilsfähig- 
keit und mangelndes Feingefühl zugleich mit dem Streben nach 
einem materiellen Genußleben lassen die Geistlichkeit an Dingen 
teilhaben, die einem Deutschen notwendig als Entweihung er- 
scheinen müssen. 

So sehr der Spanier für Musik empfänglich ist, so ist es doch 
wohl mehr das Rhythmische, was sein Gefühl dabei anspricht, und 
weniger der melodische Gehalt. Anders läßt es sich nicht erklären, 
daß die Geistlichkeit keinen Einhalt gebietet, wenn in der Kirche 
bei gottesdienstlichen Handlungen nur zu oft eine Musik erklingt, 
die nach übereinstimmenden Berichten vieler Reisenden durch ihre 
wenig ernste Form für ein deutsches Ohr verletzend sein muß. So 
berichtet Wachenhusen (I, 70), als er die Kathedrale von 
Burgos besichtigt: 

„Bei meinem Eintritt in das Schiff spielte die schöne Orgel 
einen Schottischen. Der Leser halte dies nicht für eine gottlose 

Bemerkung, es ist hier vielmehr das Gegentheil der Fall: ich 

halte es für gottlos, wenn ich, wie dies oft geschieht, in 


— 125 — 


katholischen Kirchen mit Tanzmusik empfangen werde, die 
keineswegs geeignet ist, mich zur Andacht zu erheben.“ 


Quandt (11) vernimmt zu seiner Verwunderung beim Betreten 
des Doms zu Barcelona die Klänge eines Leierkastens: 


„Als ich der Capelle mich näherte, von wo die Töne kamen, 
sah ich, dass eine Leiche eingesegnet wurde und man dazu auf 
einer Drehorgel ein Stück spielte, welches gar nicht für der- 
gleichen Feierlichkeiten componirt war.“ — „Es ist zu 
bedauern“, fährt er fort, „daß oft die Geistlichen selbst, durch 
die Unachtsamkeit, mit welcher sie ihr Amt verrichten, durch 
Vernachlässigung dessen, was in dem Gemüth religiöse Gefühle 
wecken könnte, den Indifferentismus veranlassen.“ 


Und Graf Bastiano (291) wird bei einer Messe für Verunglückte 
in San Sebastiän Zeuge eines für uns ungewöhnlichen militärischen 
Schauspiels in der Kirche: 


n. . . das in der Stadt liegenden Jägerbataillon de las Navas 
kam mit klingendem Spiele in die Kirche marschirt, und nahm 
sogleich den grössten Theil des Schiffes ein. Befremdend er- 
schien es mir, dass zum Bekreuzigen Signale mit dem Horn 
gegeben wurden, und als der Priester die Monstranz emporhielt, 
wurde Parademarsch geblasen und die Fahnen gesenkt. Auf 
die übrigen Andächtigen schien dieses geräuschvolle Auftreten 
der Militairmacht keinen störenden Eindruck zu machen .. .“ 


Dieses geringe musikalische Empfinden äußert sich auch bei der 
Mitternachtsmesse am Weihnachtsabend in der St. Just-Kirche in 
Madrid, worüber Minutoli (I, 220/221) anführt: 


„Auf den Schlag Zwölf begannen alle Glocken der Stadt 
zu läuten. Auch vom Thurme San Just drangen die tiefen 
Glocken harmonisch, wie beruhigend herab ... 

Da wurden die eisernen Gitterthore geöffnet, der erstarrte 
Menschenstrom belebte sich. Er ergoss sich in den Tempel 
und zog ein mit Kesseln und Kasserollen, mit Pfeifen und 
Schellentrommel und accompagnirte auf seine Weise den 
Gesang. Der Motette folgten die vier Christnachtshymnen 
begleitet mit instrumentos rusticos. Die oben geschilderten 
Jahrmarktsinstrumente hatte man den Mitgliedern des 


— 126 — 


Orchesters in die Hand gegeben; sie traktirten ihre mange} 
haften und rohen Tonwerkzeuge ... mit aller Anstren, 
der Lungen und Finger. Hätte in letzterer Beziehung wirk 
noch irgend etwas gefehlt, so ward dies durch die kräft 
Unterstützung der unten in der Kirche zusammengedrängten 
Musikfreunde auf das reichlichste geboten.“ j 


Ebenso sehr muß es wundernehmen, daß die Geistlichkeit in bezug 
auf die Gegenstände religiöser Verehrung einen erstaunlichen 
Mangel an Geschmack verrät. Bilder und Statuen Christi, de 
Mutter Gottes und von Heiligen werden nach übereinstimmendem 
Urteil vieler Reisenden in einer Weise zur Schau gestellt, daß es 
nach dem religiösen Empfinden von Deutschen an Entheiligung 
grenzt. Nichtsdestoweniger nehmen weder die Geistlichen noch das 
Volk Anstoß daran. So sieht Wachenhusen (I, 181) bei einer 
Prozession in Miranda h 


„den Kopf eines kolossalen Heiligen, der einer Statue von 
8 Fuß gehört haben mußte, auf dem Körper eines anderen 
Heiligen von kaum 4 Fuß Höhe herumtragen.... Heute“, 
fährt er fort, „nimmt man es nicht genau, einem Heiligen 
Andreas, wenn er durchaus einen Kopf haben muss und er den 
seinigen verloren hat, den eines St. Martin oder S.Isidro auf- 
zusetzen — wenn er nur einen Kopf hat.“ 


Ebenso findet man nichts darin, bei den zur Schau gestellten 
heiligen Personen einen falschen Realismus walten zu lassen. „In 
Sevilla“, schreibt Lauser (274) anläßlich der Schilderung des 
Verlaufs der Karwoche in dieser Stadt, 


„hat man der älteren Ueberlieferung gemäss Crinoline und 

Schleppkleid beibehalten, während man in den Städten des’ 
Nordens, zum Beispiel in San-Sebastian, sich nach der fran- 
zösischen Mode richtet, und die heilige Jungfrau jetzt in einen 
kurzen Rock kleidet.“ 


Sogar vor der Person des Heilands macht diese Sitte nicht halt, 
und Wattenbach (244) berichtet aus Toledo als einer von 
vielen, daß er dort „eins jener unsäglich widerwärtigen Crucifixe 
mit lang flatterndem Frauenhaar, wie sie in Spanien üblich sind“ 
gesehen habe. 


Zu diesen Seltsamkeiten gehört auch, daß Priester und Mönche 
sich nicht scheuen, durch Verkauf und Versteigerung von Gegen- 
ständen verschiedenster Art Geld für ihre Zwecke zu erlangen, 
wobei das geistliche Gewand und die Verheißung kirchlicher 
Segnungen dem Geschäft nur von Vorteil sind. So berichtet schon 
Baumgärtner (224) aus Madrid: 


“Yor dem Haupteingange derselben (d.h. der San Francisco 
Kirche) stand auf einem Tisch ein hölzerner Heilandskopf mit 
der Dornenkrone, neben ihm ein Teller mit einem geweihten, 
weissen Kaninchen, das ein rosäseidenes Band um den Hals 
hatte, und an den Meistbietenden gegeben wurde, welcher durch 
den Genuß desselben auf einige Zeit von Sünden frei ward.“ 


Jariges wird in Granada Zeuge eines solchen geistlichen 
Geschäfts: 

„Auf einem Spaziergange trafen wir in einer Strasse ein 
ungeheures Mastschwein an, mit einem gelben Bande um den 
Wanst verziert, und so feist, daß es kaum sich aufrichten konnte; 
man sagte uns, dass jährlich einige Bettelmönchsklöster in 
einer ein halbes Jahr offen stehenden Lotterie, das Loos zu 
einem Real ... ein solches von ihnen gemästetes Schwein 
ausspielen, und es einige Tage vorher zur Schau ausstellen; 
diese sonderbare Lotterie soll den Mönchen eine ansehnliche 
Summe einbringen.“ (219) 


Aber noch Jahrzehnte später begegnet Körner in Toledo einer 
ähnlichen Lotterie: ® 


„Der Führer sagte uns, es sei heute San Isidro Labrador, 
und man erwartete eine Procession mehrerer Arbeiter-Vereine, 
zu Ehren ihres Schutzpatrons. Sie sollte in dieser Kirche ihren 
Ausgang nehmen. Auf dem freien Platz sahen wir an einem 
Tische zwei Priester in vollem Ornate sitzen, welche Loose ver- 
kauften für eine schwere seidene Mantilla, welche hinter dem 
Tisch auf einer Stange hing. Das aus dieser Lotterie gelöste 
Geld war natürlich zu einem heiligen Zwecke bestimmt.“ (218) 


All diese Zeugnisse deutscher Reisender aus dem vergangenen 
Jahrhundert sind interessante Beispiele für die typisch spanische 
Haltung, die sowohl das Volk wie die Geistlichen der Religion 


— 128 — 


gegenüber einnehmen, eine Haltung, die in Bräuchen ihren A, 
druck findet, wie sie außerhalb dieses eigenartigen und einzig 
artigen Landes ihresgleichen suchen. 


2. Kirchenteste. 


% 


Tritt dem Reisenden der religiöse Grundzug spanischen Wesens 
überall entgegen, so erfährt dieser noch eine Steigerung an den 
zahlreichen kirchlichen Festen, die mit großem Aufwand begangen 
werden. Eines ist charakteristisch für sie: wir sahen bereits, wie 
stark religiöse Sitten und Bräuche in das Alltagsleben hinein- 
spielen — wenn es sich dabei vielfach auch nur um äußere Formen 
handelt. Genau so stehen auch kirchliche und profane Festtage 
nicht gesondert nebeneinander; der Spanier hat es verstanden, die 
religiösen Feiertage zu Festen auszugestalten, an denen sein 
eigenes Bedürfnis nach Festfreude und Vergnügen nicht zu kurz 
kommt. Bei der Schilderung der kirchlichen Feste wird daher 
vielfach auch von weltlichen Vergnügungen zu sprechen sein, die 
als ein fester, herkömmlicher Bestandteil nicht von ihnen zu 
trennen sind. 

a) Weihnachten. 

Von den hohen kirchlichen Feiertagen haben das spanische 
Weihnachtsfest verschiedene Reisende geschildert. Die Deutschen 
sind erstaunt, in Spanien nichts von alledem vorzufinden, was man 
bei uns unter einem Weihnachtsfest versteht. So 


» . . weiss man in Spanien nichts von Weihnachts- und Neu- 
jahrsgeschenken wie in Deutschland oder Frankreich. Ueber- 
haupt entbehrt die Noche buena des poetischen Zaubers, den der 
Weihnachtsabend bei uns als Kinderfest hat, und ist eigentlich 
durch nichts ausgezeichnet als durch einen wahnsinnig toben- 
den Lärm und grossartige kirchliche Feierlichkeiten.“ 


schreibt Willkomm (II, 227), der sich zu Weihnachten in Sevilla 
aufhält. Dieser poetische Zauber, von dem er spricht, der nicht 
zuletzt von dem lichterglänzenden Tannenbaum ausgeht, konnte 
sich in Spanien gar nicht entwickeln. Es fehlen hierzu die Voraus- 
setzungen in einem Sonnenlande, wo den Menschen die Sehnsucht 
nach dem Lichte, wie in unserer nordischen Heimat, unbekannt 


— 129 — 


ist. Der Lärm, ohne den das spanische Weihnachtsfest nicht zu 
denken ist, ist wohl ein Rest jener symbolischen Handlung, durch 
die man böse Geister bannen und vom Feste fernhalten wollte, ein 
Brauch, der ja auch noch beim Polterabend geübt wird. 

Über den schon vor dem Weihnachtsfest stattfindenden 
Weihnachtsmarkt berichtet Wachenhusen (I, 190/192) 
aus Madrid: 

„Schon am Tage der „Virgen de la O“ (acht Tage vor 
Weihnachten, wo die heilige Jungfrau dreimal O! gesagt 
haben soll) beginnt in Madrid das festliche Strassenleben. 
Schaaren von Jungen, Lehrlingen, Arbeitern und Gesellen 
durchziehen am Abend die Stadt mit Trommeln, Tambourinen, 
Pfeifen und sonstigen Instrumenten, vermöge derer sie einen 
entsetzlichen Lärm veranstalten. 

Bei der Kirche Santa Cruz etabliren sich zugleich eine 
Menge von kleinen Tischen, auf welchen Engel, Hirten, 
Zimmerleute, Ochsen und Schaafe, Alles von Gips, schauder- 
haft bemalt und mit Flittergold beklebt zum Verkauf aus- 
gestellt werden. Unter diesen, der biblischen Geschichte 
angehörenden, populären Kunstgegenständen, ragen besonders 
hervor die sogenannten nacimientos (Geburt Christi) mit einem 
überaus rosenfarbigen Christuskinde, umgeben von Maria und 
Joseph und diversen knieenden, sehr plumpen Engeln, Ochsen, 
Eseln, Schaafen und Maulthieren — Alle in stummer An- 
betung begriffen.“ 


Diese belenes oder nacimientos, katalanisch auch pessebres ge- 
nannten figürlichen Darstellungen der Krippengeschichte haben sich 
bis in die Gegenwart solcher Beliebtheit beim Volke erfreut, daß wir 
auch heute noch, besonders in Barcelona und Madrid, die Weih- 
nachtsmärkte damit übersät finden?. 

Am Weihnachtsfeste baut man die „nacimientos“, von Kerzen 
umgeben, zu Hause auf. Das Weihnachtsfest selbst schildert 
Wachenhusen (I, 191) wie folgt: 


„Während des ganzen Festes bieten die Strassen das 
bunteste Gewühl dar; selbst der Christabend wird in den 


2 Serra y Boldü, FoCoEsp III, 5061. 


— 130 — 


Familien aufs geräuschvollste durch Boleros, Fand 
Manchegas, Seguedillas, Zapateados und Mofieyras gefeic 
Droht endlich nach der Anstrengung des Tanzes die 
schaft müde zu werden, so fängt man die Weihnachtsgesän; 
an; Jeder bewaffnet sich mit einem beliebigen Instrument, mi 
der Pandereta, Zambomba, Ravela, mit Castafuelas oder mi 
der Guitarre; um den Lärm noch zu verstärken, holt man sich 
aus der Küche Messingmörser, Kasserollen und Pfannen, paukt 
mit stoischer Gelassenheit auf diese Instrumente los und ver. 
anstaltet eine Höllenmusik, die der Spanier charco de ranas 
(Froschpfütze) nennt. Der Leser denke sich den Scandal, der 
aus allen Häusern auf die Strasse dringt, da es kaum eine 
Familie giebt, in der nicht der Christabend durch ein charco 
de ranas gefeiert würde. 

Letzterer wird nun, vermuthlich zur Erholung des 
Trommelfells, alle fünf Minuten unterbrochen; einer aus der 
Gesellschaft muss alsdann vier Strophen zu Ehren der Jungfrau 
Maria, des Christuskindes oder irgend eines Heiligen singen, 
ein Vortrag, in welchem das Göttliche mit dem Irdischen auf 
eine allerdings etwas gottlose, aber doch höchst komische 
Weise vermengt wird.“ 


Die geräuschvolle Art, das Weihnachtsfest zu feiern, von der 
sowohl Willkomm aus Sevilla wie auch Wachenhusen 
aus Madrid berichten, ist auch jetzt noch typisch für die Masse 
des Volkes, zumindest in den Städten. Nachdem ausgiebig gegessen 
und getrunken worden ist, werden unter Verwendung der auch von 
unseren Reisenden genannten Volksinstrumente — rabela, zam- 
bomba, pandereta — vor dem von Kerzen erleuchteten Nacimiento 
alte Volksweisen gesungen. Diese coplas, kast. villancicos, katal. 
nadales genannt, sind eine besondere Art religiöser Volkspoesie, die, 
wie auch Wachenhusen bemerkt, durch die Vermischung von 
Heiligem und Profanem z. T. geschmacklos wirken. Sie sind 
besonders in Katalonien verbreitet, finden sich aber auch in 
Kastilien und anderen Teilen der Halbinsel®. 

Während nach Willkomm (II, 229) in Sevilla der Straßen- 
lärm allmählich gegen Mitternacht verstummt und die misa del 


8 Serra y Boldü, FoCoEsp III, 810, $18, - 


al 


gallo in der Kathedrale in feierlicher Stille verläuft, geht es, wie 
Minutoli (I, 219) erzählt, in Madrid bedeutend geräuschvoller zu: 


„Um Dreiviertel auf Zwölf traf ich mit mehreren Be- 
kannten und Landsleuten hinter dem Rathhausplatz vor der 
Kirche San Just zusammen. Kopf an Kopf presste sich eine 
große Anzahl von Schaulustigen gegen das noch verschlossene 
Gitterthor vor der Kirche. Alles war in der heitersten Stim- 
mung. Die Frauen trugen Schellentambourins, Knarren oder 
Pfeifchen; die Männer Trommeln, Kessel und Kasserollen. 

Dass man das Küchengeschirr zur Kirchenmusik, die Kessel 
und Kasserollen zu Oratorien verwenden könne, war mir bis 
dahin neu... .“ 


Als es Zwölf schlägt, fangen die Glocken an zu läuten, die Gitter- 
tore der Kirche werden geöffnet und der lärmende Menschen- 
schwarm kommt in Bewegung: 


„Er ergoss sich in den Tempel und zog ein mit Kesseln und 
Kasserollen, mit Pfeifen und Schellentrommel und accompag- 
nirte auf seine Weise den Gesang. Der Motette folgten die vier 
Christnachtshymnen begleitet mit instrumentos rusticos. Die 
oben geschilderten Jahrmarktsinstrumente hatte man den 
Mitgliedern des Orchesters in die Hand gegeben; sie traktirten 
ihre mangelhaften und rohen Tonwerkzeuge ... mit aller 
Anstrengung der Lungen und Finger.“ 


Mit dieser Darstellung stimmt auch überein, was Wachen- 
husen (I, 193) über die Mitternachtsmesse aus Madrid anführt: 


„Interessant und der Erwähnung werth ist auch die 

” sogenannte Mitternachtsmesse, eine Volksbelustigung ganz 
eigenthümlicher Art, denn anstatt einer wirklichen Messe 
wird in der Kirche der Gesang mit Pfeifen, Schäferflöten, 
Castagnetten, Guitarren, Tambourins und Dudelsäcken begleitet. 
Man sollt’ es kaum glauben, und dennoch wird mir von allen 
Seiten versichert, dass diese so eigenthümliche Musik ... 
einen höchst angenehmen Eindruck mache; man findet in der 
Kindlichkeit dieser Musik etwas mit der Feierlichkeit der 
kirchlichen Handlung höchst einschmeichelnd Harmonirendes, 
in dem Ganzen etwas Patriarchalisches und besonders die 


— 1322 — 


Anbetung der Hirten und die Geburt Christi Vergege 
wärtigendes.“ a 


Auch heute noch wird die misa del gallo in Übereinstimmm, 
mit diesen Reiseberichten oftmals wenig feierlich begangen, wo 
„die Kirchen mehr ein Tummelplatz für Ulkmacher als ein Or 
der Einkehr und Sammlung“ sind‘, Während der Messe ertönen 
die gleichen villancicos und coples, die auch zuhause gesungen 
werden?. - 


b) Die Karwoche. — Fastnachtsbräuche. 


Bei den Feierlichkeiten der Karwoche, der Semana Santa, 
stehen überall in Spanien, wie auch heute noch die Prozessionen 
im Mittelpunkt. Da diese wegen der. dabei entfalteten Pracht 
immer in besonderem Maße die Aufmerksamkeit der Fremden 
erregt haben, geben auch eine Anzahl Reisender ihre Eindrücke 
wieder. 

Eingeleitet wird die Osterwoche durch den Palmsonntag, 
Domingo de Ramos. Dieser steht in Spanien, wie sein Name besagt, 
ganz im Zeichen der Palmen, die dazu bestimmt sind, Unheil von 
dem spanischen Menschen fernzuhalten. 


„ .. vor den Kirchthüren werden überall geweihte 
Palmenzweige, die kunstvoll geflochten sind, an die Gläubigen 
verkauft, welche dieselben dann als Schutzmittel gegen alles 
Böse über der Hausthür am Balcongeländer aufzuhängen 
pflegen“ 

berichtet Willkomm (II, 285) aus Cädiz. Diese Sitte findet sich 
auch in Madrid. So schreibt Körner (279): 


„Am Palmsonntag schmückt man die Häuser mit grossen 
Palmzweigen, welches hier sehr leicht zu bewerkstelligen ist, 
da alle Häuser Balkone haben, Die Palmen selbst werden von 
Alicante, Elche und anderen an der südlichen Küste Spaniens 
gelegnen Orten eingeführt. Sie bleiben das ganze Jahr hin- 
durch angeheftet, bis sie am Palmsonntag erneuert werden. 


4 Land und Leute in Spanien (1909), S. 316. 
5 Serra y Boldü, FoCoEsp III, 510. 


— 13 — 


Die Geistlichen der verschiedenen Kirchspiele weihen die 
Zweige vorher ein.“ . & 


Roßmäßler (I, 70/71) schildert auch genau, wie diese gebleich- 
ten Palmwedel aussehen und wie sie für ihre Verwendung her- 
gerichtet werden: 


„ .. Auf dem oberen Theile der Rambla (d.h. von Bar- 
celona) waren unzählige Palmenblätter, meist 4-5 Ellen lang, 
zum Verkauf ausgestellt. Alle waren gebleicht, was man durch 
eine barbarische Misshandlung des majestätischen Baumes 
bewirkt ... Man bindet nämlich das ganze Jahr hindurch die 
ganze Blätterkrone in einem aufrechtstehenden Zopf durch 
dicht darum gewundene Bastblätter zusammen, wodurch die 
zusammengeschnürten, des Sonnenlichtes beraubten Blätter 
strohgelb verbleichen und zugleich weich und schlaff werden... 
Man ist sehr geschickt und erfinderisch, aus diesen Palmen- 
blättern scepterartige Stäbe zu bilden, indem man die bekannt- 
lich an zwei einander gegenüberliegenden Seiten des Blattstieles 
angehefteten bandförmigen, zugespitzten, etwa 7—8 Zoll langen 
Blättchen unter sich auf sehr verschiedene Weise zu ver- 
flechten weiss. 

Bei der Palmsonntags-Procession tragen die Mädchen solche 
Palmenblätter (sehr falsch Zweige genannt) und die Knaben 
grosse Lorbeerzweige, von denen an der Kirche der Nuestra 
Sefiora del Carmen an der Rambla ganze Wälder aufgestellt 
waren... .“ 


Die Palmsonntagsprozession, von der Willkomm (III, 340—342) 
aus Barcelona ein genaues Bild entwirft, zeigt uns bereits alle jene 
typischen Schauelemente — Personen in biblischen Kostümen, 
Bruderschaften, Schaugerüste mit plastischen Darstellungen der 
Passionsgeschichte —, durch die sich die spanischen Prozessionen 
ihrer Beliebtheit beim Volke erfreuen, und die sich bei allen 
wiederfinden, 


„Die Procession ging um 7 Uhr Abends von der Cathedrale 
aus und bewegte sich im langsamsten Schritte unter dem 
Geläute aller Glocken durch die Hauptstrassen der Stadt. Diese 
waren von einer immensen Menschenmenge erfüllt, alle 
Balcons schwarz verhangen und illuminirt. Eine Bande von 


134 — 


Musikern in altrömischem Costüim mit antik geformt 
Posaunen und Trompeten, welche kriegerische Märsche bl 
eröffnete den Zug. Ihnen folgte ein starkes Corps röm ch 
Kriegsknechte mit Schwert, Speer und Schild, angeführt 
einem römischen Hauptmänn. Diese schritten ganz eigenthü 
einher. Sie hüpften nämlich tactmässig nach der Musik von eine; 
Fuss auf den andern, wobei sie jeden Tact durch einen Stoss £ 
dem Lanzenschaft auf das Pflaster markirten. Hierauf kan 
in unabsehbarer Doppelreihe Tausende von schwarzgekleidete 
Personen mit entblösstem Haupte, brennende Wachskerzen in 
den Händen haltend. In ihrer Mitte wurden in bestimmte 
Reihenfolge Kreuze, Fahnen, Heiligenbilder und große plastisc) 
Gruppen, Darstellungen aller bemerkenswerthen Ereignisse aus 
dem Leben Christi von seiner Geburt bis zu seinem Tode, 
einhergetragen. Diese standen auf hohen Bahren, die ringsum 
mit schwarzem Sammei behängt waren, welcher bis auf den 
Boden reichte, so dass man die darunter gehenden Träger 
nicht sehen konnte. Jede dieser Gruppen war von einer 
Anzahl Kirchendiener und niedriger Geistlichkeit umringt, 
welche theils in der Alba gingen, das vierzipflige Priesterbarett 
auf dem Haupte, theils mönchisch gekleidet waren. Letztere 
trugen sämmtlich die Todtenkappe, eine lange spitze Kapuze 
von der Gestalt einer Schlafmütze, die über den Kopf gestülpt 
wird und vorn in einen langen, bis auf die Brust herabhängen- 
den Zipfel endigt, der das ganze Gesicht verhüllt. Blos die 
Augen bleiben sichtbar, indem jener Zipfel in ihrer Gegend 
gleich einer Larve mit zwei runden Löchern versehen ist. Die 
einen gingen in weissen, die andern in schwarzen Kutten. Die 
Weissgekleideten trugen schwarze, die Schwarzgekleideten 
weisse Todtenkappen und Geisselstricke. Diese vermummten, 
schweigenden, lautlos einherschlürfenden Gestalten machten 
einen unheimlichen gespenstischen Eindruck. Noch schauer- 
licher sah die Gesellschaft der Büssenden oder die „Con- 
fraternidad de las Cadenas“ (die Kettenbrüder) aus, die 
zwischen den Gruppen einherzogen, welche die Kreuzigung 
und Grablegung Christi darstellten. Diese gingen barfuss, 
waren in schwarze Mönchskutten und schwarze Todtenkappen 
gehüllt, truger ein hölzernes Kreuz auf dem Rücken und 


— 15 — 


hatten eine lange grossgliederige Kette um den Leib ge- 
schlossen, die noch ein gutes Stück weit auf dem Pflaster 
hinter ihnen herrasselte. Es sind dies keine Geistlichen, 
sondern blos Laien, strenggläubige Katholiken, welche dadurch, 
dass sie sich jene Pönitenz auflegen, Vergebung ihrer Sünden 
zu erlangen meinen. Zuletzt kam unter einem schwarz- 
sammtenem Baldachin der .. .. Erzbischof von Tarragona im 
glänzendstem Priesterornat, umringt von der gesammten höhern 
Geistlichkeit von Barcelona und einer Menge Rauchfässer 
tragender Ministranten. Eine starke Abtheilung Infanterie 
beschloss den Zug. Diese ungeheuer lange Procession dauerte 
mehrere Stunden. In bestimmten Distancen blieb sie eine Weile 
stehen, um den Trägern jener Bildergruppen Zeit zum Aus- 
ruhen zu geben. Während dieser Pausen führten die römischen 
Krieger, welche den Zug eröffneten und auch die Gruppe der 
Kreuzigung umgaben, militärische Evolutionen und antike 
Tänze auf, Alles in jenem seltsamen, hüpfenden, tactmässigen 
Schritt.“ 


Wie Körner (279) aus Madrid anführt, fangen dann am Mitt- 
woch die Fasten an, das Glockenläuten hört auf, und von 
Mittwochmorgen bis Sonnabendmorgen dürfen keine Fuhrwerke 
und Wagen die Stadt mehr durchfahren. 

Auch der Donnerstag der Heiligen Woche ist in Spanien 
durch ein besonderes Gepräge ausgezeichnet: 

„Am grünen Donnerstag ist es Sitte, neun Kirchen (oder 
Stationen) zu besuchen, überall wird man am Eingange von 
Quäteusen, Almosen sammelnden Damen, empfangen, die für 
die Waisen, für die Armen oder für irgend welche milde 
Stiftung ein Schärflein erwarten.“ 


schreibt Wachenhusen (I, 199), eine Sitte, de Körner 
(280/281), ebenfalls aus Madrid, näher schildert: 

„Am heiligen Donnerstag ist es Vorschrift, wenigstens 
sieben Kirchen zu besuchen. Die Königin und der Hof selbst 
machen die Stationen zu Fuss. Alle Frauen, hoch oder niedrig, 
sind schwarz gekleidet, und tragen Schleier oder Mantillen. Da 
keine Chaisen fahren, so braucht man sich nicht an die Trot- 
toirs zu halten; und so ziehen denn,.. ... ungeheure Massen von 


— 136 — 


Damen, alle schwarz gekleidet, durch die ganze Breite g 
Strassen von Kirche zu Kirche... — An diesem hei 
Donnerstag ist es Sitte, in den verschiedenen Kirchen ; 
religiösen oder wohlthätigen Zwecken zu sammeln. Und die 
Sammlungen ergiebig zu machen, theilen sich die Damen qı 
guten Gesellschaft in das Geschäft des Einsammelns, 
gewisse Anzahl, welche jede Stunde einander ablösen, bestimm 
sich für jede der Kirchen. Jede Einzelne setzt nun einen grosse; 
Stolz darin, in ihrer Stunde so viel als möglich gesammelt zı 
haben, denn die Grösse des Betrages ist Bürge ihres Einfl 
und ihrer Popularität in der Herrenwelt. Nach hiesiger Si 
dürfen natürlich nur verheirathete Damen sich so weit in die 
Oeffentlichkeit wagen. 

Von einer liebenswürdigen Freundin dringend eingeladen 
sie zu patronisiren, begab ich mich zur bestimmten Stunde am 
Abend in die Kirche der „Nuestra Sefiora del Carmen“. Da 
Innere war schwarz behängt und kaum beleuchtet... Anden 
verschiedenen Eingängen, und ebenso an den Pforten der 
Seitenkapellen standen Tische, mit grossen Theebrettern, auf 
welche die Geldstücke geworfen wurden; jeder Tisch von einer 
Dame präsidirt. Nach einiger Zeit fand ich Olympia, sie war 
sehr vergnügt und sagte, sie habe schon gute Geschäfte 
gemacht. Ich spendete ihr mein Tribut. Einige andere’ Freunde 
traten hinzu; es bildete sich in dem Halbdunkel gleich eine 
Tertulia. An anderen Tischen war es ebenso.“ 


Nach Wachenhusen (I, 200) herrscht in Madrid auch am 
Karfreitag noch Totenstille. 


„Das Militair, alle Beamten sind in Galla, die Damen 
erscheinen in Schwarz; die Soldaten tragen ihre Musketen 
umgekehrt und ohne Bajonette, ihre Trommeln sind mit 
schwarzem Flor besetzt, die Flaggen auf den Palästen hangen 
in halber Höhe... .“ 


Wie aber andere berichten, verlaufen die am Karfreitag und teil- 
weise auch am Gründonnerstag wieder stattfindenden Prozessionen 
entweder ohne große innere Anteilnahme der Bevölkerung oder 
werden sogar als willkommene Gelegenheit zur Befriedigung der 


— 137 — 


Schaulust empfunden. So schreibt Körner (285/286) über die 
Karfreitagsprozession in Madrid: 


„Eine Masse von Waisenknaben, Bruderschaften, diese zum 
Theil in Kutten gehüllt, welche ihre Gesichter verbargen und 
nur Löcher hatten für die Augen, alle brennende Kerzen in der 
Hand, zogen theils dem Zuge voraus oder begleiteten ihn zu 
beiden Seiten. Fahnen wurden von Priestern getragen, und 
von Zeit zu Zeit kamen dann auf grossen Bahren die von 
Holz geschnittenen oder von papier mache fabrizirten Scenen 
aus der Leidensgeschichte... Wenn der Zug nicht in’s 
Stocken gerieth, so bewegte er sich ziemlich im Geschwind- 
schritt, ohne Feierlichkeit, ohne Würde. Die Träger lachten, 
die Priester schienen geneigt, die Sache so rasch wie möglich 
los zu sein. Die Commision des Stadtrathes und die wenigen 
Spitzen der Behörden, die mitzogen, machten die gleichgültig- 
sten Gesichter der Welt; die Menge zwar hatte, ebenso gut, als 
die Glieder der Procession selbst, die Kopfbedeckung ab- 
genommen, zeigte aber auch nicht die geringste Spur von 
Andacht. Die Tausende und aber Tausende von Frauen und 
Mädchen, welche drei Reihen übereinander die Balcone der 
Häuser dicht besetzten, grüssten mit Fächern und Händen hin- 
unter, die Untenstehenden hinauf. Die Ausrüstung der ganzen 
Geschichte, die heiligen Scenen, die Fahnen waren halb 
glänzend, halb dürftig, die Engländer würden es „shabby 
genteel“ nennen.“ 


"Ähnlich verläuft auch nach Goeben (Reisebriefe II, 245/246) die 
Karfreitagsprozession in Sevilla: 


„Dann der Char-Freitag ganz ebenso ein reiner Fest- und 
Lust-Tag, während dessen abermals Jung und Alt von früh 
an in lebendigster Bewegung war, bis endlich gegen Abend 
die grosse Prozession die zerstreuten Massen nach den Haupt- 
strassen hinlockte. Auch diese Prozession fand nicht etwa 
unter Theilnahme des Volkes an derselben statt, sie bildete 
vielmehr wiederum ein blosses Schauspiel .. . 

Die zuschauenden Volksmassen aber drängten sich 
schreiend, kreischend und jubelnd von Strasse zu Strasse und 


— 138 — 


von Platz zu Platz, dass wir oftmals, Minuten lang wie « 
gekeilt standen.“ | 
Mit dem Sonnabend findet dann die Osterwoche ihren A} 
schluß. Lauser (279) berichtet über die Feierlichkeiten 4; 
säbado santo in Sevilla wie folgt: 
„Der feierliche Schluss der kirchlichen Feste fand am Vor 

mittag des Charsamstags in der Kathedrale statt. Schon n 

9 Uhr begann sich die Gemeinde zu versammeln. Das dichtest 
Gedränge war um den von einem mächtigen Vorhange 
hüllten Hauptchor .... Eine Procession von vielen Hunderte; 
von Geistlichen jedes Ranges, in den prachtvollsten Gewändern 
durchschritt die Menge, unter Begleitung sehr alterthümlicher 
Instrumente eine Litanei singend, um sich nach dem Haupt. 
chor zu begeben... Da, mit dem Schlage 10 Uhr, erdröhn 

ein gewaltiges, minutenlanges Geschützfeuer aus den oberer 
Räumen der Kirche, der Vorhang des Hauptchors zerriss, 
blendende Licht des Tages goss sich über die Versammelten 
aus, die Riesenorgel erklang, die sämmtlichen Glocken der 
Giralda ..... läuteten zusammen, und ein Priester bestieg die 
Kanzel, um zu verkünden, Christus sei auferstanden.* 


Diese anschauliche Schilderung deckt sich ganz mit dem, was der 
Fremde noch heute in Sevilla wahrnehmen kann: Kanonendonner, 
Zerreißen des schwarzen Vorhangs (velo negro) in der Kathedrale 
und das Läuten der seit dem Gründonnerstag stumm gebliebenen 
Glocken versinnbildlichen die Auferstehung Christi. Von dem 
baile santo, der anschließend von zehn als Pagen gekleideten 
Knaben vor dem Hochaltar aufgeführt wird, erwähnen unsere 
Reisenden nichts. Dagegen finden wir bei Vaerst (I, 90), aller- 
dings ohne Ortsangabe, einen Hinweis auf den Cirio pascual, jene 
riesige Osterkerze von 8 Meter Länge und 100 kg Gewicht, wie sie 
noch heute in der Kathedrale von Sevilla am Ostersonnabend 
(säbado santo) um sieben Uhr früh geweiht und angezündet wird: 
„Der Cirio“, schreibt er, „ist eine geweihte Kerze von 
kolossaler Grösse, die mehrere Centner wiegt; sie wird am 
Osterheiligenabend angezündet und brennt während 40 Tagen.“ 
Aber auch das Volk benutzt den Ostersonnabend, um wie auch 

zu Weihnachten und bei anderen Gelegenheiten seiner Freude an 


— 139 — 


geräuschvollem Treiben freien Lauf zu’ lassen. „Draussen“, fährt 
Lauser (280) in seiner bereits angeführten. Schilderung des 
Ostersonnabends aus Sevilla fort, 


„hatte inzwischen das Volk nach alter Sitte Judas Ischarioth 
in Gestalt einer abschreckend hässlichen Puppe erschossen, und 
Freudenschüsse wurden von den Plattformen der Häuser in 
solcher Masse abgefeuert, dass man sich in eine belagerte 
Stadt hätte versetzt glauben können, wenn das heitere Ge- 
wimmel von Menschen, das Rollen glänzender Wagen und das 
Wiedererscheinen von Berittenen zu Pferd und Esel in den 
Strassen einen solchen Gedanken hätte aufkommen lassen . . .“ 


Von der Sitte, daß das Volk am Ostersonnabend symbolisch eine 
Bestrafung des Judas Ischarioth vollzieht, erfahren wir auch durch 
Arnim (165) aus Barcelona, wenn auch in stark abweichender 
Form: 

„Vor allen Kirchen befand sich nämlich eine Schaar von 
Kindern, mit kleinen Knüppeln bewaffnet, womit sie wacker 
auf ein langes Stück Holz schlugen, das an der Erde lag. Ja! 
eine Mutter setzte ihr einjähriges Kind auf die Erde, und gab 
ihm ein kleines Stäbchen in die Hand, mit welchem es auch 
seine schwachen Streiche führen musste: und dies hiess: seine 
Wuth gegen Judas loslassen®.“ 


® Wahrscheinlich begegnen wir hier dem Volksbrauch schon in ganz 
.abgeblaßter Form. Viel gegenständlicher erscheint er noch in der Schilde- 
rung Eschweges aus Portugal (I 150/151): „An diesem Tage nämlich 
werden an Strassenecken und auf Plätzen von dem gemeinen Volke Puppen 
in Lebensgrösse und verschieden costümirt aufgehängt, welche den Judas 
vorstellen. Mit dem Glockenschlag Zwölf (!) geht nun der Spectakel der 
Strassenjugend los; Schwärmer und Kanonenschläge, die in dem Judasbauche 
stecken, oder an seinem Leibe verborgen sind, brennen los; er speit Feuer 
und Flammen aus Mund und Nase; und sind diese abgebrannt, so wird er 
von dem Galgen heruntergerissen und durch die Strassen geschleift, selbst 
kleine vierjährige Kinder haben ihr Stöckchen, schlagen auf den Schächer 
und glauben Wunder, wie weh sie ihm thun; man reisst ihm Arme und 
Beine aus, und die Jungen schleifen sie im Triumphe nach allen Richtungen 
unter fortwährenden Verwünschungen und Misshandlungen, bis endlich alle 
Theile des leidenden Judas zersplittert sind und nichts mehr von Ihm 
übrig ist.” 


— 140 — 


Ein besonderer Osterbrauch besteht noch, wie die Reisende 
berichten, vorwiegend in Andalusien. Nach Stahl (II, 44) 
richtet man in der Karwoche in der Kathedrale von Seyilja 
zwischen dem Chor und dem Hauptportal 


„einen Bau von Holz, el monumento, von 120 Fuss Höhe, 
welches von unzähligen Wachskerzen beleuchtet in der Nacht 
vom Donnerstag zum Charfreitag angezündet in dieser Kathe. 
drale von wunderbarem Effekt sein soll.“ 


Wie Prinz Löwenstein angibt, finden sich in Cädiz in allen 
Kirchen zur Osterzeit solche monumentos sagrarios, wie sie noch 
heute in Sevilla heißen. Zugleich deutet er den Sinn an, den ihre 
Aufrichtung hat: 


„Man errichtet nämlich in der Kirche einen hölzernen 
Tempel, um daselbst die Hostie, die in der Custodia ein- 
geschlossen ist, zu deponiren. Sie bleibt darin vom grünen 
Donnerstag bis zum Charfreitag; während dieser Zeit ist das 
Monument von einer zahllosen Menge von Lichtern erleuchtet, 
Diese Monumente sind oft sehr gross und reichen bis an das 
Dach der Kirche. Während der Illumination derselben ist es 
üblich, alle Kirchen zu besuchen.“ (90.) 


In enger Beziehung zum Osterfest steht die diesem voran- 
gehende Fastenzeit, Fügen wir daher hier gleich an, was unsere 
Reisenden über Fastnachtsbräuche aus Spanien zu be- 
richten wissen. 

Von einer sonderbaren Sitte, den bevorstehenden Beginn der 
Fastenzeit anzukündigen, erzählt Willkomm (II, 284) aus Cädiz: 


„Bereits vierzehn Tage vor Beginn des Carnevals wird von 
Seiten des Clerus bekannt gemacht, dass während der Fasten- 
zeit kein Fleisch gegessen werden soll. Dies geschieht auf eine 
eigenthümliche Art. Die Geistlichkeit fährt nämlich unter 
Vortritt eines Musikcorps, das lustige Weisen spielt, in mehrern 
Kutschen langsam durch die Stadt und lässt durch einen Aus- 
rufer in allen Gassen und auf allen Plätzen das Verbot gegen 
das Fleischessen verkündigen. Diesen seltsamen Aufzug nennt 
man die Procession de la Bula. Uebrigens scheint man sich in 
Cadiz wie überhaupt in Spanien nicht sonderlich um dieses 


— 11 — 


Verbot zu kümmern, denn man isst fast überall während der 
Fastenzeit Fleisch und fastet höchstens blos am Freitage ... .“ 


Über das Karnevalstreiben, das der Fastenzeit vorhergeht, 
haben unsere Landsleute eine Anzahl interessanter Beobachtungen 
machen können. Übereinstimmend teilen sie mit, daß der spanische 
Karneval sich nur über drei Tage erstreckt — in Gegensatz zu 
portugiesischem Brauch”. Ausführliche Schilderungen von den 
Scherzen und Belustigungen der ausgelassenen Volksmenge besitzen 
wir von Baumgärtner aus Madrid und aus späterer Zeit von Will- 
komm aus Cädi. Baumgärtner (225—230) schreibt über die 
Fastnachtsfreuden zu Ende des 18. Jahrhunderts: 


„Sie nehmen drei Tage vor Fastnacht ihren Anfang. Mein 
Consejero, ich und der Herr Professor Moldenhauer aus Kopen- 
hagen gingen gegen die Brücke de Segovia zu spatzieren.... 
Hundert Schritte vor uns sahen wir eine Menge Menschen, und 
auf einmal flog einer in die Höhe; er fiel nieder, und in 
einiger Entfernung prellte man wieder einen in die Luft; kaum 
war dieser zurückgefallen, so flog am Ende der Strasse ein 
Dritter in die Höhe, Wir erstaunten, so etwas auf öffentlicher 
Strasse zu sehen, fragten den Consejero über die Bedeutung 
dieses sonderbaren Schauspiels, und erhielten zur Antwort, 
dass es ein Fastnachtsvergnügen sei. Als wir näher kamen, 
sahen wir sechs bis acht Frauenzimmer, alle schön geputzt, 
und in den prächtigsten Kleidern, die sich mit einem aus- 
gestopften Mann auf eben diese Weise belustigten, und un- 
mässig lachten, wenn er einer von ihnen auf den Hals fiel. 
(225/226) 

Zwanzig Schritt weiter war queer über die Strasse ein Seil 
gezogen, an welchem ein Hahn hing, der mit bunten Bändern 


7 Hierüber berichtet Willkomm (III, 294) aus Algarve: „Das Carneval 
dauert nämlich in Portugal volle vierzehn Tage und besteht wie überall 
im Süden in Maskenscherzen, kindischen Neckereien und unsinnigem 
Lärmen. Dabei ist, wenigstens in Algarbien, die etwas ungezogene Sitte 
üblich, die Mädchen und Frauen mit Eiern zu werfen; diese dagegen suchen 
sich dadurch zu rächen, dass sie den Männern lange Zöpfe aus Hanf an- 
stecken, sie mit Mehl überschütten und ihnen, wenn es möglich ist, das 
Gesicht schwärzen. Dieses Necken nennt man „Brincar“ und die Personen, 
welche sich darauf einlassen, „Brincadores“ und „Brincadeiras“.“ 


— 142 — 


geschmückt war. Nun verbanden sie einer Person (Weil 
und Männer vergnügten sich mit diesem -Spiel) die Aug, 
gaben ihr einen Degen in die Hand, führten sie bis an das Sei 
und legten den Degen an den Hahn; wenn nun die Perso; 
ausholte, und hauen wollte, so zog man das Seil in sk 
Fenstern, von welchen es herabhing, in die Höhe, und di 
verbundene Person hieb in die Luft. (226/227) 

Endlich kamen wir vor das segovische Thor, und fanden 
Tausende auf einem schönen, grünen Platze, unweit der 
Brücke ... (227) Hier warfen einige Cavalleros Zitronen 
funfzig bis hundert Schritte weit von sich, liefen, so schnell 
sie konnten, und suchten mitten im Laufe die Zitrone mit der 
Degenspitze aufzuspiessen. Dort sah ich einen Hahn, bis an 
den Kopf in die Erde gegraben, nach welchem gehauen wurde; 
man band der agierenden Person die Augen zu, nachdem sie 

. vorher die Entfernung ihres Standortes von den Preise des 
Spiels genau abgemessen hatte, führte sie einigemal im Kreise 
bis wieder auf dasselbe Plätzchen herum, und wenn man denn 
sahe, dass sie den entscheidenden Schlag thun wolle, vor dem 
der Hahn gewöhnlich sehr sicher war, legte man ihr einen 
alten Hut hin. Sie traf diesen, und man lachte gewaltig, (228) 

Das lächerlichste Spiel aber, das ich sah, war dieses: drei 
Mannspersonen, die nicht von niedrigen Stand sein konnten, 
wenn man von den Kleidern auf den Stand schliessen kann, 
denn sie trugen seidne Strümpfe, Degen und seidne gestickte 
Westen, hatten sich die Augen verbunden; ganz tief in die 
Erde war ein Pfahl geschlagen, an welchem drei Stricke ge- 
bunden waren, deren einer etwa eine und eine halbe Elle 
länger sein mochte, als die übrigen zwei. Diese Stricke banden 
sie sich an das linke Bein, und der, der an dem längsten Strick 
gebunden war, hielt in der Linken eine Klingel, und in der 
Rechten, wie die beiden übrigen, einen Plumpsack oder ein 
zusammen gedrehtes Schnupftuch. Fing der erstere an zu 
klingeln, so liefen die beiden andern auf ihn zu, und wollten 
ihn mit dem Plumpsack schlagen; da aber das Seil zu kurz 
war, so fiel oft der eine hin, der andere wieder über diesen 
her; nun kam endlich der Dritte, schlug auf die beiden Liegen- 
den so lange zu, bis sie wieder auf ihren Füssen waren, und 


— 143 — 


ihn selbst fortjagten, wobei sie sich denn wieder in die Stricke 
verwickelten, nieder fielen und einander -prügelten, und das 
eine Weile so fort. Der Ernsthafteste konnte sich hier unmög- 
lich des Lachens enthalten . . .“ (229/230) 

Willkomm berichtet über den Karneval in Cädiz: 

„Das spanische Carneval dauert blos drei Tage, nämlich 
vom Sonntag vor Fastnacht bis zum Tagesanbruch des Ascher- 
mittwoch. Doch wird den ersten Fastensonntag, den man 
den Domingo de Pifiatas nennt, ein nochmaliger Mummen- 
schanz gestattet... Bandos oder öffentliche Edicte, die an 
allen Gassenecken angeschlagen waren, forderten die Bewohner 
zur Beachtung der gesetzlichen Schranken auf; doch war 
nirgends eine policeiliche Person zu sehen und man liess das 
Volk ruhig gewähren. Auch fiel trotz der lebhaften Menge, die 
durch alle Gassen strömte, trotz der vielfachen Neckereien von 
Seiten der Masken und trotz der häufigen Libationen zu Ehren 
des Bacchus keine Unordnung vor; denn das Volk, obwohl es 
tausenderlei kleinen Unfug verübt, und schreit und jubelt wie 
toll, ist dabei völlig harmlos. Die Spanier sind an diesen Tagen 
wirklich wie die Kinder ... Während des Morgens ist es 
ziemlich ruhig, nur die Gassenbuben necken allenthalben die 
Leute in den Strassen. Gegen Mittag aber füllen sich die 
Balcons mit Damen, die sich damit vergnügen, den unten 
vorübergehenden Herren kleine gestickte Schellenkörbehen, 
welche an bunten seidenen Bändern befestigt sind, auf den 
Hut zu werfen, worauf sie sich unter lautem Gelächter 
zurückziehen. Namentlich sind sie ganz des Teufels, wenn 
ein Estrangero vorübergeht. Dann kommt es häufig vor, dass, 
sobald ein solcher die Gasse betritt, die schelmischen Kinder 
von einem Balcon zum andern einander zurufen, wer herein- 
kommt, Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht durch 
die ganze Gasse und der Unglückliche wird nun mit einem 
Hagel von Erbsen überschüttet und von allen Balcons rasseln 
Schellenkörbehen auf ihn nieder. Weiss man die Sache bereits, 
so sieht man sich seinerseits ebenfalls vor und füllt sich die 
"Taschen mit Erbsen oder Bonbons, um damit die übermüthigen 
Balcons zu beschiessen. Auch steht es frei, ohne Weiteres in 
ein Haus einzudringen und auf die neckischen Nymphen einen 


—_ 14 — 


Angriff in ihrer eigenen Wohnung auszuführen, was dann alle 
mal grossen Jubel unter der müssigen Volksmenge erweckt 
welche die Gassen erfüllt, und gewöhnlich mit einer übereilter 
Flucht der schönen Insassen endigt. Sonst herrschte auch die 
etwas ungezogene Sitte, die Vorübergehenden von den Balcons 
aus mit Wasser zu begiessen. Jetzt ist dies streng verboten; 
dennoch pflegt es in den abgelegeneren Gassen noch immer 
dann und wann zu geschehen. Noch schlimmer wird der Lärm 
auf der Plaza de S. Antonio zur Zeit der Promenade. Hier 
nämlich sucht man sich gegenseitig Papierzöpfe anzustecken 
zum grossen Ergötzen der Umstehenden. Ist jemand auf diese 
Weise decorirt worden, so bricht gleich von allen Seiten unter 
schallendem Gelächter das Geschrei: „Lärgalo, lärgalo!“ (gieb 
es her) aus, welches so lange fortgesetzt wird, bis der Inhaber 
des Zopfes bemerkt, dass er der Gegenstand des Spottes ist 
und sich seines unfreiwilligen Schmuckes entledigt. Gegen 
Abend fangen sich Masken in den Strassen zu zeigen an, die 
bald einzeln, bald gruppenweise unter der disharmonischen 
Musik von Guitarren, Tambourins, Klappern, Kindertrompeten 
u.s.w. die Stadt durchziehen, in die Häuser eindringen, die 
Umstehenden necken und allerlei Skandal machen. Im Falle, 
dass sich eine Maske Unziemlichkeiten zu Schulden kommen 
liesse, was selten vorfällt, obwohl die Masken meist den untern, 
ja den niedrigsten Classen anzugehören pflegen, wird sie auf 
die Policei gebracht, wo sie sich zu erkennen geben muss; 
Niemand aber darf sie mit Gewalt demaskieren, was unfehlbar 
einen Volksauflauf zur Folge haben würde und auch streng in 
den Bandos verboten ist. Die Anzüge dieser Masken sind meist 
geschmacklos; Zigeuner, Wunderdoctors, Harlekins sind die 
beliebtesten Vermummungen, und da die höhern Stände sich 
hierbei durchaus nicht betheiligen, so wird eben kein sonder- 
licher Glanz entwickelt. Am ärgsten ist der Lärm in den 
Theatern, die an diesen Tagen vollgestopft und glänzend er- 
leuchtet zu sein pflegen. Hier geht es zu wie in einer Plaza de 
Toros; Logen und Parterre bombardiren einander gegenseitig 
mit Erbsen, Bohnen und Bonbons nach Herzenslust, Dazwischen 
geht das Zopfanhängen wieder los und das „Lärgalo!’ erschallt 
von Neuem auf allen Seiten. Hebt sich endlich der Vorhang, 


— 145 — 


so wird der Tumult erst recht arg. Alle Geschosse richten sich 
nun gegen die Schauspieler, die gewöhnlich damit beginnen, 
eine Anzahl mit bunten Bändern geschmückter Tauben fliegen 
zu lassen. Diese Sitte gefällt mir am wenigsten, denn die 
armen Thiere flattern scheu im Saale herum, werden, so oft 
sie sich niedersetzen, wieder wo anders hingeschleudert und 
fallen oft, wenn sie sich nicht auf die Kronleuchter flüchten, 
vor Erschöpfung zu Boden. Niemand achtet auf das Stück; 
Alles tobt so viel als möglich, denn Lärm zu machen ist die 
Lösung des Abends... 

Am Sonntag nach Aschermittwoch belustigt sich das gemeine 
Volk damit, eine Menge Töpfe — Pifatas — zu zertrümmern, 
woher dieser Sonntag seinen Namen erhalten hat. Was diese 
Sitte bedeute, ist mir unbekannt geblieben. Abends bei den 
Maskenbällen giebt es ebenfalls mehrere Pifatas, die aber keine 
Töpfe, sondern eine Art von mit Bonbons erfüllten Ballons 
sind, welche von der Decke herabhängen und während des 
Balles so geöffnet werden, dass sie ihren Inhalt ausstreuen, was 
allemal einen gewaltigen Tumult erzeugt.“ (II, 280 ff.) 


Im Gegensatz zu diesen Schilderungen stehen die Berichte über 
Sevilla, wo die Deutschen kaum etwas von Fastnachtstreiben 
gewahr werden. „Wir waren zur Zeit des Carnevals in Sevilla“, 
schreibt Hackländer (II, 401): 


„und ich war kegierig, zu erfahren, wie im Gegensatz zu 
Deutschland und Italien hier diese festlichen Tage begangen 
würden, muss aber gestehen, dass mit Ausnahme der an diesen 
Tagen sehr vollen Theater nichts in den Strassen Sevilla’s an 
den Fasching erinnerte .... Ob es überhaupt bei den Spaniern 
nicht Sitte ist, sich zu maskiren und Larven zu tragen, weiss 
ich nicht, wenigstens sah ich nicht dergleichen; nicht einmal 
an irgend einem Laden... . falsche Nasen mit großen Schnurr- 
bärten; ja nicht einmal die Jugend schien zu wissen, was 
Carneval ist... .“ 


Und in demselben Lichte erscheint auch Graf Bastiano (194) 
dort der Karneval. Doch erfahren wir von diesem noch, daß es 
unter der vornehmen Welt von Sevilla Sitte ist, daß die maskierten 
Liebhaber auf dem Wagenkorso zu ihren Damen auf die Wagen- 


— 146 — 


{ritte und Dienersitze, die sonst freibleiben, steigen, ihnen Artig. 
keiten sagen und ihnen Bonbonnieren und Bouquets reichen, ein 
Brauch, dem Wachenhusen (I, 274) auch in Madrid begegnet, 

Loning (71) berichtet endlich über zwei Volksbräuche, die 
er in Madrid am Fastnachtsdienstag und am Aschermittwoch be. 
obachtet hat®: 

„Zwei Gebräuche, wovon mir niemand den Ursprung er- 
klären konnte, dienen noch am letzten Carnevalstage zur Be- 
lustigung des Volkes. Am letzten Dienstage im Carneval wird 
ein als Don Juan verkleideter Mann von vier andern Männern 
in Procession auf einer Bahre umhergetragen. Don Juan kniet 
mit gefalteten Händen auf einem weissen seidenen Kissen. Es 
scheint, dass dieser alte Sünder den Kelch der Busse noch 
immer nicht geleert hat. Ein anderer, noch sonderbarerer und 
unverständlicherer Gebrauch findet am Aschermittwoch statt. 
Ein schwarz angekleideter Mann wird, mit gebundenen Füssen 
rücklings auf einer Bahre liegend, wie ein Todter umher- 
getragen. Er hält in seinen gefalteten Händen eine Sardelle, 
ihm folgen Leute mit Fackeln, hinten und vorn begleiten ihn 
eine Menge verkleideter Officianten, die Gebete für den Ver- 
storbenen hermurmeln. Diese Procession geht mit der grössten 
Feierlichkeit bis nach dem eine halbe Stunde von Madrid 
fliessenden Canale. Hier hört die Procession auf, der Todte 
steht auf und der ganze Nachmittag wird mit Belustigungen 
zugebracht. Dieser Gebrauch wird enterrar la sardina genannt, 
Ich fragte vergeblich nach dem Ursprunge dieser Sitte. Mit 
diesem komisch-feierlichen Acte hören alle Winterbelustigun- 
gen auf und es beginnt die Fastenzeit... .“ 


Während wir die erste Sitte nirgends weiter erwähnt finden, spricht 
auch Lauser (263) von der sonderbaren spanischen Volks- 
belustigung der „Beerdigung der Sardine*. 
„ . . Die letztere wird in seltsam aufgeputztem Sarge zum 
Manzanares getragen und dann unter Spott und Hohn dem 


8 Man vergleiche das anschauliche Bild, das der spanische costumbrista 
Mesonero Romanosin den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
in seiner Skizze EI entierro de la sardina (in Escenas matritenses, Segunda 
serie, Madrid 1881, S. 324-331) entworfen hat. 


14h Se 


Wasser, wenn er ausnahmsweise solches führt, oder dem Sande 
desselben überantwortet.“ 5 


Wir stehen hier in der Tat vor einem der rätselhaftesten Bräuche, 
der auch heute noch stellenweise geübt wird. Die Darstellungen, 
wie diese Volksbelustigung vor sich geht, weichen teilweise stark 
voneinander ab. Nach Kany? verlief sie im 18. Jahrhundert in 
Madrid folgendermaßen: Am Aschermittwoch begibt sich der Zug 
nach der Pradera del Canal (also in Übereinstimmung mit Loning). 
Die Teilnehmer sind verkleidet, auch als Priester und Mönche, und 
mit Besen, Syringenbüschen und anderen Gegenständen bewaffnet. 
In ihrer Mitte wird der Leichnam der Sardine mitgeführt, durch 
eine ausgestopfte Figur oder häufiger durch eine der zum Auf- 
bewahren des Weines dienenden Tierhäute dargestellt. So geht es 
unter Trauergesängen und Musikbegleitung um die Wiese, wobei 
die Zuschauer von den Teilnehmern des Zuges mit den naß- 
gemachten Besen und Büschen mit Wasser bespritzt werden. 
Einzelne tragen auch lange Stöcke, an denen oben Schweinsblasen 
und Feigenbüschel befestigt sind. Endlich wird ein Loch gegraben 
und die Sardine eingescharrt. Das Fest schließt mit Tanz und 
einem Trunk aus dem Weinschlauche, der den Leichnam dar- 
gestellt hat. 

Während der Entierro de la sardina in Madrid noch heute am 
Aschermittwoch erfolgt, findet dieser Brauch in einigen Städten 
Südspaniens an den Ostertagen statt. So bringt z.B. am Tage vor 
Ostern ein Extrazug aus Madrid frohgestimmte Menschen nach 
Murcia!®, Landleute in Trachten, Musikkapellen, Banner beleben 
das Bild. Unter Lärmen und Singen vollzieht sich bei der Ankunft 
in Murcia die feierliche Begrüßung der Sardine durch die Würden- 
träger der Stadt. Die Sardine, hier ein buntbemaltes, mehr als 
10m langes Ungetüm aus Pappe, das von jungen Leuten hoch 
über den Köpfen an Stangen getragen wird, tritt ihren Umzug 
durch die Stadt an, bis auf einem Platz die Auflösung des Zuges 
erfolg. Erst am Ostermontag, nach der Ankunft eines botijo 


® Ch.E.Kany, Life and Manners in Madrid 1750-1800. Berkeley, Cal. 


1932, S. 367/368. 
10 Land und Leute in Spanien (1909), S. 359/360. 


— 148 — 


genannten Zuges aus Cartagena, der neue Gäste bringt, findet di 
Beerdigung der Sardine statt. z j 

Was ist der Sinn dieses seltsamen Bricht Der Kern steck 
sicher in dem Namen selbst: Begräbnis der Sardine. Nur scheine; 
unter diesem Namen zwei verschiedene, ursprünglich voneinander 
getrennte Sitten zusammengeflossen zu sein, wie auch das Begehen 
des Brauches einmal am Aschermittwoch, zum andern an den 
Ostertagen beweist, Bei dem ursprünglichen Entierro de la sar. 
dina handelte es sich gewiß um eine Volksbelustigung, die durch 
ihren Gegenstand symbolisch darstellen wollte, daß das Ende der 
Fastenzeit gekommen sei und damit der Fisch, die Nahrung der 
Fastentage wieder vom Tische verschwinde. Ein solcher Brauch 
konnte nur am Osterfeste stattfinden. Wofern ein ähnlicher Brauch 
aber auch zu Beginn der Fastenzeit, d.h. am Aschermittwoch geübt 
wurde, konnte dieser nur bedeuten sollen, daß von nun ab die 
Fleischnahrung verboten sei, Es mußte sich bei dieser Art von 
Volksbelustigung also um ein Gegenstück zum „Begräbnis der 
Sardine“ handeln. Hierzu stimmt auch, wenn Kany!! schreibt, daß 
beim Begräbnis der Sardine am Aschermittwoch in Madrid ur- 
sprünglich ein angezogenes Schwein („a dressed pig“) verwandt 
wurde. In Portugal vertritt der Stockfisch die Sardine. 


c) Fronleichnam. 


Eine der Karwoche ähnliche Bedeutung kommt als kirchlichem 
Feiertag auch dem Fronleichnamsfeste zu. Im Mittelpunkt stehen 
natürlich wieder Umzüge und Prozessionen!?. Eine Schilderung von 
Rochau (I,180ff.) aus Granada, den die eigentliche Prozession 
durch ihre Dürftigkeit enttäuscht, enthält interessante Einzelheiten 
über die Ausschmückung der Stadt für das Fest: 


„Seit acht Tagen rüstet sich Granada ... zur Feier des 
Frohnleichnamsfestes ... Morgens grosse Procession und 
Nachmittags Stiergefecht, Die Vivarrambla wird zum Mittel- 
punkt der kirchlichen Funktion hergerichtet. Längs der vier 
Seiten des Platzes sind Säulengänge von Holz und Leinwand 


11 A.a. 0.368. 
12 Vgl. hierzu Gascön de Gotor, El Corpus Christi y las custodias pro- 
cesionales de Espafla. Estudio XV (1916). 


140 


aufgeschlagen, die der Procession Schatten geben sollen und 
zugleich als Dekoration dienen. Auf jeder der Leinwandsäulen 
sieht man von dem Innern des Platzes aus das Bild eines 
spanischen Königs, und den Fries des Ganges entlang läuft 
eine Reihe von gemalten Caricaturen mit erklärenden In- 
schriften. Diese Zerrbilder, welche weder mit dem Frohn- 
leichnamsfest noch mit den spanischen Königsgestalten irgend 
etwas gemein haben, bieten den Gegenstand eines sehr unter- 
haltenden Studiums dar. Sie bilden eine zuweilen recht 
witzige und scharfe Kritik von Sitten und Zuständen der 
Gegenwart... Auf einem jener Bilder sieht man einen roth- 
röckigen Engländer, dem ein Taschendieb das Schnupftuch 
stiehlt. Die erklärende Inschrift lautet wie folgt: 


Asi se roba en Bretafia; 

«Se hard lo mismo en Espafia? 
— No, sefior, muy diferente, 
Alli se roba con mafia, 

Aqui descaradamente.“ 


Nach weiteren Beispielen fügt er dann noch hinzu, wie die 
aguadores auf ihre Art verstehen, ihrem nüchternen, und doch so 
malerischen Gewerbe festlichen Glanz zu verleihen (a. a. O.): 


w . . die Aristokraten des Gewerbes, diejenigen, welche 
ihren wandelnden Schenktisch auf einem Esel umherführen, 
haben auf dem Rücken ihres Thieres hohe Lauben aufgebaut, 
die wie Weihnachtsgärten von lustigen Lichtern schimmern. 
Ja das ganze Volk von Granada feiert ein sommerliches Weih- 
nachtsfest auf offenem Markt... .“ 


Beschreibungen von Jariges und Fischer aus Bilbao 
sind besonders interessant durch die Erwähnung der gigantes, jener 
seltsam ausgestalteten Riesenfiguren, so schreibt Jariges (54/55): 


„Die Feier des Frohnleichnams- und Johannisfestes zeichnet 
sich durch die kolossalen Figuren sonderbar genug aus, womit 
die lange Prozession eröfnet wird. Es sind deren sechs an der 
Zahl, und die sonderbarsten Fratzenbilder, die man sich nur 
denken kann; man sollte glauben, sie hätten blos den Zweck, 
altfränkische Moden lächerlich zu machen, denn da schreitet 


M 


— 150 — 


z.B. ein Spiesbürger einher ganz im alten Kostüm, wovon jeder 
Theil zu einer Karikatur verzerrt ist; auch, zwei wunderli 
ausstaffirte Mohrinnen sind darunter, deren kleine Fächer mit 
der ungeheuren Leibesgröße einen possierlichen Kontrast 
machen. Die unförmlichen Figuren sind von einer Höhe, dass 
sie bis ans zweite Geschoss der Häuser reichen; sie dienen 
besonders der Jugend zur Belustigung, die schäkernd um sie 
herumspringt ... (Anm.: Auf diese Riesengestalten spielt in 
Calderon’s Drama: Die Brücke von Mantible, der Gracioso 
Guarin in den Worten an: Giganticos hay tambien Sin ser dia 
del Sefior?)“ 


Fischer, der fast zur gleichen Zeit, nämlich fünf Jahre 
vorher, im Juli1797 durch Bilbao kommt, berichtet im Gegensatz 
zu Jariges nur von vier Riesenfiguren, ein Zeichen dafür, wie die 
ursprüngliche Sitte scheinbar zu verblassen beginnt. Dafür er- 
wähnt er im Gegensatz zu Jariges, daß die Gestalten Tänze auf- 
führten. Er schreibt (Reise 98): 


„Den Zug eröffneten vier gigantische Figuren in einem sehr 
lächerlichen Costüm. Es waren zwey Männer und zwey 
Weiber mit äussert grotesken Physiognomien. Sie trugen 
Allongenperruken von Flachs, und Kopfzeuge von rother 
Wachsleinwand; altväterische Staatskleider aus alten Mess- 
gewändern, und Adriennen von abgenutzten Küchenbehängen. 
Sie hatten tellergrosse Schnupftabaksdosen, und ellenlange 
Fächer; suchten die Leute auf den Balkonen, an welche sie 
stiessen, zu küssen, und tanzten an jeder Ecke einen eigenen 
lustigen Tanz. Die ganzen Figuren, Kopf und Arme aus- 
genommen, sind nämlich nichts als Reifengestelle, über welche 
die Kleider gehangen werden, unter denen sich dann ein 
Träger verbirgt.“ 


Interessant ist auch Fischers Feststellung, daß das Fronleichnams- 
fest „für die Biscayer ein religiöses Volksfest“ ist, von dem wich- 
tige öffentliche und private Verrichtungen und Veränderungen ab 
datiert werden. 

Die Frage nach dem Ursprung dieser sonderbaren Figuren ist 
ungeklärt. Jariges deutet ihren Sinn an, indem er seiner Be- 
schreibung hinzufügt: ; 


— 15 — 


„Vielleicht sollen sie die vier Welttheile personifiziren; 
wenigstens sieht man diese in spanischen Bilderwerken nicht 
selten allegorisch dargestellt, als hyperbolische Anspielungen 
auf die ehemals wenigstens weitausgedehnte Herrschaft der 
Spanier.“ 

Er trifft damit wohl das Richtige, denn die Sitte, solche 
Riesenfiguren in Kostüm und Farbe als allegorische Verkörperungen 
der vier Weltteile — Europa, Asien, Afrika, Amerika — auf- 
zuputzen, ist uns aus früherer Zeit bezeugt. So eröffneten in Madrid, 
wo sie gigantones genannt werden, den vier Kontinenten ent- 
sprechend, nicht sechs, sondern acht solcher Figuren den Fron- 
leichnamszug, von denen vier als Männer und vier als Frauen 
aufgeputzt waren. In gewissen Zeitabständen, bei jedem Halt der 
Prozession, führten sie Tänze auf. Während aber die gigantones in 
Madrid bereits 1772 verboten wurden!®, sieht Jariges sie also in 
Bilbao noch Jahrzehnte später. 

In Barcelona wurden noch Anfang des 20. Jahrhunderts solche 
Riesengestalten, prächtig gekleidet, von mehr als doppelter Manns- 
höhe im Fronleichnamszuge mitgeführt!“ und in Pampliona tanzen 
noch heute die gigantes, die angeblich Mauren und Normannen 
darstellen sollen, vor der Kathedrale und dem Bilde des heiligen 
Ferrin?®, 

Auch Valencia begeht das Corpusfest auf seine Weise. Die 
Prozessionen, die sich an diesem Tage durch die Stadt bewegen, 
zeichnen sich nach Minutolis Schilderung (I, 6/7) besonders 
durch die Fülle allegorischer Gruppen und durch die rocas 
(Triumphkarren) aus. 


„Schon gestern war der ganze Constitutionsplatz, die 
Strasse de Caballeros und de Mercado mit der sogenannten 
Vela del Corpus, einem blau und weiss gestreiften Leinwand- 
zelt, überspannt, welches etwa 40 Fuss über der Erde von dem 
vierten Stockewerke der Häuser nach dem Apostelthore der 
Cathedrale hinaufreichte. Aus der Casa consistorialis waren 


13 Vgl. Kany, a.a. O. 369 ff. 

14 Vgl. die Tafel. in FoCoEsp III, 538. 

ı5 M. Haberlandt in Buschans Illustr. Völkerkunde Il, 2, Stuttgart 1926, 
S. 290, 


— 152 — 


Platze, gegenüber der Capelle de nuestra Sefiora de 
Desamparados aufgefahren, mit Musikbanden umgeben 


Capellan von Valencia, ein würdiger Geistlicher mit weisse, 
Haare, in Amtstracht, auf einem schönen Rappen, dessen 
Mähnen und Schweif mit hellblauen Atlasbändern durch, 
flochten waren, und dessen tief hinabreichende goldgestickte 
schwarze Sammetdecke die Wappen von Valencia zierten _ 
durch die Stadt geritten. Die Unterbeamten des Ayuntamien! $.. 
(batidores) in grosser Uniform umgaben ihn, während einer 
der städtischen Syndieci zu seiner Linken ging.“ 


Bei diesem Zuge durch die Stadt am Tag vor dem eigentlichen 
Feste ist der Kapellan, der nach allen Seiten grüßt und das Volk 
zur Teilnahme an der großen Prozession am folgenden Tage auf- 
fordert, begleitet von Hunderten von Knaben und Mädchen, die als 
Gärtner, Hirten, Türken usw. gekleidet sind, von Militärkapellen 
sowie von allegorischen und biblischen Gruppen aller Art, die 
natürlich der Schaulust des Volkes dienen. Eine der interessante- 
sten sind die tanzenden Momos mit ihren Begleitern. 


„Die ersteren“, schreibt Minutoli (I, 8) weiter, „mit 
schwarzen Masken stellten die sieben Hauptsünder vor; die’ 
Tugend im weissen Kleide mit Blechkrone und Scepter mar- 
schirte mit grossen Schritten, triumphirend hinterher; beschützt 
durch sechsunddreissig wilde Männer, reichlich mit Feigenlaub 
umschürzt und mit ihren Peitschen tapfer auf die gaffende 
Menge einschlagend. Sie stellen die Soldaten des Herodes vor, 
welche in ihrem Uebermuthe auch die Unschuldigen nicht 
verschonten. Zwischen diesen Uebermüthigen bewegten sich 
zahlreiche uniformirte Polizeisoldaten als Beruhigungs- 
balsam ... Die wilden Männer waren einige Jahre hindurch 
nicht mehr erschienen, da übelnehmerische Zuschauer den 
Scherz mit der Navaja (Dolchmesser) beantwortet hatten, 
allein die Rehabilitirung wurde so dringend begehrt, dass man 
den Wünschen nachgab." 

Die Hauptsehenswürdigkeit der Hauptprozession sind die alter- 
tümlichen rocas, ein Stolz Valencias, die Minutoli (I, 15/17) 


— 153 — 


ebenfalls ausführlich beschreibt: 


„Die Triumphkarren, deren 6 vorhanden, sind fast Schiffen 
zu vergleichen, welche auf hohen Rädern stehen, von je acht 
reich geschmückten Maulthieren gezogen und von den Müllern 
von Valencia gefahren werden, und haben an dem hinteren 
Ende ein hohes Postament, auf welchem sich eine allegorische 
Figur, bunt angestrichen etwa 6 Fuss hoch befindet. Die Wagen 
sind breit und hoch. Es befanden sich wohl an 20 maskirte 
Kinder, Musici, Militairposten und Polizeisoldaten auf jedem 
Einzelnen. 

Der erste Wagen heisst la purisima Concepcion de la 
Virgen madre de Dios, ist 1542 gebaut; 1662 durch Pabst 
Alexander VII. besonders geheiligt. Er führt das Standbild der 
Jungfrau auf dem Monde und ist mit Kindern besetzt, als 
Symbol der Unschuld. 

Der zweite Wagen, la Fe — der Glaube genannt — einen 
geflügelten Engel tragend, ist im Jahre 1684 zur Erinnerung an 
die Eroberung Valencias durch Jaime I. von Aragon 1238, 
und an die Bekehrung der Mauren erbaut, und zu Ehren der 
letzteren mit jungen Türken besetzt. 

Der dritte Triumphwagen ist der des San Vicente Ferrer, 
des Schutzpatrons der Stadt, dessen Bild mit Flügeln auf dem 
Postamente steht, und 1665 erbaut. Die als Holländer ge- 
kleideten Knaben im Wagen sollen die Freude verkünden, dass 
Ferrer in Valencia geboren ist. 

Auf dem vierten Waren bezwingt der Erzengel Michael 
den Teufel. Im Jahre 1535 ward der Wagen erbaut zur Feier 
der Ausrottung des Heidenthums. Hierauf deuten die jungen 
Türken, welche oben Platz genommen haben, 

Der Wagen des Pluto ist mit Schlangen, Drachen und 
Teufeln bemalt. Pluto bezeichnet den Teufel oder Mohamed, 
welcher das Heidenthum 524 Jahre in Valencia herrschen liess, 
bis der Alcoran sich in die Bibel verwandelte, Der Wagen ist 
1542 erbaut. Die 7 Hauptsünden und die Tugend haben sich 
darin niedergelassen. 

Der Wagen der Dreieinigkeit, 1542 erbaut, zeigt oben auf 
dem Postament die Statuen von Gott, Vater und Sohn und 
darüber den heiligen Geist. Auf dem Vordertheil des Wagens 


— 154 — 


stehen lebensgross in Holz geschnitzt und gut gemalt, Adan 
und Eva. Zwischen ihnen ein grosser Baum, in dessen 
Zweigen ein laubfroschartig gekleideter Mann als Schlange 
hängt ... Am Postament standen zwei Polizeisoldaten und 
ein Arbeitsmann, und ganz hinten ging der wachthabende 
Engel mit dem Schwert auf und ab. Der Wagen hielt mitten 
auf dem Platz; der Arbeitsmann drehte mühsam an einer 
Kurbel; das Postament öffnete sich, Trompeten schmetterten 
und ein Schemel auf einem Storchschnabel fuhr heraus, Gott 
den Vater tragend, der in blau und roth gekleidet, mit 
Heiligenschein und der Erdkugel versehen, dem Menschenpaare 
den Genuss der Früchte jenes Baumes untersagte und ihnen 
Gehorsam anempfahl. Beim schnellen Zurückfahren des 
Stuhles blieben zwar der Heiligenschein und ein Bein des 
Schöpfers ausserhalb des Postamentes, was ein lautes Ge- 
lächter der Zuschauer und einen kleinen Wortwechsel Gottes 
mit dem Arbeitsmann veranlasste, aber nicht verhinderte, dass 
die Verführung, der Sündenfall und die Strafe vorschrifts- 
mässig aufeinander folgten.“ 


Wir haben die eingehende Schilderung Minutolis hier absicht- 
lich wiedergegeben, weil er insbesondere mit der Erwähnung der 
rocas ganz allein dasteht. So enthält z.B. die ausführliche Dar- 
stellung des Corpusfestes in Valencia aus dem Jahre 1873, die bei 
Serra y Boldü!® abgedruckt ist, nichts über diese altertümlichen 
Schaustücke religiöser Verehrung. In dieser späteren Beschreibung 
werden im Gegensatz zu Minutoli allerdings auch acht tanzende 
„gigantes engalanados rica y pomposamente“ aufgeführt. 


d) Andere Feiertage. 


Führen wir abschließend noch einige andere Kirchenfeste an, 
die durch besondere Bräuche ausgezeichnet sind. „Am Drei- 
königstage“, schreibt Wachenhusen (I,194) 

„geht man in Madrid gern in ein Puppentheater, in welchem 

die Geburt des Heilands comödienartig dargestellt wird. Man 

nennt das nacimiento .. „ nichts aber kann unpassender, 


16 FoCoEsp III, 558 f£. 


— 155 — 


empörender und abscheulicher sein als gerade dieses nacimiento, 
und man muss eben ein unwissender Spanier sein, um der- 
gleichen mit ansehen zu können. 

Die Bühne ist natürlich höchst elend, die Puppen nicht 
minder, die Costume derselben haben mit der biblischen Ge- 
schichte gar nichts gemein und sind durchaus modern. In 
Massen findet sich nun das Volk zu dieser Puppencomödie 
ein...“ 


Er gibt dann eine Schilderung der Aufführung, die mit drastisch- 
realistischen Mitteln, so recht nach dem Geschmack des niederen 
Volkes, die Weihnachtslegende zur Darstellung bringt. 

Diese volkstümlichen Dramatisierungen der Weihnachtslegende 
haben sich bis auf den heutigen Tag in Madrid erhalten”. Sie sind 
nicht nur auf den Dreikönigstag beschränkt, sondern finden 
während der ganzen Weihnachtszeit statt. Man muß eben ein 
Spanier sein, um die derbe Realistik besonders in den Hirtenszenen 
ertragen zu können, während andererseits die ehrliche Entrüstung 
unseres Landsmanns Wachenhusen durchaus verständlich ist. 

Der reinen Volksbelustigung dient auch an diesem Tage eine 
Sitte, die sich fast überall in Spanien findet, und von Willkomm 
aus Cädiz sowie von Wachenhusen aus Madrid erwähnt wird. 
Dabei scheint Willkomm (III, 252) zutreffender zu berichten, 
wenn er anführt: 


„Noch will ich kürzlich eines seltsamen Volksschwankes 
Erwähnung thun, der am Vorabende des Festes der heiligen 
drei Könige stattfindet, übrigens nicht blos in Cadiz, sondern 
fast in allen Städten Spaniens üblich ist. Das übermüthige 
junge Volk vergnügt sich nämlich damit, die Gallegos, welche 
eben angekommen sind, um sich als Bediente, Hausknechte 
u.s.w. zu vermiethen, anzuführen oder sie, so zu sagen, in 
den April zu schicken. Man macht ihnen weiss, die heiligen 
drei Könige kämen diese Nacht direct aus dem Morgenlande, 
um den nächsten Morgen die Messe zu hören, und würden am 
Thor mit grossem Pomp empfangen werden. Die armen 
Burschen müssen deshalb, gleichviel, ob sie an die Fabel 


I? Serra y Boldü, FoCoEsp III, 510. 


— 156 — 


glauben oder nicht, sich maskiren und mit einer Leiter in der 
Hand an die Thore gehen, um, sagt man, dort die Lampen 
anzuzünden,. Die Gassenbrut, welche hierbei am thätigsten ist, 
pflegt die Betrogenen unter lautem Gejauchze, Klingeln und 
Fackeln in den Händen tragend, von einem Thor zum andern 
zu begleiten und sie zuletzt tüchtig auszulachen.“ 


Während also hier der Sinn der Volksbelustigung deutlich ersicht- 
lich ist, indem man die Gallegos, die bei den übrigen Spaniern für 
etwas einfältig gelten, zum Narren hält, hat Wachenhusen (I, 
149) den Brauch sicher nicht ganz richtig erfaßt, wenn er den 
Gallegos die Rolle der aktiv Beteiligten zuweist!®, 

In den ersten Tagen des Maimonats begehen viele Gegenden 
Spaniens noch heute die Fiesta de las mayas, in der Elemente eines 
gewiß vorchristlichen Naturkults — den Triumph des Frühlings 
versinnbildlichend — verbunden sind mit der christlichen Vor- 
stellung der Kreuzesauffindung (el hallazgo de la Santa Cruz)iW. 
Über dieses Fest berichtet auch Willkomm an zwei Stellen. 
Auf seiner ersten Reise schreibt er aus Mälaga (II, 347): 


„Eine eigenthümliche Sitte, an der sich namentlich die 
Kinder betheiligen, ruft das auf den 3. Mai fallende Fest der 
Invencion de la santisima Cruz (Auffindung des Kreuzes 
Christi) hervor. An diesem Tage sowohl als beinahe den 
ganzen Mai hindurch werden in allen Gassen kleine Altäre 
errichtet, auf denen ein kleines Crucifix umgeben von Blumen- 
vasen steht, und festlich gekleidete Kinder, vorzugsweise 
Mädchen, sprechen alle Vorübergehenden um eine kleine Gabe 
an, indem sie mit den Worten: „Un cuartito, caballero, por la 
Cruz del Mayo!“ einen Teller präsentiren.“ 


18 Er sagt: „Sämmtliche Gallegos (Galizier, Wasserträger) durchziehen 
an diesem Tage die Strassen Madrids von einem Thore zum andern; sie 
tragen brennende Fackeln, sind mit Kasserollen, Glocken, Besen, Stecken 
und Leitern bewaffnet, machen einen bedeutenden Lärm, und sobald sie an 
einem Thore angelangt, steigt einer von ihnen auf die Leiter und versichert 
der Menge, dass die heiligen Könige zum entgegengesetzten Thore herein 
ziehen. Unter langem Geschrei setzt sich alsofort die ganze Menge wieder 
in Bewegung und so dauert dieses Spiel die halbe Nacht hindurch.“ 

1% Vgl. F.J. Sänchez Cantön, Espaflo, Madrid 1994, S. 100. 


— 157 — 


Ganz anders ist das Bild, das sich ihm zweieinhalb Jahrzehnte 
später in Söller auf Mallorca bietet (Balearen 159/160): 


„Am folgenden Morgen (d.i. am 3. Mai) ging es sehr leb- 
haft in den Gassen und auf den Plätzen der Stadt her. Man 
feierte Kreuzeserfindung (la invencion de la santisima Cruz), 
weshalb aus der Huerta eine Menge von Rosen und anderen 
Blumen hereingebracht wurden, aus denen man Bouquets, 
Kränze, Guirlanden und namentlich Kreuze (diese nur aus 
Rosen) verfertigte, welche gegen Mittag, nach dem Hochamte, 
auf dem Constitutionsplatze durch den unter einem Baldachin 
stehenden Pfarrer der Stadt eingesegnet wurden. Diese ge- 
weihten Rosenkreuze wurden sodann in den Häusern auf- 
gehängt, während man die Balcons und Fenster mit Bouquets, 
Kränzen und Guirlanden schmückte. Ein Nachspiel zu diesem 
Biumenfeste bildete die Tags darauf (Sonntags) Nachmittags 
stattfindende Prozession, welche von der Pfarrkirche ausging 
und die wichtigsten Gassen der Stadt passirte.“ 


Diese beiden von Willkomm beobachteten Beispiele zeigen 
schon, wie verschieden die Fiestas de la Santa Cruz de Mayo 
gefeiert wurden. Örtliche Kreuzeslegenden und Überlieferungen 
haben dazu geführt, daß wir heute in den einzelnen Gegenden der 
Halbinsel stark voneinander abweichenden Ausgestaltungen dieses 
Festes begegnen”®, 

Schließen wir die Darstellung der Kirchenfeste ab mit der 
Erwähnung eines Brauches, der in Sevilla am Allerheiligen- 
feste geübt wird und auf eine bekannte Naturkatastrophe zurück- 
zuführen ist. Das Hochamt, schreibt Willkomm (Ill, 216), 


„ist dadurch merkwürdig, dass der fungirende Priester die 
Messe plötzlich in der Mitte abbricht, mit allen Insignien, 
Messbüchern und Geräthschaften zur Kirche hinauszieht und 
hier die Messe an einem zu diesem Zwecke vor dem Gebäude 
des Consulado errichtetem Altar zu Ende liest. Dies geschieht 
nämlich zum Andenken an den 1. November 1755, an welchem 
Tage sich bekanntlich das fürchterliche Erdbeben von Lissabon 
ereignete. Auch in Sevilla war die Erderschütterung so heftig, 


20 Vgl. Serra y Boldü, FoCoEsp III, 547. 


— 158 — 


dass die Giralda wie ein Perpendikel hin und herschwankte, 
und man den Einsturz der Cathedrale befürchtete, weshalb der 
eben mit dem Lesen der Messe beschäftigte Erzbischof die 
Kirche verliess, um das Hochamt im Freien zu beenden.“ 


3. Marienkult und Heiligenverehrung. 


Neben den hohen Kirchenfesten spielen im religiösen Leben 
des spanischen Volkes die zahlreichen Feiertage eine große Rolle, 
die zu Ehren der Jungfrau Maria und der vielen Heiligen begangen 
werden. Jede Stadt, jedes Dorf hat seine Schutzheiligen, deren 
Namensfest oft den Höhepunkt des ganzen Jahres darstellt. Auf 
dem Lande strömt zu den romerias am Tage des Schutzpatrons 
oder der Schutzpatronin die ganze Umgegend zusammen, und 
spanischer Sitte gemäß werden diese religiösen Feiern zumeist mit 
einer Feria verbunden und mit Tanz und Musik beschlossen, Die 
Städte wiederum bilden an den Tagen, an denen sie ihren Schutz- 
heiligen huldigen, den Anziehungspunkt der benachbarten Land- 
bevölkerung, so daß man beispielsweise noch heute die in Madrid 
am Tage des Heiligen Isidro sich einfindenden Landleute, die sich 
meist ungeschickt in der ihnen ungewohnten Umgebung bewegen, 
kurz isidros nennt!!, 

Da unsere Reisenden sich zumeist in den Städten länger auf- 
gehalten haben, sind ihnen ländliche Wallfahrten (romerias) und 
Feste (ferias) auch kaum zu Gesicht gekommen. Doch besitzen wir 
eine Anzahl von Schilderungen über verschiedene Formen der 
Marien- und Heiligenverehrung, die sie zumeist in den Städten 
angetroffen haben. 


a) Las flores del Mayo. 

Willkomm (Wanderungen I, 214) erzählt von einer hübschen 
Sitte, las flores del Mayo genannt, die im Mai im Baskenland 
üblich ist: 

„In diesem Monate versammeln sich nämlich alle Abende 
nach der Oracion (dem Ave Maria) die jungen erwachsenen 

Mädchen in der Kirche und singen während des Rosario (Gebet 


21 Serra y Boldü, FoCoEsp III, 662; Christiansen, Festliches Spanien, 225. 


— 159 — 


des Rosenkranzes) vierstimmig Hymnen zum Lobe und Preise 
der heiligen Jungfrau ab. Man nennt diese Sitte, an welcher 
sich in den Städten selbst die jungen Damen der höchsten 
Stände betheiligen, „die Blumen des Mai" (las flores del Mayo).“ 


b) Las Mondas deTalavera. 


Eine andere Art des Marienkults ist uns von mehreren Reisen- 
den beschrieben worden. Es handelt sich um die berühmten 
Mondas de Talavera®, bei der sich augenscheinlich christliche 
Sitten mit heidnischen Kultformen vermischt haben. Willkomm 
(Wanderungen II, 316) führt an, in der Kirche der Virgen del 
Prado in Talavera de la Reina werde 


„ein wunderthätiges Madonnenbild verehrt, welches zu 
einem eigenthümlichen Volksfeste Veranlassung gegeben hat, 
das alljährlich acht Tage nach Ostern zu Ehren der Jungfrau 
gefeiert wird und unter dem Namen las Mondas de Talavera 
bekannt ist. Es besteht in Processionen der Bewohner aller 
umliegenden Ortschaften, welche der Jungfrau an diesem 
Tage Geschenke darbringen, so wie in Ritterspielen und Stier- 
gefechten, die von den „caballeros de la virgen del prado“, 
einem bereits im sechszehnten Jahrhundert zusammengetrete- 
nen Verein (hermandad) unter den angesehenen Einwohnern 
von Talavera, veranstaltet werden. Jene Ritter müssen bei 
dieser Gelegenheit zu Pferde, in altspanischer Tracht er- 
scheinen.“ 


Ausführlicher ist die Darstellung von Rigel (210), der insbeson- 
dere den Festzug mit den Opfergaben genauer beschreibt: 


„Die Städter und die ganze Nachbarschaft versammeln 
sich zu einer Prozession, eingeladen dazu von der, im Jahr’ 
1538 hier errichteten, Marianischen Sodalität, deren Stifter für 
sich und ihre Nachkommen das Gelübde gethan, das Bild der 

- Mutter des Herrn bei dergleichen Feierlichkeiten in alt- 
spanischer Tracht zu bewachen und mit gezogenem Degen zu 
Pferde zu begleiten. Voran wird eine, mit bunten Bändern und 


22 monda bedeutet das Ausschneiden der Bäume und auch die Zeit, in 
die dies fällt. Daher wohl der Name des Festes. 


— 160 — 


auserlesenen Blumen geschmückte, kreuzförmige Wachskerze 
getragen. Dieser folgt in geringer Entfernung-ein, mit duften- | 
den Blüthen geziertes, grosses Füllhorn, welches der frommen 
Wallenden reichliche Gaben umschliesst; dann kommen 
mehrere, mit Wein, Oehl, Früchten, Blumen, Getreide, ja selbst 
mit Holz beladene, Karren, von festlich geputzten Ochsen 
gezogen. Nicht selten bilden ganze Bäume, Schaafe, Hämmel, 
Pferde, Esel und Schweine, als Opfer geschmückt, des frommen 
Zuges Schluss. Alles drängt sich zur Einsiedelei; selbst Wagen 
und Thiere lässt man der Altäre Stufen nahen. In dem über- 
mässigen Gewirre werden die heiligen Hallen oft der Schau- 
platz ärgerlichen Zankes, derber Prügeleien, ja selbst blutiger 
Auftritte.“ 


c) San Antonio-Fest. 


Unter den Festen, die Heiligen zu Ehren begangen werden, 
stehen die des Heiligen Antonius und des Heiligen Isidro obenan. 
Das Fest des Heiligen Antonius, des Schutzpatrons der Tiere”, das 
am 17. Januar stattfindet, ist besonders originell, weil es weniger 
ein religiöses Fest als vielmehr ein Ehrentag für die Tiere ist. 
Verschiedene Reisende haben uns Schilderungen gegeben, wie es 
in Madrid gefeiert wurde. Wachenhusen (I, 198/199) beschreibt 
auch ausführlich das Jahrmarktstreiben, das sich dabei in den 
Straßen der Hauptstadt entwickelt: 


„Am 17. Januar, dem Tage dieses Festes, vermag die 
Strasse Ortaleza kaum die Massen der Fussgänger auf den 
schmalen Trottoirs zu fassen... . überall sind kleine Tische aus- 
gestellt, mit wunderlichen, bunten Gardinen behängt, auf 
denen noch bunteres, carmoisinrothes, saffrangelbes und 
schneeweisses Zuckerwerk (bollos) zum Verkauf ausgestellt ist. 
Die Confiterias sind mit orangegelben Gardinen geschmückt, 
und hinter den Bergen von bollos und candirten Früchten 
schaut der heilige Antonius, von brennenden Kerzen umgeben, 
lüstern auf das schöne Naschwerk herab ... . Alle Glocken der 
Stadt läuten, und wie gross ihr Lärm, werden sie doch von 


28 Über die Zusammenhänge und Bräuche anderer Länder kann man 
nachlesen bei Beda Kleinschmidt, Antonius von Padua. Düsseldorf 1931, 
S. 381/382. 


— 161 — 


dem Geschwätz und der Beweglichkeit des Volkes, von dem 
Schreien der Esel, der Maulthiere und der Bellos-Verkäufer 
überstimmt. „Bollos de San Anton! Bollos del Santo bendito!“ 
heisst es von allen Seiten — die Bollos spielen eine Hauptrolle 
des Tages, natürlich neben der noch bedeutenderen aller der 
Vierfüssler, die heute ihren Ehrentag haben.“ 


Die Pferde und Maulthiere sind prächtig geschmückt, tragen künst- 
liche Rosen im Schweif und bunte Bänder in den geflochtenen 
Mähnen. Alles begibt sich nach der Kirche St. Anton. „Neben der 
Kirche,“ fährt Wachenhusen fort, 


„befindet sich der eigentliche Wallfahrtsort aller der Reiter, 
nämlich die Stätte, wo an einer Seitenthür des ehemaligen 
Klosters der geweihte Hafer verkauft wird, den man in ganzen 
Säcken durch die Maulthiere nach Hause tragen lässt. Die 
grosse Mehrzahl der eigentlichen Wallfahrenden besteht nur aus 
Kutschern, Fuhrleuten und Pferde- oder Maulthier-Besitzern 
der niederen Klassen, desto grösser ist jedoch die Zahl der 
Neugierigen „. .“ 


Etwas genauer berichtet darüber noch Kaufhold (II, 87/88): 


„Dieses Fest ist eigentlich ein Fest für Pferde und Esel, 
denn an diesem Tage schmücken alle Kutscher und Eselstreiber 
ihre Pferde und Esel mit Bändern, und führen sie gewaschen 
und gekämmt zur Kirche des h. Antonius vor das Gitter der 
Kirche; sie bringen zugleich ein Gemäss Gerste mit, um Vieh 
und Frucht einsegnen zu lassen, ein Mönch erscheint, und ver- 
richtet die Einsegnung; für seine Mühe erhält er die Hälfte 
der Gerste, die andere Hälfte nimmt der Eigenthümer als eine 
geweihte Frucht wieder mit nach Hause, und erwartet davon 
eine ganz besondere übernatürliche Wirkung bei seinem Viehe; 
denn durch die Einsegnung selbst glaubt er sein Vieh vor allem 
Unglücke und Krankheiten verwahrt zu haben. Man sieht auch 
hier sehr deutlich, dass der Hauptvortheil auf Seiten der 
Segensprecher ist. 

Den Nachmittag beginnt eine feierliche Kutschenfahrt um 
die Antoniuskirche und die benachbarten Strassen herum, 
wobei die Kutscher mit einander wetteifern, ihre Pferde und 


— 162 — 


Maulthiere recht schön mit Bändern zu putzen. Alle Balkons 
in den Häusern sind mit Frauenzimmern besetzt, und die 
Strasen wimmeln von einer Menge gaffender Fussgänger ., .“ 

Diese genauen Schilderungen könnten auch der Gegenwart ent- 
nommen sein. Bis in unsere Tage ist die Calle de Hortaleza an dem 
Namenstage des Heiligen Antonius von ungewöhnlichem Leben und 
Treiben erfüllt, und wie schon vor vielen Jahren soll auch heute 
noch der geweihte Hafer die Scharen von Vierfüßlern, die von ihren 
Besitzern und Betreuern nach der Kirche San Antonio Abad geführt 
werden, im kommenden Jahre vor Krankheiten aller Art schützen? 
Das Fest wird auch in Katalonien und anderen Gegenden Spaniens 
gefeiert. 

Von dem Austeilen des geweihten Hafers berichten Stahl 
(1,114) und Hackländer (II, 22; 26) nichts. Sie stellen die 
Zeremonie etwas anders dar. Hackländer berichtet: 

„Es ist wie ein grossartiger Maskenzug; jeder Elegant hat 
sich und sein Pferd bestens herausgeputzt, Kutscher und Reit- 
knechte der vornehmen Häuser kommen in der Tracht ihres 
Heimathlandes, während viele der Pferde Wappendecken tragen 
und die bunten Bänder am Kopfzeug und Sattel die Farben 
der Herrschaft zeigen. (22) 

So gelangten wir sehr langsam in die Nähe der kleinen 
Kirche von St. Antonio, wo übrigens nicht viel zu sehen ist. 
Unter der geöffneten Thüre stehen ein paar Geistliche, welche 
die Thiere an sich vorüberziehen lassen, und geweihtes Wasser 
hinausspritzen. Auch erhalten viele Reiter einen kleinen 
Zettel, dessen Bedeutung wir übrigens nicht erfahren konnten. 
Mag man über den Gebrauch, ein unvernünftiges Thier zu 
seinem harten und beschwerlichen Tagewerk durch ein Wort 
des Segens stärken zu wollen, vielleicht achselzuckend lächeln, 
so ist doch der feste Glauben auch hier etwas zu Schönes, um 
darüber zu spötteln. Man muss nur sehen, wie sich jeder 
Reiter beeifert, mit seinen Thieren so dicht wie möglich an die 
Kirchthüre zu gelangen, und man begreift wohl, wie viel 
Werth er darauf legt, mit seinen treuen Arbeitsgefährten an 
diesem Tage bei St. Anton gewesen zu sein.“ (26) 


24 Vgl. Land und Leute in Spanien, 1909, S. 312, 


— 163 — 


d) San Isidro-Fest, 


Das San Isidro-Fest, das Fest des Schutzheiligen von Madrid, 
das man noch heute als Volksfest feiert, wird leider nur von einem 
Reisenden erwähnt. Der Verfasser der Rückerinnerungen (165), der 
es um 1800 miterlebt?5, äußert sich zudem über das Gesehene nicht 
ohne die Art und Weise, wie das Fest begangen wird, moralisch 
zu verurteilen, 


„Der Schutzpatron von Madrid ist der heilige Isidro 
(Isidorus) ... Sein Namenstest fällt auf die Mitte Maimonats 
und sieht den Bachanalien des alten Griechenlandes so ähnlich, 
wie ein Ey dem andern. Die Majos und die Freudenmädchen 
Madrids und wer aus den mittlern Ständen gern auch einmal 
recht nach Herzenslust der Ungebundenheit sein Opfer bringen 
will, begiebt sich schon den Abend vorher auf den Hügel der 
Kapelle (eine halbe Stunden von der Stadt). — Irdene ge- 
brannte Glökchen werden denn zu Tausenden verkauft, — in 
jeder Hand spielt so ein Glökchen; — weis der Himmel, was 
das Schellen sagen soll, — und Liqueur, Backwerk u.s. w. 
sind in Ueberfluss vorhanden. — Die rüstigen Athleten und die 
küsternen Mänaden bringen die geweihte Nacht im Stande der 
Natur wie eine Ziegen-Heerde auf dem weichen Rasen zu; — 
die blassen Wangen und die halberloschene Fieberglut im Auge 
lassen der durchrassten Stunden Inhalt an dem Folgemorgen 
ahnden, wo die sittlichere Welt den heiligen Isidro Paar an 
Paar besucht ... .* 


An derselben Stelle, einer Wiese am Westufer des Manzanares, 
„Pradera de San Isidro“ genannt, über der auf einer kleinen An- 
höhe die Kapelle mit den Gebeinen des Heiligen thront, spielt sich 
auch heute noch das Leben und Treiben der Volksmenge ab. Zu 
diesem Tage strömen außer den Madridern viele Fremde, insbeson- 
dere Provinzler, herbei, scherzhaft isidros genannt. Wie aus dem 
Sainete des Ramön de la Cruz, La Pradera de San Isidro 


25 Man wird hiermit gern die anschauliche Darstellung vergleichen, die 
in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts der spanische Sittenschilderer 
Mesonero Romanos in seinem Panorama matritense, nueva ediciön, 
tomo I, Madrid 0.J., S. 71—77, von diesem Volksfest gegeben hat. 

26 Siehe oben S. 158, 


— 164 — ' 


ersichtlich ist, bestimmte schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr 
hunderts nicht das Verlangen nach religiöser Erbauung die meisten 
zur Teilnahme, sondern der Wunsch nach Vergnügungen. Nachdem 
man zu dem Heiligen gebetet und Wasser aus dem heiligen Quell 
getrunken hatte, überließ man sich dem Essen, Trinken und 
Tanzen?’”. Von der Quelle mit dem wundertätigen Wasser schreibt 
unser Reisender nichts. Auffallend dagegen ist die Erwähnung der 
irdenen Glöckchen?®, die ein Kennzeichen der Festteilnehmer 
gewesen sein muß. Ebenso ist heutzutage das Isidrofest nicht ohne 
die tönernen, roten botijos zu denken, die in allen Größen von 
Händlern aus Badajoz auf hochbepackten Eseln in die Hauptstadt 
gebracht und dort feilgeboten werden. Man füllt sie mit Wasser 
aus dem heiligen Quell, um sie den Daheimgebliebenen mit- 
zubringen”. 


e) Andere Beispiele von Heiligenverehrung. 


Eine andere Form der Heiligenanbetung sind die schon aus 
römischer Zeit bekannten „processiones at petendam 
pluviam“, welche die Bevölkerung unternimmt, wenn der 
Regen, im Süden das leben- und fruchtspendende Element, lange 
ausgeblieben ist. Über einen solchen Bittgang aus der Nähe von 
Alicante berichtet Quandt (55): 


„Dieses Thal, welches von Felsen eingeschlossen wird, 
ist eine an sich unfruchtbare Bergschlucht, die... durch die 
Gebirgswässer gebildet wurde. Wenn es nun lange nicht regnet, 
so trocknet der Bach aus und alle Früchte verbrennen. Die 
Landleute nehmen dann zuerst ihre Zuflucht zu der Faz (das 
Gesicht), wie sie das Schweisstuch der heiligen Veronica 
nennen, wovon eine wahrhaftige Abbildung in einem nahe- 
gelegenen Kloster sich befindet. Dieses Gesicht wird feierlich 
herumgetragen und dabei gebetet und gesungen und gehofft, 
dass so viele Regentropfen fallen sollen, als Veronica Thränen 


27 Kany, a. a. O. 367. 

28 Wohl zur Erinnerung daran, daß die Glocken von selbst zu läuten 
‚anfingen, als man die Gebeine des Heiligen in die Kirche S. Andr&s über- 
führen wollte. 

29 Christiansen, Festliches Spanien 235. 


— 165 — 


geweint und der Heiland Blutstropfen vergossen hat, dessen 
Angesicht auf dem Schweisstuch der Heiljgen abgedrückt zu 
sehen ist. Wenn dies nichts hilft, so fluchen die Landleute 
lästerlich, doch erlauben nur sie sich dergleichen Aeusserungen 
und ein Fremder, der mit einstimmen wollte, würde eine 
schlimme Behandlung erfahren.“ 


Das Bild der Heiligen oder eine entsprechende Reliquie wird also 
auf dem Bittgang mitgeführt und soll durch die Gegenwart 
Wunder wirken. Kaufhold gibt aus dem Ende des 18. Jahr- 
hunderts ein anderes Beispiel, wo der Heilige durch seine in 
effigiem dargestellte Anwesenheit bei einem Unglück helfen soll. 
Als nämlich im Sommer 1791 auf der Plaza Mayor in Madrid 
ein großes Feuer ausbrach, versuchte man sechs Wochen lang ver- 
geblich, es zu löschen. Alle von der Geistlichkeit angewandten 
geistlichen Mittel schlugen fehl. Da holte man (Kaufhold I, 281) 


„den Madrider Feuer-Patron St. Roque aus dem Kloster 
de la Merced de los descalzos, und trug ihn in feierlicher Pro- 
cession auf den Markt; man stellte ihn dem Feuer gegen über, 
und hofte nun, dass er seinen Ruhm als Feuerlöscher durch ein 
neues glänzendes Wunderwerk noch vergrössern würde; ein 
Mönch trat auf, hielt eine feierliche Anrede an ihn, legte ihm 
die grosse Noth seiner Verehrer sehr nahe ans Herz, und fiehte 
in den rührendsten, kläglichsten Ausdrücken um Erbarmen 
und Hülfe Drei Tage und drei Nächte liess man ihn da 
stehen, um ihn durch den Anblick der grossen Noth zum Mit- 
leiden zu bewegen; aber umsonst, der Feuerpatron blieb 
unbeweglich, kein Beten, kein Flehen rührte ihn... .“ 


Und nun dasselbe Bild wie bei Quandt. Als der Heilige die erhoffte 
Hilfe nicht gewährt, schlägt die Stimmung um, und man verflucht 
denselben, den man soeben noch inbrünstig verehrt hat. 


„Dem Volk zerriss endlich die Geduld“, fährt Kaufhold 
fort, „es schrieb seine Unthätigkeit seinem Eigensinne zu, und 
brach in ein lautes Murren gegen ihn aus, die niedrigsten 
Schimpfworte wurden gegen ihn ausgestossen, und man trug 
ihn mit Groll im Herzen wieder nach Hause, freilich mit 
wenigerem Gepränge, als man ihn hergetragen hatte.“ 


— 166 — 


Dem entspricht auch der in der südlichen Romania und auch 
noch in Teilen Frankreichs nachgewiesene Brauch des Regenbitt- 
ganges, über den uns Kaufhold (II, 116 ff.) berichtet: 


„Zwischen Guadalkanal und St. Martin in Andalusien 
hatten die Bauern noch vor einigen Jahren die Gewohnheit, 
wenn es nicht regnete, die Virgen anzurufen; wollte dieses 
nicht helfen, so trugen sie solche in feierlicher Procession 
herum; wenn nun aber auch das nicht helfen wollte: so ver- 
wandelte sich die heisse glühende Andacht in Unwillen; sie 
wurden aufgebracht über ihre Hartherzigkeit, und droheten, 
wofern sie nicht bald würde regnen lassen, sie in den Dorfteich 
zu werfen; erfolgte dann noch immer keine Hülfe: so stieg ihr 
Unwillen in eben dem Maasse, wie zuvor ihre Verehrung ge- 
stiegen war, und endlich durch ihren Eigensinn (wie sie es 
nannten) aufs ausserste gebracht, holten sie das heilige Bild 
aus der Kirche, und warfen es ohne Erbarmen in den Teich, 
und suchten ihren gereizten Unwillen durch Ausstossung der 
abscheulichsten Schimpfwörter Luft zu machen; samt und 
sonders schrieen sie: bruxa, echizera, puta, pelleja etc. (Hexe, 
Zauberin, lüderliche Dirne). 

Einen ähnlichen Gebrauch hatte man in einem andern Orte 
bei Almaden; wenn es nicht regnen wollte, so flehete man die 
Virgen um Hülfe an, man betete, opferte und liess Messe 
lesen; und wenn dann alles ohne Wirkung war versucht 
worden: so stellte man halb aus Andacht und halb aus Un- 
willen eine feierliche Procession nach Almaden an, wohin man 
das Bild der Virgen mit trug; wenn nun bei der Rückkehr der 
Procession das Wetter sich noch nicht zum Regen anliess: so 
wurde der Spanier ganz zornig über das Zaudern und die 
Hartherzigkeit der Virgen, und warf aus lauter Rache unter- 
wegs die Virgen in einen Bach, wobei von allen Lippen 
Schimpfworte und Schmähungen fielen; bruxa, echizera, puta, 
pelleja etc. sind die gewöhnlichen Ausdrücke, die sich der 
Spanier erlaubt.“ 


Zu dem Heiligendienst gehört es auch, daß man sich dem Not- 
helfer für die zuteil gewordene Hilfe erkenntlich zeigt und ihm an 
der Stätte, wo er verehrt wird, Geschenke darbringt. Humboldt 


— 161 — 


(Spanienreise 270) kommt in der Nähe Mälagas an einem solchen 
Ort vorüber, wo fromme Einfalt ihre zumeist dürftigen Gaben 
zusammengetragen hat. 


„Etwa eine Stunde vor Malaga fuhren wir an einem Portal 
des Heiligen Cayetano vorbei. Es waren eine grosse Menge 
Lumpen und alter Kleider daran angehängt. Als ich danach 
einen Eseltreiber fragte, sagte er mir, diese Sachen habe man 
dem Heiligen für geleistete Wunderdienste geweiht; das Gute 
darunter verkauften die Geistlichen, und wendeten es für das 
Innre der Capelle an, und so bliebe das Schlechte. Würde, sagte 
er, z.B. ihr Pferd krank, so schenkten sie dem Heiligen ihren 
Zügel (er war sehr alt) und er heilte das Pferd. Er setzte hinzu 
Este Cayetano es un milagrosisimo Santo por toda la Espafia.“ 


4. Begräbnissitten und Totenverehrung. 
a) Aufbahrung und Beisetzung. 


Wie Spanien sich in so vielen Sitten von seinen Nachbarländern 
unterscheidet, so ist auch die Art und Weise, in der die Verstorbe- 
nen beigesetzt werden und wie das Andenken an die Toten von 
den Hinterbliebenen bewahrt wird, durchaus auf die besonderen 
Lebensverhältnisse der Halbinsel abgestellt. Aus den Schilderungen 
der Reisenden, die Zeuge dieser Bräuche gewesen sind, ergibt sich 
einmal die Abhängigkeit des Menschen von dem Klima, in dem er 
lebt. Hitze und Trockenheit haben Veranlassung gegeben zu Bei- 
setzungssitten, die sich als zweckdienlich und hygienisch erwiesen 
haben. Neben diesen äußeren Umständen hat aber auch die be- 
sondere geistige Haltung des Spaniers, die seinem Charakter ent- 
springt, dazu geführt, daß der Totenkult in Spanien eine besondere, 
arteigene Ausprägung erfahren hat. 

Das Erstaunen der deutschen Reisenden erregt vor allem die 
auch heute noch übliche offene Aufbahrung der Toten, von 
der vorzugsweise aus Valencia berichtet wird. So schreibt Rochau 
(1,119) aus dieser Stadt: 

„die Kirche war voll ... ich näherte mich dem Chor und 

sah innerhalb desselben einen reichen Katafalk, um welchen 

zwei Reihen von Kerzen auf grossen silbernen Leuchtern 


— 168 — 


brannten... Man sprach die Kirchengebete für einen YV; 
storbenen. Nach Beendigung der Ceremonjen öffnete sich d 
Gitterthor des Chores und daraus hervor ging ein lange 
geistlicher Zug... Die letzten Glieder dieser Prozessio; 
waren noch nicht in den Seitengängen der Kirche verschwu, 
den, als man sich daran machte, den Katafalk abzuschlagen, 
Jetzt erst bemerkte ich, dass der Leichnam ohne andre U; f 
hüllung, als die der Sterbekleider, mit entblösstem Gesichte 
und über der Brust gefalteten Händen auf dem kirchlichen 
Paradebette ausgestellt war, von welchem man ihn wie einen 
Waarenballen herunterholte, um ihn in den inzwischen herbei. 
gebrachten Sarg zu legen. Eine Stunde später sah ich mitten 
im Schiffe der Martinskirche in ähnlicher Weise, wenn auch 
ohne allen Prunk, einen zweiten Leichnam ausgestellt, den 
einer jungen Frau... .. Ungehindert konnte ein jeder, welchen 
die Neugier trieb, bis an die Bahre der Todten herantreten, die, 
den Kopf in eine Art Nonnenschleier eingehüllt, mit aufwärts- 
gefalteten Händen dalag ... .“ 

Fast dasselbe Bild bietet sich Hackländer (I,279/280), der 

hinzufügt: 

„Diese Art, die Todten in der Kirche auszustellen, ist in 
Valencia allgemein gebräuchlich und man kann fast keine 
Kirche betreten, ohne nicht oft auf abschreckende Weise an 
die Sterblichkeit erinnert zu werden.“ 


Wahrscheinlich ist auch die große Hitze die Ursache dieses 
Brauches, indem das Abschließen der Leiche in einem Sarge die 
Zersetzung noch beschleunigen würde. Es kommt aber hinzu, daß 
der Spanier nicht wie der Nordiänder das unwillkürliche Zurück- 
schrecken vor dem Tode kennt. Für ihn hat der Tod und der An- 
blick von Toten nichts Grauenerregendes. Ein Beispiel hierfür ist 
auch der für unser Gefühl übersteigerte Realismus, mit dem 
spanische Künstler auf Gemälden und in Plastiken immer wieder 
den Todeskampf Christi dargestellt haben. 

Über das Leichenbegängnis in alter Zeit in Madrid 
berichtet der Verfasser der Rückerinnerungen (168): 

„wer in Madrid früh um vier Uhr morgens stirbt, kann 

schon um vier Uhr Nachmittags auf ehrliche Bestattung rech- 


— 169 — 


nen, ausgenommen die Kataver aus den höheren Ständen, die 
das Recht besitzen, ihre Atmosphäre dann noch zu verpesten, 
— wenn des Tagelöhners Hülle längstens sorgsam aus dem 
Kreise der Lebendigen entrückt, in kühler Gruft der Auf- 
lösung entgegenmodert. 

Ein offener Sarg, dem ganzen Kirchspiel angehörig, fasst 
in seinem Bretterraume heut den Jüngling, morgen die ent- 
blätterte Matrone, — in dem Kapuziner-Kittel eingehüllt, den 
Rosenkranz in starren Händen; auf dem Rücken liegend der 
Verstorbene, geht der Zug, von Anverwandten, Franziskanern, 
Waisenknaben eskortir, die mächtig grosse Flakerkerzen 
tragen, plärrend durch die Strassen nach dem Gottesacker vor 
dem Thore . . .* 


Ebenso berichtet Kaufhold (II,138) von dem Begräbnis in 
Madrid: 

„Die Todten werden hier alle mit unbedeckten Gesichtern 
begraben; man hat hier nicht wie in Deutschland für jeden 
Todten einen Sarg, in dem man jenen legt, und so eins mit 
dem andern unter die Erde bringt; dazu ist das Holz und der 
Arbeitslohn viel zu theuer; jede Kirche hält einen Sarg, der 
ganz prunklos und schwarz angestrichen ist; dieser ist nun der 
allgemeine Diener, der jeden Verstorbenen in das Grab führt; 
die Todten werden hier alle in Mönchskutten, und wenns 
Weiber sind, in Nonnenkleider gesteckt; dazu nimmt man die 
Kutten von den Bettelmönchen, die damit gleichsam einen 
Handel treiben; denn für eine alte Kutte lassen sie sich allemal 
soviel bezahlen, dass sie dafür ein Paar neue kaufen können.“ 


Von dem Beisetzen in Mönchskleidung und dem gemeinsamen 
Sarg — Holz ist in Spanien ein kostbarer Artikel — spricht auch 
Fischerin seinem Gemälde von Madrid (416/417), das aus der- 
selben Zeit zu Ende des 18. Jahrhunderts stammt: 


„Alle Todte, nur die Grandes ausgenommen, werden hier 
in Mönchskutten oder Nonnenkleidern begraben. Man kauft 
diese von den Klöstern, für die es ein ansehnlicher Erwerbs- 
zweig ist. Die Särge bleiben unbedeckt, der Todte hat einen 
Rosenkranz in der Hand.“ 


— 10 — 


Nach seiner Darstellung verdingten sich damals außer Waisen- 
knaben und Mönchen auch noch andere Bürger äls Leichengefolge; 


„Zu grössern Begräbnissen werden eine Menge Kerzen- 
träger gemiethet, das gewöhnlich Invaliden aus den Hospitälern 
sind. Diese ehrlichen Leute wissen dann ihre Kerzen so ge- 
schickt schmelzen zu lassen, dass sie wenigstens ein paar 
Unzen Wachs erbeuten, womit sie auch einen ordentlichen 
kleinen Handel zu treiben pflegen.“ 


Die Mönchskutte als Totenhülle verschwindet in späterer Zeit. So 
schreibt Willkomm (III, 294), als er eine Beerdigung in Algarve 
schildert: 
„Auch in Spanien pflegt man die Leichen blos in ein 
weisses Leinentuch zu hüllen und sie ebenfalls in offenem 
Sarge nach dem Friedhofe zu tragen.“ 


Dies Verfahren ist auch heute noch in kleinen Gemeinden in 
Spanien üblich, wo der in ein Leintuch gehüllte Leichnam nach 
der gemeinschaftlichen Grube (fosa comün) getragen und dort ein- 
gescharrt wird®". 


b) Die Friedhöfe. 


Besonders charakteristisch sind für die spanischen Friedhöfe 
die durch Steinplatten verschlossenen Mauernischen, in denen in 
Städten die Toten — vornehmlich der besseren Stände — bei- 
gesetzt werden. Willkomm (III, 321/322) berichtet aus Algeciras 
über diese typisch spanische Einrichtung, an der er mit Recht die 
Schönheit der Friedhöfe seines Heimatlandes vermißt: 


„Auf dem Gottesacker ward der Sarg in die Grabcapelle 
gebracht, um eingesegnet zu werden, und hierauf in eine der 
in der Mauer befindlichen Nischen geschoben, deren Oeffnung 
man mit einer Steinplatte schloss, auf welcher der Name des 
Verstorbenen, sein Geburts- und Todestag eingegraben waren... 
In diese Nischen werden die Leichname begüterter Personen 
gestellt; die Armen begräbt man in der Erde und kein Grab- 
hügel bezeichnet die Stätte, wo sie ruhen. Alle spanischen 
Gottesäcker sehen meist sehr unfreundlich und wüst aus, denn 


90 Land und Leute in Spanien (1909), S. 77. 


— 11 — 


man bepflanzt sie weder mit Bäumen, .. . noch thut man sonst 
das Geringste für ihre Verschönerung.“ ° 


Günstiger dagegen ist der Eindruck, den er in Mahön auf Menorca 
empfängt, da die Friedhöfe auf den Balearen anders angelegt sind 
(Willkomm, Balearen 41/42): 


„Wie überall in Spanien so werden auch hier die Leichen 
nicht beerdigt, sondern in Mauernischen eingemauert. Letztere 
befinden sich hier aber nicht, wie auf den spanischen Fried- 
höfen, in der Kirchhofsmauer, sondern in Grabgewölben 
(sötanas), über welche kapellenartige, nach dem Innern des 
Friedhofs offene Hallen errichtet sind. Marmortafeln mit den 
Namen u.s. w. der in die Gruft vermauerten Todten schmücken 
die Innenwände dieser mit oft sehr eleganten und geschmack- 
vollen eisernen Gitterthüren versehenen Hallen. Jede Halle 
bildet ein Familienbegräbnis und alle sind numerirt. Der ganze 
Friedhof, in dessen Mitte sich eine hübsche Grabkapelle be- 
findet, ist in Quadrate eingetheilt und jedes Quadrat von 
solchen Hallen umgeben. Die Unbemittelten sind in Grab- 
gewölben beigesetzt, welche sich unter dem Boden der offenen 
Räume befinden und letztere deshalb ebenfalls mit Reihen 
numerirter Steinplatten belegt, auf denen die Namen der Ver- 
storbenen stehen. Der ganze Friedhof ist mit Cypressen und 
anderen Bäumen bepflanzt und mit Blumenbeeten geschmückt, 
und macht deshalb und wegen seiner grossen Sauberkeit einen 
viel angenehmeren Eindruck, als die Friedhöfe auf dem 
spanischen Festlande.“ 


c) La vispera de los difuntos. 


Die besondere Art der Beisetzung der Toten in Spanien erlaubt 
auch nicht einen solchen Gräberkult, wie er vielfach bei uns 
getrieben wird. Die anderen Verhältnisse verbieten insbesondere 
ein Schmücken der Grabstätte nach unserer Sitte. So beschränkt 
sich der Spanier zumeist darauf, einmal im Jahr, am Vorabend des 
Allerseelentages seine Toten zu besuchen und ihnen in den 
landesüblichen Formen seine Verehrung zu bezeigen. Wieder ist es 
Willkomm, dem wir eine Schilderung der Vispera de los 
difuntos aus Madrid verdanken. „Der zweite Tag des Novembers“, 


— 112 — 


schreibt er (Wanderungen II, 248—251): 


„ist in Spanien, wie in der gesammten katholischen Christen- 
heit dem Andenken der Verstorbenen gewidmet ... Bereits 
Tags zuvor, am Tage Aller Heiligen, pflegen die Gräber von 
den Angehörigen der Verstorbenen besucht und geschmückt 
zu werden, und da diese Sitte am Tage vor dem Todtenfeste 
stattfindet, so nennt man den 1. November oder das Fest aller 
Heiligen in Hinsicht hierauf die Vispera (den Vorabend) de los 


difuntos ... Ein Schmücken der Ruhestätten nach unserer 
Sitte ist in Spanien wegen der eigenthümlichen Einrichtung der 
Friedhöfe... gar nicht möglich. Die wie Bienenzellen in den 


dicken Mauern über einander liegenden Sargnischen bieten 
nur eine kleine und verticale Fläche dar, welche aus dem ge- 
wöhnlich mit einer Inschrift versehenen Schlusssteine der 
Nische besteht... Man muss sich begnügen, einen oder ein 
paar Kränze an den Schlussstein zu befestigen, oder ihn mit 
einer Guirlande zu umgeben. Da es nun Sitte ist, dass diese 
Kränze und Guirlanden nicht aus frischen Blumen und 
Blättern, sondern entweder aus Immortellen oder aus künst- 
lichen Blumen von schwarzem Sammet oder Papier gemacht 
werden, so bieten die damit geschmückten Sargnischen einen 
sehr düsteren Anblick dar. Häufig gesellt sich dazu noch eine 
völlige Geschmacklosigkeit in dem Arrangement. Die Kerzen 
(das Schmücken der Grabstätten besteht vorzüglich darin .. „ 
dass man brennende Wachskerzen auf oder vor denselben auf- 
stellt 248) werden vor den Nischen entweder auf Leuchtern, 
oder auf treppenartigen, mit Dillen versehenen Gerüsten auf- 
gestellt. Bei den Grabstätten von Granden und' anderer vor- 
nehmen und vermögenden Leute habe ich bisweilen bis 
hundert brennende Kerzen in Form von Pyramiden aufgestellt 
gesehen. Die armen Leute, die ihren Verstorbenen keine Nische 
kaufen konnten, sondern dieselben auf den Plätzen, welche die 
Abtheilungen des Friedhofs von einander scheiden, in die Erde 
begraben lassen mussten, pflegen die Stellen, wo ihre An- 
gehörigen ruhen, mit einer in den Boden gesteckten Kerze 
von gelbem Wachse, an welcher ein Zettel mit dem Namen 
des Todten befestigt ist, zu bezeichnen.“ 


. 173 — 


Über eine Spielart des Allerseelenopfers berichtet Kaufhold 
(II, 80—82) in Madrid: eben 3a 
m. . eben so wenig ist auch die Nachrede gegründet, dass 
den Abend vor Allerseelen jedermann angebrannte Kerzen auf 
die Gräber seiner Verwandten trüge; weil das gemeine Volk 
glaubte, dass an diesem Abende alle arme Seelen eine Pro- 
cession auf die Erde vornähmen, und dass diejenigen, denen 
keine Kerze wäre geopfert worden, die Kränkung hätten, mit 
müssigen Armen beizuwohnen. — ... Dergleichen Albernheiten 
hat man den Spaniern noch mehr aufgebürdet ... 

Das Allerheiligenfest wird auf den Abend, wenn den 
armen Seelen erst der schuldigste Dienst gezollt worden ist, 
mit einem besondern Gerichte Essen gefeiert, so wie an einigen 
Orten Deutschlands der Martinsabend mit Gänsebraten ge- 
feiert wird: man nimmt Wasser, setzt es aufs Feuer, und rührt 
allmählich von dem feinsten Mehle hinzuein, so dass es eine 
Art von sehr feinem Breie wird; man lässt es unter stätem 
Umrühren langsam kochen, und die Kunst besteht darin, dass 
es nicht anbrenne; alsdann wird Annis hineingethan, man 
röstet von dem feinsten Brode in Butter oder feinem Oele, 
und giesst es unter den Brei; alles im Hause und Freunde, die 
dazu eingeladen sind, lagern sich um die Schüssel herum, und 
leeren solche unter Kurzweil und Scherz mit einander aus; 
und das ist ein Nationalgericht, wodurch man das Allerheiligen- 
fest zu bezeichnen sucht.“ 


Ein besonderer Brauch von Totenehrung, der an die Marterl 
in unseren Bergen erinnert, wird von verschiedenen Reisenden an- 
geführt. In den gebirgigen Gegenden Andalusiens, so besonders 
bei Ronda, Mälaga und Alhama finden sich an Stellen, wo jemand 
eines gewaltsamen Todes gestorben ist, hölzerne Kreuze, milagros 
genannt, 

„Der Weg war zwar sehr betreten“, berichtet Willkomm 

(II, 171), als er das Gebirge von Yunquera nach Ronda durch- 

quert, „aber ausserordentlich einsam und häufig erinnerten 

rohe hölzerne Kreuze auf einen Haufen loser Steine gesteckt 
an hier verübte Raubmorde. Solche Kreuze nennen die Anda- 
lusier „Milagros“ (Wunder), eine seltsame Bezeichnung, da das 


u 


— 1714 — 


Verbrechen, von dem sie zeugen, in jenem Lande eben nicht 
den Seltenheiten und Wundern gehört.“ 
Auch Bergh (140) spricht davon bei seiner Reise durch Anda 
lusien: 


t 


.jene Kreuze an der Strasse beziehen sich sicher 
ebenso häufig auf einen Meuchelmord, wie auf Raub und Todt- 
schlag. Selten nur deutet die Inschrift auf dem Stein die 
näheren Umstände an; gewöhnlich liest man nur die Worte; 
„aqui mataron“ oder „aqui murio“ nebst dem Datum; ich habe 
indess nur auf einem Kreuz eine Notiz aus dem Jahre 1330 
gefunden und auf den übrigen weder Namen noch Jahreszahl 
bemerkt... .. Bis Alcoy zählte ich acht solcher Merkzeichen.“ 


Im Zusammenhang mit diesen Kreuzen müssen wir auch noch 
die sonderbare Beobachtung anführen, die Plüer (393) über ein 
halbes Jahrhundert früher macht, als er den Puerto de Zafaraya 
bei Alhama überquert. } 


„Vor dem elenden Wirthshause“, schreibt er, „sahen wir 
in dem dicken Gesträuch der Genista häufige Knoten gefloch- 
ten. Man sagte uns, es sey solches eine Erinnerung, eine Ave 
Maria für die Seelen der hier umgekommenen Personen zu 
beten, für welche noch kein Kreuz aufgerichtet worden .. .“ 


Diese Bemerkung steht ganz vereinzelt da, so daß sich nicht nach- 
prüfen läßt, ob dieser Brauch auch in späterer Zeit und an anderen 
Orten üblich war. 


Inhaltsverzeichnis, 


Bibliographie .. 
1. Der Norden 


a) Galizien 

b) Asturien 

c) Baskenland 
d) Aragonien 


Die Landschaften des inneren Hochlandes .. 


a) Altkastilien .. 

b) Leön ou de 
. ce) Extremadura 

&) Neukastilien 


. Die Landschaften der Ostküste .. 
a) Katalonien .. .. .. 


b) Valencia sa 
e) Murcia .. .. .. 


4. Der Süden .. 
Sachregister 


— 176 — 


Bibliographie. 

Amades, J. Arte popular. Indumentaria tradiclonal. Barcelona 1939, 

Arco, R, del, Costumbres y trajes en los Pirineos, Zaragoza 1930. 

— EI treje popular altonragones. Huesca 1924. 

Christiansen, F., Festliches Spanien. Leipzig 1935. 

Estorn&äs Lasa, B, Indumentaria Baska. (Colecciöon Zabalkundea 2) 
San Sebastiän 1935. 

Ivori J. de, Vestits tiples d’Espanya. Barcelona 1935, 1936, 

Krüger, F. Die Gegenstandskultur Sanabrias und seiner Nuke 
Hamburg 1825. 

.— Die Hochpyrenäen. D: Hausindustrie — Tracht. VKR VIII, 1835, 210 bis 
328 (mit neuerer Bibliographie). 

Ortiz Echagüe, J. Spanische Köpfe. Bilder aus Kastilien, Aragonien 

. und Andalusien. Berlin-Wien-Zürich 1929. 
Palencia, I. de, The regional costumes of Spain. London (1926). 


Es gibt wohl kaum ein europäisches Land, das bis in die neuere 
Zeit hinein über eine solche Fülle malerischer Trachten verfügte 
wie Spanien. Die geographischen Unterschiede von Landschaft zu 
Landschaft, die in so vieler Hinsicht regionale Sonderentwicklungen 
begünstigten, ließen auch jede einzelne Gegend ihre eigene Tracht 
entwickeln, wobei der formenschöpferische Sinn des spanischen 
Menschen sich ungehindert betätigen konnte. Dazu kommt, daß mit 
den fremden Völkern, die sich vom frühen Altertum bis an die 
Schwelle des Mittelalters auf der Halbinsel niederließen, auch die 
verschiedensten Trachtenelemente in das Land hineingetragen 
worden sind, die sich z.T. bis auf die Gegenwart erhalten haben 
und beispielsweise in den Provinzen an der Ostküste noch immer 
nicht ganz ihr fremdes Gesicht verleugnen können. 

Von der einstigen Fülle der Volkstrachten ist unter dem alle 
Unterschiede verwischenden Pulsschlag modernen Lebens, der 
selbst das entlegenste Dorf seiner Verkehrsabgeschiedenheit ent- 
reißt, nicht viel erhalten geblieben. Echagüe! spricht mit Bedauern 
von dem Rückgang der spanischen Volkstrachten und weist auf 
die wenigen Orte hin, die heute allein noch unverfälschtes Tradi- 
tionsgut zu bieten vermögen. Wie lange noch, und man wird die 
schönen und charakteristischen Kleidersitten einzig als Zeugen 
einer vergangenen Zeit im Museum studieren können?, 

Die deutschen Reisenden, die im ausgehenden 18. Jahrhundert 
und in der ersten Hälfte des vorigen Spanien besuchen, haben noch 
Gelegenheit, vielerorts die schönen alten Trachten zu sehen, und 
die meisten nehmen dies zum Anlaß, genaue Schilderungen zu 
geben von der Art und Weise, wie sich der Spanier und die 
Spanierin in den einzelnen Landschaften kleiden. Gerade die Sorg- 
falt, mit der häufig kleinere örtliche Unterschiede in der Kleidung 


1 Echagüe, Spanische Köpfe 271. 3 
2 In der folgenden Darstellung hat der Verfasser die Werke von 
Amades und Ivori nicht mehr benutzen können. [F.K.] 


— 1718 — 


verzeichnet werden, lassen erkennen, mit wieviel Interesse und 
Liebe auf diese Dinge geachtet worden ist. Das farbenfrohe Bild 
spanischer Volkstrachten wird von den Deutschen als ein wesent- 
licher Teil der spanischen Welt empfunden, wie sie sich ihre Vor- 
stellung erträumt. Um so größer ist die Enttäuschung, die aus 
ihnen spricht, wenn sie schon verhältnismäßig früh hier und da — 
besonders in Madrid und anderen großen Städten — bemerken 
müssen, wie französische Mode bodenständige Trachten zu ver- 
drängen beginnt. 

Hinsichtlich der Trachten selbst kommen die Reisenden immer 
wieder zu der Feststellung einer gewissen Harmonie zwischen der 
Kleidung und ihren Trägern. Die farbenprächtige Tracht des 
'Andalusiers scheint ihnen ganz zu passen zu dem leichtbeschwing- 
ten, heiteren Wesen des Südspaniers; die typische, fremdartig- 
orientalisch anmutende Tracht der Bewohner von Valencia und 
Murcia wiederum steht in Übereinstimmung mit der Bevölkerung 
dieser Provinzen, die ihre fremdrassigen Blutseinflüsse nicht ver- 
leugnen kann; und endlich das durchweg düstere Aussehen der in 
braunes oder schwarzes Tuch gekleideten Bewohner Kastiliens und 
Extremaduras ist gleichsam ein Abbild des gemessen-ernsten 
Wesens des Kastiliers oder der Schweigsamkeit des Extremeäos. 

Als Ganzes liefern die in den Reisebeschreibungen wieder- 
gegebenen Beobachtungen einen wertvollen Beitrag zur Frage der 
Volkstrachten in Spanien, die das einzige zusammenfassende Werk 
von Palencia, das in erster Linie Bildmaterial bieten will, doch nur 
sehr allgemein und ohne auf örtliche Unterschiede einzugehen be- 
handelt, Erinnern wir uns der Reisewege, denen unsere Reisenden 
gefolgt sind, so ergibt sich allerdings, daß die Beobachtungen für 
gewisse Gebiete sehr zahlreich, für andere nur wenig berührte 
Gegenden spärlich sind. Es kommt hinzu, daß das malerische 
Element oder auffallende Erscheinungen gerade bei den Trachten 
eher zur Schilderung gereizt haben. So ist es nicht verwunderlich, 
wenn die Reisenden insbesondere die andalusische und valencia- 
nische Tracht häufig beschrieben haben. Daneben besitzen wir aber 
auch zahlreiche Zeugnisse für die Volkskleidung in Katalonien, 
Aragonien und dem Baskenland, während die Trachten der übrigen 
Teile der Halbinsel in den Reisebeschreibungen seltener behandelt 
worden sind. 


— 1799 — 


1. Der Norden. 


Galizien und Asturien liegen abseits der üblichen Reisewege. 
Sie sind daher auch von den Deutschen kaum besucht worden, Nur 
Lorinser bereist bei seinem zweiten Aufenthalt in Spanien 
beide Provinzen auf dem Wege nach Santiago de Compostela, 
während Jariges ein halbes Jahrhundert vor ihm, um 1800, 
Galizien auf dem Wege von Astorga nach Santiago und weiter 
nach Portugal berührt. & 


a) Galizien. 
Über die galizischen Trachten berichten beide nur recht kurz. 
So schildert Lorinser (Neue Reiseskizzen 1,300) die Landleute 
bei Santiago de Compostela folgendermaßen: 


„Die Männer tragen hier meist spitze braune Mützen, wie 
in Asturien, gelbe oder braune Jacken mit hohen Stehkragen, 
weite kurze Leinwandhosen und braune Kamaschen .. .“ 


Dazu erwähnt er aus La Traviesa bei Santiago (Neue Reiseskizzen 
1,297), daß der Wirt klappernde Holzschuhe an den Füßen trägt, 
also wie noch heute in vielen Gegenden Nordwestspaniens®. Die 
angeführten spitzen Mützen sind die noch heute in einer ganz 
eigentümlichen Form in Galizien gebräuchlichen monteras. Im 
übrigen sind die Angaben zu ungenau, als daß Näheres daraus 
entnommen werden könnte. Auffällig sind die genannten weiten, 
kurzen Leinwandhosen, während derselbe Verfasser an anderer 
Stelle (Neue Reiseskizzen I, 192) für Asturien die auch heute für 
Galizien charakteristischen kurzen Tuchhosen mit den darunter 
sichtbaren weißen Leinenunterhosen beschreibt. 

Von der Tracht der Frauen sagt Jariges (132) bei seinem 
Aufenthalt in Santiago, 


„sie sind in gelbe Röcke und hochrothe Busenschleier ge- 
kleidet“. 


Ferner berichtet Lorinser (Neue Reiseskizzen I, 300) aus 
derselben Stadt, daß „die Weiber fast durchweg feuerrothe Pele- 
rinen von Tuch und gelbe Kopftücher“ tragen. Er fügt hinzu, daß 


s Vgl. Krüger, VKR VIII, 1935, S. 288. 
4 Vgl. Christiansen, Festliches Spanien, Abb. S. 296, 305, 307, 308. 


— 180 — 


jene Umhänge auch „zuweilen braun, meist aber roth sind“. Braune 


Pelerinen nimmt er zwischen Villalba und Betanzos wahr, wo er 
von den galizischen Frauen schreibt (Neue Reiseskizzen I, 285): 


„Sie hatten gelbe Tücher turbanartig um den Kopf ge- 
wunden und trugen über dem Kleide eine lange, wie ein 
Pilgerkragen aussehende, braune Pelerine.“ 


Der rote Kragenmantel aus Tuch oder Flanell, oftrnals mit schwar- 
zem Samt besetzt und bestickt, ist allgemein ein typisches Stück 
der galizischen Frauentracht. Interessant ist, daß Lorinser mehr- 
mals gelbe Kopftücher erwähnt, während sie von anderer Seite als 
gewöhnlich blau, grün oder orangefarben bezeichnet werden. 


b) Asturien. 
Eingehender als über die galizischen äußert sich Lorinser 
über die asturischen Trachten. So berichtet er aus der Gegend von 
Colombres (Neue Reiseskizzen I, 160): 


„Die Männer, die gewöhnlich eine braune Jacke und eben- 
solche an den Seiten aufgeschlitzte Beinkleider tragen, zeich- 
nen sich am meisten durch die eigenthümlich geformte, 
helmartige Mütze aus, die an der einen Seite einen spitz 
zulaufenden, sehr hohen Aufschlag von schwarzem Sammt hat, 
der beliebig heruntergeschlagen werden kann und bald den 
Nacken gegen Wind und Regen, bald die Stirn gegen die 
Sonnenstrahlen schützt.“ 

Auf die eigenartige Hosentracht geht er noch genauer ein, als er 
sich in der Nähe von Oviedo aufhält (Neue Reiseskizzen I, 192): 

„Die Männer ... zeichneten sich namentlich durch die 
eigenthümliche (oben schon beschriebene) asturische Mütze und 
durch doppelte Beinkleider aus, von denen die braunen, an der 
Seite aufgeschlitzten, nur bis zu den Knieen reichen, und die 
darunter befindlichen weissen den unteren Theil des Beines 
bis zu den Knöcheln bedecken.“ 


Es ist dies dieselbe Art, die Hosen zu tragen, wie wir sie heute 


noch, regional abgewandelt, in Galizien, Asturien, Navarra und 


5 Palencia, The regional costumes of Spain 32. 


. 


— 181 — , : 


Aragonien finden‘. Je nach der Gegend ist der Seitenschlitz größer 
oder kleiner, und die Hose länger oder kürzef, so’ daß bald ein 
breiteres, bald ein schmäleres Stück der (in Galizien und Asturien) 
weißen oder (in Aragonien) blauen Unterhosen zu sehen ist’, 

Über die Fußbekleidung berichtet Lorinser (Neue Reiseskizzen 
I, 252) aus Tol, nahe der galizischen Grenze: 
„Beide Geschlechter tragen in der Regel grosse, plumpe 
Holzschuhe, wie sie in Frankreich in der Auvergne, und in 
Deutschland in Westphalen üblich sind“ 
in Übereinstimmung mit der bereits angeführten Verbreitung 
dieser Schuhe in den verschiedensten Abarten in ganz Nordwest- 
spanien®, 

Über die Tracht der Frauen weiß Lorinser (Neue Reiseskizzen 
1,159) aus Colombres in Asturien zu berichten: 

„Sie tragen fast alle ein schwarzes mit Sammt besetztes 
Mieder, schneeweisse Hemdsärmel und einen grellen gelben, 
zuweilen mit schwarzen Streifen besetzten Rock. Oft ist auch 
der. Rock ebenfalls schwarz und mit gelben Streifen besetzt. 
Die Sitte, das Haar in langen Zöpfen herunterhängen zu lassen, 
hört hier auf.* 

Die letzte Bemerkung bezieht sich auf die Sitte des benachbarten 
Baskenlandes, von der noch zu sprechen sein wird. Diese male- 
rischen Trachten des östlichen und mittleren Asturien verschwin- 
den, als er nach Luarca kommt und sich bei Tol der galizischen 
Grenze nähert (Lorinser, Neue Reiseskizzen 1,252): „Die Weiber 
waren meistens in kurze braune Mäntel gehüllt, die nichts weniger 
als malerisch, sondern höchst dürftig und armselig aussahen?.“ Die 
ärmliche Gebirgslandschaft findet also auch hier ihren Nieder- 
schlag in der Kleidung. 


ec) Baskenland. 


Zahlreicher sind die Schilderungen der baskischen Trachten. 
Humboldt (Baskische Reise 402) beschreibt bei seinem Auf- 


“ Vgl. Krüger, VKR VIII, 1935, S. 305. 

? Siehe Abb. aus Asturien und Galizien bei Palencia, plate 12, 14, 22, 29. 

8 Vgl. Palencia, plate 27. 

® Es handelt sich offenbar um die aus grobem Wollstoff hergestellten 
Kopfüberhänge, über die Krüger, GK S. 266 berichtet. 


— 182 — 


enthalt in Durango genau die altbaskische Tracht: 


‘„Die alte Tracht ist: abarcas, eine ' Art Beschuhan 
Lederne zur Seite und hinten nur sehr wenig, vorn mehr in 
die Höhe gehende Schuh oder mehr Sohlen, die auf den Seiten 
vorn und hinten Bindfaden haben, mit welchen Tücher von 
Wolle, die sie um die Füsse wickeln, umwunden sind und 
dadurch festgehalten werden. Diese Tücher sind bei den 
Weibern, die sie aber jetzt selten tragen, weiss und oft sehr 
fein, bei den Männern mit schmalen schwarzen Streifen. Dann 
gewöhnliche meist schwarze Hosen. Eine rothe Jacke, jetzt 
seltner, und darüber die Longarina, eine weite Ueberjacke mit 
mehrern Aufschlägen auf den Aermeln, das Biscayische Sur- 
rogat des castellanischen Mantels. Ehemals ging die Longarina 
braun schwarz bis an die Kniee, und die Aermel waren an die 
Jacke mit Bändern und Knöpfen befestigt, um wenn man 
einige losmachte, die Aermel weg und überwerfen zu können. 
Jetzt nur selten etwas lang. Um die Weste eine Fusta. Auf 
dem Kopf die Montera!’, eine schwarze spitzige helmartige 
Mütze vorn mit dreieckigem schwarzsammtnen Aufschlag, in 
der Hand einen langen Stock. Manchmal tragen sie auch unter 
dem Mantel (wie eine Art Dolch, da der Stock bei ihnen 
Degendienste vertritt) einen kurzen dicken, vorzüglich unten 
dickeren Knittel Cachiporra (Cachi corrumpirt von Quasi und 
porra, grosser Hammer zum Eisenhämmern) genannt.“ 

Er fügt aber hinzu: „Diesen Anzug sieht man jetzt meist nur ein- 
zeln und gar nicht mehr fast in seinem ganz alten Schnitt.“ Die 
„gewöhnlichen“ Hosen, von denen Humboldt spricht, sind natürlich 
die kurzen, seitlich geschlitzten Kniehosen, die gerade zu jener Zeit 
den pantalones zu weichen beginnen", sich aber vereinzelt in den 
Pyrenäentälern bis zur Gegenwart erhalten haben!?. Der vom Ver- 
fasser als longarina!® bezeichnete lange, mantelartige Umhang, der, 


10 Im Text steht Moretera (vom Herausgeber verlesen?), 

11 Nach B. Estorn&s Lasa, Indumentaria baska 95 wurde das Tragen von 
langen Hosen nach dem spanischen Unabhängigkeitskriege im Baskenland 
allgemein Sitte, 

ı2 Vgl. Krüger, VER VIII, 1935, S. 298, 

18 Es kommen die Formen longaring (Sturriza, Historia general de 
Biscaya) und ongarina (Larramendi, Corografia de Guipüzcoa) vor. 


18 — 


wie er angibt, schon damals selten wird und jetzt im Baskenland 
nicht mehr anzutreffen ist, hat sich in den angrenzenden Land- 
schaften erhalten, wo er noch heute unter Benennungen wie 
enguarina, enguarina (salmant.), anguarina, unguarina (astur.)', 
hongarina (arag.)'° gebräuchlich ist. Interessant ist die Erwähnung 
der montera als Vorläuferin der heutigen boina. Nach der Be- 
schreibung ist sie die aufrechtstehende Zipfelmütze, die auch als 
Kopfbedeckung der gaiteros noch heute in Galizien und Asturien 
verbreitet ist“. Auch Baumgärtner, der zu der gleichen 
frühen Zeit wie Humboldt in Spanien weilt, berichtet von montera!! 
und abarcas als bezeichnend für die Tracht der Basken aus Irün: 


„Die Tracht der Männer besteht in dieser Provinz aus 
einer dreieckigen Mütze, die sie Montera nennen: einem kurzen 
schwarzen Westchen, schwarzen Beinkleidern und Schuhen. 
Stiefel sieht man keinen Spanier in der Provinz tragen... 
Noch häufiger als Schuhe aber findet man Socken, die man mit 
Bändern kreuzweis herauf bis an die Beinkleider gebunden 
trägt. Sie sind eine Art von dicken Strümpfen; unter den Fuss 
legen sie altes Tuch, Leinwand und dergleichen.“ (19) 


Während Humboldt aus Biscaya nur von dem primitiven Schuh- 
werk berichtet, Strümpfe aber nicht erwähnt (in Übereinstimmung 
mit Loning 207), gibt also Baumgärtner an, daß in Guipüzcoa die 
auch heute noch im nordspanischen und nordwestiberischen Ge- 
birgsland teilweise gebräuchlichen Fußsocken getragen werden. 
Humboldt (411) hat bei seinem Aufenthalt im Baskenland in einem 
caserio in Durango dem Hausvater abgelauscht, wie die altertüm- 
liche Fußbekleidung dieser Gebirgsbewohner, abarca — die Leder- 
sohle — und chapinua — so heißt der Ersatz des Strumpfes — 
hergestellt und am Fuß befestigt werden: n 
„In der Ecke ein Rindsleder zu Abarcas. Der gutmüthige 
Alte brachte alles herbei, mir zu zeigen wie sie gemacht 
wurden. Der Casero macht alles selbst. Er spannt die Rinds- 


14 F. Krüger, GE 161. 

15 R. del Arco, El traje popular altoaragonds, Huesca 1924, S.28, 3. 

18 Vgl. Krüger, VER VIII, 1935, S.320 (Fußnote 3). 

ı7 Von montera und palo als zur Tracht der Männer und jungen 
Burschen gehörig spricht auch Larramendi (vgl. Estornes Lasa, a.a. 0.41). 


—_ 184 — 


haut bloss auf, trocknet sie und reibt sie ein wenig mit Salz 
und Asche ab. Dann schneidet er sie in Jänglichte Stücke wie. 
sie zur Abarca passen. Auf diesen zeichnet er nach einer 
hölzernen Form, einem so gestalteten Brett (el marcador) die. 
Stücke zu jeder einzelnen abarca ab. Dann schneidet er sie 
aus, kratzt nur ein wenig auf den Seiten die Haare die noch 
darauf sitzen ab, lässt sie in der Mitte sitzen, (dies rauhe bleibt 
dem Boden zugekehrt) schlägt Löcher mit einem Hammer und 
Eisen rund herum in das Leder und durchnäht es nun mit 
grobem Bindfaden, dass die Seiten sich ein wenig umkrempen, 
das Hinterblatt ein wenig mehr, das vordere aber (das breitere) 
so dass die beiden Ecken zurückgeschlagen werden und eine 
Naht in die Mitte kommt. Die Enden des Bindfadens lässt er 
lang damit die Decken die zum Strumpf dienen zu umwinden. 

Diese Decken heissen Chapinua. Er wickelt erst einen 
kleinen Lappen um die Fussspitze, dann ein länglichtes ziemlich 
breites Stück von unten um den Schenkel herum.“ 


Es sind also aus einem Stück gefertigte Sandalen aus ungegerbtem 
Rinds- oder auch wohl Schafsfell. Sie haben sich im Baskenland 
und den Nachbargebieten lange, z. T. bis in die Gegenwart er- 
halten, Noch Jahrzehnte nach Humboldt schreibt Loning 
(206/207), daß der Baske diese uralten, schon aus dem Altertum 
bekannten Fußbekleidungen trägt: 


„In Biscaya und Guipuzcoa trägt er keine von Hanfgarn 
geflochtene Sandalen, wie der Navarrese, sein Nachbar, sondern 
heute noch, wie Diodor von Sicilien von den alten Celtiberern 
erzählt, eine aus Haaren gemachte Bedeckung um die Beine. 
Diese Bedeckung heisst auf baskisch Chapinua. Statt der 
Strümpfe werden nämlich Streifen von wollenen Zeugen oder 
geflochtenen Pferdehaaren von der Fussspitze aus um das Bein 
gewunden und mit Bindfaden fest um wickelt, der an der 
Abarca, einer Sohle, die sich nur ein wenig um den Fuss in 
die Höhe biegt, befestigt ist. Diese Sohlen werden aus Rinds- 
leder gemacht, die er selbst verfertigt. So hat sich also eine 
Sitte der Celtiberer noch bis heute bei den Basken erhalten.“ 


18 Über die Verbreitung der abarcas außerhalb der baskischen Provinzen 
vgL Krüger, VER VIII, 1935, S. 2781, 


— 185 — 


Daneben berichten aber Reisende späterer Zeit (Wolzogen 18; Will- 
komm, Wanderungen I,206) auch davon, daß alpargatas, die in 
großen Teilen Spaniens üblichen Esparto- oder Hanfsandalen, oder 
gar Lederschuhe getragen werden, Schuhwerk, das ursprünglich 
nicht in den baskischen Provinzen üblich war, um so weniger, da 
alpargatas nur für trockene Gegenden geeignet sind, in denen der 
Regen eine seltene Erscheinung ist. Nach Rosen (II,21) werden 
die alpargatas, die, an den bloßen Füßen getragen, zur gewöhn- 
lichen Tracht des Basken gehören, „im Hochgebirge auch oft von 
einer Fussbekleidung ersetzt, die man barcas!® nennt“. Danach 
hätte sich also die ältere Bekleidung nur in den gebirgigen Gegen- 
den erhalten?®, 

Die boine, die uns noch heute als typischstes Kennzeithen der 
Tracht der Basken gilt, wird von den deutschen Reisenden erst aus 
den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erwähnt. Sie ist schon 
seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bezeugt und erscheint zuerst 
in der Form der boina grande, die sich allmählich zu der heute 
üblichen wandelt. Ihre Verbreitung über das Baskenland erfolgte 
wahrscheinlich vom Norden der Provinzen und vom B&arn aus. 
Doch hören wir nach dem Bericht Willkomms (Wanderungen I, 
206—208), wie sich die Tracht der Basken im ganzen gegenüber der 
Zeit Humboldts verändert hat: 


„Die Männer gehen für’s Gewöhnliche in langen, weiten 
Pantalons von gestreiftem Leinenzeuch und in kurzen, völlig 
schmucklosen Tuchjacken von dunkler Farbe, oder in kurzen 
Blousen vön hellfarbiger, kleinkarrirter Baumwolle. Die See- 
leute und Fischer pflegen grob gewebte, wollene, hemdartige 
Blousen oder Kamisols von hochrother Farbe zu tragen. Die 
meist unbedeckten Füsse stecken bei trocknem Wetter in 
Alpargates, bei regnerischem in unförmlichen, dicksohligen, mit 
Nägeln beschlagenen Schnürstiefeln. Die Basken von Bayonne 
bedienen sich der in ganz Frankreich beliebten Holzschuhe, die 


19 Auch diese und andere Formen kommen vor; vgl. Krüger, VER VIII, 
1935, S. 280. 

20 Hierzu stimmt, daß sie noch heute im Vorland der Pyrenäen ge- 
bräuchlich sind (Krüger, VER VIII, 1935, S. 281). 

21 Estornes Lasa, a.2.0.85ff, 


— 186 — 


ich auch hier und da in Nord- und Centralspanien bemerkt 
habe. An Sonn- und Festtagen pflegen-die Basken lange, nach 
unten zu sich erweiternde Hosen von schwarzem Sammet zu 
tragen, sowie schwarze Sammetjacken und rothseidene Schär- 
pen. An Wochentagen sieht man die Schärpe (faja), bei den 
übrigen Spaniern ein unentbehrliches Kleidungsstück, in den 
baskischen Provinzen selten. Das eigentliche Nationale der 
baskischen Männertracht ist die Boyna, die baskische Mütze. 
Diese ist von Schaafwolle, aus dem Ganzen gewirkt und ge- 
walkt, so dass sie aussieht, als wäre sie aus dünnem Filze 
gemacht. Sie hat keinen Schirm, eine barettartige Gestalt, 
lässt sich in alle Formen bringen, ist federleicht und sehr 
bequem. Die Basken pflegen darinnen ihr Schnupftuch, ihren 
Kamm und verschiedene andere Gegenstände aufzubewahren. 
Beim Grüssen greifen sie an die Boyna, nehmen dieselbe aber 
nicht ab. Diese eigenthümliche Mütze, welche besonders junge, 
volle Gesichter sehr gut kleidet, wird nicht allein in den 
baskischen Provinzen getragen, sondern auch in Navarra, und 
in den Departements Hautes-Pyrenees, Basses-Pyr&n&es und 
Landes, und zwar von Jung und Alt. Schon dreijährige Buben 
laufen mit der Boyna herum und sehen mit derselben aus wie 
Pilze. In dem Departement Hautes-Pyren&es und in Navarra 
ist die Boyna gewöhnlich dunkelbraun, in den beiden andern 
eben genannten französischen Departements blau, in den drei 
baskischen Provinzen am häufigsten ebenfalls blau, weniger 
häufig roth, noch seltener weiss. Eine weisse Boyna gilt 
gegenwärtig als Abzeichen carlistischer Gesinnung. In Guipuz- 
coa und Vizcaya sieht man die Boyna häufig noch mit einer 
Gorla, einer Troddel, gleich der des türkischen Fes, geschmückt, 
welche immer von schwarzer Seide ist und über den Rand der 
Mütze hinabhängt ... .* 


Hierzu passen auch die Schilderungen von Wolzogen (18) und 
Rosen (II,21). Der erstgenannte Verfasser schreibt: 


„Die Tracht der Basken besteht in einer dunkeln. kurzen 
Tuchjacke oder einer kurzen hellfarbigen Blouse von karrirtem 
Muster, langen weiten Beinkleidern und den sogenannten 
alpargatas oder Hanfsandalen, die mit Bändern um die meist 


— 187 — 


nackten Knöchel befestigt werden, indessen oft auch plumpen, 
dicken Schnürstiefeln Platz machen...“ . 


und Rosen spricht ebenfalls von der kurzen braunen Tuchjacke 
und den sehr weiten Beinkleidern aus Tuch oder auch aus Samt. 
Beide geben auch eine genaue Beschreibung der boina als eines 
typischen Stückes der Kleidung, die nach Rosen „gewöhnlich blau, 
bei reicheren Leuten aber und an Fest- und Feiertagen meistens 
scharlachroth mit silbernem oder buntseidenem Quast, burla (?) 
genannt .. .“ aussieht, während Wolzogen in Übereinstimmung mit 
Willkomm berichtet, daß die Troddel blau- oder schwarzseiden ist. 

Rosen (II, 21) erwähnt darüber hinaus noch weitere 
Kleidungsstücke der baskischen Tracht, insbesondere solche, die als 
Wetterschutz dienen: 


„Den Hals trägt der Baske, wie die Brust, ganz frei, nur 
bedeckt von einem blendend weissen Hemde, dessen Kragen 
über die Weste zurückgeschlagen wird. Statt des im ganzen 
übrigen Spanien so gewöhnlichen Castilianischen, braunen 
Mantels, trägt der gemeine Baske bei schlechtem Wetter und 
auf Reisen eine Art Kapot von schwerem, grobem Wollenzeug, 
mit einer Capuche, die über den Kopf gezogen wird, und mit 
dem Bernus der Araber etwas Aehnlichkeit hat. Bei den 
Basken der mehr bemittelten Stände... . ist die Samarra sehr 
gangbar, eine kurze Pelzjacke von schwarzem gegerbtem Schaaf- 
fell, bei Reichen auch von feinerem Rauchwerk, inwendig mit 
weissem Pelz gefuttert und gewöhnlich mit einer Reihe von 
metallenen Agraffen, statt der Knöpfe, besetzt, eine Tracht, 
die für das oft rauhe Klima dieser Gegenden eben so zuträg- 
lich, wie auch besonders zu der malerischen boina kleidsam ist.“ 


Die Zamarra, die Pelzjacke, auch von Bärenfell, ist auch in andern 
kalten Gebirgsgegenden der Halbinsel häufig. So berichtet z.B. 
Willkomm davon (II, 111) aus Trevelez in den Alpujarras”. 


Über die Tracht der Baskin haben wir ebenfalls eine Anzahl 
Zeugnisse. Die beste und ausführlichste Schilderung der baskischer 
Frauentracht gibt Willkomm (Wanderungen I, 204—206), Er 
schreibt von den Baskinnen: 


22 Vgl. über Wort und Sache Krüger, HPyr B 7/8. 


lo a ... 


„Ihr Hauptschmuck besteht in ihren Haaren. Das Vorder- 
haar tragen sie glatt und tief gescheitelt, das Hinterhaar 
fechten sie in dicke Zöpfe, die sie nicht auf dem Kopfe be- 
festigen, sondern frei über die Schultern hinabhängen lassen. 
Auch die Frauen der Provinz von Santander und die Navar- 
resinnen tragen das Haar in dieser Weise; die französischen 
Baskinnen dagegen stecken die Flechten am Hinterkopfe fest 
und hüllen ein schwarzes baumwollenes Tuch in turban- 
artiger Form darum. Die Guipuzcoanerinnen pflegen das Haar 
blos in einen Zopf, die Vizcayerinnen dagegen in zwei Zöpfe 
zu flechten, welche sie in der-Mitte durch ein eingeflochtenes 
schwarzes Band zusammenketten. Die Enden der Zöpfe sind 
mit Bandschleifen, gewöhnlich von schwarzer Farbe, verziert. 
Recht lange und dicke Zöpfe betrachten die Baskinnen als 
den schönsten Schmuck und bilden sich viel auf dieselben ein, 
zumal wenn das Haar blond ist. An den Zöpfen angegriffen zu 
werden gilt bei ihnen, wie bei den Jüdinnen, für eine Ent- 
ehrung. Ich habe Mädchen bitterlich weinen sehen, weil 
Männer aus Schabernack ihre Zöpfe berührt hatten. Die 
Baskinnen gehen, sobald sie ihr Haar gehörig geordnet haben, 
welches bisweilen so lang ist, dass die Zöpfe bis beinahe zu 
den Waden herabhängen, stets mit unverhülltem Haupte, selbst 
in die Messe, wohin die Frauen des übrigen Spaniens stets die 
Mantilla oder den Manto umzunehmen pflegen, schmücken sich 
auch das Haar nicht mit Blumen oder Geschmeide, wie es in 
andern Landschaften üblich ist. An den Ohren pflegen sie 
grosse, gewichtige Ringe von Gold oder Silber zu haben. Ihr 
Anzug ist sehr einfach, doch nicht geschmacklos, und meist 
nett und reinlich. Sie tragen gewöhnlich ein ärmelloses, eng 
anliegendes, stark gesteiftes, vorn tief ausgeschnittenes und 
zugeschnürtes Mieder von dunkelfarbigem Wollenzeuch über 
einem bunten Kattuntuche, welches Schultern und Busen 
züchtig verhüllt. Die nach unten zu sich erweiternden Aermel 
des groblinnenen oder baumwollenen Hemdes reichen bis an 
die Handgelenke, wo sie zusammengeknöpft sind. Bei der 
Feldarbeit pflegen sie dieselben häufig bis zu den Schultern 
aufzuwickeln. Ein gestreifter, wohl auch einfarbiger und dann 
meist rother oder blauer, ziemlich kurzer Rock, der unten mit 


— 189 — 


mehrern parallel laufenden Bandstreifen von greller Farbe 
besetzt ist, blaue Strümpfe mit weissen Zwickeln, und Hanf- 
sandalen (alpargates) oder grobe Lederschuhe vervollständigen 
die einfach-ländliche Tracht. Arme Mädchen und Weiber gehen 
wohl auch ohne Strümpfe, doch fast nie ganz baarfuss, wie bei 
uns. Baarfuss zu gehen gilt nämlich bei den Basken, wie 
beinahe bei allen Volksstämmen Spaniens, für eine Schande. 

(Nicht so in Galicien, wo das niedrige Volk immer baarfuss zu 

gehen pflegt.) Daher tragen die Baskinnen wenigstens Alpar- 

gates, welche sie, gleich den Männern, mit blauen Baumwollen- 

bändern um die Knöchel festbinden.* 
Auf das offen, in langen Flechten getragene Haar als Zierde der 
baskischen Frau weisen auch andere Reisende wiederholt hin, 
wobei Baumgärtners (24/25) Beobachtung aus Vitoria dafür 
spricht, daß in Älava ebenso wie in Guipüzcoa „die Haare blos in 
einen herabhängenden Zopf geflochten“ getragen werden. Eine 
originelle Bemerkung in bezug auf besonders lange Zöpfe macht 
Humboldt (Spanienreise 129), der berichtet: 

„Die Weiber haben fast alle sehr lange und dicke, und 
einige ungeheuer starke Haare, die sie in langen Zöpfen hinten 
herabhängend tragen, auch wenn sie sehr lang sind, in dem 
Band des Rocks hinten befestigen.“ 

Was die von Willkomm gegebene Beschreibung der Frauen- 
kleidung anbelangt, so deckt sich diese mit der von Wolzogen 
(19), der anführt: , 

„Ein enganliegendes Mieder von dunkler Wolle, zu dem 
das weite, bis zum Handgelenk herabgehende Hemd die Aermel 
liefert, und ein ziemlich kurzer, häufig rothfarbiger Rock, 
unten mit mehreren parallellaufenden Bändern besetzt, blaue 
Zwickelstrümpfe und alpargatas oder Lederschuhe machen ihre 
einfache, doch für die Arbeit sehr zweckmässige Tracht aus.“ 

Fast dieselben Kennzeichen — insbesondere das enganliegende, 
geschnürte Mieder (teilweise mit Ärmeln im Winter und ohne 
Ärmel im Sommer), das darunter getragene bunte Tuch, das Brust 
und Schultern bedeckt sowie der kurze Rock finden sich noch heute 
in der Frauentracht des benachbarten Hocharagonien®®. 


23 Krüger, VKR VIII, 1935, S. 322, 


— 190 — q 


Die Feststellung Willkomms, daß die Baskinnen stets mit 
unverhülltem Kopfe gehen, — ein Brauch, der noch heute weit. 
verbreitet ist, sich aber in erster Linie unter den jungen Mädchen 
findet?*, — schränkt er selbst an anderer Stelle (Wanderungen I, 7) 
ein, indem er sagt, die in den französischen Landes übliche Sitte, 
daß die Frauen den Hinterkopf turbanartig mit einem Tuche um- 
winden, habe er auch 


„in den baskischen Provinzen, besonders bei den Frauen 
der Mittelklassen, häufig bemerkt; nur pflegt das Kopftuch der 
Baskinnen nicht schwarz, sondern bunt, meist von sehr grellen 
Farben zu sein." 


Dies Kopftuch als Bestandteil der Frauentracht führt auch 
Humboldt (Baskische Reise 402/403) schon um 1800 an, nach 
welchem die Baskinnen „Tücher über den halben Kopf mit hinten 
herunterhängendem Zipfel gebunden“ tragen?®. Doch schon damals 
begannen sich ältere Unterschiede zu verwischen, denn, fährt 
er fort, 

„Ehemals trugen alle verheirathete Frauen eine toca von 
mehr oder minder feiner und eleganter Art; und alle unver- 
heirathete gingen schlechterdings in blossem Haar. Gefallene 
Mädchen mussten sich wie die verheiratheten kleiden. Hier- 
über wachten sie gegenseitig unter einander?®.“ 


d) Aragonien. 


Aragonien, insbesondere Hocharagonien birgt in dem Pyrenäen- 
städtchen Ansö noch heute eine jener wenigen Inseln, wo sich alte 
Trachten dem Ansturm der modernen Zeit zum Trotz haben er- 
halten können??”, Im allgemeinen gilt auch für Aragonien, daß das 
Alte in der Kleidung längst verschwunden ist. Wie die deutschen 
Reisenden berichten, liegen die Anfänge dieser Entwicklung schon 
hundert Jahre zurück. Hören wir zunächst, was Willkomm 


2%4 Vgl. Palencla S.46: „The unmarried women do not as a rule covef 
their heads at all.“ S.47: „The custom of going bareheaded is so deeprooted 
that the Church tolerates this custom even during Mass.“ 

25 Vgl. ebenfalls Baumgärtner (24/25). 

28 Vgl. auch B. Estornes Lasa, a. a. 0.76 fl. 

27 Echagle 142. 


— 191 — 


(Wanderungen II, 132/133), auch hier wieder unser Hauptaugen- 
zeuge, über die Trachten der Aragonesen mitzuteilen weiß. Er 
schreibt: 

„Was die Trachten anlangt, so kleiden sich die höheren 
Stände auch in Aragonien, wie überall, nach französischer 
Sitte; die niederen Stände dagegen und die Landbewohner 
besitzen Volkstrachten, welche je nach der Gegend verschieden 
sind. Die Tracht der Männer besteht im Allgemeinen aus einer 
kurzen Jacke, kurzen Hosen und Gamaschen, die der Frauen 
aus einem ärmellosen, eng anschliessenden steifen Mieder, über 
welches sie ein baumwollenes Tuch tragen, und aus kurzen 
wollenen Röcken. In Hocharagonien tragen die Männer ganz 
einfache, eng anliegende Jacken von grobem, dunkelfarbigem 
Tuch, welche bis an die Hüften reichen, eine blaue Sammet- 
weste mit zwei Reihen messingerner oder silberplattirter 
Knöpfe, kurze Hosen von demselben Stoffe, eine dunkelblaue 
oder violette Wollenschärpe, die sie lose und unordentlich um 
den Leib schlingen, blaugraue Strümpfe und Alpargates von 
Hanf oder Esparto mit schwarzen Baumwollenbändern, Den 
Kopf pflegt ein schwarzer, niedriger Filzhut mit enorm breiten 
Krämpen, die man häufig nach aufwärts mit einem Tuche zu- 
sammengebunden sieht, zu bedecken; seltener die „Redecilla“, 
welche dagegen bei den Bewohnern Niederaragoniens?® und 
des östlichen Neukastilien ausserordentlich beliebt ist. Diese 
Redecilla ist keineswegs ein Haarnetz, wie man bei uns 
gewöhnlich glaubt, sondern blos ein schmal zusammengelegtes, 
einen zwei bis drei Finger breiten Streifen bildendes buntes 
Baumwollentuch, welches in Gestalt eines Gürtels fest um den 
Kopf geknüpft wird, so dass der Wirbel und der ganze obere 
"Theil der Haare völlig unbedeckt bleibt. Die Redecilla schützt 
daher nicht im mindesten gegen die Sonne und ich begreife 
nicht, wie die Niederaragonesen und Neukastilianer in ihren 
glühend heissen Ebenen während des Tages bei vollem Sonnen- 
scheine damit herumlaufen können, ohne den Sonnenstich zu 
bekommen. Auch pflegen die Niederaragonesen weniger kurze 
Beinkleider und Alpargates, als weite, bis auf die halben 


28 Vgl. hierzu Amades 43, 


— 192 — 


Waden reichende und hier an den Seiten aufgeschlitzte Hosen 
und rindslederne Schuhe zu tragen. Desgleichen ziehen die 
Niederaragonesen nur selten eine Jacke an, sondern gehen 
meist im blossen Hemde und ohne Halstuch, schleppen dagegen 
fast immer ihren groben, dunkelbraunen, oft entsetzlich zer- 
rissenen und durchlöcherten Mantel mit sich herum, den sie so 
umzunehmen pflegen, dass der eine Arm und die eine Schulter 
ganz entblösst bleiben.“ 


Der von Willkomm beobachtete Unterschied zwischen der Hosen- 
tracht in Hoch- und in Niederaragonien läßt sich bis zur Gegen- 
wart erkennen?®. Seine Schilderungen der Männertrachten decken 
sich übrigens auffallend mit denen Thienen-Adlerflychts 
und Körners. Ersterer macht seine Beobachtung in Fraga am Fluß 
'Cinca. Auch ihm fällt wie Willkomm hier in Niederaragonien die 
eigenartige Kopfbedeckung der Männer auf (Thienen-Adlerflycht 
111/112): 


„Die Männer, breitschulterige braune Gestalten mit dem 
bunten,-turbanartig um den Kopf gebundenen Tuche, welches 
den Scheitel völlig unbedeckt lässt und trotzdem und trotz der 
heissen Sonne ihre einzige Kopfbedeckung ist... .* 


Das an einer Seite verknotete Kopftuch, bei dem die obere 
Schädeldecke freibleibt, ist auch heute noch in Niederaragonien 
und den angrenzenden Gebieten Neukastiliens verbreitet, also ganz 
so wie Willkomm anführt, und dasselbe gilt für die von diesem 
erwähnte Kopfbedeckung in Hocharagonien, den niedrigen schwar- 
zen Filzhut?, 

Daneben berichtet auch Thienen-Adlerfiycht von den Mänteln, 
in die sich die Bewohner Niederaragoniens nach kastilischer Art 
hüllen, „deren Zipfel anmuthig um die Schulter geschlagen 
waren“. Ergänzend zu Willkomm führt er an, daß sie „in weissen 
Sandalen mit buntem Band besetzt und weissen Strümpfen“ 
gingen. Dagegen paßt Körners (160/161) ohne nähere Orts- 
angabe gegebene Beschreibung zu Willkomms Darstellung der 
Tracht Hocharagoniens, wie sich aus den besonderen Kennzeichen, 


2° Krüger, VKR VIII, 1935, S. 305. 
30 Über die heutige Verbreitung vgl. Krüger, VKR VIII, 1935, S. 317, 


— 193 — 


den kurzen Hosen, der violetten jaja, den blauen Srümpien und 
den alpargatas ergibt. Er schreibt: % 


„Die arragonischen Männer ... prangen noch wie vor 
Jahren in ihren kurzen schwarzen Leder- oder Tuchhosen, an 
den Knieen aufgeknöpft, in hellblauen Strümpfen, in ihren 
Sandalen und violetten breiten Leibbinden, die, leicht um- 
geschlungen, tiefe breite Falten lassen, in denen sich ihre 
Baarschaft, ein oder zwei grosse Messer, ihr Tabaksvorrath und, 
wenn sie über Land gehen, Mundvorrath für ein oder zwei 
Tage befinden. Arbeiten sie nicht, so haben sie breite, vier- 
eckige Mützen, von der Farbe der Leibbinde, auf dem Kopfe 
sitzen, deren oberster Theil auf der Seite herunter hängt. 
Aber im Geschäft haben sie nur um den kurzgeschorenen, 
schwarzhaarigen Kopf ein buntes Tuch fest gewickelt.“ 


Die von Körner genannte dritte Form der Kopfbedeckung ist nach 
der Beschreibung und Farbe zweifellos die auch vom katalanischen 
Bauern getragene sackartige Zipfelmütze, gorro genannt, die nach 
Willkomm (I, 65) gewöhnlich rot, seltener violett ist und die von 
Katalonien her eingedrungen zu sein scheint®!, 

Über die Kleidung der Frauen berichtet Willkomm (Wande- 
rungen II, 133/134): 


„Die Tracht der Frauen unterscheidet sich im Ganzen 
wenig von der in Navarra und in den baskischen Provinzen 
üblichen, besonders in Hocharagonien, wo man auch noch viele 
Mädchen und Frauen mit nicht aufgesteckten, frei über die 
Schultern hinabhängenden Zöpfen sieht. Sonst pflegen die 
Aragonesinnen entweder die Zöpfe am Hinterkopfe fest- 
zustecken, oder die sämmtlichen Haare zu einem dicken Knoten 
zusammen zu binden und den Kopf mit einem lose umgeschlun- 
genen Baumwollentuche von bunter Farbe zu umhüllen. Das 
Mieder ist in Hocharagonien häufig mit gelbem Leder über- 
zogen und steif, wie ein Brustharnisch; in manchen Gegenden 
Nieder- und Südaragoniens scheinen blaue Sammetcorsets 
Mode zu sein. Eine ganz absonderliche Tracht verführen die 
Frauen einiger Ortschaften der Pyrenäen. So tragen die Frauen 


8 Vgl. Krüger, VER VIII, 1935, S. 319; 


— 194 — 


des Thales von Hecho, welches parallel mit dem von Canfranc 
läuft, aber weiter nach Westen zu liegt und wegen seiner 
Fruchtbarkeit berühmt ist, lange, bis auf die Knöchel reichende, 
priesterrockartige Kutten von grünlicher Leinwand, welche um 
den Hals eng zusammenschliessen und gar keine Taille besitzen, 
mit langen, weiten, an den Handgelenken zugeknöpften 
Aermeln, dazu einen breitkrämpigen Filzhut, blaue Strümpfe 
und Alpargates. Als ich diese unschöne Tracht zum ersten 
Male in Jaca sah, wusste ich nicht, ob ich Männer oder Frauen 
vor mir habe.“ 


Es ist interessant, daß er damit eine Tracht anführt, die wegen 
ihrer Sonderlichkeit ganz aus dem Rahmen der üblichen heraus- 
fällt und die sich in der Trachteninsel von Ansö bis auf den 
heutigen Tag erhalten hat?2, während sie im Tale von Hecho selbst 
— wie zu Willkomms Zeit — nicht mehr üblich ist. Auffallend 
ist jedoch die Bemerkung, die Frauen trügen Filzhüte. Gerade die 
Ansotana ist noch heute durch ein übermäßig großes dunkles oder 
helles Kopftuch ausgezeichnet*, wie ja Kopftücher überhaupt schon 
nach Willkomms Bericht die übliche Form der Kopfbedeckung bei 
den Aragonierinnen bilden. 


2. Die Landschaften des inneren Hochlandes. 
} a) Altkastilien. 


Altkastilien ist wenig von den deutschen Reisenden besucht 
worden. Wer von Norden von den baskischen Provinzen kam, den 
zog es gewöhnlich gleich nach Madrid, wobei er bei der schnellen 
Fahrt mit der Diligencia nur wenig zu sehen bekam. Andere 
haben in Städten wie Burgos und Valladolid nur Augen für die 
Baudenkmäler oder verfolgen die Spuren des Cid. Immerhin be- 
sitzen wir eine interessante Schilderung der Männertracht in Alt- 
kastilien um 1800 von Humboldt. Er schreibt (Spanienreise 
140/141): 


32 Vgl. Echagüe 18. 

39 Siehe die Belege für das ehemalige Vorkommen in Hecho bei Krüger, 
VER VII, 1985, S. 326. 

sı vgl. Palencia, plate 70, 71 und Echagüe, Tafel 49; 52 f. 


— 195 — 


„Der Anzug der Männer war mir durch ganz Altkastilien 
und vorzüglich zwischen Valladolid und Segovia sehr auf- 
fallend. Sie tragen meist kurze Hosen, dann. Strümpfe oder 
Stiefeletten, und Schuh; oben eine Jacke mit Aermeln und 
kurzen Schössen, an der aber die Aermel besonders geschnitten 
und dann nur an das Schulterstück der Jacke angeheftet 
scheinen, so dass der Rand von diesem darüber vorsteht. 
Darüber haben sie einen ordentlichen Kürass (Koller) von 
gelbem Leder, der mit einem gleichfalls ledernen Gurt hinten 
zugeschnallt wird. Die Hosen, Strümpfe und Jacken sind von 
braunem dicken wollnen Zeuge. Auf dem Kopf tragen sie eine 
Mütze die oben nach vorn zu spitz ist und mit zwei Schnebben 
über die Ohren weggeht. In dieser Tracht sehen sie in der 
That den beharnischten alten Rittern ähnlich, und tragen so 
noch mehr zu der Täuschung bei, in der man sich in Spanien 
auf einmal ins 15. oder 16. Jahrhundert zurück versetzt glaubt.“ 


Es ist wirklich eine eigenartige Tracht, die sicher durch ein hohes 
Alter ausgezeichnet ist. Humboldts genaue Darstellung wird noch 
gestützt durch die Beobachtung von Jariges (80/81), der zu 
derselben Zeit über die Bewohner der Umgebung von Aranda — 
also nördlich von der von Humboldt erwähnten Gegend — sagt: 


„Die Bauern in diesen Gegenden zeichnen sich durch eine 
besondere Tracht aus: sie tragen lederne Wämser, die ihnen 
eine Art von ritterlichem Ansehn geben; sie pflegen sich auch 
untereinander Caballeros zu nennen.“ 


In ähnlicher Form, u.a. auch mit Lederkoller — coleto —, aber 
vorne geschnürt und ohne die charakteristisch geschnittene Jacke 
wurde die Tracht früher auch in der Segovia benachbarten Provinz 
Avila®° und vereinzelt im nördlichen Extremadura®® getragen. 

Über die Tracht der Frauen berichtet Willkomm (Wande- 
rungen II, 399) aus einem anderen Teile Altkastiliens, nämlich aus 
den Montafias de Burgos, Er spricht von der weitverbreiteten 
eigentümlichen Klappenmütze aus Tuch oder Fell, der montera, 
und fährt dann fort: 


85 Palencia 74, 
ss Palencia, plate 179, 


— 1 — 


„Mit einer solchen Montera pflegen auch die Frauen der 
Montafias de Burgos in Altcastilien den Kopf zu bedecken, 
Diese besitzen überhaupt eine höchst eigenthümliche Tracht, 
welche offenbar aus einer sehr fernen Vergangenheit herrührt, 
Sie tragen nämlich dunkle Tuchkleider mit langem, fast 
schleppendem Rocke und einem glatten sich fest an den Körper 
anschmiegenden Leibchen, welches bis an den Hals reicht, 
Die Aermel sind weit, an den Handgelenken zugebunden und 
von den Schultern an bis zum Ellenbogen aufgeschlitzt. Um 
die Taille schlingt sich ein lederner Gürtel, von dem auf der 
rechten Seite eine lederne Tasche herabhängt. Das Haar flech- 
ten jene Frauen ebensowenig wie die Estremafios, sondern 
binden sie blos am Hinterkopfe zusammen, von wo aus sie 
dann frei über die Schultern herabwallen, wie bei den 
Maragatas. Diese ganz mittelalterliche Tracht steht namentlich 
jungen Mädchen sehr hübsch.“ 


In bezug auf das vermutete hohe Alter dieser Frauentracht hat 
Willkomm sicher recht. Die Art der Kleidung steht übrigens ganz 
für sich. In keiner der angrenzenden Landschaften findet sich eine 
Tracht, die mit dieser Beschreibung — insbesondere den ge- 
schlitzten Ärmeln — übereinstimmt. Die montera als Kopf- 
bedeckung der Frauen gibt es dagegen auch in anderen Provinzen, 
beispielsweise in Segovia, wo sie fast die Form einer Tiara hat?”. 


b) Leön. 

In dem ehemaligen Königreich Leön, das westlich an Alt- 
kastilien grenzt, hat die Reisenden besonders der durch eigentüm- 
liche Überlieferungen ausgezeichnete Volksstamm der Maragatos 
interessiert, über dessen Herkunft die verschiedensten Vermutun- 
gen angestellt werden, So haben auch Willkomm und Jariges ihre 
Trachten geschildert. Willkomm (I, 294) schreibt von den 
Maragatos: 


„So heissen die Bewohner eines kleinen Distriets in dem 
unzugänglichsten Theile der Gebirge des Königreichs von Leon, 
welche sich rühmen, direct von den Ureinwohnern Spaniens, 


27 Vgl, Palencia, plate 152 und 189. 4 


— 199 — 


den alten Celten oder Lusitanern, abzustammen. Ihre Tracht 
ist allerdings höchst auffallend und hat mit allen übrigen 
Nationalcostümen der pyrenäischen Halbinsel nicht die 
geringste Aehnlichkeit. Sie tragen nämlich niedrige, breit- 
krämpige Hüte mit rundem Kopf, eine einfache, weite und 
bis über die Hüften herabreichende Tuchjacke, keine Schärpe, 
aber sehr weite und faltenreiche, bis an die Kniee reichende 
Pluderhosen, Strümpfe und Schnürstiefeln und erinnerten 
mich auf den ersten Blick an unsere altenburgischen Bauern, 
mit deren Costüme das ihrige eine auffallende Aehnlich- 
keit hat.“ 


Ebenso berichtet Jariges (119) viel vor ihm von diesem Völk- 
chen, als er in der Nähe von Astorga gezwungen ist, sich aus ihren 
Dörfern einen Führer mit Maultieren zu besorgen: 


„Eine eigne Tracht unterscheidet diese Maragatos®® von den 
übrigen Bewohnern; sie tragen sehr bauschige, schwarze 
Pluderhosen und grosse Jacken und Gürtel von Leder.“ 


Die weiten Pluderhosen, balones (valones) genannt, sind in der Tat 
eine Ausnahmeerscheinung im Gebiet der kurzen Kniehose in 
Spanien. Sie kommen heute nur noch in der Maragateria und auf 
Mallorca vor®, scheinen jedoch früher weiter verbreitet gewesen 
zu sein‘®, 

Von der Kleidung der Frauen in der Maragateria spricht 
Willkomm an anderer Stelle (Wanderungen IH, 395/396): 


„Die Frauen der Maragatos, von denen ich nur wenige 
gesehen habe, da sie ebenso selten, als die Männer häufig ihr 
abgelegenes Bergland verlassen, tragen eine Art von kurzem 
Ueberrock mit weiten aufgeschlitzten Aermeln, um den Hals 
Ketten von Korallen mit daran hängenden Reliquien und 
Amulets, und aufgelöstes, nach hinten und den Seiten über die 
Schultern frei herabwallendes Haar. Die verheiratheten Frauen 
unterscheiden sich von den unverheiratheten durch den „Cara- 


% Er nennt sie fälschlich „Mauregaten“, 

& Krüger, VKR VIII, 1935, S. 304 (Fußnote 7), 

4 Krüger, VER VIII, 1935, S. 306 führt für Galizien und Asturien das 
Zeugnis Chr. Aug. Fischers (um 1800) an. 


— 18 — 


miello“, eine Art Kamm von der gestalt eines halben Möndes, 
den sie auf dem Kopfe befestigen“ - 


Diese Tracht finden wir auf einem alten Stich wiedergegeben, auf 
dem auch der Maragato mit seinen Pluderhosen zu sehen ist!!. Da 
der caramiello fehlt, scheint die weibliche Figur ein junges Mädchen 
vorzustellen. Von den beiden Schürzen, mandil (vorn) und facha 
(hinten) genannt, die ebenfalls zu der Frauentracht gehören und 
auf dem Bild zu sehen sind, erwähnt Willkomm nichts. Wie sich 
das frei auf die Schultern herabfallende Haar sowohl bei den 
Frauen der Maragateria wie denen der Montafias de Burgos fest- 
stellen läßt, worauf ja Willkomm ebenfalls hinweist“, so deuten 
auch die bei der Frauentracht beider Gegenden wiederkehrenden 
geschlitzten Ärmel vielleicht ältere Zusammenhänge an. 

Aus derselben Gegend, dem nordleonesischen Bergland, haben 
wir eine Schilderung der Männertracht von Ziegler (Il, 153). Er 
schreibt von San Miguel delCama bei Leön, daß die Kleidung der 
Männer ihn an die der alten Bauern in Thüringen erinnere: 


„Sie tragen kurze Jacken, kurze lederne Hosen, Strümpfe 
und Schuhe mit Schnallen oder in den Wochentagen starke, 
klappernde Holzschuhe. Der Kleidungsstoff ist ein brauner 
Zwillich, der dem Bilde des Mannes etwas Ernstes und Fin- 
steres gibt.“ 


Interessant ist die Erwähnung der Holzschuhe, die in dem an- 
grenzenden Asturien und anderen Teilen Nordwestspaniens noch 
heute verbreitet sind*. 

Über die Bewohner des südlichsten Teiles von Leön, der Um- 
gebung von Be&jar berichtet uns Willkomm (Wanderungen II, 
396/397) eingehend: 


„Die Frauen von Val de Fuentes und anderer an dem Nord- 
abhange des Plateau von Bejar gelegener Dörfer besitzen 


41 Palencia, plate 18. 

42 Siehe oben Wanderungen II, 399. 

48 {ber die Verbreitung s. Krüger, VKR VIII, 1935, $S.286f. Ein Bei- 
spiel aus Portilla (Li6bana) an der asturisch-altkastilischen Grenze gibt auch 
Felder (II, 15): „... wir sahen den kurzen braunen Rock der Patrona, 
die — wie alle Dorfschönen des gebirgigen Castiliens — mit blossen Füssen 
in den mit Stroh ausgefütterten Holzschuhen stack.*“ 


— 19 — 


ebenfalls eine eigene Tracht, Sie tragen kurze und enge, braun- 
tuchene, blau oder gelb gestreifte Röcke, ein sehwarz- oder 
brauntuchenes, wohl auch sammtnes Mieder mit langen, eng 
anliegenden Aermeln, welches vorn offen und mit einem durch 
silberne Schlingen laufenden Bande zugeschnürt ist; darüber 
einen Kragen von demselben Stoffe und derselben Farbe, 
welcher auf dem Rücken rund zugeschnitten ist und vorn in 
zwei lange Streifen ausläuft, die über dem Busen gekreuzt, um 
den Leib herumgeschlungen und hinten zusammengesteckt 
werden. Dieser Kragen pflegt am Rande mit einem zwei 
Finger breiten Streifen von rothem, blauem, oder grünem 
- Tuche besetzt zu sein. Die Füsse stecken in weit ausgeschnit- 
tenen Lederschuhen, die Strümpfe sind gewöhnlich blau und 
an der Aussenseite des Beins mit einem Streifen weisser 
Stickerei verziert. Das meist hell- oder rothblonde Haar pflegt 
in einem dicken Knopf auf dem Wirbel zusammengebunden zu 
sein, ein Haarputz, der auch bei den Frauen von Hoch-Estrema- 
dura beliebt ist. Die Männer jener Gegend kleiden sich gleich 
ihren südlichen Nachbarn, den Estremafios, vom Kopf bis zum 
Fuss in schwarzes Tuch, bedienen sich auch des in Estremadura 
gebräuchlichen breitkrämpigen schwarzen Filzhutes mit niedri- 
gem, abgerundetem Kopfe. Ihre Tracht unterscheidet sich 
indessen von der in dem Nachbarlande gewöhnlichen dadurch, 
dass anstatt der wollenen Schärpe, die bei den Estremafios 
immer von dunkler, meist violetter oder schwarzer Farbe zu 
sein pflegt, eine breite und weite, häufig mit zierlichen bunten 
Stickereien bedeckte Binde von hellfarbigem Leder den Leib 
umschlingt, sowie durch die eigenthümliche Weste. Diese ist 
nämlich auf der Brust tief viereckig ausgeschnitten, gewöhnlich 
von blauem Tuche, und mit zwei Reihen metallener Knöpfe 
besetzt. Den Ausschnitt bedeckt das vielgefältelte Hemd, 
welches mit einem breiten Busenstreif verziert zu sein pflegt. 
Das Haar ist bei diesen Männern meist lockig. Sie lassen es 
wachsen, weshalb sie, zumal wenn sie in ihre braunen Mäntel 
gehüllt sind, von fern aussehen, wie die herumziehenden 
Slowacken. Die blonden Haare, die blauen Augen und die 
ganze Gesichtsbildung dieses interessanten Menschenschlages 
erinnert durchaus an eine nordische Abstammung.“ 


m 500 — 


Diese Trachten, insbesondere die Männertracht, scheinen in ähn- 
licher Form aber doch über einen größeren Raum verbreitet zu 
sein als Willkomm annimmt. Zum mindesten finden sie sich auch 
im nördlichen Extremadura, wie eine Abbildung aus der Provinz 
Cäceres zeigt“, wenn auch die mit zwei Reihen metallener Knöpfe 
und mit Stickerei verzierte Weste hier aus dunklem Tuch und 
nicht aus hellem Leder zu sein scheint. 


ec) Extremadura. 


Für Extremadura selbst hebt Willkomm (Wanderungen II, 
398) noch die seltsame Tracht der Landleute aus der Gegend von 
Plasencia, insbesondere von Malpartida hervor. Er schreibt: 


„Gleich den übrigen Estremafos tragen auch sie Gamaschen 
und kurze Beinkleider von schwarzem oder dunkelbraunem 
Tuch, aber weder eine Schärpe, noch eine Weste, noch eine 
Jacke, sondern an deren Stelle ein ärmelloses Kamisol aus 
Leder, das auf der vorderen Seite wie ein Schurzfell gestaltet 
ist, die Brust bedeckt, und vermittelst eines gürtelartigen 
Riemen um den Leib befestigt wird. Der hintere Theil dieses 
Kamisols besteht aus einem breiten viereckigen Lappen, 
welcher frei herabhängend bis an die Hüften reicht, und in der 
Mitte mit einem Knopfe von nicht selten buntgefärbtem Leder 
geschmückt zu sein pflegt. Dieses merkwürdige Kleidungs- 
stück, mit dem in Malpartida schon die kleinsten Knaben her- 
umlaufen, wird über den Kopf genommen, indem es ein rundes 
Loch besitzt, um den Kopf hindurchstecken zu können, Über 
den Hosen tragen jene Leute häufig eine Art von Schienen oder 
Schurzfell von Leder oder auch von Schaafpelz (im letzteren 
Falle ist die Wolle nach aussen gekehrt), welche vermittelst 
Riemen um die Schenkel geschnallt werden. Solche Bein- 
schienen habe ich auch in Andalusien häufig bemerkt, besonders 
bei den Hirten.“ 


Hier hat Willkomm zweifellos etwas Außergewöhnliches beobachtet. 
Daß dieses Kleidungsstück daneben auch als eine Art Überrock ge- 
tragen wird, zeigt eine Abbildung aus Extremadura ohne nähere 


44 Palencia, plate 178. 


— 201 — 


Ortsangabe”. Wenn das Lederkamisol in Malpartida auch eine 
ganz besondere Ausprägung erfahren hat, so ist doch wohl der Zu- 
sammenhang mit den Trachten von Altkastilien, worauf schon 
aufmerksam gemacht wurde“, nicht von der Hand zu weisen. 


d) Neukastilien. 


Neukastilien ist von den meisten Reisenden berührt worden, 
denn auf den Besuch der Hauptstadt oder Toledos haben die wenig- 
sten verzichtet. Doch ist ihre Aufmerksamkeit durch die Trachten 
nicht sonderlich gefesselt worden; denn diese zeigen wenig Auf- 
fallendes und verraten in den Grenzgebieten den Einfluß der 
benachbarten Landschaften. Willkomm berichtet darüber 
(Wanderungen II, 399): 


„Weniger Eigenthümlichkeiten in der Tracht scheint es in 
Neucastilien zu geben. Die Neucastilianer kleiden sich meist 
in braunes Tuch, tragen rothe Schärpen und spitze Hüte oder 
auch, besonders in den östlichen Gegenden der Provinzen von 
Guadalajara und Cuenca, die aragonesische Redecilla*.“ 


Und an einer anderen Stelle schreibt er (Willkomm I, 187/188), die 
Neukastilier kleiden sich „in kurze Jacken, kurze Beinkleider und 
Gamaschen mit einer Reihe blanker Knöpfe, Alles von dunkel- 
braunem Tuch“. Sie tragen „unförmliche lederne Schuhe, eine 
rothwollene Schärpe und einen breitkrämpigen flachen Filzhut“. 

Dies ist auch, wie Willkomm daselbst mitteilt, die gewöhn- 
liche Tracht der Manchegos, nur daß diese statt der Schuhe San- 
dalen tragen“. Außerdem werden von demselben Verfasser zwei 
andere Merkmale der Kleidung angeführt, die für die Mancha 
typisch sind. 


„In der Mancha“, berichtet er (Willkomm, Wanderungen 
II, 399), „sind die ärmellosen Wamse aus Merinofellen, welch 


45 Palencla, plate 179, 

48 Siehe oben S. 195. 

47 Hiermit ist das von ihm an anderer Stelle (vgl. S. 191) geschilderte 
Kopftuch und nicht das katalanische Haarnetz gemeint. 

48 Zu den Sandalen vgl. den alten Stich aus der Mancha bei Palencia, 
plate 173; ebenso plate 174 (Ciudad Real), 


— 202 — 


über die Weste gezogen werden, und die „Montera“, jene 
eigenthümliche Klappenmütze von Tuch ‘oder Fell... beliebt.“ 


Und von den Bewohnern des an die Sierra Morena grenzenden 
Teiles der Mancha sagt er ebenfalls: 


„Hinsichtlich der Tracht bemerkt man die Montera“ häufig 
und die in der Mancha beliebten ärmellosen Wämser aus 
schwarzbraunem Schaffell.“ 


Die Frauentracht Neukastiliens schildert Rigel (1839; 137) 
ausführlich, allerdings ohne nähere Ortsangabe: 


„Wollene, vorzüglich braune Kleidungsstücke sind bei 
Weibern auf dem Lande üblich; doch sieht man auch gelbe 
und, vorzüglich in der Gegend zwischen Madrid und Toledo, 
rothe Röcke. Diese reichen bald bis zur Wade, bald unter 
dieselbe. Die Jacke (Chupa), am Halse und Vorderarm enge, 
mit Aermeln, von den Schultern getrennt und durch Schnüre 
von anderer Farbe zusammenhängend, verliert sich unter einem 
handbreiten Gürtel, den man von vorne zuschnallt und woran, 
besonders in den Gebirgsgegenden, ein großes Messer durch 
einen ledernen Riemen befestigt ist. Weisse und schwarze 
Schleier werden in beiden Castilien ohne Unterschied getragen; 
kürzer, ganz rund und gewöhnlich von Wolle bei der gemeinen 
Klasse, bei der vornehmern aber von den feinsten Mousselin- 
und Spitzenstoffen bis zur Hälfte des Dickbeins reichend . 
bei den Frauen auf dem Lande (wird) nur selten noch die 
Redecilla (Haarnetz) gefunden; sie erscheinen meistens mit 
blossem Kopfe, doch bedienen sie sich auch in Gebirgsgegenden 
der bald spitz, bald rund geformten Monteras — Mützen —, 
wie denn der Verfasser auf der Guadarrama nie einen andern 
Kopfputz gesehen zu haben sich erinnert. Die Schnürbrust 
(Cotilla oder Amilla, Corpifio) und das Mieder (Ajustador) 
gehören zur Lieblingstracht aller Castilischen Weiber.“ 


{ber die Tracht der Frauen aus der Mancha besitzen wir nur 
eine Mitteilung von Graf Bastiano. Er hat junge Mädchen und 
Frauen in Santa Cruz deMudela und in AlcäzardeSan Juan be- 


49 Eine montere trägt auch der Bauer aus Ciudad Real bei Palencia, 
plate 174, 


— 203 — 


‚obachtet, die ein rotes Tuch kreuzweise über das schwarze Mieder 
geschlagen hatten und schwarze, mit bunten Rosetten und Bändern 
verzierte Schuhe trugen. (Bastiano 264/265). Daneben fällt ihm in 
‘beiden Orten die Haartracht auf: 


» - . die Haare in eigenthümliche Tressen geflochten, eine 
Gewohnheit, die ich in keiner anderen Gegend Spaniens wieder 
in dieser Art gesehen habe.“ 


Aus späterer Zeit berichten Lauser und Quandt über die Trachten 
im Norden Neukastiliens. Lauser (318/319) schreibt über die 
Bewohner der Stadt Guadalajara: 


„Die Männer gleichen in Tracht und Haltung bereits den 

“ benachbarten Aragonesen ... . sie tragen statt Mütze oder Hut 
blos ein rothes Tuch um den Kopf; ein Hemd mit weiten 
Aermeln, eine breite violette Leibbinde, Kniehosen, meist aus 
schwarzem Sammt, hohe Strümpfe und Sandalen bilden ihre 
Tracht, welche von einigen noch durch die über die Schulter 
geworfene Manta, eine Art hellfarbigen Plaids, ergänzt wird.“ 


Der Hinweis Lausers auf die Übereinstimmung mit der aragonischen 
Tracht ist richtig. Der schwarze oder dunkle Samt statt des dunkel- 
braunen Tuchs, die violette Schärpe statt der roten, das Fehlen der 
Jacke und das Kopftuch an Stelle der montera sind typische Kenn- 
zeichen der Kleidung des Aragonesen, während die erwähnte hell- 
farbige manta den Einfluß der katalonischen und valenzianischen 
Tracht verrät. 

. Quandt (319/320) "gibt eine Schilderung der Frauentracht 
Aus dem nördlichen Grenzgebiet zwischen Neu- und Altkastilien. Er 
spricht von den Landmädchen, „welche meistens aus den Thälern 
der Guadarama nach Madrid kommen“, um sich als Ammen zu 
verdingen. 

"a... die jungen Damen von Madrid wetteifern in der 
Auswahl der schönsten Ammen für ihre Kinder und putzen 
diese Landmädchen, mit Beibehaltung von deren National- 
kleidung, auf das Prachtvollste heraus. Sie tragen meist 
schöne seidne Kopftücher statt der Mantille der Städterinnen, 
knapp anliegende Corsets von hellgrünem Sammet und feuer- 
rothe Röcke von dem feinsten Kaschmir, unten mit Streifen von 
goldnen Tressen und schwarzem Atlasband besetzt, Die viel- 


— 204 — 


farbige seidne Schürze ist mit Gold gestickt, And golddurch- 
webte Bänder, mit welchen sie gebunden ist, hängen bis auf 
die Fersen herab ... .* 


Dem Grenzgebiet entsprechend weist auch diese Tracht große 
Ähnlichkeit mit der Kleidung der Umgebung, insbesondere mit den 
Festtrachten der Provinz Segovia auf?®. 


3. Die Landschaften der Ostküste. 


Die Trachten der spanischen Ostküste, also des katalanischen 
Sprachgebiets, lassen, der ehemaligen politischen Einheit ent- 
sprechend, eine gewisse Einheitlichkeit erkennen, Dabei treten, in 
Valencia und Murcia stärker als im Norden, insbesondere bei der 
Tracht der männlichen Bewohner gewisse maurische Anklänge 
zutage, die der Kleidung eine seltsam fremdartige Note, aber zu- 
gleich etwas ungewöhnlich Malerisches verleihen. War dies schon 
geeignet, das Interesse der deutschen Reisenden auf die Trachten 
hinzulenken, so erklären sich die zahlreichen Darstellungen der 
Volkstrachten der Ostküste andererseits daraus, daß diese Gebiete 
besonders häufig besucht worden sind, da der Weg nach Andalusien 
oder nach Madrid durch Katalonien und Valencia führte, wenn man 
über Perpignan und Figueras die Pyrenäenhalbinsel betrat oder zu 
Schiff von Marseille kam. 


a) Katalonien. 


Landschaftliche und örtliche Unterschiede in der Tracht sind 
nach den Berichten der deutschen Reisenden in Katalonien gering. 
Wie sich der Katalane gewöhnlich kleidet?!, schildert Rosen (I, 
26) ausführlich: 

„Die Männer... . tragen kurze schwarze, oder dunkelblaue 
Sammetbeinkleider, die, um den Leib von einer breiten, 
meistens rothen oder blauen, seidenen Scherpe (faja) gehalten, 
bis an die Knie reichen; das wohlgeformte Unterbein steckt in 
weissen baumwollenen 'Strumpfschächten, während um die 


&0 Vgl. Palencia, plate 132, 
51 Vgl. Einzelheiten bei Amades. 


m mn dm DD m 


— 205 — 


blossen Füsse die Hanfsandalen (espadrillas oder espargatas) 
mit bunten Bändern zierlich gebunden sind; das blendend 
weisse Hemd wird am Halse von einem grossen silbernen 
Knopf zusammengehalten, der fast bei dem allerärmsten nicht 
vermisst wird; die bunte Weste ist mit mehreren Reihen bunt- 
gearbeiteter Knöpfchen besetzt. Die Jacke, die gewöhnlich 
ebenfalls von Sammet, zuweilen auch von braunem Tuch ist, 
trägt der Catalane meistens auf Husarenart über die eine 
Achsel geworfen, den Kopf bedeckt eine lange beutelförmige 
rothe Mütze, die über den Nacken hinabhängt. Seltener, und 
fast nur bei älteren Leuten, ist hier der in ganz Spanien 
sonst so gebräuchliche braune Mantel (cappa).“ 


Hiermit decken sich die Ausführungen Lonings (341), der aller- 
dings nichts von einer Weste erwähnt, aber eine genaue land- 
schaftliche Abgrenzung vornimmt: 


„Mit einer langen, scharlachrothen, hinten überhängenden 
oder auf dem Kopfe zusammengelegten Mütze, kurzen Sammet- 
hosen, die durch eine rothe oder blauseidene Schärpe (faja), 
welche mehre Male um den Leib gewickelt, gehalten wird, im 
blossen, aber reinlichen Hemde, sein Wamms gewöhnlich 
husarenartig auf der Schulter hängend, ein kleines, bunt- 
seidenes Tuch über den Hemdkragen geknotet, mit bedeckten 
Waden über blossen, in zierlich gebundenen Sandalen stecken- 
den Füssen und auf dem Marsche mit einem langen Stocke in 
der Hand, stelle man sich den nördlichen, bis zum Campo de 
Tarragona hin wohnenden Catalonier vor. Der im Tortosinato 
und am Ebro wohnende ist eben so wie der Valencianer ge- 
kleidet.“ 


Auch Ziegler (I, 9) nennt bei seinem Aufenthalt in Figueras 
als Bestandteile der katalanischen Männertracht „die kurze Tuch- 
jacke (chaqueta), die dunkelblaue Hose, die Sammetweste und die 
aus Esparto gearbeiteten Sandalen“. Dazu kommen noch „eine 
wollene, feuerrothe, lange Mütze (gorro), eine rothe Leibbinde 
(faja) und ein gewöhnlich über die Schultern geworfenes, bunt- 
gestreiftes, wollenes Tuch (manta), welches als Mantel oder 
Ueberwurf benutzt werden kann“. 


— 208 — 


Von diesen Darstellungen unterscheidet sich die Willkomms 
(I, 64), der in den Weinbergen bei Barcelona .katalanische Land- 
leute bei der Arbeit beobachtet und von ihnen sagt, daß sie „meist 
blos ein Hemd und weite lange Beinkleider von gestreiftem 
Wollenzeug, sowie eine dicke rothwollene Schärpe um den Leib" 
tragen. Erstaunlich ist — gerade bei der Landbevölkerung — die 
Erwähnung der langen Hosen, wohl ein Zeichen für das immer 
weitere Vordringen der französischen Formen, die von demselben 
und von anderen Reisenden ja gleichzeitig im Baskenland fest- 
gestellt wurden®®. 


Die faja aus Wolle, die Willkomm beobachtet, ist auch in den 
angrenzenden Teilen Spaniens das übliche. Wenn Rosen und 
Loning von rotseidenen Leibbinden berichten, so ist damit wohl 
die Festtagskleidung gekennzeichnet, wie Willkomm sie an anderer 
Stelle ebenfalls für die baskischen Provinzen anführt??. j 

Für die Tracht des Katalanen ist die von allen erwähnte, meis 
scharlachrote Beutel- oder Sackmütze ebenso charakteristisch wie 
die boina für die des Basken. Rochau (I, 64) sah 1847 bei seinem 
Aufenthalt in Figueras auf dem Marktplatze so viele von diesen 
roten Mützen, daß er an ein Erdbeerenfeld erinnert wurde. Heute 
dagegen wird sie nur noch selten getragen®. Willkomm und 
Thienen-Adlerflycht berichten genauer über ihr Aussehen und die 
Art, wie sie getragen wird. Ersterer schreibt (WillkommI, 64/65): 


„Den Kopf bedecken sie stets mit dem gewöhnlich rothem, 
seitner violettem „Gorro“, einer sackartigen Zipfelmütze von 
dickem Wollenzeug, die häufig so lang ist, dass sie ihnen bis 
aufs Kreuz hinabhängt, gewöhnlich aber nach vorn zusammen- 
geschlagen wird, so dass blos das zusammengerollte Ende über 
die Stirn herabnickt.“ 


Ebenso interessant ist, was Thienen-Adlerflycht (113 bis 
114) mitteilt: 


82 Vgl. S.185—187: Im Baskenland sieht Willkomm lange Hosen und 
gestreiftem Leinenzeug. 

53 Wanderungen I, 206; vgl. S. 186. 

& Krüger, VKR VIII, 1935, S.319; vgl. daselbst ihre Verbreitung in 
Spanien und anderen Teilen der Romania. Amades 23 ft. 


— 207 — 


„In Lerida übernachtete ich und kaufte mir dort eine 
Mütze, welche viel Aehnlichkeit mit einer verlängerten Schlaf- 
mütze hat. Die Catalanen tragen solche Mützen und sie hatten 
mir schon früher bei den Bauern im reichen Thale von Aran?® 
in den Pyrenäen an der französischen Gränze sehr gefallen. Sie 
werden in allen Farben, ‚namentlich roth, getragen, sind von 
dicker Wolle und bilden einen eine gute Elle langen Beutel, 
den man über den Kopf zieht und dessen Zipfel hinten herab- 
hängt oder auf dem Kopf zusammengelegt wird. Sie machen 
äusserst heiss; ich begreife ebenso wenig, wie es die Cata- 
lanen mit denselben aushalten, als wie die Aragonesen ohne 
vollständige Kopfbedeckung leben können.“ 


Diese Mütze wird von den deutschen Reisenden gewöhnlich als 
gorro erwähnt®®. Wattenbach (34) sucht das Wort sogar zu 
erklären, indem er schreibt: „... die sackförmige rothe Mütze (gorro 
d.h.roth, in baskischer Sprache.. .”* Nur Willkomm bezeichnet 
die Kopfbedeckung in seinem späteren Reisewerk über die Balearen 
als barretina®®, eine Benennung, die im ganzen Nordosten Kata- 
loniens sowie in Andorra üblich ist®. 

Als Fußbekleidung des Katalanen werden von fast allen 
Reisenden Esparto- oder Hanfsandalen genannt. Nach Will- 
komm (I, 64) schützen die katalanischen Landleute 


„die Füsse mit aus Esparto, einer Art zähen Grases (Macrochloa 
tenacissima, Kunth.) geflochtenen Sandalen, welche durch 
Schnüren oberhalb der Knöchel befestigt werden“. 


55 In Übereinstimmung mit Soler, Vall d’Ardn 49, vgl. Krüger, VKR 
VIII, 1935, S.319 (Fußnote 3). 

856 So Willkomm (I, 64), Wattenbach (34), Ziegler (I, 8). 

57 Nach REW 3822 kommen span. und port. gorro, gorra ‚Mütze‘ vor 
(über die Herleitung aus bask. gorri ‚rot‘ vgl. daselbst). Krüger, VER VIII, 
1935, S.321 belegt aus Katalonien gofa; daneben görro aus der Serra da 
Estr&la. 

58 In Mahön auf Menorca: „Die Knaben der mittleren und niederen 
Stände tragen meist die rothe catalonische „Barretina® (Sackmütze) .. ." 
(Balearen 41); auf Mallorca: „Sonst pflegen ... Strandbewohner, namentlich 
Fischer und Seeleute wohl auch die rothe catalonische „Barretina” (Sack- 
mütze) zu tragen.* (Balearen 109) 

5 Vgl. Krüger, VKR VIII, 1935, S. 321. 


— 208 — 


Ebenso berichtet Wattenbach (34) aus Barcelona und führt 
sogar die katalanische Bezeichnung an: 2 


„Die Bauern und Arbeiter tragen hier die gewiss sehr 
bequemen geflochtenen Schuhe oder Sandalen (espardenya), 
die mit Bändern auf dem Fuss befestigt werden .. .“ 


Noch andere katalanische Wortformen für das kastilische alparga- 
tas, nämlich espadrillas und espargatas, teilt Rosen (I, 26) in seiner 
oben angeführten Schilderung der katalanischen Männertracht 
mit®®. Diese Sandalen finden sich keineswegs nur in Katalonien, 
sondern sind über große Teile der Halbinsel verbreitet. Näheres 
über ihre Herstellung und das Aussehen erfahren wir von Roß- 
mäßler (II, 239): 


„Bei dem Flechten oder Aneinanderwickeln der Sohle aus 
schlecht gedrehtem, nicht sehr dicken Bindfaden entsteht eine 
kunstlose, ovale, zolldicke Platte, welche einigermassen einem 
aufgerollten Riemen gleicht. Die Verbindung der einzelnen 
Fäden ist so innig, dass sich die Sohle sehr langsam und gleich- 
mässig abnutzt ohne sich aufzulösen. Für die Zehen ist eine 
Kappe, etwa so lang wie an einem Frauenschuh und für die 
"Ferse eine Art schräg gestellter Gurt; beides aus grobem Lein- 
oder Baumwollengewebe und beide durch Bänder wie an den 
antiken Sandalen um den Fuss zusammen geschnürt. Diese 
Fussbekleidung ist leicht, luftig und haltbar... Wer sich 
keine Alpargatas wie die beschriebenen kaufen kann, der trägt 
von Espartohalmen geflochtene, von denen das Paar höchstens 
2 Silbergroschen kostet . 


Daneben aber will derselbe Verfasser auch gerade in Katalonien 
Ledersandalen beobachtet haben, die sich von der oben geschilder- 
ten Art, die in Südspanien die übliche ist, erheblich unterscheiden. 
So schreibt er aus Barcelona (I, 77): 


„Die Sandalen der Catalonier weichen von denen, die ich 
im Süden und zwar den antiken meist noch ganz gleich fand, 
sehr ab. Es sind Ledersohlen mit etwas Oberleder für die 
Zehen und einer Kappe für die Ferse; beide sind durch etwa 


60 Über die genaue Verbreitung dieser einzelnen Worttypen vgl. Krüger, 
VER VIII, 1935, S. 283, 


-—— 1200 — 


8—10 schmale 'Riemchen, die nebeneinander von dem Zehen- 
futteral nach der Ferse laufen, verbunden. ‘Beim Anziehen 
werden sie einfach auseinander gebogen, fünf nach rechts, 
die andern fünf nach links und der Fuss schlüpft leicht in diese 
leichte und mittelst der sich beiderseits an ihm anschmiegen- 
den Riemchen doch £estsitzende Bekleidung.“ 


Immerhin ist diese Art, das Schuhwerk zu halten, von der sonst 
nirgends berichtet wird, ungewöhnlich. Im allgemeinen ist es Sitte, 
sowohl abarcas wie auch alpargatas durch Verschnürung am Fuß 
und am unteren Bein zu befestigen®!. 

Ebensowenig wie die Hanf- oder Espartosandalen auf Kata- 
lonien beschränkt sind, ist auch die von Ziegler (I, 9) erwähnte 
manta für Katalonien typisch. Sie findet sich, wie wir noch hören 
werden, insbesondere bei den Valencianern, ist jedoch auch in den 
angrenzenden Landschaften verbreitet. Die Farbenzusammen- 
stellung wechselt je nach der Gegend. So führt Willkomm (I, 
65) an, die katalanischen Landleute der Umgebung von Barcelona 
schleppen 

„stets eine dicke wollene, roth, gelb und grün gestreifte, mit 

Troddeln verzierte „manta“ oder Decke von viereckiger Gestalt 

mit sich herum, die ihnen als Schutzmittel gegen Regen, Kälte 

und Hitze dient und welche sie sehr malerisch um den Ober- 
körper zu schlagen wissen“, 


während Hackländer (I, 138) aus Barcelona berichtet: „Hier 
ist das Gewühl belebt durch die über die Schulter geworfene lange 
Manta, meistens in Roth, Blau oder Grau... .* 

Über die Tracht der katalanischen Frau schreiben mehrere 
Reisende ausführlich. Rosen (I, 26/27) schildert sie folgender- 
maßen: 

„Die Frauenzimmer ... tragen bei sehr kurzen Röcken 
ein sammetnes Mieder, das über der Brust mit seidenen 
Schnüren zugehäckelt wird, und in den Espadrillas zierliche 
weisse Strümpfe. Das Haar tragen sie aufgeflochten in einem 
schwarzseidenen Netz, das kokett über eine Schulter hinab- 


—— 


61 Vgl. Krüger, VKR VIII, 1935, S.280- und 282, sowie Echagüe, Abb. 18 
und 19. 


— 30 — 


'hängt. Ihr Anzug ist gewöhnlich von bunt hervorstechenden 
Farben, die nur bei den ältlichen Frauen der braunen und 
schwarzen, in Spanien sonst so allgemeinen, Farbe Platz 
machen ... nur wenn sie in die Messe gehen, wird die be- 
kannte schwarze Mantille übergeworfen, die in ganz Spanien 
so allgemein ist, und selbst von den vornehmsten Damen, die 
im übrigen ganz die französischen Moden angenommen haben, 
selten abgelegt wird. In Catalonien findet man, was ich sonst 
nirgends sah, bei den ärmeren Classen diese Mantille oft von 
weissem Wollenzeuge, während sie sonst immer schwarz und 
bei den reicheren Damen von schwerem Seidenstoff und mit 
den schönsten Blonden besetzt ist.“ : 


Über den Rock wird häufig noch eine buntfarbige seidene oder 
wollene Schürze gebunden, die wir von Ziegler (I, 10) erwähnt 
finden®. Das von Rosen genannte Haarnetz, die redecilla, wurde 
nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern getragen, die 
die barretina oder auch den Hut obendrauf setzten“, wie uns auch 
der Verfasser der Rückerinnerungen (92/93) mitteilt: 


„Die Retesilla aus schwarzer Seide wie ein Fliegengarn 
gestrickt, ist ihrer Form nach eigentlich ein Beutel, oben offen, 
etwa eine halbe Elle lang mit einer kleinen Quaste unten. 
Männer, Weiber, Kinder, aus den untern und den Mittel- 
klassen tragen, auch den Sommer durch, bei Haus, auf Reisen, 
stets und überall die Retesilla; die Männer tragen ihren Hut 
darüber, öfters eine Mütze.“ 


An die Stelle der redecilla tritt bei den Frauen zuweilen — wie es 
scheint besonders im Norden Kataloniens — ein buntseidenes Tuch. 
Von einem solchen berichten sowohl Rochau wie Ziegler aus 
Figueras. Letzterer sagt, daß die Frauen ein seidenes Tuch tragen, 
„welches dreieckig auf dem Kopfe zusammengelegt, mit seinen 
langen Zipfeln über den Nacken herabfällt und unter dem Kinn 


zusammengebunden werden kann“. (Ziegler I, 10). Und Roc hau 
en 

®2 Vgl. auch Palencia 131/132. 

63 Vgl. Palencia, plate 227, 228 und 230. 

6 Nach Palencia 132 wird über das Haarnetz das Seidentuch gebunden: 
„Over this headdress a kerchief of white or coloured silk, tied under the chin, 
is sometimes worn.“ 


— 211 m 


(I, 66) schreibt aus derselben Stadt: 


„In Figueras verschwindet der Einfluss der französischen 
. Mode auf die weibliche Volkstracht vollständig. Als Kopf- 
- bedeckung sieht man hier durchweg ein seidenes Taschentuch, 
zum Dreieck zusammengelegt, dessen doppelter Zipfel über 
den Nacken hinabhängt und das unter dem Kinne locker zu- 
geknüpft ist. Dies Tuch ist nichts anderes als der Keim, aus 
dem sich die Mantille mit ihren Spitzen und Fransen und 
Stickereien entwickelt hat. Der Uebergang lässt sich von Stufe 
zu Stufe mit der grössten Leichtigkeit verfolgen. Statt des 
Taschentuches sieht man bald eine Schärpe von schwarzem 
Atlas oder einen seidenen Schleier, die eben so getragen 
werden wie jenes Tuch, und durch die Zusammenstellung von 
Schärpe und Schleier nebst der erforderlichen Zuthat von 
Luxus wird die Mantille der Dame aus der vornehmen Welt 
gebildet.“ 


Er deutet damit die Entwicklung an, die dann in der Festtags- 
kleidung das Ergebnis der verfeinerten Kleidung zeigt. Wie Rosen 
erwähnt auch Ziegler (I,10) die weiße Mantille der katalanischen 
Frauen: 

„An Fest- und Feiertagen, sowie zum Kirchenbesuche be- 
dienen sie sich einer Art Mantille, die hier Capucha heisst. Es 
ist dies eine Art in feinem und weissen Flanell gearbeiteter 
und mit einem etwa drei Finger breit gekräuseltem Rande 
versehener Kopfputz (toca), der vermittelst einer Stecknadel 
am oberen Theile des Haares befestigt und über die Schultern 
geworfen, bis an die Hüften herabreicht, so dass damit das 
Gesicht und der obere Theil des Körpers verhüllt werden 
kann.“ 


Es ist dies also eine ähnliche Kopfbedeckung wie der beim Kirch- 
gang und an Festtagen im Raume von Ansö-Fago (Aragonien) von 
den: Frauen getragene bancal®, nur daß die Verzierung der kapuzen- 
ähnlichen weißen Mantille hier in dem gekräuselten Rande, dort in 
einer Seidenquaste besteht. 


65 Vgl. Krüger, VER VIII, 1935, S.22. MR 


— 212 — 


b) Valencia. 


Wie sehr gerade die so malerischen valenciänischen Trachten 
die deutschen Reisenden immer wieder zur Schilderung angereizt 
haben, wurde bereits angedeutet. Besonders bei dem männlichen 
Kostüm handelt es sich dabei, ähnlich wie bei dem katalanischen 
wohl um eine Tracht von ausgeprägter Eigenart, die aber land- 
schaftlich wenig unterschiedlich ist, Das Bild des Bewohners von 
Valencia zeichnet Wolzogen (299/300) sehr anschaulich: 


„Das Tollste hier zu Lande bleibt aber doch immer die 
Tracht. Aus einem bunten, baumwollenen oder seidenen Tuche 
drehen sie sich eine Art von phrygischer Mütze, die indessen — 
namentlich bei den Landleuten der Huerta — oft auch einem 
spitzen und breitkrämpigen schwarzen Filzhut Platz macht; 
ein Ledergurt oder die rothwollene Faja hält das weisse Hemd, 
fustanella genannt, welches den Oberkörper deckt, am Leibe 
fest, und um die Beine flattert bis zu den nackten Knieen herab 
eine faltenreiche weisse Pumphose®” von Leinwand (diese Art 
Inexpressibles heissen zaraguelles), während die oft strumpf- 
losen Füsse in Schuhen von Bast, Hanfseilen oder Espartogras 

... ruhen, die mit blauen oder rothen Bändern am Schienbein 
befestigt sind ... . Soll besonderer Staat gemacht werden, so 
ziehen die Männer nach andalusischer Weise über den Ober- 
körper noch eine mit vielen Knöpfen besetzte Weste, und 
darüber eine kurze blaue oder grüne Sammetschnürjacke, 
während, namentlich im Winter, die bunte, meist weiss und 
blau gestreifte Manta ihre Schultern drapirt.“ 


Bis auf kleine Abweichungen, auf die wir noch im einzelnen zu 
sprechen kommen werden, stimmt hiermit die Schilderung der 
valencianischen Landleute von Hackländer (I, 259) überein, der 
schreibt: 


„Die Landleute der Huerta könnten mit einer kleinen Zu- 
that so vollkommen orientalisch gemacht werden, dass sie ohne 
Aufsehen zu erregen in jeder Stadt Syriens umherwandeln 


66 Einzelheiten bei Amades 75 ft. 
6 Pumphose ist nicht der richtige ee wie schon das Flattern 
der weiten Beine verrät. 


—_ 213 — 


könnten. Das charakteristische Stück der valencianischen 
Tracht sind die sogenannten Zaraguelles, sehr .weite Bein- 
kleider von weisser Leinwand, die in vielen Falten bis an die 
Kniee reichen und fast aussehen als trügen die Leute gar keine 
Beinkleider, sondern nur ein Hemd. Die Waden bis über die 
Knöchel und unter die Kniee sind mit einer Art blauer 
Strümpfe bedeckt, die Kniee nackt, an den Füssen Sandalen. 
Um den Leib einen blauen oder rothen Gurt (Faja). Dazu eine 
kurze blaue oder grüne Jacke mit Schnüren. Eine weisse oder 
bunte Weste mit Troddelknöpfen; blosse Brust und Hals — 
um den Kopf turbanartig ein buntes Tuch — oft zugleich ein 
Hut mit breitem Rand und hohem Kegel. Dazu kommt bei den 
Reichen eine braune oder blaue Capa, bei den Aermeren eine 

-. weisse mit bunten Streifen und Bändern durchwirkte wollene 
Decke, nach Bedürfniss, aber immer malerisch umgeschlagen 
oder auf der linken Schulter hängend.“ 


Wie die boina für das Baskenland und der gorro für Katalonien 
kennzeichnend sind, so weist also die Tracht des Valencianers als 
typisch die weiten leinenen zaragüelles auf. Dieses so außer- 
gewöhnliche Kleidungsstück hat natürlich in besonderem Maße die 
Aufmerksamkeit der Reisenden erregt und wird von fast allen 
erwähnt“. Die zaragüelles sind sicherlich sehr alt und werden 
allgemein als maurisch-orientalischen Ursprungs angesprochen. 
Ähnlich wie Hackländer kennzeichnet sie auch Ziegler (I, 187): 


„Die zaragüelles oder sarahuells nach dem Arabischen, 
sind sehr weite, faltenreiche, weisse, leinene Beinkleider, die 
bis an die Kniee gehen, fast als eine Verlängerung des Hemdes 
erscheinen und zu dem Glauben verleiten können, als ob die 
Leute gar keine Beinkleider, sondern nur ein Hemd trügen.“ 


Sie sind nicht nur im ganzen ehemaligen Königreich Valencia, 
sondern auch in dem angrenzenden Murcia verbreitet, wie gleich- 
zeitige und etwas spätere Beobachtungen von Roßmäßler (I, 125) 
aus Orihuela, von Bergh (142) aus Alicante und von Willkomm 
(Balearen 193) aus Murcia zeigen. Als Bezeichnung kehrt bei allen 


6 Die beiden einzigen Wiedergaben bei Palencia (plate 222 und 224) 
sind leider nur sehr unvollkommen. 


— 214 — 


zaragüelles wieder, was auf arabisch SARAWIL zurückgeht und schon 
im Altspanischen belegt ist. Doch war die Bedeutung wohl ur- 
sprünglich weiter und bezeichnete früher einfach kurze weite 
Hosen, wie Benennungen anderer Formen von Beinkleidern aus 
verschiedenen Teilen der Halbinsel mit demselben Worttypus an- 
deuten®. 

Neben den zaragüelles kommen aber auch noch andere Bein- 
bekleidungen vor. So berichtet Willkomm (I, 162), daß die 
valencianischen Bauern sich an Festtagen „kurzer, eng anliegender 
Tuchhosen oder langer, weiter, gestreifter Beinkleider“ bedienen, 
und ebenso beschreibt derselbe Verfasser (I, 110) die Richter des 
Tribunal de Acequieros, Landleute aus der Huerta, welche bei 
dieser Gelegenheit im Sonntagsstaat erscheinen, als 


„angethan mit schwarzsammtenen Jacken, blausammtenen 
Westen, rothseidenen Schärpen, hellgestreiften langen Bein- 
kleidern, weissen Strümpfen und hänfenen Sandalen .. .“ 


Zu den zaragüelles werden, wie aus der oben angeführten 
Darstellung von Hackländer hervorgeht, fußlose, meist blaue 
Strümpfe getragen. Doch kommen daneben, insbesondere zur Fest- 
tagstracht, weisse Strümpfe vor (Willkomm I, 110 und I, 162), 
während bei den Landleuten der Huerta die Schienbeine auch „in 
einem fusslosen ledernem Strumpfe“ stecken (Willkomm I, 99). 
Diese fußlosen Stutzstrümpfe — hier im Gegensatz zum Pyrenäen- 
gebiet und zu dem nordwestiberischen Gebirgsland’”® ohne Über- 
socke gebräuchlich — sind an der ganzen spanischen Ostküste ver- 
breitet!. Endlich wird aber auch ganz auf Strümpfe verzichtet, 
wie Humboldt (Spanienreise 331) und Rigel (331) aus Valencia 
berichten. 


60 Vgl, hierzu Krüger, VER VIII, 1935, S. 307. 

70 Vgl. Krüger, VKR VIII, 1935, S. 308. 

71 Aus Figueras: „halbe blaue Strümpfe ohne Socken“ (Rückerinnerungen 
40); aus Orihuela: „Die Schienbeine bedeckt ein Strumpf ohne Fuss.“ (Roß- 
mäßler I, 125); bei Alicante: „weisse enganschliessende Kamaschen bis an 
die Knöchel“ (Bergh 142). 

72 „... in weissen oder ebenfalls hellblauen, bald längern bald kürzern 
Strümpfen, am Häufigsten aber ohne solche, da er sein schön geformtes 
Bein weit lieber nackt zur Schau trägt.“ 


— 215 — 


Als Fußbekleidung werden von allen Reisenden die Hanf- oder 
Espartosandalen erwähnt, die bereits bei der Darstellung der kata- 
lanischen Tracht eingehend behandelt wurden. 


Die Kopfbedeckung wechselt sehr. Am häufigsten ist wohl das 
von Hackländer und Wolzogen erwähnte, nach maurischer Art 
turbanartig um den Kopf gewundene bunte Tuch aus Baumwolle 
oder Seide, das uns als redecilla auch aus Aragonien bekannt ist?2, 
An die Stelle des Kopftuches treten aber auch der spitze valencia- 
nische Hut oder, wie in der benachbarten Mancha und anderen 
Teilen Spaniens, die montera, besonders bei der Feiertagskleidung. 
So schreibt Willkomm (I,164) von den Bauern Valencias: 


„An Festtagen pflegen sie sich in sammtne Jacken zu 
kleiden, eine lose um den Leib geschlungene Schärpe und ein 
ähnliches Halstuch von rother Farbe zu tragen und den Kopf 
mit einer sogenannten „Montera“, einer schirmlosen, mit zwei 
aufwärtsgeschlagenen Klappen versehenen Mütze von schwar- 
zem Sammet, oder mit dem spitzen valencianischen Hut zu 
bedecken.“ 


Die montera erwähnt auch Jariges (230) aus Valencia als „eine 
kleine schwarze Mütze, meist von Sammt“, während die dritte Art 
der Kopfbedeckung von Rigel (331) als ein „grosser, runder Hut 
mit breiten Krämpen und mit schwarzen Bändern am Kinn fest- 
gebunden“, und von Willkomm (I, 110) als mit vielen Quasten 
verziert geschildert wird. 


Ein unerläßliches Requisit der Tracht des Valencianers ist 
endlich die manta, jene buntgestreifte wollene Decke, für deren 
vereinzeltes Vorkommen in Katalonien wir bereits Zeugnisse an- 
geführt haben. Wurde sie für Katalonien in den verschiedensten 
Farben gestreift erwähnt, so tragen die valencianischen Bauern der 
Huerta nach Willkomm (I, 99) „die dicke, wollene, blau und 
weiss gestreifte Manta“, und auch Wolzogen bezeichnet sie als 


73 Vgl, auch Hackländer I, 255: „... das bunte Taschentuch auf dem 
Kopf, nach Art eines Turbans umgewunden....“ (Huerta de Valencia); 
Willkomm I, 89: „um den Kopf ein buntes baumwollenes Tuch ungefähr so 
gebunden, wie es die Bäuerinnen der sächsischen Oberlausitz tragen“ 
(Valencia). 


216 — 


blau und weiß gestreift”*. Dieser beschreibt auch eingehend, wie 
sie getragen wird (Wolzogen 300/301}: “ 

„Dies ist ein viereckiges Stück groben wollenen Zeuges, 
das, ungefähr 2 Fuss breit und 7 Fuss lang, grösstenteils nur 
auf einer Schulter hängt, manchmal aber zugleich unter dem 
Arme durchgezogen wird, sodass das eine Ende dann hinter- 
wärts nach dem Rücken, das andere vorn auf die Brust fällt. 
Auch schlägt man es zuweilen über beide Schultern ganz um 
den Hals herum, und zieht die Enden vorn auf der Brust kreuz- 
weis zusammen: kurz es vertritt im südlichen Spanien, nament- 
lich in Valencia und Catalonien, ganz die Stelle des jetzt schon 
fast Gemeingut Europa’s gewordenen schottischen Plaid’°.* 


Über die Tracht der valencianischen Frauen ist im Vergleich 
zur Männerkleidung wenig zu sagen. Schon Rigel (III, 499) 
schreibt 1821, daß eine eigentümliche Tracht nicht mehr vorhanden 
sei, und dasselbe berichtet später Thienen-Adlerflyce ht 
(169), der daneben auch anführt, wie sich die Valencianerinnen 
ehemals kleideten: 


„Eine volksthümliche Tracht findet sich unter ihnen auf 
dem Lande nicht mehr viel, und in der Stadt leider gar nicht 
mehr. Dennoch war sie äußerst gefällig: blumige, goldgestickte 
Mieder, feine Linnenkragen, bunte Röcke. Was sich noch durch- 
gängig antrifft, ist der besondere Kopfputz. Vier lange Haar- 
nadeln stehen weit aus dem üppigen Zopfe heraus. Ihre 
grossen Knöpfe bestehen aus smaragdgrünen Steinen, welche 
häufig mit Kränzchen ganz kleiner Perlen umwunden sind.“ 


Diese Haartracht als besonderer Schmuck der Valencianerinnen 
wird auch von mehreren anderen genannt. So erwähnt schon 
Jariges (236) aus der Huerta von Valencia: 


„Die Weiber tragen das Haar in Wulsten, die von silbernen 
Nadeln zusammen gehalten werden”®.* 


74 Nach Thienen-Adlerfiycht (171) trägt der Schiffer vom See von 
Albufera eine „rothgrundige, weiss und violett gestreifte Decke". 

75 Nach Rigel (332) ist sie ein „ungefähr eine Elle breites und vierthalb 
Ellen langes, sackförmiges Stück grobwollenen, buntgestreiften Zeugs". 

76 Vgl. hierzu die Abbildungen bei Palencia, plate 217, 219 und 220. 


— 217 — 


c) Murcia. 


Die Männertracht von Murcia scheint im allgemeinen mit der 
valencianischen übereinzustimmen. Zaragüelles, Stutzstrümpfe und 
Sandalen finden sich auch hier”. Immerhin fallen einige Ab- 
weichungen auf. So tragen die Murcianos nach Willkomm 
(Balearen 193) statt der in Valencia üblichen blauen oder grünen 
Schnürjacken „eine kurze Jacke von dunkeifarbigem Tuch, welche, 
wie auch die bunte seidene Weste mit silbernen oder goldenen, an 
kurzen Kettchen hängenden Knöpfen besetzt ist...“ Und ebenso 
sind faja und Kopfbedeckung verschieden, denn bei den Bewohnern 
von Murcia sieht man 


„eine breite wollene Leibbinde von schwarzer oder violetter, 
selten rother Farbe, und den „Sombrero calafies“, einen 
niedrigen breitkrämpigen Filzhut von schwarzer Farbe, der 
auch in ganz Andalusien gebräuchlich ist, auf dem mit einem 
bunten Seidentuch umwundenen Kopfe?®.“ 


Die manta ist auch in Murcia noch gebräuchlich, doch wird sie 
nach Bergh sowohl in Murcia wie schon bei Alicante gelb und 
rot gestreift getragen”. 

Wie sich an den Grenzen der Landschaften die Unterschiede 
verwischen, zeigt sehr schön die Schilderung von Willkomm 
(ld, 182). So ist nach ihm die Tracht der Bewohner von Albacete, 
obwohl dieses politisch noch zu Murcia gehört, 


». . . halb valencianisch, halb castilianisch. Sie tragen nämlich 
noch die Manta und das Kopftuch ihrer südlichen Nachbarn, 


77 Vgl. Willkomm, Balearen 193; Roßmäßler I, 125. 

78 Ganz ähnlich berichtet Roßmäßler (I, 125) aus Orihuela, an der 
Grenze zwischen Valencia und Murcia, wo die Übergänge erkennbar sind: 
„Unter einer dunkelfarbigen kurzen Tuch- oder Sammetjacke tragen sie eine 
sehr buntfarbige Weste mit grossen an Kettchen hängenden kugelförmigen 
silbernen Knöpfen und übergeschlagenen Hemdkragen; um den Leib die 
gewöhnliche rothe Binde. Als Kopfbedeckung sahe ich den sombrero 
calafies und mehrere Spielarten desselben .. .* 

79 Alicante: „... um die Schulter geworfen eine gestreifte roth und 
gelbe Decke... .“ (Bergh 142); Murcia: „Auffallend schön sind die roth und 
gelb gestreiften Decken, in welche sich die Männer wickeln... Bei den 
Städtern ersetzt der Mantel jene bunte Decke... .“ (Bergh 153), 


— 218 — 


aber die Zaraguelles sind verschwunden und sie bedecken ihren 
ganzen Leib mit braunem Naturtuch, in dessen Einförmigkeit 
blos die blutrothe Schärpe einige Abwechselung bringt.“ 


Im Gegensatz zu Valencia haben die Reisenden in Murcia noch 
die alte Frauentracht beobachten können. So schreibt ebenfalls 
Willkomm (Balearen 194), die Frauen und Mädchen tragen 


„ . . seidene, oft mit reicher Gold- oder Silberstickerei gezierte 
Mieder von rother oder andrer Farbe, kurze faltige Röcke von 
buntem Seidenstoff, die auch oft gestickt sind, mit breiten 
Spitzen garnirte Hemdärmel, Halstücher und Schürzen, weisse 
Strümpfe, Lederschuhe und nicht selten reichen Goldschmuck 
(Ohrgehänge, Broschen, Armbänder, Haarspangen). Das meist 
glänzend schwarze Haar des stets unverhüllten Hauptes pflegt 
in einen griechischen Knoten geschlungen und mit frischen 
Blumen (damals namentlich Granatblüten .. ) geschmückt 
zu sein.“ 


4. Der Süden. 


Andalusien ist in besonderem Maße das Ziel der Deutschen 
auf ihrer Spanienreise gewesen. Nach der Enttäuschung, die vielen 
die Fahrt durch die eintönigen baumlosen Hochflächen Kastiliens 
bereitet, ist ihnen dann Andalusien die Erfüllung ihrer Spanien- 
träume. Es erscheint ihnen mit seinem milden Klima, der para- 
diesischen Fülle seiner Pflanzenwelt und seinen heiteren Menschen 
als die Verkörperung des Wunschbildes, das ihnen von Spanien 
vorgeschwebt hat. Da sich in die harmonische Einheit auch die 
farbenfrohen Trachten Andalusiens einfügen, so sind diese ebenfalls 
mit besonderer Freude von den deutschen Besuchern behandelt 
worden. Die Eigenart der andalusischen Tracht kommt dabei be- 
sonders in der reichverzierten Festtagskleidung zum Ausdruck, 
während die Alltagskleidung vielerorts große Ähnlichkeit mit den 
kastilischen Trachten, insbesondere denen der nördlich angrenzen- 
den Mancha aufweist. 

Aus Andalusien besitzen wir besonders Schilderungen der 
Trachten von Granada, Mälaga und Cädiz. So berichtet Will- 
komm (II, 135—137) ausführlich, wie sich die Landleute der 
Provinz Granada kleiden; 


— 219 — 


„Die Bauern von Granada tragen fürs Gewöhnliche kurze 
Jacken und Beinkleider von dunkelbraunem Tuch, lederne, 
wohl auch tuchene Gamaschen und Alpargates aus Hanf oder 
Esparto, eine rothwollene Schärpe und einen spitzen Hut. Alle 
besitzen Mäntel aus grobem dunklem Tuch, aber keine Mantas 
wie die Valencianer und Bewohner von Murcia. An Sonn- und 
Festtagen dagegen entwickeln namentlich die wohlhabenderen 
Bauern einen bedeutenden Luxus und putzen sich mit der 
grössten Sorgfalt. Sie legen dann gewöhnlich zierliche, knapp 
anschliessende Jäckchen (Marsellesas) von dunkelgrünem 
Sammet an, die mit schwarzem Sammet und seidnen Schnüren 
sowie mit einer Menge kleiner vergoldeter Knöpfe besetzt sind 
und häufig aufgeschlitzte Aermel besitzen, welche blos am 
Handgelenk durch ein paar Knöpfe oder Heftchen zusammen- 
gehalten werden, sonst aber offen stehen, um das feine blendend 
weisse Baumwollenhemd sehen zu lassen. Unter dieser Jacke 
tragen sie eine hellfarbige, vorn offene Weste ä shawl, die an 
ihren Rändern mit zwei Reihen zierlicher, an kurzen Kettchen 
hängender Silberknöpfchen verziert ist. Um den Leib schlingt 
sich eine Schärpe von rother, gelber oder rosafarbener Seide, 
desgleichen um den Hals unter dem breitem, nach aussen 
geschlagenem Hemdkragen ein seidenes Tuch von derselben 
Farbe, welches auf der Brust entweder leicht zusammengeknüpft 
oder durch einen goldenen Ring gezogen wird. Dazu tragen sie 
kurze, eng anliegende, an der Aussenseite von einer gedrängten 
Reihe silberner Knöpfe zusammengehaltene Beinkleider von 
blauem Sammet oder feinem Tuch, die an den Knieen mit blau- 
seidenen, in grosse Quasten endigenden Schnüren befestigt 
werden, und Schuhe und Gamaschen aus starkem weißgelben 
Leder, die häufig mit Stickereien geschmückt sind und nach 
aussen zu offen stehen, um die stramme, von dem feinem 
Strumpfe bedeckte Wade zu zeigen. Um den Kopf binden sie 
ein buntseidenes Taschentuch, so dass zwei grosse Zipfel nach 
hinten frei hinabhängen, und darüber wird ein feiner, oft mit 
Blumen und bunten Bändern (Cintas) geschmückter, schwarzer, 
spitzer Filzhut gestülpt.“ 

Hier sind also sowohl Alltags- wie Festtagskleidung genau be- 
schrieben. Die Darstellung deckt sich ganz mit der, die derselbe 


— 220 — 


Verfasser an anderer Stelle (Willkomm IH, 52/53) von dem Sonntags- 
staat junger Bauern aus dem Dorfe Pifiar in den Montes de Granada 
gibt. Halten wir zum Vergleich und zur Ergänzung noch die 
Schilderung der Trachten der Vega von Granada von Wolzogen 
(231/232) daneben, so sehen wir, daß dieser mit Ausnahme des 
sombrero calajies dieselben Kleidungsstücke wie Willkomm anführt. 
Er schreibt: 

„Besonders malerisch sitzen die engen, unten geschlitzten 
Beinkleider (bombachos) von Sammet oder Tuch, die nur halb 
bis auf die Schienbeine herabfallen, und unter denen die... 
reichverzierten hellbraunen Ledergamaschen (botines) beginnen, 
welche oben am Knie und unten am Fussgelenk mittels eines 
grossen Ueberflusses an Schnüren so geschlossen werden, dass 
der stets weisse Strumpf um die dralle Wade sichtbar bleibt. 
Die gewöhnlichen Landleute ... tragen dagegen tuchene 
Gamaschen und die schon früher einmal genannten alpar- 
gartas ... Das Castilianische schwarze Barett (sombrero 
calajes) ist auch hier bei weitem die üblichste Kopfbedeckung; 
doch sieht man zuweilen auch den schwarzen spitzigen Cala- 
breserhut ... Die Jacken (chaquetas) sind sämmtlich reich 
gestickt und oft mit silbernen Schnüren besetzt, die Aermel 
fast immer blau, roth, grün und gelb aufgeschlagen und be- 
paspelt ... Unter der Jacke schaut eine helle Piqueweste mit 
Shawlkragen und Silberknöpfen, sowie ein blendend weisses 
Baumwollenhemd heraus, dessen Kragen ein buntseidenes, 
durch einen goldenen Ring gezogenes Halstuch umschlingt, 
meist von derselben Farbe, wie die gleichfalls seidene Leib- 
binde. Man nennt dieses schöne andalusische Costüm vorzugsr 
weise „el vestido de majo“ . . .“" 


Die andalusische chaqueta, von Willkomm als marsellesa an- 
geführt, ist also noch reicher verziert als die in Valencia getragene, 
der sie ähnelt. Ebenso erinnert auch die Weste mit ihren an kleinen 
Kettchen hängenden metallenen Knöpfen stark an die oben für 
Murcia bezeugte. Eigentümlich für die andalusische Majotracht 
sind die oft aufgeschlitzten Ärmel der Jacke, die sonst nirgends in 
Spanien vorkommen®®. 


®0 Vgl. hierzu Gail, Erinnerungen aus Spanien, Tafel 7. 


.ın mann ee 


m 


"21 — 


Die Bezeichnungen bombachos für die kurzen, enganliegenden 
Hosen und botines für die ledernen Gamaschen, -welehe wir bei 
Wolzogen finden, nennt auch Willkomm an einer Stelle. Mit 
beiden Begriffen verbinden sich in Andalusien ganz bestimmte 
Formen. So unterscheiden sich die bombachos von den übrigen, 
wie wir bereits sahen, in Spanien weitverbreiteten Kurzhosen ins- 
besondere durch die an der Außenseite dicht nebeneinanderstehen- 
den silbernen Knöpfe, während die botines der granadinischen 
Tracht vor den auch sonst vorkommenden Ledergamaschen® durch 
die Besonderheit ausgezeichnet sind, daß sie nur oben und unten 
geschlossen werden, an der Wade aber der Strumpf sichtbar ist®®. 
Die ursprüngliche Form dieser botines sind die um die Schienbeine 
mit Bändern oder Lederstreifen befestigten Tierfelle, die ins- 
besondere von Hirten getragen werden, und die aus zahlreichen 
Hirtengegenden der Romania bis auf den heutigen Tag bezeugt 
sind®, Doch kommen unter den Landleuten der Vega von Granada, 
wie Willkomm und Wolzogen berichten, auch Gamaschen aus 
Tuch vor. 

Unter den genannten Kopfbedeckungen scheint der schwarze, 
spitze Filzhut, eine Art Calabreser, die ältere Form zu sein. Es ist 
derselbe, den Willkomm auch für Neukastilien belegt?®. Er wird 
gewöhnlich über einem Kopftuch getragen und ist nach will- 
komm (II, 137) „oft mit Blumen und bunten Bändern (Cintas)“, 
nach Gail (S.IV) „mit schwarzern Sammet und solchen Quasten“ 


81 Auf den Rat seines Dieners legt er in Granada Landestracht an: „Ich 
vertauschte .... meinen Rock mit der andalusischen Chaqueta (kurze Jacke), 
den französischen Hut mit dem zierlichen Sombrero Calafies, die Pantalons 
mit den Bombachos (kurzen Beinkleidern), gelbledernen Botines (Art Ga- 
maschen) und Schuhen .. .“ (Willkomm II, 5.) 

82 Vgl. Seite 200 und 214. 

83 Vgl, hierzu Gail, Erinnerungen aus Spanien, Tafel 7. 

84 Über die Verbreitung s. Krüger, VKR VIII, 1935, S.314. Außer den 
dort angeführten Beispielen sei verwiesen auf Willkomm (II, 83), der 
von den Ziegenhirten der Sierra Nevada sagt: „Sie... umwickeln sich die 
Schienbeine mit ungegerbten Ziegenfellen, die sie mit Stricken aus Esparto 
befestigen.“ 

85 Vgl. S. 201. 

88 Wie z.B. auch der sombrero calai&s in Murcia (S. 217). 


— 22 — 


verziert??”. Dagegen ist der von Wolzogen und auch von Will- 
komm (II, 5) genannte sombrero calafies wohl ursprünglich mehr 
in Niederandalusien verbreitet gewesen®®, während heute in ganz 
Andalusien der breitrandige, steife, als sombrero cordobes bekannte 
Hut an die Stelle der älteren Kopfbedeckungen getreten. ist®, 

Nach Osten zu geht die Kleidung in die Formen der benach- 
barten murcianisch-valencianischen Gebiete über, wie sich über- 
haupt die Bewohner von Ost-Granada auch in ihrem Charakter von 
denen des übrigen Andalusien unterscheiden. So schreibt Will- 
komm (II, 80): 

„Die Eingeborenen der Hoya de Baza und der Provinz von 
Almeria haben nicht mehr das offene heitere Wesen des Anda- 
lusiers, sondern sehen verschlossen und düster aus... Sie 
kleiden sich vom Kopf bis zum Fuss in dunkelbraunes Natur- 
tuch, tragen keine Hüte, sondern die „Montera“, jene helm- 
artige, auch in Valencia gebräuchliche Mütze... .. und pflegen 
sich ihre Espartosandalen wie die Valencianer mit blauen 
Bändern an den Knöcheln zu befestigen. Auch sieht man 
bereits die hellfarbige Manta sehr häufig, die im übrigen 
Andalusien, wo sich Jedermann des spanischen Mantels be- 
dient, gar nicht gebräuchlich ist.“ 

Ein gleiches Übergangsgebiet stellt auch die Provinz Ja&n dar, 
denn von den Einwohnern von Übeda am oberen Guadalquivir 
berichtet derselbe Reisende (Willkomm III, 122): 


„Die Ubedanos tragen ... nur selten den spitzen hoch- 
andalusischen Hut, sondern bedecken den Kopf mit einer selt- 
samen Montera aus Fellen, die an ihren Rändern mit vielen 
Troddeln verziert zu sein pflegt®.“ 


87 Vgl. Palencia, plate 184, 185 sowie Gail, Erinnerungen aus Spanien, 
Tafel 7. 

88 So sagt Willkomm (II, 217) von den Niederandalusiern, daß sie zum 
Unterschied von den Granadinern keine spitzen Hüte, sondern den sombrero 
calafi&s tragen. 

89 Palencia, plate 199, 201, 204. 

s0 Auffälligerweise findet sich bei den „Serranos“, den Bewohnern der 
Sierra Morena, wieder der „breitkrämpige spitze Hut von schwarzem Filz“, 
wie Willkomm (III, 189) hervorhebt, im Gegensatz zu den mit der montera 
bekleideten Bewohnern der nördlich anschließenden Mancha, 


—_ 1223 — 


Mit der Tracht der Granadinos stimmt auch die der Bewohner der 
Provinzen Mälaga und Cädiz im ganzen überein, wie Schilderungen 
von Quandt (63) aus Mälaga und von Augustin (45) aus Algeciras 
Zeigen. Doch findet sich der Übergang von dem hochandalusischen 
Spitzhut zum vorwiegend niederandalusischen sombrero calanes, 
auf den bereits hingewiesen wurde, schon in Mälaga, denn 
Quandt (63) schreibt von den dortigen Einwohnern: „Den Kopf 
bedeckt ein Hut, dessen Rand wie eine Dachrinne gebogen ist... .“ 
Daneben trägt nach Augustin (45) der Mann aus dem Volke in 
Algeciras „auch wohl den Kopf mit einem bunten Tuche“ um- 
wickelt, oder es wird, wie Prinz Löwenstein (28) in Cädiz 
beobachtet, der sombrero calales getragen, „unter welchem 
meistens ein farbiges Schnupftuch um den Kopf gewunden 
wird ne. 

Verschiedentlich haben Reisende auch das von der Tracht 
der Landleute und Stadtbewohner teilweise erheblich abweichende 
Hirtenkostüm überliefert. So schreibt Willkomm (II, 83/84) von 
den Ziegenhirten am Nordabhang der Sierra Nevada: 


„Sie gehen gewöhnlich in kurze Jacken und Beinkleider 
aus rothbraunem Leder gekleidet, tragen breitkrämpige spitze 
Hüte und umwickeln sich die Schienbeine mit ungegerbten 
Ziegenfellen, die sie mit Stricken aus Esparto befestigen. An 
den Füssen tragen sie unförmliche, von ihnen selbst verfertigte 
Sandalen von Esparto und um den Leib unter der rothwollenen 
Schärpe, in der stets eine langklingige Navaja steckt, eine 
„Ganana“, eine Art Tasche von der Gestalt einer Geldkatze, 
die 20 Patronen, Zündschwamm, Stahl, Feuerstein und Zünd- 
hütchen enthält... .* 


Hierzu bemerkt er an einer anderen Stelle (Willkomm II, 135) 

„. . . die Alpujarrefios pflegen sich ebenso zu kleiden“. Im Gegen- 

satz zu dieser Tracht steht die der Hirten aus der Umgebung von 

Medina-Sidonia in der Provinz Cädiz, die statt der Leder- Fell- 
kleidung tragen und statt der Fellgamaschen solche aus Tuch: 

„Auf einer Excursion, die ich an diesem Tage nach den 

Lomas del Alcornoque machte“, berichtet Willkomm (II, 


91 Ebenso in der Provinz Ja€n; vgl. Palencia, plate 189, 


Volkskundliches Seminar 
der Universität Bonn 


BONN 
Poppelsdorfer Allee 25 


— 224 — 


261/262), „traf ich auf eins der durch die ganze Gegend zer- 
streuten Hatos von Schafhirten.... Diese Hirten... gingen 
ähnlich wie die Merinohirten von Sevilla in Jacken und kurzen 
Beinkleidern aus den Fellen ihrer Schafe und trugen braun- 
tuchene Gamaschen, braune grobe Mäntel, blutrothe Schärpen 
und unförmliche Schuhe aus rohem Rindsleder??.“ 


Die Merinohirten aus den unbebauten Ebenen östlich von Sevilla 
sind nämlich, wie der Verfasser an einer anderen Stelle anführt 
(Willkomm I, 231), 


„gebräunte kräftige Gestalten von verwildertem Aussehen, fast 
ganz in Merinofelle, deren Wolle nach aussen gekehrt ist, ge- 
kleidet, umhüllt von alten, zerlumpten, brauntuchenen 
Mänteln. Sie tragen breite Messer und lange, gekrümmte, 
weisse Hirtenstäbe .. .* 


In Antequera endlich bemerkt Wattenbach (119) bei den 
Bauern — eine Art Übergang — neben den üblichen andalusischen 
botines aus Leder, Beinkleider „von Lammfell, die Wolle nach 
aussen gekehrt“. 

Das Gegenstück zur männlichen „Majotracht“ ist bei den 
Frauen Andalusiens die Tracht der Maja, als deren bekannte 
Merkmale Wolzogen (233) hervorhebt die basquifa von dunkler 
Seide, die weißseidenen Strümpfe, zierliche bunte Schuhe und die 
schwarze, durch einen Kamm auf dem Hinterkopf gehaltene, auf 
die Schultern herabfallende Spitzenmantilla. Basquiüa und Spitzen- 
mantilla haben sich von Andalusien aus über das ganze Land ver- 
breitet und waren zur Zeit, da unsere Reisenden die Halbinsel 
besuchen, besonders in den größeren Städten Allgemeingut der 
spanischen Frau, wenn sie auch schon begannen, von der fran- 
zösischen Tracht verdrängt zu werden. Die basquifa, in Kastilien 
auch aus Samt gebräuchlich, beschreibt Rigel (136) näher: 


„Sie ist ein kurzes, sehr enges, dicht am Leibe anliegendes, 
Oberkleid von schwarzem Sammet oder Taffet und reicht vom 
Halse bis etwas unter die Wade, mit einer Doppelreihe gleich- 
farbiger, etwas kürzerer, handbreiter Fransen (Flecos) garnirt, 


92 Eine ganz ähnliche Tracht findet sich unter den Hirten von Jan. 
Vgl. Palencia, plate 187. 


1 
I 
| 


woran sehr häufig bald weisse, bald schwarze (diesp die 
beliebtesten) Achatperlen aufgefasst sind, die im Strahl’ der 
Sonne, vom Hauch des Wind’s bewegt und um die üppigen 
Formen spielend, eine ganz eigene Wirkung hervorbringen. 
Man trägt sie nicht zu Hause, sogar in Gesellschaften legt man 
sie öfters ab, um sie länger neu zu erhalten.“ 


Übereinstimmend hiermit berichtet Augustin (44) von der 
basquina der Andalusierinnen: „Sie ist bei Reicheren von Sammt 
oder Atlas mit Fransen garnirt, und wird nie im Hause getragen, 
wo ein einfacherer Unterrock ihre Stelle vertritt“. Humboldt, 
der basquifia und mantilla auch für das Baskenland erwähnt, 
endlich sagt von den Frauen von Cädiz: „Sie treiben viel Luxus 
mit den Basquifien, die sie hier sayas nennen, und den Mantillen, 
die durchgängig schwarz sind. Die Sayas sind auch farbigt.“ 
(Spanienreise 263) 

Heute trägt die Andalusierin aller Kreise vielfach an Stelle der 
früheren basquiüia an Festtagen und zum Tanz farbenfrohe Kleider, 
denen die vielen Volants ihre ganz besondere Note verleihen®®. 
Diese volantbesetzten Kleider können für die andalusische Frau 
als ebenso typisch gelten wie der steife sombrero cordob£s für den 
Andalusier. 

Die Spitzenmantille, neben der basquifta das bemerkenswerteste 
und bekannteste Stück der andalusischen Frauentracht zur Zeit der 
Spanienreisen unserer Landsleute, wird von Prinz Lö wenstein 
(27) aus Cädiz wie folgt beschrieben: 

„Die Mantilla besteht eigentlich aus zwei mit einander 
verbundenen Theilen, aus einem seidenen Kragen, der am 
Hinterkopfe festgesteckt ist und über die Schultern herabfällt, 
und aus einem daran gehefteten schmalen Schleier, der zwar 
für gewöhnlich auch den Nacken bedeckt, aber nach Belieben 
über das Gesicht gezogen werden kann.“ 


Und Augustin (44) berichtet über den Kopfputz der Andalu- 
sierinnen aus Algeciras: 


„Den Kopf verbergen sie nicht so wie unsere Damen, unter 
den oft so abentheuerlich geformten Hüten, sondern von dem 


98 Vgl. Echagüe, Abb. 72, 77, 78, 


— 236 — 


hohen Kamme herab, mittelst dessen sie ihr einfach gescheitel- 
tes Haar halten, hängt die sogenannte Mantilla, ein weisser, 
oder, was gewöhnlicher ist, schwarzer durchsichtiger Schleier, 
welcher bis an den Gürtel reicht... 

Besonders hübsch fand ich die Gewohnheit bei Mädchen, 
sich das Haar mit frischen Blumen zu schmücken; man kann 
sich kaum etwas Reitzenderes denken, als einen jungen 
Mädchenkopf, auf welchem einige frische Rosenknospen oder 
ein Sträuschen der zarten Jasminblüthe hinter dem leichten 
Flor der Mantilla hervorsehen.“ 


Schwarze, daneben auch weiße® mantillas bilden mit dem her- 
kömmlichen schwarzen Spitzenkleid zusammen noch heute nicht 
nur in Andalusien den Stolz der festlich gekleideten Spanierin, 
besonders der oberen Stände. 

Was die kostbare Spitzenmantilla für die vornehme Andalusierin 
darstellt, das ist nach den Schilderungen unserer Reisenden der 
manto für die Frau aus dem Volke. Mantos von auffallender Farbe 
beobachtet Roßmäßler (II, 10) in Baza, wobei er allerdings 
unrichtig von „Mantillas“ spricht: 


„Ich besah mir aus meinem Fenster die lustwandelnden 
Schönen, deren Mantillas hier eine feuerrothe Farbe und einen 
schwarzen Rand hatten, was mit den ernsten schwarzen 
Mänteln der Männer ein fast etwas mephistophelisches Bild 
gab.“ 


Es sind dieselben mantos, die Willkomm (III, 115/116) in Jaen 
vorfindet, und über die er uns eingehend berichtet: 


„Auffallend war mir der eigenthümliche „Manto“, den die 
Frauen der untern Stände durchgängig tragen. Dieser ist 
nämlich stets von scharlachrothem Tuch und an den Rändern 
mit einem zwei bis drei Finger breitem Streifen von schwarzem 
Sammet eingefasst. Der Manto vertritt in Spanien bei den Frauen 
des Volkes die Stelle der Mantilla, wird wie diese über den Kopf 
genommen, doch nicht festgesteckt, reicht bis über die 
Schultern und besitzt eine glockenartige Gestalt, indem er 
rings herum gleich lang ist. Dieses Kleidungsstück ist nament- 


%4 Vgl. Echagüe, Abb. 74, 75, 76. 


— 227 — 


lich in Hochandalusien gebräuchlich, in Niederandalusien sieht 
man es fast gar nicht. Auch in Granada pflegt.er blos zum 
Kirchgange und bei festlichen Gelegenheiten angelegt zu 
werden; die Bewohnerinnen des Königreichs von Jaen schleppen 
aber ihren rothen Manto immer mit sich herum. Auch die 
Frauen der Provinz von Almeria gehen fast nie ohne den 
Manto über die Gasse; bei ihnen ist er jedoch meist von 
weisser oder aschgrauer Farbe. In Granada sowie überhaupt 
in den meisten Provincen Spaniens ist er stets schwarz.“ 


Einen sonderbaren Gegensatz zu dieser in Andalusien weit- 
verbreiteten Frauentracht bildet der Mantel, dessen sich die Be- 
wohnerinnen des Städtchens Vejer de la Frontera in der Nähe vom 
Kap Trafalgar bedienen. Willkomm (II, 291), auch hier unser 
Gewährsmann, schreibt darüber: 


„Höchst auffällig ist die eigenthümliche Tracht, die hier 
von den Frauen getragen wird und unläugbar von den Mauren 
herrührt. Sie besteht nämlich aus einem langem Gewand und 
einer Art von kapuzenförmigem Mantel, welcher rings um den 
Gürtel befestigt ist und von hinten über den Kopf geschlagen 
wird, so dass von dem ganzen Oberleib blos die Hände und 
von dem Gesicht blos die Augen sichtbar bleiben. Diesen stets 
aus schwarzem Zeug verfertigten Mantel .... findet man auch 
bei den Frauen von Tarifa und von Oria in der Provinz von 
Almeria, also an einander sehr fern liegenden Puncten,“ 


— 228 — 


Sachregister zum Kapitel „Voikstrachten*“ 


abarcas 182, 183, 184, 209 

alpargatas 185, 186, 189, 191, 207—209, 
212, 214, 215, 219 

balones s. Pluderhosen 

bancal 211 

barcas 185 s. abarcas 

barfuß gehen 189 

barhäuptig gehen 188, 190, 202, 218 

barretine 207, 210 

Baskenmütze s, boina 

basquifa 224 

Blumen als Haarschmuck 188, 218, 226 

boina 183, 185 

bombachos 220—221 

botines 220-221 

capa 192, 199, 205, 213 

capucka 211 

caramiello 198 

chapinua 183, 184, 186 

cintas 219, 221 

Espartosandalen s. alpargatas 

espadrillas 205, 208 

espardenyas 208 

espargatas 205, 208 

facha 198 

jaja s. Leibbinde 

Fellgamaschen 223 

Filzbut 194, 197, 199, 201, 212, 215, 217, 
219, 221, 222, 223 

flecos 224 

Justa 182 

fustanella 212 

ganana 223 

gorla 186 

gorro 193, 205, 206—207 

Haartracht der Frauen 193, 196, 198, 199, 
203, 209, 216, 218, 226 

Haartracht der Männer 119 

Hanfsandalen s. alpargatas 

Holzschuhe 179, 181, 185, 198 


Hosen, kurze s. Kniehosen 
„» lange 185, 186, 206, 214 
„ seitlich aufgeschlitzte 180, 181,- 
182, 192 

Kniehosen 191, 198, 201, 203, 204, 214, 
219, 220—221, 224 

Kopftuch der Frauen 188, 190, 194, 210, 
211 

Kopftuch der Männer 191, 192, 203, 215, 
217, 219, 221, 223 

Ledergamaschen 200, 214, 219, 220-221 

Lederkoller, Lederwams 195, 200 

Ledersandalen 208 

Leibbinde, rot 201, 205, 212, 213, 214, 217, 
218, 219, 223 

Leibbinde, blau, violett, schwarz 191, 
193, 199, 203, 213, 217 

longarina 183 

mandil 198 

manta 203, 205, 209, 212, 215—216, 217, 
222 

Mantel s. capa, 

mantilla 202, 210, 211, 225-226 

manto 226—227 

marsellesa 219 

Mieder 188, 189, 191, 193, 199, 202, 209, 
216, 218 

montera aus Tuch 179, 182, 183, 195, 202, 
215 

montera aus Fell 195, 202, 222 

Pluderhosen 197 

redecill« 191, 201, 202, 210, 215 

sombrero calafies 217, 220, 222, 223 

sombrero cordobe&s 222 

Stutzstrümpfe 214, 217 

toca 190, 211 

Wams aus Schaffell 201 

zaragüelles 212—214, 217 

Zipfelmütze s. gorro 

Zöpfe 188, 189, 193, 216 


Volkstum und Kultur der Romanen 
Sprache, Dichtung, Sitte 


Vierteljahrsschrift 


herausgegeben vom 


Seminar für romanische Sprachen und Kultur 
an der Hansischen Universität 


Jährlich 4 Hefte zu je 6 Bogen 
Abonnementspreis jährlich RM. 18,— 
Bisher sind 10 Jahrgänge erschienen 


Der Titel der Zeitschrift soll besagen, daß Sprache, Dichtung, 
Sitte der romanischen Völker, d. h. alles sprachliche Leben, jede 
sprachschöpferische Leistung, jedes dichterische Werk, sowie Ge- 
bräuche, Anschauungen, Lebensformen des Volkes, alles was persön- 
liche Leistung des Genies, was Gewöhnung der Vielen im Anschluß 
an alte Überlieferung ist, als irgendwie sichtbarer Ausdruck roma- 
nischen Volkstums betrachtet werden soll. Dabei soll die eigentliche 
Volkskunde, die in deutschen Zeitschriften kaum zu Worte kommt, 
wie auch die Kultur der iberischen Halbinsel und der Übersee- 
länder spanischer und portugiesischer Zunge, Hamburger Überliefe- 
rung und Aufgabe entsprechend, in besonderem Maße berücksichtigt 
werden.